Archiv der Kategorie: Sauerrahmbutter

Alltagsberichte – das Tagebuch

Die Georgs aus Hannover für England

05.04. Auf zur Goldenen Hochzeit meiner Schwiegereltern im kleinen Kreis. „Erwarte das Beste“ steht auf meinem Teebeutelanhänger. Das soll mein Motto des Tages sein. Ich habe die große Tasche gepackt , die mir mein Paps mal geschenkt hat von einer Messe, schön schwarz-weiß und die schönen Maschinenteile, die darauf zu sehen sing. Ich muss den Bus etwas aufhalten für meinen Mann und der Fahrer ist wieder so schön lakonisch, dass es eine wahre Freude ist. Ich habe eine Schwäche für Busfahrer. So souverän wir sie vorne hinten den großen Fensterscheibe in die Welt blicken und alle im Überblick haben und nichts kann sie aus der Ruhe bringen, meist haben sie noch einen guten Spruch drauf, zumindest die heimischen. Ich genieße es am Lindener-Markt-Gewusel aus sicherer Distanz und inkognito im Bus vorbeizufahren. In der S-Bahn lese genüsslich „Tante Jolesch“. Nachdem wir hier umgestiegen sind, diese Station ist heute noch Programm und sie ist superhässlich, aber irgendwie sehe ich sie heute mit anderen Augen.

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Im letzten Kapitel von „Tante Jolesch“ geht es um jüdische Emigranten aus Österreich und ein Zitat von Ödön von Howarth, der sich in Zürich an einen dort beheimatetet Freund wendet und wissen will: „Bei euch hier ist alles so entsetzlich sauber? Woher nehmt ihr eigentlich die Kultur?“ Ich liebe dieses Buch, was mir meine Freundin Claudia geschenkt hat und kann immer wieder darin lesen. Es ist mein „Grand Budapest“ in Buchform. Das Zitat muss ich meiner Schwägerin vorlesen. In Kirchrode angekommen kaufen wir Brot bei Frau Gaues und anschließend entdecke ich einen tollen Schreibwarenkiosk und kaufe ein Papier-Ei, von dem ich dachte, die werden nicht mehr hergestellt. Das Motiv mit der Hühnerfamilie, die Mutter am Herd, der kleine Bruder ist frech und die Tochter hat einen Stoffhasen als Spielzeug, gefällt mir zu gut. Eine versteckte Hausarztpraxis, idyllisch wie ein Gartenhäuschen, vor dieser Seite habe ich mich dem Laden noch nie genähert.

Beim Tropeano werden Gläser poliert und Besteck und außer uns sind keine Gäste da. Das bleibt auch so. Wir essen und beraten bei der Essensauswahl. Der Konfirmand wählt die Ochsenbäckchen mit den Selleriestreifen, frittiert „gesund Pommes“ wie er es kommentiert und es schmeckt ihm nicht. Dafür gibt es einen neuen Witz: „er stellt gerade seine Ernährung um….Kekse von rechts nach links.“

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Irgendwie vergeht die Zeit wie im Flug und wir sind verspätet und lassen unseren Führer an den Herrenhäuser Gärten warten, während wir uns durch den Verkehr quälen und an den roten Ampeln geht der Blutdruck immer nach oben, zumindest bei entsprechender Veranlagung. Die Landbevölkerung stellt am Aegi fest, dass man hier nicht Rad fahren würde in der Großstadt und Auto fahren auch nicht und das U-Bahn-System sei auch verwirrend und man würde sich nicht auskennen. Das ist eine Frau, Mitte 70, die ihr ganzes Leben ca. 20-30 km außerhalb von Hannover gelebt hat. Fremde, unverständliche Welten. Michi schenkt meinen Schwiegereltern formvollendet ein Buch und gratuliert. Ich habe das Gefühl, dass mein Buch nur so mäßig angekommen ist, aber ich habe es auch nur so lapidar wie eine Speisekarte auf den Tisch gelegt und auch noch die Überraschung mit Herrenhausen verraten (schlechte Schwiegertochter, halt nur gut gemeint kommt da öfter unterm Strich bei raus). An der Übersichtstafel mischt sich ein Junge „von oben“ ein und gibt eine Antwort auf die Frage, wie groß ein Ar sei.

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Ich lerne von unserem Freund Neues über die Barockgärten, die damals keine Blumen enthielten, sondern nur die Ornamente aus Buchsbaum und die konisch geschnittenen Bäume und dazwischen bunten Kies, der mal mit Tonscherben und mal mit Kohle versetzt wurde. Wir schauen uns das Ganze von oben an und hier kann man die Motive und Muster erkennen, wie im Petersdom von der Empore das Fußbodenmosaik. Der Durchgang durch einen Seiteneingang und den Gift Shop ist schon sehr peinlich. Da gebe ich unserem Führer Recht. Eine türkische Braut lässt sich mit theatralischem Ausdruck an einer der Gittertüren fotografieren. Der Bräutigam ist weit und breit nicht zu sehen. Ich tue es ihr nach.

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Ich mag aber die Niki de St Phalle Grote, auch wenn die Alte esoterisch war und einen Sockenschuss hatte, was man auch merkt. Trotzdem. Ich stehe zu der Verbindung von ihr zu Hannover und manche Stilelemente sprechen mich an und für bunt bin ich ja auch zu haben.

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Und der blaue Elefant mit dem Springbrunnen aus dem Rüssel und dem Nabel gefällt mir heute besonders.

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Die Gärten sind in ihren ursprünglichen Form noch erhalten (zumindest zum Teil), weil man sich lange Zeit nicht dafür interessiert hat. Ich stelle fest, dass dies immer ein Garant für die Erhaltung ist, wenn man Dinge einfach liegen lässt. Hinter den Hecken wurden Gemüsegärten angelegt zur Selbstversorgung.

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Wir schauen uns das Theater an. Die Goldfiguren haben zum Teil hinten etwas Bürzel oder Schwanz um das animalische zu betonen.

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Heute ist der ehemalige große Saal gegenüber der Orangerie geöffnet, den wir alle nicht kennen und er hat tolle Wandbemalungen, aber vor allem sehr schönen, verschlungenen Deckenstuck. Hier stehen Büsten römischer Kaiser auf Sockel an den Wänden. Leibniz hatte wohl auch den Auftrag einen Stammbaum der Welfen zu fertigen, der eine Verwandtschaft mit den römischen Kaisern nachweisen sollte und er wusste wohl , was er seinen Auftraggebern schuldig war.

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Füße gibt es auch:

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Die Welfen wurden irgendwann Kurfürsten und haben dann ca. 130 Jahre lang, wenn ich mir das richtig gemerkt habe, die englischen Thronnachfolger bestimmt. Das waren immer die Georgs ab Georg dem ersten und dann vier oder fünf Mal.

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Es fängt an zu regnen und wir gehen zum Abschied Kaffee trinken im Schlosscafé oder wie das heißt. Ich wundere mich immer, auf was die Menschen so achten. Bei meinem Schwiegervater und seinem Bruder ist in jeder Gastronomie am Wichtigste, dass die aneinandergestellten Tische eine Kante bilden und man das mit Bierdeckeln hätte besser machen können.

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Es hat gefallen, glaube ich zumindest, das kann ich nicht genau sagen an diesem Tag, weil Gefühle nicht so durchbrechen. Es wurde jedenfalls festgestellt, toll, was wir da haben und was man gar nicht so kennt.. Ich mag Else, die Frau vom Dorf, die geduldig über die Frage, Handabwasch oder Geschirrspülmaschine mitredet, aber auch andere Interessen hat. Sie fragt Michi, ob das eine neue Züchtung Goldlack sei in dem einen Beet. Überhaupt kommen die schönen Bepflanzungen gut an, so farblich abgestimmt und schräg gepflanzt.

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Ein Brunnen, den wir heute das erste Mal sehen. Alte Figuren reiten auf Schildkröten oder Delfinen, neu in Szene gesetzt.

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Dann heißt es Abschied nehmen und wir werden bedauert, dass wir Bahn fahren müssen und kein Auto haben, unser Bedauern richtet sich aber an die, die mit ihren Karren jetzt aufs Land zurück fahren müssen. Ist doch eigentlich schön so. Mit Dankbarkeit stelle ich fest, was ich für einen liebevollen und romantischen Mann ich habe, so im Vergleich, der mich viel anfasst und zum Ausdruck bringt, wie sehr er mich liebt, statt auf die Bemerkung, dass heute ein wichtiger Tag sei zu sagen, „na ja, geht so“. Die Frau Beck, die Bedienung hatte gesagt, dass es heutzutage die wenigsten auf 50 Jahre bringen würden, die meistens nur 2 oder 3, oder sie würden gar nicht erst anfangen damit. Ich hätte einen guten Mann bekommen, meint Else. Ich muss ihr zustimmen. Wir seien das perfekte Paar, sagt ihre Tochter und ich frage mich, woher die das weiß, die kennt uns gar nicht. Ich muss allerdings die Einladung für morgen, die bei der Verabschiedung nebenbei ausgesprochen wird, ausschlagen, weil wir andere Pläne haben. Meine Schwägerin unterstützt mich und ist auch der Meinung, wer Besuch will, muss das artikulieren und auch bei Zeiten einladen und kann nicht damit rechnen, dass Leute einfach so kommen, weil sie nichts anderes vor haben. Ich fahre viel lieber Bahn und bin unter Menschen. Wir gehen weitestgehend vom Regen verschont zu Kaufhof einkaufen und treiben uns lange in der Lebensmittelabteilung herum und kaufen viele überflüssige Dinge, weil es uns Spaß macht. Wir treffen die Bedienung vom Marktkaffee und ich stelle fest, dass wir lange nicht mehr da waren und was es hier alles gibt. Kren, fein gerieben, in der Tube, natürlich mit einer österreichischen Flagge an der Seite und Koriander, auch in der Tube, außerdem Marillenmarmelade von Stauds, sogar mit den Sammelmotiven oben drauf. Ich komme mir dämlich vor, warum exportieren wir die noch per Flieger aus Wien? Die Picknick-Brote werden lecker u.a. habe ich Pastrami eingekauft und Erdnüsse in der Schale, weil man im Garten so schön krümeln kann. Zuhause gibt es erst mal einen Tee mit frischer Minze und Zitrone und Honig. Köstlich, auch der Joghurt aus Österreich mit Amarena-Geschmack mag ich. Der Einkauf hat sich schon mal gelohnt.

Den Regen mögen die Pflanzen. Man kommt abends nach Hause und hat den Eindruck, dass die Blätter an den Bäumen im Garten ca. 1/3 größer sind als morgens, als man das Haus verlassen hat.

Wir schauen eine Folge „Parks and Recreation“, eine Serie, die Michi empfohlen hat und ich finde sie sehr lustig.  Die städtische Mitarbeiterin Frau, die ein spielendes 4-5 jähriges Kind im Sandkasten interviewt, nachdem sie sich vorgestellt hat „are you a) having very much fun und enjoying yourself a lot or b) having some fun and a little enjoyment or c) not enjoying yourself at all and no fun“ und beschließt dann „I guess we can take a). Dann heißt es „drunken person in the slide“ und sie muss mit einem Besen helfen. Um vor 22 Uhr gebe ich allerdings auf.

kleine Vögel im April

03.04. Ich merke, dass Osterferien sind, wenn am Kiosk die Bestellung vor mir lautet:„eine bunte Tüte für 2,- € ohne Lakritze, bitte“. Der Kioskmann zieht mich vor.

Odyssee durchs Jobcenter. Der Eingang 2 trägt keine Hinweise auf „Jobcenter“, ist aber der Kundeneingang für die Arbeitsvermittlung. Ich nenne ihn jetzt nur noch Beate Uhse-Eingang, wegen der Diskretion. Ich werde jedenfalls zurück geschickt und die Zimmernummer 3.30 bereitet auch den Angestellten Probleme, weil nein, ich will nicht zur Arbeitgebervermittlung. Mensch, ist ein richtiger Intelligenztest, sage ich dem Mann, der mit mir sucht Gut, dass ich hochbegabt bin. Nach der Erstaufnahme gehen wir in den Eingangsbereich und hier warten 100 Menschen in 3 Schlangen und es geht nicht voran und zwar überhaupt nicht. Kopieren geht umsonst. Meiner geht noch mal hoch und gibt die Unterlagen einfach ab. Wie man das durchsteht weiß ich nicht. Ich würde vermutlich durchdrehen.

Kurz in die Stadt. Eine herrliche rot-weiß gestreifte Strickjacke Paris, „Made in France“. So was schönes, vielleicht ein Tick zu groß,  aber für 9,- € kann man nicht meckern. So herrlich, passend zu Wien und allem anderen auch, mit Goldscheiben als Knöpfe. Sie kostet dann nur 6,- €, weil die 30 % Rabatt auf Wintersachen haben.

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Alle Pelze kosten heute 20,- €. Es ist der Wahnsinn. Ich könnte mir einen herrlichen grauen Persianer kaufen, Partnerlook mit Edward Norton in „Grand Budapest“, aber ich darf nicht, weil ich platze aus allen Nähten. Nur eine filigrane Gießkanne aus Kupfer (Marke old school für 4,50 € ist drin), weil ich die Pflanzen aus einer Flasche gieße und das nur ganz grobmotorisch möglich ist, was zulasten der Fensterbänke geht.

Meine Betreute auf der Frauenunterkunft  hat Grippe und sagt das erste Mal ihren Geldholtermin ab.

Herr PM soll 77,17 € Schadensersatz zahlen, weil er bei der Einweisung vor der Polizei geflüchtet ist und bei der Verfolgung und Widerstand 2 Polizisten verletzt wurden und die Beihilfekosten werden ihm in Rechnung gestellt. Wörtlich heißt das: am 24.07.2013 hielt sich Herr …im Rathaus der Landeshauptstadt Hannover auf und wurde auf Grund seines verwirrten Zustandes der Dienststelle Polizeikommissariat Südstadt zugeführt. Seine Einweisung sollte auf freiwilliger Basis ins Landeskrankenhaus Wunstorf erfolgen. Er weigerte sich in den Krankentransportwagen einzusteigen und flüchtete. Bei seiner Ingewahrsamnahme und der anschließenden Rückführung zum Polizeikommissariat Südstadt leistete er Widerstand, in dem er um sich schlug. Dabei wurden 2 Beamte verletzt.“ Beigefügt ist die Rechnung einer Allgemeinarztpraxis für die Behandlung eines im Jahr 1979 geborenen Polizisten. Herr PM wurde selber schwer misshandelt bei der Gelegenheit (Rippen gebrochen, Zähne ausgeschlagen, wie er selber berichtet) und wird durchdrehen, wenn ich ihm das zeige, also erst nach dem erfolgreichen Umzug.

Die Mutter von Herrn Subutex heult am Telefon. Sie haben ihn zu fünft gepackt, die Rumänen, die er wohl auch zum Teil kannte. Er war fast schon zuhause, sie hatten ihn verfolgt und dann nur ins Gesicht getreten, er hatte keine Chance und konnte auch nicht abhauen. Sie haben ihn ausgeraubt. 3 Unbeteiligte haben sich dann um ihn gestellt, dass kein Auto rüberfährt. Er musste wiederbelebt werden und es ist keine weiße Stelle in seinem Gesicht, sie hat sich so erschrocken, dass sie noch mal raus musste aus dem Zimmer, weil sie ihn nicht erkennen konnte, keine Augen. Das Jochbein ist u.a. gebrochen und er muss operiert werden. Er hat vielleicht auch ein paar unschöne Dinge gemacht in seinem Leben, aber das hat er nicht verdient. Sie war heute auf dem Schünemannplatz und ein Bekannter hat sein Fahrrad erkannt und mitgenommen um es zu sichern.

Abends Kestner, mein Mann fand die Lurche Axylotl ?? (die Albinounterwasserschwimmtiere mit Schwanz und Flossen, denen Gliedmaßen nachwachsen) süß. So lässt es sich wohl zusammenfassen. Er sagt, es sei normal, dass einem bei moderner Kunst nur etwa 10 % gefällt und ich denke immer, früher war es besser. Gut, es geht nicht um ein Aquarium, obwohl alle Besucher diese putzigen Tierchen anglotzen, es geht um die Keramik, die durchaus interessant ist und so präsentiert wird. Alles gut, aber gehört das ins Museum bzw. in einen riesigen Raum in dem sonst nichts gezeigt wird? Ich finde, nein.  Diesen Minimalismus verstehe ich nicht. Er ist für mich nicht Aussage, sondern Armut. Hätte man 50 Aquarien dieser Art gezeigt, wäre das eine andere Hausnummer so frage ich mich, was es soll, denn sooo toll ist es einfach nicht. Das andere ist nicht döver. Nur die Tafeln mit Fotos ohne Kopf in Emaille-Optik gefallen mir. Lauter junge, extrem 80er Jahre mäßig angezogene Hippster aus London sind unten den Besuchern, die deutlich älter ausfallen. Wir treffen Bekannte und die Begrüßung ist schon derart verlogen, dass es fast lustig ist, wie wir uns die Hand geben und dann nach vorne schwanken, als würden wir einen Kuss andeuten, dann aber doch beide davor zurück schrecken und wieder auseinander schwanken und dann der gekünstelte Smalltalk. Ganz schlimm. Im Beckmanns sitzen vier junge Frauen am Nachbartisch und man kann raten, was das für eine Zusammenkunft sein soll. Gute Freundinnen sind es nicht, weil sie sich zum Teil nach der Arbeit der anderen erkundigen: „Du hast also 2 Schüler und beide lernen Geige, ahah“. Es gibt, wie so oft, zwei Rädelsführerinnen und 2 Schweigsame. Es geht viel um Männer, die Actionfilme mögen und der Nachbar, der schon 50 sei (!!!) und einmal die Woche ins Kino geht und anschließend aus mit Freunden und manchmal gefallen ihm die Filme nicht. Großes Unverständnis, weil da wäre ihnen das Geld und die Zeit zu schade. Aber hier dumm rumsitzen und Rotwein saufen und über die Männer philosophieren, das soll keine Zeitverschwendung sein. Essgestört sind sie auch und die andere Sprecherin, die mit einem Schweizer leiert, mag kein Eis. Sie bestellt nur einen Nachtisch und hält sich sonst an die Flüssignahrung und davon lässt sie das Erdbeersorbet für die Frau gegenüber, die Backsüchtig ist, wie sie von sich behauptet. Dahinter ein Tisch mit 3 Männern, die so reden, als ginge es um eine Wirtschaftsprüfung. Das ist das andere Extrem. Ein Typ lacht mich an, weil ich wohl so überzeugend die Augen verdrehe als wir endlich aus dem Raum rauskönnen.

Eine Freundin aus Köln ruft an, weil sie auf WDR einen Bericht über meine Nazi-Verwandtschaft gesehen hat. Sie kündigt bei der Gelegenheit einen Wochenendbesuch für Anfang Mai an. Ich verfalle in einen Rechtfertigungssermon, dass die Frau nur angeheiratet war.

04.04. Morgens fotografieren wir die Handtücher, die ich immer wieder im Fairkaufhaus finde. Ich habe einen richtigen Fetisch für alte Geschirrhandtücher entwickelt und verstehe gar nicht, wie ich früher immer Neuware kaufen konnte. Ich will auch eine 50er Jahre Wäschetruhe mit Blumenmotiven kaufen und unseren Korb, den ich mal neu gekauft habe im Kaufhaus wegschmeißen. Ich mag ihn nicht leiden und weiß nicht, was mich hier damals geritten hat, so etwas zu kaufen (quasi mal was Neues, Ordentliches). Habe eh das Gefühl, dass ich in diesem Punkt immer viel mehr bei mir ankomme. Stephan schreibt dem Schneider in Paris, der Herrenhemden mit alten Geschirrhandtüchern auf dem Rücken näht und schickt ihm schon mal ein paar Fotos unserer Ware. Er will sich 2 neue Hemden machen lassen, wenn wir Ende Mai da sind und hat die Handynummer von dem netten Mann und ich fungiere gerne als Einkäufern für ihn, wenn er mir ein Budget von 10,- € zugestehen will, dafür bekomme ich schon einige, die immer so ca. 1,50 das Stück kosten.

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Bald wird alles vorbei sein mit den schlimmen Altfällen. Ich schreibe dem Mandanten wegen der Abrechnung. Die nette Frau, die sich immer wieder auf alles verständigt mit ihrem Ex ruft an. Sie saßen noch bis 21:30 Uhr in einer Weinbar. Sie könnte jetzt nicht mehr mit ihrem Mann zusammen sein, hat sie dabei festgestellt, weil ein Flasche Wein und den ganzen Tag auf der Veranda der Finca sitzen, das reiche ihm und unter Menschen, müsse er nicht. Als sie geheiratet hätten, da hätte er auch bloß einen Freund gehabt und sie einen großen Bekanntenkreis. Zu Besuch bei der Tochter spiele auch gerne10 Stunden am Tag Tetris, lästert aber auch über den Schwiegersohn, der ein Chaot sei und faul, hat von der Tochter finanziertes Studium wohl nicht zu Ende gemacht. Wann habe er sich bloß so verändert, ihr Ex. Ich sage, das klingt nicht nach Veränderungen, jeder hat sich konsequent entsprechend seinem Typ weiterentwickelt, im Alter kristallisiert sich der Charakter mehr heraus, während man in jungen Jahren anpassungsfähiger sei und mehr weichgespült. Er trägt immer noch die Jeans, die sie ihm mal gekauft habe, „warum, die sei doch noch heile“, sie könne doch nicht zusammen sein mit einem, der aussieht wie ein Zigeuner. Ich sage, „ach warum nicht, dieser Kontrast habe mir immer schon gut gefallen und eitle Männer brauche doch nun wirklich keiner“. Früher habe sie ihm Boss-Hemden gekauft und sie seien zusammen einkaufen gegangen. Sie dachte, das hätte ihm gefallen. „Missverständnisse einer Ehe“, sage ich, „er hat es Ihnen zuliebe gemacht“. Ja, er habe sie wahnsinnig geliebt und ihr eine Schraube in den Fuß gehauen, damit kein andere mit ihr tanzen konnte und sie wollte nun wissen, warum er sie verlassen habe. Er sagte, es sei wie bei einer Kerze, Flamme aus, Wachs versiegt. Das habe sie nicht verstanden. Ich frage nach dem Partner danach, den ich aus der Gastronomie in Hannover kenne und der verstorben ist. Das sei wohl in einer OP passiert. Da musste er schon nach der Hüft-OP wiederbelebt werden, aber das habe man ihm nicht gesagt. Er hat immer vorher gesoffen, nicht weil er Angst hatte, sondern weil es ihm so gut geschmeckt habe und er damals nach ihr und auch neben ihr Freundinnen gehabt und Viagra genommen und natürlich auch vor den OPs nichts verraten von seinen gesundheitlichen Risiken, nur dass mit dem Zucker wussten sie natürlich. Dann sprechen wir über die Ehe der Tochter, die offensichtlich auch einen Partner gewählt hat, der sehr von ihr verschieden ist, sie will ein Hausprojekt unbedingt durchdrücken (ich finde, das klingt schwierig) und abschließend gestehe ich ihr, dass ich sie und ihren Mann „süß finde, untechnisch gesprochen“. So seien trotz allem ein gutes Paar und ich habe auch Respekt davor, wenn man so menschlich und mit Gesprächen eine Ehe abwickelt.

Herr PM kommt pünktlich mit Quittungen für die Renovierung der Wohnung. Er hat die erste Nacht in der neuen Wohnung übernachtet und sein Kater habe sich nicht aus der Transportbox herausgetraut und musste mit Leckerli rausgelockt werden. Wie das Tier, so der Halter, habe ich dazu. Während ist kopiere, schimpft er wegen der Polizeisache vor sich hin. Ich telefoniere später mit dem Henriettenkrankenhaus und die wollen mir aus dem Archiv Behandlungsunterlagen zur Verfügung stellen, wenn ich denen ein Fax schicke. Er muss noch viel entrümpeln, Teppiche wegschmeißen usw. es sei eine ganz schöne Messy-Wohnung gewesen, das müsse er jetzt zugeben und solle nie wieder so weit kommen, er habe sich vor sich selber geekelt, der ganze Dreck, der da aus den Ecken gekommen sei. Wenn alles abgeschlossen ist, müsse er sich um seine Gesundheit kümmern und „sich renovieren“. Vor allem seine Zähne sehen desolat aus. Ich freue mich, dass er sich so gut macht und er wünscht mir und der Mitarbeiterin ein schönes Wochenende als er geht.

Mittags Blumenkohl überbacken und während dessen die Speisekarte vom Tropeano durchlesen und in Gedanken schon bestellen und dann wieder umbestellen. Die Ravioli mit Fasan gefüllt  in brauner Butter mit getrockneten Beere oder lieber die Pasta mit Wildschweinragu in Chiantisauce mit bitterer Schokolade und die Birnentarte mit Eis oder doch die Dattelmascarponecreme? Das wird schwierig. Meine Schwägerin, die standby fliegt hat den Flieger, den sie nehmen wollte nicht bekommen und muss den nächsten nehmen.

Ich bedanke mich bei meinem Mann, der die Handynummer meiner neuen Betreuten gegoogelt hat. Satz des Tages ist seine Antwort: „Nachdem ich gesehen habe, wie Du mit dem Büttel von der JVA umgesprungen bist bzw. was der sich auf ein Mal für Mühe gegeben hat, fühle ich mich richtig gut von Dir behandelt.“ Was soll ich sagen?

Hiob, das Stück gefällt mir außerordentlich gut. Ich mag ja lieber etwas gehaltvolle Kost und es ist toll umgesetzt, das Bühnenbild, die Dekonstruktion des Familienheims. Einfach sehr gut. Die Schauspieler sind auch super und erinnern mit mehrfach an „berühmte Kinodarsteller“, die Mutter an Sofie Rois und der jüngere Sohn an Daniel Brühl, der Vater an den Darsteller von Raumschiff Enterprise, Patrick Stewart heißt der, habe nachgeschaut. Der ältere Bruder, Jonas in dem Stück ist ein unglaubliches Schauspieltalent. Er hat ein Feuerwerk an Talenten, die explosionsartig aus ihm rauskommen. Ich stehe auch auf das Angespucktwerden in der ersten Reihe. Das gehört dazu. Ich mag die Inszenierung sehr und während unser Nachbar es als gemischt-gut bewertet hat, gebe ich Bestnoten. Ich mag es mehr als Black Rider z.B., was im Vergleich operettenhaft daher kommt vom Erzählstoff her. Wir überlegen ein Premierenabo für’s Schauspielhaus zu nehmen. Ich bin eher dagegen, weil die Daten einem vordiktiert werden.

Obwohl mich Stephan mit dicken Butter-Käsebroten und Butter-Honigbroten gefüttert hat nach dem Sport, habe ich ein kleines Hüngerchen. Beim Röhrbein wird im 22 Uhr die Passage schon abgeschlossen, aber mein Outfit wird gelobt von dem Betreiber, der vor Jahren mal das Essigbrätlein in Nürnberg übernehmen wollte. Wir fahren zum Urfa Sofrasi, die haben neu ein Aquarium mit Barschen, sehr bunt und neon eingerichtet und meines Erachtens überfüllt mit Fischen, die sich auf dem engen Raum nicht gut vertragen. Ich liebe den Laden und fühle mich hier immer richtig wohl. Etwas breite, sympathische, männliche Jugendliche, ein Dickerchen mit einem schwarzen „helal money“ Hoddie (will ich auch) trinken Wasser und essen Grillfleisch und kichern vor sich hin. Das Pide können die hier richtig gut. Da sind Profis am Werk. Der Belag reicht bis in die Spitze des Schiffchens, die man sonst eher wegschmeißen will und es ist mit kühnem Schnitt zerteilt. Der Tee ist lecker und ein Künefe gibt es auch. Beim Gehen sage ich den Kellnern, dass der große blaue Fisch böse ist und die anderen stresst und jagt und „ich glaube, der muss bald ins Klo“. Sie lachen. Wir gehen zu Sabine in die Landschaftsstraße. Fast alle kommen, mit denen ich gerechnet hatte, trotzdem sitze ich nur dumm rum und tanze nicht. Habe wohl meine Chance verpasst. Irgendwie gab es einen inneren Widerstand oder waren es nur faule Ausreden, andere Ausdruckstänzer, die dort beheimatet sind und bereits meine Rolle übernommen haben, keine Ahnung. Eine Nachbarin mit französischem Akzent, die Künstlerin ist und nebenbei Französisch unterrichtet, stellt sich vor. Sie schaut in unsere Büroküche. Ein junger Mann will meine Visitenkarte für seine Mutter. Er habe mich vor Jahren auf der Lumix kennenlernt. Mit zwei Freundinnen fahren wir Richtung Linden. Sie haben sich eine Wohnung im Ihmezentrum angeschaut als Interessenten, irgendwie weil da die Tierärztin wohnt, die ihre Katze behandelt und ich: wie, ich denke die wohnt im Heideviertel mit einem blutverschmierten Kittel. Nein, das war die Vertretungstierärztin, die Notdienst hatte. Auch ich schwärme von der Aussicht und dem Ihmezentrum als Wohnort. Ich mag’s. Sie heiraten nächste Woche an der Ostsee. Ich freu mich für sie. Das ist eine ganz schöne Sache und die beiden wirken sehr verliebt.

Die ganze Woche verstehe ich diese Hornbach-Werbung nicht. Mach was gegen hässlich oder so ähnlich. Frage mich immer, ob das Bild auf dem Werbeplakat das ist, gegen was man etwas unternehmen soll oder bereits das Resultat.

Wir müssen Morgen Sachen für das Picknick am Sonntag bei G. im Garten, zu dem ich uns kackfrech eingeladen habe, einkaufen. Dort kann man an dem einen kleinwüchsigen Baum genau sehen, was diese Misteln machen und wie sie direkt an dem Baum herauswachsen und nicht nur so drin hängen. Ich will meinen Picknickkorb mit dem Wassermelonenmotiv endlich einmal packen und zum Einsatz bringen und außerdem testen, ob der kleine Plastikpilz für kleine Vögel taugt. Er hat schon ein extrem kleines Häuschen, bei dem ich fragte: Kolibri? Einkaufen bei Edeka auf der Lister Meile nach der Goldenen Hochzeit ist mein Ziel. Morgen um 12 Uhr schon Festessen. Das wird schwer, da mir um die Uhrzeit eher nach 2 Eiern im Glas zumute ist. Ich werde mein Bestes tun.

Salafistenbrause

Manche Filme werden im nach hinein schlechter, manche besser. „Only Lovers left alive“ wird bei mir eher besser als schlechter. Ich muss mehrfach daran denken. Beim total zeitgleichem Essen im 11 A, Hälfte essen, dann Essen austauschen, Serviette Photofinish mäßig gleichzeitig fallen lassen. Wir müssen beide lachen, wie synchron das geht und ob da eine Wand dazwischen wäre, wäre total egal. Wir essen sehr schnell und auf die Millisekunde getaktet. Dann ist mir noch aufgefallen, dass Stephan und ich mehrfach den gleichen Fehler machen, irgendwas verwechseln, aber genau identisch. Also, bei zwei Teilen, die einmal so stark ineinander verkeilt waren, hat es einen Einfluss auf den einen, wenn man den anderen verändert, bewegt, auch wenn diese Teile an anderen Enden des Universums sind, war es nicht so?

Stephan meint außerdem, dass „The Life of Brian“ unbedingt auf die Liste muss und ich stimme ihm zu und „The Royal Tennenbaums“ auch. Es gibt nur wenige Dinge, die wir verschieden sehen oder machen und das dann umso bewusster und konsequenter. Wenn wir zu unseren Freundinnen fahren, die Sonntag für uns gekocht haben, fahre ich am Pariser Platz die Dieckbornstraße herunter und biege rechts ab in die Wittekindstraße, um hier Richtung Lichtenbergplatz zu fahren. Stephan fährt in die Teichstraße und kommt unten am Lichtenbergplatz an, um dann links in die Wittekindstraße abzubiegen. Nur eine Kleinigkeit, die aber mit Vehemenz vollzogen wird.

Am 15.07. sind es 10.000 Tage, nur in Minuten schaffe ich die Hoeness-Sphären. Da werden es über 14 Millionen Minuten sein. Ich finde es zwar ärgerlich, dass ich mir die Zahl schönreden muss. Herr Hoeness muss auch nicht auf Cent umrechnen um eine respektable Zahl zu erlangen. Wir wollen jedenfalls zu Tim Raue nach Berlin.

Mehrfach geht mir dieses schlimme Oliver Polak-Erlebnis nach. Die Spießer, die offenbar lange vor Beginn kommen um sich einen Sitzplatz zu sichern. Die flache „Witze“: „Homosexuell und pädophil ist nicht dasselbe. Von dem einen kriegt man Aids und von dem anderen Windpocken“. Tätä tätä, tätä! Der Typ braucht Bühnenverbot und ich will mein Geld zurück. Nach dem Sport am Montag spricht mich eine Mitturnerin noch darauf an, ob ich da gewesen sei. Sie hätte bemerkt, wie wir fluchtartig den Raum verlassen hätten vor der Zugabe. Sie findet den Typen ganz o.k., auch wenn es sie genervt hätte, dass er alle paar Minuten auf seinen Zettel schauen musste.

29.03. Stephan holt die Pappe zum Aufkleben des textilen Puzzles.

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Als ein Tropfen Heißkleber auf den Stoff fällt, reagiere ich sofort und ohne Rücksicht auf Verluste. Ich wusste, es würde weh tun.

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Ich mache Vorbereitungen für eine Pullover-Verschönerung mit einer Käte-Collage, die den ganzen Rücken zieren soll wie eine große Stofftätowierung. Das hat mich jetzt inspiriert und der dunkelblaue Wollrollkragen ist einfach zu langweilig.

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Abends der Fünfzigste. Claudia muss mal wieder schlafen, weil sie seit Dienstag jede Nacht ganz hart ausgegangen ist und bleibt in Hamburg. Das Geburtstagskind und seine Frau bekommen eine der schönen Fischservierschalen zur Ergänzung der Sammlung bzw. Vervollständigung der Wohnung sowie eine von mir als passend definierte Karte dazu, die ich 1999 in Kalifornien gekauft habe.

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Die Wohnung ist chic und stylisch, ausgebaute Fabrikhalle, gute Beleuchtung und Möbelmix, sehr partytauglich das Ganze. Bester Tanzboden von Welt der glatt geschliffene Beton. Die Nachbarn haben sich z.T. eine Betonbox vor die Tür bauen lassen, die ausschaut wie ein Knastinnenhof. Die Gastgeber haben bei einen großen Ausschnitt machen lassen. So hat man eine prima Sicht auf den Parkplatz und die Gewerbefirmen, u.a. Amadeus Fire, eine Zeitarbeitsfirma. Den Namen hatte Stephan entdeckt und konnte es erst gar nicht glauben. Künstlernamen wegen hire and fire oder vielleicht Ableger von dem herrlichen Amadeus Hotel in der Fössestraße. Die Privatdisko ist generationsübergreifend. Ich hatte ja schon gesagt, ich bin wie sehr notgeile Männer bezogen auf das Tanzen, so dass meine Reizschwelle sehr herabgesetzt ist und ein etwas zu laut gestelltes Radio genügt um den Tanzimpuls auszulösen. Claudia hatte ich erzählt, dass ich mangels Hasenschaukel zum Tanzimproworkshop angemeldet bin. Ausdruckstanz kann ich gut, seit dem Skikurs in der 7ten Klasse und der Kate Busch Scheibe, die damals erschienen ist. Da haben meine Mitschüler schon gestaunt, wie ich da abgehen konnte. Deswegen mache ich überhaupt Yoga, weil ich beim Kabuki landen will, das hat aber noch 10 Jahre Zeit, da werde ich nackt und nur mit einer Windel bekleidet krassen Ausdruckstanz machen, auf der Bühne sterben, wie der Vermieter in „The Big Lebowski“ mit Tütü bekleidet sich am Boden wälzt. Die Mutter der Gastgeberin ist eine schrille Person, die aus Wien kommt und vor 20 Jahren nach Hannover gezogen ist mit ihrem Mann. Die Entscheidung hätten sie nie bereut. Sie ist zugleich seit 20 Jahren schon im Ruhestand, topfit, hat Urenkel und trägt sehr auffällige und bunte Mode, eine geblümte Hose. Ich mag diese Frau mit der rasierten und eingefärbten Frisur (sie geht jetzt zu Unisex in der Pasarelle), die mal Buchhalterin gelernt hat, weil Frauen hat man damals nicht gefragt, was sie werden wollen. Um 1 Uhr ist dann auch gut und wir gehen nach Hause, ist ja schon 2.

Wir treffen Nachbarn und ich kondoliere. Es stellt sich heraus, es war der richtiger Nachname und zwar ein seltener, nicht Meyer, aber der falsche Vorname und damit die falsche Todesanzeige, die ich heute gesehen hatte. Trotzdem gab es den Todesfall und die richtige Anzeige war Mittwoch statt Samstag.

30.03. Bis 11 Uhr geschlafen. Will die Collage übergeben und verschenke zwei der Hosen von Andrea, die jetzt in sehr gute Hände kommen und Vera freut sich. Die anderen nehme ich mit zum Flohmarkt. Ich habe zufällig genau passend das Hütchen auf was ich aus einer kaputten Besteckschublade gemacht habe, die ich genau auf diesem Flohmarkt, der unser Ziel ist, geschenkt bekommen habe. Das war etwas gruselig, weil hier ein Typ schöne alte Sachen u.a. Fotos lieblos in Kartons geramscht hatte und offenbar Sachen verkauft hat, die ihm nicht gehörten und es wirkte als hätte er ein Haus ausgeräumt, aber als Dieb und nicht als offizielles Entrümpelungsunternehmen.

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In der Calenberger Neustadt gibt es leckeren Kaffee. Die Gastgeber haben ein neues „Aquarium“ wie sie es nennen in der Küche. Es ist ein Pilz, der aus weißen, Granulat-ähnlichen Körnern besteht und in einer Karaffe mit Wasser aufgefüllt auf der Fensterbank steht. Darin schwimmen Ingwerstücke und Rosinen. Das Ding macht Kohlensäure und vermehrt sich. Dann muss man es abgießen und spülen. Mir schmeckt es und wenn ich schon keine Haustiere darf… Ich bekomme tolle Zeitschriften von Markus geschenkt. Eine „Für Sie“ aus dem Jahr 1968 und eine englische Wohn- und Einrichtungszeitschrift von 1973. Ich bin hin und weg. Ich sage, es sei wie bei den Vampiren, wenn man alt genug wird, dann hat jeder Antiquitäten, wenn man nicht alles wegschmeißt. Ich schaue mir die Bronzeplastiken von Käte an. Michi will noch in den Garten, aber mit dem weißen Plastikkanister (20 Liter) zum Flohmarkt. Dann schlägt er vor, es mit dem Pilzgetränk zu füllen, was ihm und Stephan ohnehin nicht schmeckt und auf dem Parkplatzflohmarkt zu verhökern. Ich sage: au ja, das wird der Verkaufsschlager, Hauptsache ein guter Name fürs Marketing, „Fickelixir“ war meine Eingebung. Stephan ist wieder besser und schlägt „Salafistenbrause“ vor. An der Schulenburger Landstraße an der Kreuzung stelle ich fest, dass ich die Ampel nicht sehe und warten werde bis das Auto mich anhupt. Welches Auto fragt Stephan, weil es wohl ein Roller ist, der hinter uns steht. Dann kommt das Hupgeräusch, aber es ist unser Freund G., den wir im Anschluss an den Flohmarkt in seinem Garten besuchen wollten, der uns überholt und anhält. Er war schon auf dem Flohmarkt und will noch mal Werkzeug kaufen, einen Schraubenschlüssel Nr. 12 oder so, weil die Wasserleitung im Garten defekt ist und gelötet werden muss. Ein Mann mit schöner glatter Plauze ohne Dellen und Cellulite und nacktem Oberkörper kommt uns entgegen. Er hat sein T-Shirt hochgezogen. Das kann ja nur toll werden und so wird es auch. Mein erster Aschenbecher und andere tolle Dinge, die ich zurück lassen musste.

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Erstaunt bücke ich mich und betrachte die Bodenauslage einer Frau. Sie hat kleine bunte Plastikringe, die blütenartig ausschaue an einem Band  mit Klettverschluss. Ich denke zunächst an irgend ein Hilfsmittel für die Haare. Beim Anfassen der Ringe, die einzelne sehr scharfe Plastikdornen aufweisen merke ich, wie scharfkantig die sind und frage die Verkäuferin nach der Einsatzmöglichkeit. Sie sagt: „bei Jucken“ und ich darauf: „o.k., aber nur wenn man’s blutig mag“. Das wiederum versteht sie nicht und schaut böse, weil ich wohl schlecht oder unverständlich über ihre Ware spreche.

Michi kauft eine Retropuzzle mit 1000 Teilen mit einem Foto der Stadt Nürnberg. Ich kaufe einen Serviettenschoner und einen Industrie- und Handelskammer Hannover  Miniteller mit Gold für je 50 Cent. Hier werde ich beraten von einem älteren Mann, dem auffällt, dass ich farblich aufeinander abgestimmt angezogen bin und das Taschentuchetui passe so gut zu meinen Farben, er habe Angst gehabt, dass ich es nicht kaufe. Michi erkundigt sich nach den Preisen einer Flex, die sehr schwer ist (75) und einem Laubbläser (250). Hier gibt es wirklich alles. Auch dazwischen einen Stand mit Lebensmitteln, Butterkekse und Fischkonserven. Ich überlege, ob ich den Teppich als Untersetzer für ein altes Telefon brauche, weil der so schön eingepackt ist mit „Serviervorschlag“, entscheide mich aber dagegen. Eigentlich will ich weg von den Scheißtelefonen, die immer gerade einen leeren Akku haben und zurück zur Wählscheibe, dann bekomme ich auch weniger Wutanfälle.

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Ich kaufe eine Seidentuch mit hässlichem Muster, aber schönen Farben und unwiderstehlichem Stoff für 1,- €. 3 Reißverschlussköpfe in schönen Farben á 25 Cent, Michi hat mich beraten, die ich in Fimo einbacken will und dann 2 Pudelstickbilder für 1,- . Ich brauche die weiß Gott nicht, habe aber nicht widerstehen können. Es gibt schöne alte Lederschuhe für 1,- € das Paar. Auf diesem Flohmarkt habe ich einmal einen hellgelben Mohairmantel aus den 60ern mit Perlmuttknöpfen für 2,- € gekauft.  Es ist der Schnäppchenflohmarkt schlechthin. Dann kaufe ich einen Aschenbecher mit Pisa-Motiv und eine Roller Tesafilm an einem Stand, an den es Neuware gibt (das Klebeband für 1,- €) und alles Gebrauchte 20 Cent kostet. Ich lege das Gekaufte auf die Pudelbilder und der freundliche dicke türkische Mann sagt 1,60 €. Ich frage warum und er glaubt, ich hätte die Pudelbilder von seinem Stand, er hatte so ähnliche. Ich sage, nein, ich habe dafür 50 Cent das Stück gezahlt und fand das schon billig. Ich zahle mit meinen letzten 2,- €. Dann zum krönenden Abschluss bei dem anderen Stand mit lauter Souvenirs kaufe ich einen kleinen Krug mit Strasbourg-Motiv, der 1,- € kosten soll, ich habe aber nur noch 80 Cent und das wird auch akzeptiert. Erfolgreich habe ich das ganze Kleingeld angelegt.

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Noch mal die Reste des Flohmarktes ablichten, einen Briefmarkensammlung, die sich selbständig gemacht hat.

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Ab in den Garten, ich mag es hier, die wohlige Mischung aus Punk, Kunst und gärtnerischer Ordnung. Ich koste von den gärtnerischen Früchten und wir sitzen herum und blättern die alten Zeitschriften durch und G. zeigt uns seine neuen Pflanzen u.a. einen Mini-Pfirsich, der letztes Jahr schon 9 Früchte hatte und unter Kniehöhe hat. Das Nachbargrundstück an der Ecke mit der Magnolie darauf gefällt mir so gut. Es war lange leerstehend und das Haus wurde abgerissen. Das Grundstück ist lang gestreckt und mondän und ich träume von einem Haus im Bauhausstil mit den Maßen die einzuhalten sind. G. rät ab, weil man zu viel Weg hat, den man immer sauber halten muss. Ich wäre gerne Nachbar, aber nur in meinen Träumen oder in einem Parallelleben, wenn ich zwei hätte. Die Flüchtlinge, die in Containern wohnen, haben es sich draußen gemütlich gemacht. Wir fahren vorbei und dann über die Wasserkunst zu Rossi. Ich bin so was von entspannt. Ich trinke einen Ingwer-Limetten-Tee und probiere endlich den veganen Bananen-Dattel-Kasten, der köstlich ist. Herrlich kann man hier in der Abendsonne sitzen. Kurz nach Hause und mit das Telefonat von heute Morgen mit Hamburg fortsetzen, dann geht es zu Freundinnen, die für uns gekocht haben. Sie haben mir sogar ein Sortiment an Brause besorgt vom Getränkemarkt am Lichtenbergplatz. Ich wähle Birne mit Bügelverschluss. 3 Mandeln am Tag reichen aus um den Magnesiumbedarf zu decken. Wir planen einen Potsdam-Ausflug kurz vor Ostern mit Baustellenbesichtigung vor Ort und Übernachtung in einer Wohnung mit Garten. Zufrieden gehe ich nach Hause. Was haben wir für großartige Freunde und was war das heute für ein perfekter Tag, stelle ich dankbar fest.

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31.03. Ich komme morgens 20 Minuten zu spät und meine Betreute und die Wohnbetreuung warten schon. Ich stelle fest, dass man sich heute fragen könne, wer die Betreute ist, weil 20 Minuten Verspätung wäre sonst eher so ihre Sache, also die der Betreuten. Wir lachen alle und ich entschuldige mich natürlich und wir gehen die Finanzen gemeinsam durch.

Nein, ich muss meiner Schwägerin noch nicht heute zum Geburtstag schreiben, wenn der Brief am 10.04. im Wellnesshotel in Süddeutschland ankommen soll, was auch noch „Halde“ heißt, dann ist das zu früh. Wie lange sollen die dort die Post lagern? Auf Halde?

Der ruppige Mann mit dem Augenfehler kommt und holt Geld. Er hat bald einen Untersuchungstermin in Trier in einer Augenklinik. Er fährt umsonst mit der Bahn, dafür will die AOK die Übernachtungskosten übernehmen. Das hat er gut verhandelt, jetzt will ihn der Mut verlassen und ich muss ihn noch mal einnorden.

Herr PM sagt ab und ist am Umziehen. Nachmittags telefoniere ich mit dem Jobcenter U-25 in Sachen Herrn Ihme. Der hatte schon eine Kürzung, weil er im November nicht gekommen war, 10 %. Das hat sie erst mal rausgenommen und schlägt vor, dass sie den Fall an den Fallmanager abgibt, der viel mehr Zeit habe. Derweil wartet Herr Ihme auf mich. Er ist in grauer Jogginghose und T-Shirt da und hat kein Geld bekommen. Er war 10 Minuten zu spät und hat keine Wartemarke mehr bekommen, obwohl er gebettelt hat. Als ich meiner Mutter von dem Fall erzähle und, dass er halt immer Hunger hat und von 15,- € schon 5,90 für Tabak ausgibt und Slimfilter und Blättchen und der Tabak ist am nächsten Morgen schon alle, fragt sie mich, ob ich nicht immer Brote für ihn da hätte. Das ist schon mütterlich genug von meiner Seite, so weit geht es nicht, da verweigere ich mich.

An der Ampel spricht mich ein Typ an, den ich vom Sehen her kenne und wir finden uns wechselseitig sympathisch. Er lobt meinen Kleidungsstil und er sieht einfach gut aus. Er fragt, wie es mir geht und ich sage gut und schwärme vom Frühling und sage, gestern sei der schönste Tag meines Lebens gewesen. Bei ihm war es auch so.

01.04. Ich frage eine Entscheidung ab in meinem schrecklichen Verfahren, das seit 2008 läuft. Morgens kündige ich noch an, es nicht zu tun. Das könne keiner von mir verlangen, aber die eigene Neugier siegt. Ich teile dem Mandanten per mail mit, dass ich die nächste Instanz in dieser Sache nicht mehr machen will. Ich sei mit meinem Latein am Ende. Ich telefoniere mit dem Strafrichter und erzähle ihm von dem skurrilen Ausgang des Verfahrens. Er hat sich hinsichtlich der Anklage im Strafverfahren noch nicht entschieden. Stillstand der Justiz und krude Ergebnisse. Das Gute ist, wenn man die Mitter Vierzig überschritten hat, weiß man, Du hast Dein bestes getan und kannst nicht alles kontrollieren, entscheiden, bestimmen, verantworten, die Mandanten lieben Dich trotzdem, das Leben geht weiter, es gibt Schlimmeres, keiner hat Krebs oder muss sterben.

Ich schreibe mir mit einem Arzt der Region, den ich sehr schätze und mag. Er hat mit mir mehrere gemeinsame Sachen. In der einen Betreuungssache, mit der schwierigen, schlecht gelaunten Frau hatte er mir bezogen auf einen stellvertretenden Teamleiter beim Jobcenter der sagen wir mal Enner mit Nachnamen heißt, ob da nicht ein „P“ vergessen worden wäre bzw. er es uns verheimliche (mit einem Smiley). Leider hatte ich die Nachricht mit diesem Textteil, den ich überlesen hatte an Herrn Enner weitergeleitet, der mich anrief und dann meinte, sein Name stimme auch und es sei kein „P“ vergessen worden. Das war mir sehr peinlich. Heute geht es um die Schwierige und ich hatte einen gemeinsamen Termin der „Erziehungsberechtigten“ vorgeschlagen und der Arzt antwortet, dass es gut sei, wenn sie weiß, dass Mama und Papa sich unterhalten und man sie nicht gegeneinander ausspielen kann.

Wenn Paare auseinander gehen ist das traurig. Hier trifft es Freunde. Wenn ein Partner was im Alleingang macht, was Wichtiges wie ein Haus- oder Wohnungskauf, kann das zum Riss führen, der dann nicht mehr gekittet werden kann. Es ist wohl so.

Heute Nachmittag ist Treffen in der Kanzlei in der ich meine Ausbildung zum Teil gemacht habe. Auch ein uralt Verfahren aus 2007 bzw. 2008, welches Ende 2013 abgeschlossen wurde. Wir wollen uns über aufgelaufene Zahlungsverpflichtungen verständigen. Von ca. 25.000,- wurde die Hälfte zum Glück schon bezahlt seit Mitte 2011 in Raten. Hier sind sich die geschiedenen Eheleute freundschaftlich verbunden,  der Mann lebt allerdings in Südamerika und ist gerade da um den Enkel zu sehen, so dass die Gelegenheit genutzt werden sollte für ein Treffen. Begeistert bin ich nicht, sehe aber ein, dass die Sache zu Ende gebracht werden muss und hoffe, dass alle guten Willens sind. Wenn wir stundenlang reden müssen, bin ich darauf eingestellt, weil wir im Anschluss einen Theatertermin haben im Theater an der List, englischsprachig. Wenn es kürzer geht, vertreibe ich mir die Zeit mit bummeln.

Meine Betreute, die früher als Prostituierte gearbeitet hat und mir allerlei lustige Strafverfahren, in denen sie z.B. einen Freier angeblich in dessen Wohnung eingesperrt hat, die aber im Erdgeschoss gelegen war und der debile Rentner konnte nicht plausibel erklären, warum es ihm nicht möglich war sich aus der angeblich misslichen Lage zu befreien. Eine Nagelschere soll gefehlt haben. Hinten saßen gerne Schulklassen drin und haben sich amüsiert. Sie hatten immer allerlei Verfolgungsideen mit Hell’s Angels und Politik. Jetzt ist sie 20 kg schwerer, hat unten keine Zähne und einen Pflegedienst, der ihr die Substitution und die Neuroleptika vorbeibringt. Es ist ruhig um sie geworden. Die Bewährung läuft am 09.05.2014 aus. Sie hat einen Dackelmischling, der 12 kg wiegt und den sie schwer keuchend die Treppe nach oben in den zweiten Stock zu mir trägt, (ja, sie will auch mit dem Rauchen aufhören), um ihn den Weg nach unten die Treppen herunter springen zu lassen. Ich sage, dass sei mit Dackeln genau umgekehrt, dass das Treppe springen nach unten schlecht sei für den Rücken. Egal. Sie holt endlich die 3,08 €, die hier seit Monate auf sie warten. Die Differenz von 45,- und der tatsächlichen Belastungsgrenze 2014. Ich hatte die Überweisung für sie getätigt.

Ich fahre zu meiner ehemaligen Ausbildungskanzlei um ein Verfahren aus 2008 abzuschließen. Es ist eine sehr angenehme Erfahrung, weil alle Beteiligten sympathisch sind und sich freundlich gestimmt. Ich mag beide Eheleute, auch den Mann, der einiges von Südamerika aus nicht hin bekommen hat und dessen hiesige Wohnung jetzt zwangsversteigert werden soll. Ja, ja, seit seine Frau nicht mehr die Finanzen mache. Sie sind sich einig und finden auch immer selber eine praktikable Lösung. Ich sitze nur dabei um gut auszuschauen und Witze zu machen. Zur Einstimmung geht es kurz um den Richter aus Celle, der Prüfungsaufgaben verkauft hat und mit 30.000 €, einer Waffe und einer 26-jährigen Rumänin in Mailand verhaftet wurde. Irgendwie musste er sich ablenken, sage ich dazu und dass es bestimmt eine Nutte war, die von Berlusconi übrig geblieben ist und der Kollege gibt an, dass es abends wissen werde um wen es sich handelt. Das interessiert mich aber gar nicht. Die süße Familie, meine freakigen Eltern, er Südamerika und sie Modetante mit bodenlangem schwarzen Ledermantel, aber es sieht nicht nach Schülermassaker an ihr aus. Wenn alles mal wieder anders kommt, die angebliche Rentenhöhe, die wir angenommen hatten im Vergleich 2011 und das was tatsächlich ausgezahlt wird nach Durchführung des Versorgungsausgleichs nicht zusammenpasst, dann sagt meine Mandantin: „wie damals zum Scheißeschreien in den Wald fahren“. Das hätte ihr Mann damals gemacht, als sie die gemeinsame Wohnung Ende Dezember gekauft hätten und ab Januar die Grunderwerbssteuer weggefallen ist, was sie beide 4.500 DM gekostet hätte, er wäre in den Wald gefahren und hätte laut 10 x Scheiße gerufen. Was soll’s, Lösung muss her und die beiden haben echt viel Geld verbrannt in ihrem Leben. Meine Mandantin erklärt ihrem Ex, dass er die Rentenanwartschaften, die er übertragen hat zurück fordern kann, wenn sie innerhalb der nächsten 3 Jahre verstirbt. Er missversteht es und sagt was von Kalaschnikow und ich zu meiner Mandantin, diese Männer und zu ihm: ihre Frau meinte, wenn sie im gefährlichen Straßenverkehr von Hannover ums Leben kommen sollte. Diese Regelung kennen wir nicht, aber der Kollege schaut nach und bestätigt sie. Er sagt nur, dass habe ich in 3 Jahren wieder vergessen, sie will es der gemeinsamen Tochter sagen und sagt zu ihm, dass ist dann ein Geschenk von mir, ein Andenken. Der Kollege will in 4-5 Jahren, wenn unser heutiger Vergleich ausläuft schon in Rente sein. Er könne dann seinen Mandanten in Südamerika besuchen, bin ich der Meinung und der hat bestimmt Reiseprospekte dabei. Die Besprechung mit seinem Anwalt und Freund will er ein andermal fortsetzen und erst mal mit seiner Ex einen Kaffee trinken. Herrlich und würdevoll wie die beiden einvernehmlich die Straße entlang laufen. Ich mag sie einfach.

Ich gehe zu Dittmars. Die Frau wird echt langsam Messy und man kommt gar nicht mehr ran an die Sachen, sie hat schlechte Laune. Ich kaufe einen braunen Plastikpilz als Vogelhäuschen für den Garten von Herrn G. Dann vertreibe ich mir die Zeit im Edeka auf der Lister Meile. Ich hab echt was übrig für diesen Supermarkt im Gegensatz zu Onkel Rewe, den ich nicht ausstehen kann. Sie haben ein gutes Sortiment und echt lustige Mitarbeiter. Neben der Käsetheke, für die dieser Laden bekannt ist, fällt mir der abschließbare Schrank mit Gin-Sorten auf. Leider trinke ich noch einen Kaffee bei Kreipe, er ist viel zu spät, wie sich nachts herausstellt und kaufe selbstgemachte Ostereier in schöner bunter Metallicfolie. Ich war hier nicht mehr seit der Renovierung vor ca. einem Jahr. Ich mag den Laden. Zu früh bin ich beim Theater und beobachte die Szene der älteren Russen, die sich langsam einfinden, z.T. absetzen lasen vor dem Theater. Meistens ältere Frauen und gerne ein gepflegt aussehender Herr pro Tisch. Ich höre die Sprache gerne. Der Petar aus England ist begabt, die Maske und das Kostüm sowie der Einsatz von Licht sind toll umgesetzt, auch ansonsten ist es durchaus sehenswert, natürlich hat der Mann eine toller Körperbeherrschung und sehr bewegliche und schöne Füße und kostet nur 80 Cent mehr als unfähige Oliver Polak, der hässlich ist und gar nichts kann. Ob ich allerdings für Kabuki geeignet bin? Mir kommen erste Zweifel an diesem Abend. Wir gehen ins Boca und ich flirte etwas mit den Jungköchen. Die Blutwurst ist der Hammer. Eine Yogalehrerin der Werkstatt kommt mit ihrem neuen Hund vorbei und freut sich mich zu sehen. Der süße Pekinesenmix hört überhaupt nicht. Gäbi die, Gäbi da. Gäbi geht das am Arsch vorbei. Da muss man mal hin und einen Touch geben, d.h. die Seite der Hundes mit steifen Fingern etwas ruckartig anfassen, damit der Hund merkt, dass man ein Verhalten nicht toleriert, weil das Gequatsche sagt dem Hund nichts. Ist so. Morgen Abend treffen wir uns alle für den Film Grand Budapest Hotel OmU. Ja, ich will ihn noch mal sehen. Um 22:30 Uhr hat die Kinokasse schon zu als wir die Karten abholen wollen. Das erklärt uns der Betreiber oder einen Mann, den ich vom Sehen her kenne und dafür halte, der auf einem Sessel liegt und liest, als ich an der Tür herum rüttelte und nicht gehen will. Ich muss Morgen noch mal mit passendem Grand Budapest Outfit aufwarten.

Döner und Kinderschokolade – die Woche der Kultur

23.03. Telefonat mit Claudia, deren Bruder gestern bei Wenzel Storch viel zu sehen war. Die Tochter macht Minikreuzfahrten mit ihrem Freund. Irgendwas in Holland. Vielleicht dasselbe Schiff auf dem Steffi gerade Uniformstreifen näht.

Klebe die Puzzlestücke fertig, ungeduldig, da es draußen so schön sonnig ist. Ich ärgere mich immer, wenn ich ein Projekt nicht zu Ende machen kann. Es fehlt der Untergrund, auch wenn ich Stephan zum Kartons sichten in den Keller geschickt habe. Das muss gekauft und ein andermal abgeschlossen werden.

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Der Buchbinderkurs ist auf Mai verschoben. Das passt mir auch ganz gut, die Sexpause kann ich gut gebrauchen. Die Sonne scheint, raus jetzt. Wir treffen einen Bekannten, der gerade in der Wittekindstraße ein Auto fotografiert, was zugegebenermaßen total bescheuert und verkehrsbehindernd auf der Ecke steht. Wir fragen ihn, was er damit vor hat und er sagt, dass er die anzeigen würde, aber nur 2-3 Mal im Jahr. Er macht einen Abzug und schickt das Foto dann der Straßenverkehrsbehörde. Wenn die Bonzen so beschissen parken würden, sei das Notwehr. Wir ärgern uns ja oft genug über dämliche Autos und dämliche Autobesitzer, sind uns aber einig, dass Denunziantentum noch mehr nicht geht.

Die Bar ist zu voll und die neuen schwarzen Außenmöbel gefallen mir gar nicht, eindeutige Verschlechterung gegenüber den weißen Vorgängern. Im Rossi fühlen wir uns wohl und noch beim zahlen kann ich nur schwer der veganen Dattel-Bananen-Schnitte oder der veganen Käse-Zitronen-Tarte widerstehen, dabei hatte ich spanischen Mandelkuchen und eine halbe Quiche. Lecker und angenehm ist es dort, da kann auch die Baustelle vor der Tür nichts dran ändern. Wenn die Sitzgelegenheiten mehr Sessel wären, hätte der Laden Kaffeehauspotential.

Von hinten zum Lindener Berg, es kommt mir alles unbekannt vor. Ach so, der Schrottplatz aus einer anderen Perspektive, quasi andere Himmelsrichtung. An der Ampel vor dem Eingang ein Radunfall mit einem abbiegenden Auto. Die Frau bekommt Hilfe, kann kaum aufstehen, will aber nicht ins Krankenhaus. Es ist knallvoll, ich weiß nicht, wo diese ganzen Menschen herkommen und nein, ich muss nicht auch noch diese blaue Wiese fotografieren, auch wenn es wunderschön ist. An dieser Stelle bitte ein Foto vom Scilla-Blütenfest auf dem Lindener Berg z.B. aus der Haz vorstellen. Da lohnt ein Besuch unter der Woche. Gekommen war ich wegen der Ausstellung „Blumen des Bösen“, weil ich dachte dieser Küchengartenpavillon hat nicht immer geöffnet. Schönes Treibgut, auch gut arrangiert und ordentlich in Kästen und Vitrinen sortiert. Das hat immer was, wenn Müll vor einer peniblen Kulisse oder in einem sehr adretten Rahmen gezeigt wird, der Kontrast quasi, dass es dadurch auf einmal edel aussieht. Ich stelle ferner fest, wer Ästhetisches macht, kann selber total unästhetisch ausschauen, als würde das Optische auf einmal keine Rolle mehr spielen oder man wäre blind auf diesem Auge. Trotzdem schöne Anregungen und ich sollte meine Strandfundstücke, ausgespültes und verblichenes Plastik, im Keller suchen und mal wieder damit was basteln.

Keine Chance auf Eis, bin nicht zu dieser Schlange bereit, fahre extra zum Lindener Marktplatz und hier ist es noch viel ärger, eine Traube von mindestens 30 Leuten steht vor der Tür. Dann liebe heute Abend im Kino. Dallas Buyers Club. Suppe kochen, Kuchen backen, Wäsche waschen, aufräumen. Das Wochenende geht zu Ende.

24.03. Komischer Traum. Allerweltsladen oder Ökokaufhaus mit Malaysia-Solidaritäts-T-Shirts, neue Sachen kaufe ich eigentlich nicht mehr, aber sie sind gut verarbeitet und aus Seide und kosten nur 5,- € auf dem Grabbeltisch. Haben viel gestrickte Applikationen, Kordeln und so und ein „M“ drauf, wie so ein Universitätsabzeichen.  Soll ich mir eines kaufen? Werde wach.

Kaufe dann später gestreiftes Osterpaket bei der Post und eine Packung Kinderschokolade am Kiosk, weil ich an das Kino heute Abend denke (Preview „Her“ OmU ist das Ziel, statt yogen) und ich außerdem Osteraufkleber in der Packung vermute. Hätte mal lieber fragen sollen oder doch Brille, war „Fan Connection“, irgendein Fußballscheiß und nicht Fan Collection, wie es mehr Sinn gemacht hätte. Oh weia.

Osterpaket Essen 2014

Versöhnendes Telefonat mit meiner Mutter, ich bin heute einfach besser drauf und es scheint alles nicht so schwierig. Natürlich bewundere ich es, wie sie das Durchzieht. Eh, mein großes Vorbild in punkto Sachen durchziehen. Auf zum Gericht. Davor steht wie so oft, mein Partnerfahrrad.

gesichertes Rad

Die Richterin schaut mich mitleidig an und meint, ab Morgen würde es schwierig für mich werden. Sie meint den üstra-Streik, ich sage nur: „Verdi, warum tust Du uns das an?“, war so nicht die Schlagzeile heute. Meine Betreute und ich als eingefleischte Radfahrerinnen schauen uns fragend an, weil wir offenbar kein Problem damit haben.  Ich lobe meine Betreute, die einen sehr guten Eindruck macht, dass sie selber aus einer halben Manie wieder herausgefunden hat. Sie soll ein ADHS-Kind (8-jähriges Mädchen) in die Schule begleiten als Sozialassistentin. Wir haben ein gutes Gespräch miteinander nach der Anhörung im Gang. Sie will mich am besten noch 5 Jahre behalten, aber erst mal wurde für 2 verlängert.

Mir gefällt die Straßenbahn mit englischem Motto, wie überhaupt alles heute schön aussieht.

Englsche Üstra-Bahn

Ich hatte doch glatt vergessen einen Gerichtstermin für Mittwoch einzutragen, weil ich insgeheim auch gar nicht hinwollte. Trotzdem ist das keine Art. Gottseidank meldet sich die Gegenseite und will sich vergleichen und der Termin wird aufgehoben.

Aus der Selbsthilfegruppe für biolare Störungen bewirbt sich einer um Mitgliedschaft bei mir, den lerne ich Morgen kennen. Mein Kollege ist aus Süddeutschland wieder da.

Stephan und ich sind bald 10.000 Tage zusammen. Das finde ich romantisch. Ich hatte getippt, dass es 1 Millionen Tage sind, aber ich lag halt leicht daneben. Ich war dann auch ganz traurig, dass wir das wohl nicht schaffen werden, weil ein Leben halt nicht so lang ist. Gerade in Zeit in denen es oft um so große Summen geht, Steuern im Hoeness-Prozess etc. denke ich dann, dass es ungerecht ist, dass so viele gemeinsame Tage nicht in ein Leben reinpassen. Er will das genau ausrechnen und das will ich dann feiern (Essen gehen wie immer, aber mit einem besonderen Bewusstsein)  und ich habe mir heute ein elegantes Outfit, schwarzes Seidenkleid ohne Armen und aufgestickter Gold- und Perlenkette für 12,- € gekauft dazu eine tolle Öko-Handarbeitstasche mit Spinne, Skorpion, Echse, Frosch in 3-D aus Stoff herausgearbeitet, die sehr psychodelisch ausschauen, als hätten sie viel Kali-Energie oder Voodoo.

Schlangentasche Insektenseite Schlangentasche

Jetzt sieht sie noch schwer nach Einkaufsbeutel aus, aber mein Schuster soll sie in eine edle Tasche verwandeln. Ich bespreche einen roten Lederriemen mit ihm sowie einen weinroten Druckknopf. Ein Lederfutter á la Gucci kann er leider nicht reinbauen. Mal sehen, was er daraus macht. Ich liebe das Fairkaufhaus und was ich da immer entdecke. Neue Bastelsachen, eine tote Eule für 15,- € kaufe ich nicht, obwohl ich schon eine Bastelidee dazu hatte, kombiniert mit der großen Klammer auf der lederbezogen erledigt steht. Das wäre eine schöne Installation. Die sieht mir zu deprimierend aus mit nur einer Kralle und irgendwie toten oder getrockneten Augen, irgendwie selbstgetrocknet. Dafür sieht das Kleid so was von edel aus. Ich melde mich auch mal bei Shopping-Queen an und kaufe mir ein Kleid für 12,- € und dann Schuhe und Schmuck für 450,-. Das wäre mal was, aber nein, ich meine das nicht ernst, bitte nicht anmelden, stehe nicht zur Verfügung. Außer mir kauft ein wahnsinnig gutaussehender Transgender-Typ ein und zwar Omasachen, d.h. kleine Vasen mit Blumenaufdruck und Plastikefeu. Er sieht viel schöner aus als Rayon in Dallas Buyers Club. Ich habe Schwierigkeiten mir vorzustellen, dass er so eingerichtet ist und denke, er kauft bestimmt für ein Theaterstück ein.

Heute ist kein Mensch in der leergefegten Eisdiele zwischen dem Schuster und meinem Büro.  Die Kinderschokolade habe ich schon im Büro aufgefuttert. Die Selbstdisziplin lässt wieder zu Wünschen übrig.

Meine Schwägerin hat Paris gebucht. Ich ergötze mich noch einmal an den Fotos der Wohnung, vor allem von der Aussicht und lese den Text, der lustig durch ein Sprachübersetzungsprogramm gejagt wurde: „Schöne Montmartois Duplex Appartement in idealer Lage in der Nähe der Basilika (Sacré Coeur) mit herrlichem Blick von beiden Seiten der Wohnung entfernt. (Sechsten Stock mit Aufzug). Du wirst einen großen, hellen Wohnzimmer mit einem bequemen Sofa-Bett, einen Essbereich, eine gemütliche Küche mit alles, was Sie brauchen. und ein Bad mit einer Badewanne. Der Most ist die große Terrasse, wo Sie Abendessen haben können, von der Sonne baden, oder beobachten den Sonnenuntergang über Paris. Auf der zweiten Etage gibt es 2 Schlafzimmer (eines mit einem schönen Blick auf die Basilika Sacré Coeur mit einem Einzelbett). Und ein zweites ruhiges Zimmer mit einem Doppelbett. Dann wird auf der gleichen Etage befindet sich die „Loggia“ mit einem atemberaubenden Blick finden! Daneben gibt es eine kleine Terrasse, wo Sie auch zu Abend essen oder lesen friedlich. Sie sind 5 Minuten entfernt von allen Bequemlichkeiten: Supermarkt, leckere Bäckereien, Apotheke Restaurants, Cafés (Quartier des Äbtissinnen, Pigalle, …) Sie haben die zwei wichtigsten U-Bahnlinien Paris durch die Wohnung. Linie 4 auf der einen Seite, und auf der anderen Seite des Hügels Linie 12“. Das wird toll!!

Im Kino treffen wir Luis, der auch ansteht und darauf wartet, dass vorreservierte Karten zurückgegeben werden. Er bekommt dann welche und wir sind die ersten in der Zweitschlange. Ich verteidige unseren Platz energisch und die Aussicht nicht ins Kino zu kommen, macht mich total verrückt. Irgendwann wird freigegeben und es sind dann 19 Plätze, die noch zu haben sind, so dass alle Schäfchen ins Kino hineinkommen.

Im Kino viele Nerds, stark übergewichtige Männer mit weiblicher Begleitung in den schlimmsten Kleidungssünden der 80er, übergroße Strickpullis mit Lurexanteil in der Wolle und Zopfmuster, dazu eine kurze Hose mit Spitzenborte um den Beinausschnitt. Ich muss wegschauen. Auf einmal stinkt es doll, weil in unserer Reihe eine Frau im Kino Döner essen muss. Muss das sein? Irgendwie drückt es auf die Stimmung. Ich freue mich als wenigstens das Licht ausgeht, damit man das Elend nicht mehr sehen muss und sich in die Welt des Filmes flüchten kann.

Also Being John Malkowich zählt zu meinen Lieblingsfilmen, aber mit dieser Geschichte kann ich wenig anfangen und ja, Scarlett Johannson hat eine ansprechende Stimme. Gut, die Ausstattung ist spitze und die Nerdhosen der Männer haben so einen hohen Hosenbund, dass man nur bewundern und staunend davor sitzen kann und sich fragt, was ist aus Baggy geworden in der Zukunft. Resümee nach dem Kino: Ich tauge nicht für eine praktisch rein platonische Liebe zu einer Stimme. Bei mir reicht es schon nicht für Telefonsex mit Freundinnen, was ein sehr verbreitetes Medium ist, so nenne ich es mal, wenn stundenlang telefoniert und sich hier reingesteigert wird. Mit mir nicht möglich. Das wissen meine Freundinnen auch. Lieber stundenlang schweigend nebeneinander nähen oder basteln. Das bringt mir mehr. Es ist wie erweitertes Computerspiel gepaart mit Masturbation, einen Knopf im Ohr haben und die Illusion, dass man die Erlebnisse mit jemandem teilt und dann noch aufgemischt mit Eifersucht, weil das Computerprogramm auch noch für andere arbeitet so nach dem Motto: ich wollte Excel auch für mich alleine haben. Ich weiß nicht??? Ich falle darauf nicht herein. Ein Partner ohne Körper geht für mich nicht. Dieses Kopfgewichse ist nicht meine Sache. Lustig sein und Intellektualisieren kann ich selber ganz gut. Ich kann auch gut alleine sein, aber ich merke noch den Unterschied zwischen alleine und einem Gegenüber und dieses Gegenüber sollte auf jeden Fall einen Körper haben, also lieber Tier als nur lustige Stimme, egal wie lustig, die mir die Illusion verkauft, dass sie mich versteht, weil sie sich auf meine Bedürfnisse eingeschossen hat und mir das Gefühl vermittelt nicht alleine zu sein. Beim Gegenüber will ich anfassen und Geruch sowie Optik haben und lieber Überraschungen als immer Zustimmung und Verständnis. Ich scheiße aufs Hören und will lieber sehen, fühlen und schmecken. Stephan macht immer Witze und fragt – pseudosauer  – „hast Du wieder zugehört?“, wenn er mich gerade anfasst und dazu irgendwas Kritisches sagt, weil wir eh der Meinung sind, dass es nur auf den Tonfall ankommt. Ich fasse es so zusammen: Worte sind verlogen, Körperlichkeit kann mehr. Bei den Nerds im Kino hat man teilweise den Eindruck, dass so eine ausgefeilte Computertechnik mit künstlicher Intelligenz gar nicht erforderlich ist und eine einfache Bandansage, die in einer sexy Stimme was Schmutziges sagt, völlig ausreichend wäre.

Auf der Heimfahrt stellen wir fest, dass der Streik in 40 Minuten beginnt und fragen uns, ob sie Busse dann noch zum Ziel fahren oder Punkt 24 Uhr die Gäste rausschmeißen.

25.03. Der neue Betreute bzw. Anwärter ist sympathisch und pünktlich und kommt zu Fuß. Es läuft ein Rentenverfahren und wenn das durch ist, will er nach Magdeburg zu seiner Freundin ziehen. Krank ist er seit 18 und er wird jetzt 52.

Der auswärtige Richter der abgesagten Verhandlung von Morgen mit dem ich telefoniere erinnert sich noch an meinen Betreuten aus einer anderen Sache und fragt mich, ob der in einer Blaskapelle spielt, was ich bejahen muss. Wir plaudern über dies und das. Netter Mann.

Meine Tante soll zwei Mal für die Einäscherung ihres Sohnes, meines Cousins zahlen, der an den Folgen einer Heroinsucht bei ihr in der Wohnung verstorben ist Ende 2011, weil der Bestatter nur abgerechnet, aber die fremden Rechnungen nicht beglichen hat. Das kann auch nicht richtig sein. Irgendwie ist mir ganz morbide zumute als ich das anwaltliche Schreiben in dieser Sache aufsetze. Meine Tante, die ihr ganzes Leben lang selbstverständig war, findet, dass der Bestatter für die Einäscherung, die 358,50 € gekostet hat ihr 460,- € in Rechnung gestellt hat, nicht besonders hoch, den Aufschlag, weil „der hätte ja auch keine Kalkulation auf Geschäftsmann“ und er sei immer so nett gewesen, dieser Bestatter, halt Einzelfirma, die man unterstützen wollte. Ich sage, dass mag sein, dass er nett war, nennt man aber Betrug und frage mich auch, warum die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Krematoriums meine Tante jucken sollen, mit denen hatte sie gar keinen Vertrag, wie sollen die Wirksamkeit entfaltet haben ihr gegenüber? Ich bitte um Begründung der Forderung bzw. der Inanspruchnahme vertragsfremder Personen.

Ich hänge erst mal das Plakat vom Film: Die Reise ins Glück, was mir Detlef damals geschenkt hat im Büro auf. Jetzt hängt es neben dem Wiener Wald und einer alten Sprengelwerbung, die ich dem Sprengelkino vermachen wollte, „India“ mit dem Thema „Schlaraffenland“.

Reise ins GlückKüche kalt Wienerwald Sprengel India

Ich schaue nach, wann der Film in die Kinos kam. Ich verbinde ihn mit einem Umzug in die Rodenstraße und einer Lungenentzündung meinerseits nachdem ich bei nass-kaltem Wetter den Keller in der neuen Wohnung verputzt habe. Ich saß im Kino und schaute „Sommer der Liebe“ und merkte wie ich sehr hohes Fieber entwickelte durch unangenehmen Schüttelfrost. Lang ist es her-

Meine Lieblingsfilme:

1)     Moonrise Kingdom

2)     Grand Budapest Hotel

3)     American Beauty

4)     Don Jon

5)     Die Reise ins Glück

Gut irgendwas von Jim Jaursch, z.B. „Down by law“ oder „Night on earth“ oder „Mystery Train“ oder „Stranger than Pardise“ oder alle inklusive „Permanent Vacation“ und „Ghost Dog“ bis hin zu Broken Flowers, den ich als ersten von ihm doof fand, müssten auch auf die Liste auftauchen sowie „The Big Lebowski“ und aber auch „Pierrot le Fou“ mit Jean Paul Belmonde, den ich sehr geliebt habe. Den Film habe ich Mitte der 80er mit meinem damaligen Freund quasi nachgespielt bzw. wir hatten das Paar als Vorbild und haben oft daraus zitiert. Ich sage nur: „wir ernähren uns vom Fischfang und von der Jagd.“ „Die Reise ins Glück“ haben Stephan und ich sehr oft zitiert und Dinge gesagt wie: „dem werde ich erst mal einen vor den Ständer kleistern, Alter“. In Hamburg, im Artisan damals, unserem Lieblingsrestaurant der Stadt dachte man, dass Menschen aus Hannover so reden würden.

In der Mittagspause Rückruf der Ärztin. Interessiere mich aus aktuellem Anlass für alte Befunde. Sie haben nur ab 1999. Sie bietet an schlägt mir vor, dass wir uns mal über einen Wechsel in der Therapie unterhalten.

Mein erster Streikausfall. Mein Betreuter aus Ronnenberg merkt eine Viertelstunde nach der vereinbarten Zeit, dass er heute nicht zu mir kommt, da er neben dem Regio-Bus auf die üstra angewiesen ist, ab Empelde dann. Er schickt mir die Sachen per Post und wir machen den Ersttermin bei Amt nächste Woche gemeinsam.

Andras testet in Wien Alternativen zu Meixners. Ich habe echte Probleme damit diese Aufgabe zu delegieren. Ich schlage meinem Mann das Prilisauer in Hütteldorf vor und er wendet ein, dass wir dort vor 12 Jahren zuletzt waren und ich sage, ja, die gibt es aber schon seit 1882, 12 Jahre ist quasi gestern. Außerdem gefällt mir bei den Öffnungszeiten der Hinweis: „Die Sperrstunde gestalten wir flexibel“. Die Ahnengalerie ist auch ganz nach meinem Geschmack, vor allem der Ignaz sah spitze aus, Hermann, bis 1972 aber auch. Gut, die Einrichtung ist schlimm, aber das gehört auch dazu und vielleicht können wir im Biergarten sitzen. Das wäre optimal.

Wir gehen zu Serdar Somuncu und der Typ ist wieder brett. Er trägt nicht nur einstudierte Texte vor, sondern lässt das Saallicht anmachen und stellt sich dem Publikum. Superleistung, es ist schlagfertig, sympathischer Typ. Die tun mir leid, die seine Rolle mit seiner Person verwechseln. Beim Beyonce Konzert die Leinwand mit dem Handy abfilmen, das sei wie beim Vögeln einen Eimer über das Kondom zu machen, falls es platzt, fand ich z.B. sehr gut gesehen. Auch mein Flirt im Kaftan von neulich mit der Weg-in-Paradies Internetseite taucht auf. Die empfehlen eine Züchtigung von Frauen, die unzüchtige Gedanken haben. So was hätte ich mir denken können. Schön auch, wie er über die Leute hetzt, die kerngesund und dynamisch in den Sarg springen wollen. Lieber sich vorher alles geben und dann ziemlich lädiert und angefressen reinfallen, das wäre auch leichter und würde mehr Spaß machen.

Wir gehen noch was Essen. Ich habe Angst, dass es zu spät ist, aber der Laden ist voll, eine Altenpflegemesse wie wir erfahren. Ich esse Wolfsbarsch mit saurem Gemüse, sehr lecker und eine Flasche Wasser dazu, habe Durst. Der Koch, der immer sehr unsicher wirkt, wenn er mit uns spricht sagt, dass er uns so zusammen noch nicht kennt. Wir sind mit unserem Hausnachbarn unterwegs wie in alten Zeiten. Wir sitzen schön aufgereiht nebeneinander auf der Bank und glotzen in die Küche. Sehr netter Abend, den ich in vollen Zügen genieße.

26.03. Eine Runde schlechte Laune in der Bar. Mein Mann hat die neuen Möbel geliked auf Gesichtsbuch und ich würde immer am althergebrachten Festhalten. Dann Zeitungslektüre. Ich finde es verwunderlich, dass ein Zoo Löwenbaby tötet, weil ich annehmen würde, dass es dafür Abnehmer gibt. Er findet was ich auf dem Kopf habe verwunderlich. Ich blute und verstehe keinen Spaß.

Kein Aufräumtermin, Betreute hat sich krank gemeldet. Angeblich würde die üstra die ganze nächste Woche streiken. Meine Hasskandidatin aus der Weinstraße ruft an (eine Sozialpädagogin oder so) und stellt mich auf laut. Sie will Herrn Ihme, der zeitgleich bei mir einen Termin hatte und natürlich nicht kam, kein ambulant betreutes Wohnen bewilligen bzw. dem Kostenträger empfehlen das nicht zu zahlen, weil der Betreuungsgutachter eine Unterbringung empfohlen habe und ich das gefälligst machen soll. Ich sage ihr, dass sie sich als Berufsbetreuerin bewerben könnte und dann könne sie alles anders entscheiden. Ich sage ihr, was ich mir dabei denke und das hat was mit Vertrauensverhältnis aufbauen zu tun und sein Arzt gibt mir recht und da war er erst zur Depotspritze und ich gebe mir hier durchaus viel Mühe und erwäge sorgfältig. Eine Unterbringung beantragen ist meine leichteste Übung, die 3 Minuten dauert.  Ich rufe den Gutachter an, der mir nun Recht gibt und sagt, das sei der Königsweg, einvernehmlich und die Chronifizierung ohnehin kein Unterbringungsgrund nach der Rechtsprechung des BGH, quasi schlechtes Argument und stumpfes Schwert. Er will kostenlos noch ein Ergänzungsgutachten für das Gericht schreiben. Ich rufe die Bitch noch mal an und sage, sie könne mich ruhig auf laut stellen und dass sie nicht glauben solle, dass sie die Akte los sei. Ich habe dann so richtig Killerinstinkt in so einer Situation und bleibe da richtig dran und lass mich nicht wegbeißen oder vom Weg abbringen und ich weiß, ich bin gut dabei.

Seine Oma will ihm Morgen Geld und einen Zettel in den Briefkasten werfen, dass ich Freitag um 9 Uhr vorbeikommen und mit ihm im Taxi zum Gericht fahren will. Sie ist zuversichtlich, dass er das liest, weil er an das Geld will. Ich versuche es selber bei ihm, aber finde die Wohnung nicht im Hochhausblock und die Flurtür ist abgeschlossen. Die Flure sehen aus wie in Shining und es ist etwas gruselig. Jetzt will ich mich Morgen mit der Oma dort verabreden, dass ich wenigstens eine Chance habe, dass es Freitag klappt. Ich hasse es, wenn ich die Dinge nicht im Griff habe.

Mittagstisch. Ständig Gastro zur Ablenkung.

gemischter Mittagstisch Rossini

Die Bahngleise sind der neue Fahrradweg. Hier auch zwei blöde Bitches mit am Tisch. Bekommen Extrawürste, die nicht auf der Karte stehen. Eine Art Gemüsecarpaccio aus Rohkost mit Parmesan und einer Extramarinade. Es gibt ja Leute, die können aus Scheiße Gold machen, umgekehrt gibt es auch. So eine sitzt mir gegenüber. Trägt eine Prada Brille und eine Louis Vuitton Tasche und beides sieht im Gesamtbild aus wie billiger, geschmackloser Müll. Das Hauptgericht kommt, gebratener Lachs auf Salatbett und sie findet, der Fisch sieht nicht gut aus. Ist das Eiweiß ausgetreten? Das kann sie nicht essen. Die Chefin wird herzitiert und rät – ganz pragmatisch – den Fisch umzudrehen. Dann würde man es nicht sehen. Für so was habe ich kein Verständnis. Beim Zahlen mache ich mich lustig und sage, meine Sebadas sahen komisch aus, wie ein Klumpen auf dem Teller und da waren weiße Eingeweide drin, wie dickes, weißes Blut. Sie guckt erst komisch und dann muss sie lachen.

Ich mache heute keine Umkehrstellungen und sage auch ruhig warum, wenn es einer wissen will.

Um 17 Uhr ruft Herr Ihme an. Er ist nebenan bei dem ambulanten Wohnbetreuer. Er hat nichts zu essen und war heute den ganzen Tag unterwegs. Ich sage, seine Oma wolle ihm morgen was vorbeibringen, sie kann heute nicht wegen des Üstrastreiks. Ob ich ihm bis Morgen was leihe. Ich sage ja, aber nur 5,- €, damit er für Morgen motiviert sei. Ich muss leider so agieren. Als er kommt bin ich ziemlich genervt und als er immer „ja, natürlich“ und „ja, klar“ und so sagt, sage ich, er soll mich nicht verscheißern. Ich bräuchte keinen Papagei, der immer ja sagen würde, nur leider klappt nichts. Dann würde das ja, ja wie leck mich am Arsch klingen. Er will noch zu seinem Strafverteidiger und ich biete ihm an, dort anzurufen oder ein Fax zu schicken oder eine Email, weil doch der Streik ist und wie soll er dort hinkommen. Er lehnt ab. Dafür gibt er mir einen Wohnungsschlüssel und ich bin sehr glücklich darüber. Er vertraut mir, weil ich ihm auch sage, dass ich ihn nur abhole zum Termin und weder einweise noch ihm eine rein haue. Er sagt, ich soll darauf aufpassen und es sei gut, dass ich einen habe. Ich habe einen großen Schritt nach vorne getan und bin das erste Mal zuversichtlich, dass wir die Kurve kriegen werden. That „made my day“ wie man auf Englisch sagt.

Und ja, alle Pussies gehen zum Yoga (Zitat Serdar Somuncu). In der ersten Session Kundalini falle ich in ein Zeitloch und 1 Stunde ist wie 10 Minuten, ob das gut oder schlecht ist kann ich gar nicht mal sagen. In der Meditation begegnen mir tote Menschen, Verwandte und Betreute und ich spiele mit ihnen wie mit Puppen, die sitzen am Tisch und ich serviere ihnen Tee, wie man das früher mit seinen Teddys und Puppen gemacht hat. Ich liebe den Atem. Das ist für mich das Tollste überhaupt, weil man ihn beeinflussen kann, zugleich er ganz viel beeinflusst und zugleich ist er eine unbewusste Kraft, wie Herzschlag, so dass er auch automatisch funktioniert, diese Mischung aus Steuerung und Automatik finde ich spitze. Vor dem 11 A parken sie so bescheuert, dass man kaum durch kommt mit dem Fahrrad. Nicht Anzeige, Selbstjustiz fällt mir dazu ein. Zuhause wartet ein Packet aus England. Als ich den Absender meiner Cousine sehe, weiß ich, dass da Sainsburys Kekse drin sind und so ist es auch. Große Freunde. Das hilft die Zeit zu überbrücken, bevor man wieder selbst in dem Land einkaufen kann.

Dann suche ich einen Yogaschlüsselbundanhänger für den mir anvertrauten Schlüssel für eine Schließanlage. Die hatte ich in einer manischen Phase gebastelt aus den Sprüchen auf den Teebeutelanhängern im Yogi-Tee. Mir gefällt: „Ein weiser Mensch sieht alle Wesen als eins mit ihm.“ Ich entscheide mich dann aber für ein stabileres Exemplar. Er hat unten ein Apothekenanhänger aus Metall und dazwischen Perlen und Fimo mit dem Spruch: Genieße den Atem des Lebens. Auch gut, denke ich mir.

27.03. 7 Uhr ist meine neue Uhrzeit. Statt morgens Sport zu machen, daddel ich rum. Das muss ich vielleicht noch optimieren. Ich überlege, mich zu einem Tanz-Improvisationsworkshop anzumelden. Das ist bestimmt mein Ding. Ich mag es mehr als eine fest Choreo, wo die Übungen vorgegeben werden und alles niedlich oder sexy ausschauen soll, aber vorgegeben, lieber experimentieren und ich habe in Sachen Tanz auch ein gutes Selbstbewusstsein und es macht mir Freunde, also ran!

Erst Büro und einige Telefonate, dann fahre ich zu dem Hochhaus. Von der anderen Seite der Straße sehe ich die Oma des Betreuten schon stehen und auf mich warten. Sie trägt Turnschuhe und löst ihn gleich aus, zahlt seine Schulden bei mir. Er macht auf als wir klingeln. Die Wohnung ist etwas desolat und er krickelt viele Sachen an die Wände, die mit seinen Alpträume von Spinnen aus dem Weltall, die die Menschen betäuben und dann aufessen und die Erde dreht sich und unten hängt eine dicke Spinne daran und den Illuminaten zu tun haben.

bemalte Wand

Ich genieße den Blick. Es ist wie von oben in das Gehirn meines Stadtteils hineinschauen, die Straße, die ich immer fahre und die Häuser und Straßenschluchten von oben. Ich finde es sehr interessant und sage ihm, dass er immer sehen kann, wie ich angefahren komme mit meinem Rad. Dann schlage ich ihm vor, dass wir an diesem sonnigen Tag gleich zusammen zum Arzt gehen. Er sucht lange nach seinem Socken, die sind aber alle schwarz. Überhaupt sieht er etwas aus wie ein Täter der Columbine Highscool. Er hat auch einen bodenlangen, schwarzen Ledermantel, der aber SS-mäßig ausschaut, wie er selber meint. Damals in der Jugend-WG habe man ihm nicht geglaubt, dass er den rechtmäßig erworben hat und den Bullen hätte er die Quittung gezeigt, aber dann hat man ihn trotzdem rausgeworfen. Er hat das Hausverbot, aber nicht wegen Klauen will seine Oma wissen, nein, weil er eben über 18 ist und da immer heimlich Freunde besucht hat als er nicht mehr dort wohnte. Er wählt die braune Kunstlederjacke, an der der Reißverschluss kaputt ist. Auf seinem Nachttisch liegt ein schwarzer Klumpen, der lehmig ausschaut, wenn das Drogen sein sollen, dann wäre es ein Rohdiamant in der Größe eines Golfballes. Ich glaube nicht daran. Von Omas Geld wird erst mal Tabak gekauft. Chesterfield hat der Kiosk nicht, er will den Tabak anfassen und entscheidet sich für eine poppige Packungen in pink und grün „blow up“ oder so. Ich will ihn jetzt nicht mehr loslassen. Wir gehen kurz bei mir im Büro vorbei und er raucht auf dem Balkon. Ich mache ihm Kaffee und melde uns beim Arzt an. Wir gehen zu Fuß zum Arzt, ich schiebe mein Rad, weil ich faul bin, wie ich ihm erkläre. Er sei Mittelalter und Fantasy-Fan. Games und Musik. Das sah man an den Sachen in seiner Wohnung, eine Tussi in Lederfetzen mit Vampirzähnen hängt an der Wand als Zeichnung. Da gab es mal eine schlechte Serie. Zenia oder so ähnlich hieß die „Heldin“, aber es war eine Schauspielerin. Er macht sich Sorgen um eine Wetterstation, irgendwas mit Milliampere, die da fließen und ihn beeinträchtigen und ich denke nur, es ist ein Windrad, wen interessiert das. Das muss anstrengend sein, wenn man sich von alledem so beeinträchtigt fühlt.  Im Wartezimmer machen wir den „welcher Fahrradtyp bist Du“ Test, der für etwas Ablenkung sorgt. Der Arzt gähnt viel und ist angeschlagen. Er überfliegt das Gutachten und sagt, dass die Kliniken immer hochdosiert anfangen, 2 x Haldol am Tag (das sei unrealistisch) und dann runterdosieren. Er sei ja jetzt schon besser drauf als letztes Mal. Er will es umgekehrt machen. Wir sind einverstanden. Mein Betreuter berichtet, dass die Spitze letztes Mal auf seine Wirbel gedrückt hätte und die Flüssigkeit in einem Kammer drin war. Er sei zu verspannt gewesen. Er habe das Medikament im Mund geschmeckt. Der Arzt sagt, das sei ein öliges Zeug. Die Frau des Arztes verabreicht die Spitze hinter einem Duschvorhang. Ich höre, wie sie sagt, dass er ganz fest mit beiden Händen die Stange drücken soll. Das dient wohl dazu auf einem Bein zu stehen und das andere zu entlasten und damit die Pobacke zu lockern. Sie sagt, „so klappt es, wenn wir zusammen arbeiten“. Sie schreibt mir die Krankenkasse auf und meiner bleibt einfach in der Kabine bis man ihn rausholt. Er ist ein echtes Lamm. Erst rufen wir seinen Namen und antwortet, aber man muss erst den Vorhang zur Seite ziehen bis er raus kommt. Ich fühle mich an die Youtube Videos mit Hunde erinnert, die kläffen, wenn man eine „Mauer“ aus Bananen um sie herumlegt, weil sie glauben, dass sie jetzt eingesperrt sind. Es war ein Dackel meines Wissens. Wir haben jetzt einen Spritzenpass und den nächsten Termin in 2 Wochen. Da gehe ich noch mal mit.

Combur und Combi Screen

Letzte Station ist das ambulant betreute Wohnen. Da schauen wir vorbei und bringen die auf den neusten Stand. Das Haus ist sehr schön. Mit mehreren Dackelbildern im Treppenhaus.

gemalter Hund mit Ball

Ich war noch nie drin obwohl es gleich um die Ecke ist. Die Mitarbeiterin spricht mich gleich auf einen anderen gemeinsamen Fall an. Ich sage, dass ich das Kostenanerkenntnis bald im Sack haben wird und wenn es angelaufen ist, wäre es sinnvoll, dass ich meinen Schlüssel vielleicht abgebe an den Sozialarbeiter, weil der werde viel mehr Termine mit ihm haben als ich. Das will er entscheiden und erst mal soll ich ihn behalten (der Schüsselbundanhänger ist auch zu schön).

Atem des Lebens

Wir reden über essen, weil er immer keines hat. Ich sage, er ist groß und jung und schlaksig und braucht viele Kalorien, mindestens 2500 am Tag. Die Fertiggerichte, die er mir nennt von Netto und Lidl sind suboptimal, weil leckerer, gesunder und billiger ist selber kochen. Ich rate ihm einen Sack Reis zu kaufen. Er lacht. Die haben in dem Haus eine Kochgruppe, die ich ihm ans Herz legen will. Davon will er allerdings nichts wissen. Es sei auch Geschmackssache stellt er fest und meint damit, dass ihm die Fertiggerichte besser schmecken, Nudeln mit Käse-Sahne-Sauce oder Lasagne Bolognese. Hier kommen wir auf keinen grünen Nenner. Wenn ich arm wäre und hätte viel Zeit, würde ich mich echt aufs Kochen konzentrieren. Ich würde Gnocci aus Kartoffeln und Mehl selber machen und alles Mögliche ausprobieren und jeden Tag trainieren. So viel steht fest. Es war dennoch ein guter und sehr erfolgreicher Tag. Wie immer, etwas zu fest drückt er meine Hand und wir einigen uns, dass ich Morgen doch um Viertel vor 9 vorbei komme, weil er noch Socken suchen muss und wir zusammen Bahn fahren statt Taxi. Sein Schlüsselbund an meines gehängt, zumindest bis Morgen.

Überall ist Girls Day. Im 11 A, der Rotkohl mit Sauerbraten und Serviettenknödel ist sehr lecker sowie die Königsberger Klopse und preis-leistungsmäßig über dem Piu, die mehr Kantinenessen machen und immer die Tomaten-Sahne-Einheitssauce verwenden. Hier wird man von kleinen dünnen Schülerinnen bedient, die dann weghüpfen vor Freunde, wenn sie den Kaffee erfolgreich abgestellt haben. Im Schaufenster vom Öko-Kinderladen sind auch welche, 2 Stück und dekorieren neu und im Büro bei uns auch. Überall, der Stadtteil ist voll mit Girls. Unsere interessiert sich für den Beruf der Strafrichterin und will wissen, was Anwälte so machen. Ich mache gerade stumpfsinnige Forderungsberechnungen. Das machen Anwälte, echt dröge Unterhaltsrückstände ausrechnen und Zahlungen verrechnen. Macht zum Glück das Programm, aber man muss es auch bedienen können. Bin leider zu blöd die Zahl richtig abzuschreiben und nenne den Gesamtbetrag als noch offen. Das führt immerhin dazu, dass der Kollege mich gleich 2 Minuten nachdem das Fax durchgegangen ist anruft. Auch nicht schlecht.

Meine Betreute, die in der Frauenunterkunft wohnt hat Wohnungsbesichtigung. Wir gehen auf ihren Yahoo Account und drucken die Selbstauskunft aus. Ich drücke ihr die Daumen.

Elisabeth Taylor stinkt ganz doll nach Parfum und hat eine Douglas-Tüte dabei, die sie mir schenken will, aber nur die Pappen, weil ich die bestimmt gebrauchen kann. Ich lehne ab. Sie war auf der Intensivstation. Ich frage was war. Sie hat sich als Schülerin ausgegeben und denen erzählt ihre Lehrerin habe gesagt, sie solle hier einen Monat ein Praktikum machen. Wir sprechen von einer grell geschminkten und krass zu Recht gemacht ca. 30 jährigen Frau. Die Gedankensprünge sind heute wieder eins A. Die hübschen Syrerinnen, mit denen die Deutschen Männer ins Bett wollen, aber die wollen sich nur sexy anziehen, aber keinen Sex mit ihnen machen und die wollen auch nicht ein männliches Ichweißschonwas in den Mund nehmen, nur weil sie Hunger haben. Die wollen lieber noch bei ihren Vätern leben. Dann geht es um diese Fotoshootings bei Douglas. Alles wollen gut aussehen, und schön sein und sexy Klamotten haben und Lifestyle und eine tolle Wohnung und ein großes Auto und einen Mann, der Macht und Geld hat, einen Staatsanwalt oder so was, aber was wollen sie damit? Sie investiert lieber in ihre Wohnung und streicht da noch mal oder renoviert da eine Runde, zumal sie für Modell auch nicht die Figur habe. Die Mitgliedschaft im Taubenzuchtverein kostet nur 3,- und als ich sie frage: und was wollen wir da drin, sagt sie, dass sie in letzter Zeit 3 tote Tauben gefunden habe und eine habe sie gestern beerdigt mit ihrem Handy. Sie reicht es mir und ich denke, ich bekomme ein krasses Foto zu sehen und dabei will sie mir zeigen, dass lauter Erde und Dreck tief zwischen den Tasten sitzt. Sie hat es offenbar als Schaufel benutzt. Zum Abschied sagt sie mir, ich werde verfolgt und sie weiß auch schon von wem und will Morgen zum Gericht gehen und das klären. Ich sage, Hauptsache sie klärt das mit ihrem Abo und der Umstellung auf die Mobil-S Monatskarte.  Das Gespräch hätte der Siebtklässlerin doch nur Angst gemacht.

Jim Jarmusch. Bitte sei wie früher und enttäusch mich nicht.

Auf dem Weg zum Sport fährt eine S-Bahn, altes grünes Modell, Linie 10 mit offener Fahrertür, Höhe Glocksee. Die Bahn fährt vermutlich in das Depot, weil die Tür klemmt, außerdem sind keine Fahrgäste drin, aber es sieht lustig aus, als würde die Fahrerin cruisen vor lauter guter Laune und gutem Wetter. Direkt hinter der Kabine hat sie quasi fährt sie open air.

Ich bin doch durch mit Jim. Am besten gefallen haben mir die Bilder aus Detroit. Die Prunktheater, die heute Parkgaragen sind, aber die kannte ich schon und zwar in besser von der Lumix. Die Geisternachbarschaften waren auch schön. Er kann gute Stimmungsbilder aus Amerika einfangen und diese fallen eben düster aus heutzutage. Es kamen wohl viele Fördermittel aus Deutschland für den Film und die Deutschen mögen auch die Vampirgeschichten. Ich finde die Geschichte vor allem unlogisch an so vielen Punkten. Nicht, dass ein Film logisch sein muss, auch die „Reise in Glück“ arbeitet durchaus mit Fiktion, aber es kommt ja darauf an, ob man dem Ganzen was abgewinnen kann. Wenn man lange genug lebt, kennt man auch wirklich alle Berühmtheiten von Newton über Shakespeare. Gut hat mir in dem Zusammenhang der Satz gefallen, den Adam sagt über die Nachtclubsängerin, die er so gut findet, dass er hingerissen ist von ihr als Eve meint, dass sie sehr talentiert sei und eine Berühmtheit wird, „hoffentlich nicht, dafür ist sie viel zu gut“. Von seinem ganzen Geld kauft sie ihm ein Instrument. Auch nicht so romantisch. Diese Vampire sind Nichtraucher und haben einen Haufen Geld, wie Verbrecher und verschiedene Pässe, wie Agenten und planen dabei für die Zukunft, wie kleine Bausparer der Unsterblichkeit. So kommt es mir vor. Die Liebesgeschichte berührt mich nicht. Es sind zwei Schauspieler, die verliebte Vampire spielen und Lederhandschuhe tragen und dunkle Sonnenbrillen. Er darf seine Instrumente nicht mitnehmen auf die Reise, weil es überall Instrumente gibt, aber sie darf sich die Taschen voller Bücher packen. Das ist ja wohl ungerecht. Die Nachbarn in der nordafrikanischen Heimatstadt hauen sie jeden Abend auf Drogen an. Das müssten sie doch langsam wissen, zumal die weißblonde Frau doch irgendwie auffällt in der Umgebung, aber sie scheinen sich das Gesicht nicht merken zu können. Ich könnte mir ein Leben nur bei Nacht eh nicht vorstellen, bin eher ein Tagmensch. Ach ja, was mir noch gefallen hat war das Stinktier.

28.03. Ich werde wach und habe doll Schmerzen am Brustbein. Es ist erst Viertel vor 6. Muss ich heute ins Krankenhaus und kann meinen Termin beim Gericht mit Gutachter nicht wahrnehmen oder mache ich das trotzdem. So etwas hatte ich noch nie. Im Gästebett schlafe ich noch mal ein und werde von Alpträumen geplagt. Lauter Katastrophen passieren. Auf einmal habe ich auch lauter Pusteln auf dem Rücken. Ich will den Arzt von unten das zeigen, der zu Besuch ist, lasse es aber lieber. Heißes Wasser, mit dem ich mich verbrühe. Sachbeschädigung, die ich am Eigentum anderer Menschen ausversehen begehe. Habe heimlich eine kleine Ratte oder schwarze Maus gehalten (Simpsons Folge mit Lisas Meerschweinchen hängt mir nach), ich vergesse immer sie zu füttern und sie beißt mich dann, ein Aquarium mit einer Riesengarnele, vor der ich auch ekele und nicht weiß, wie ich das sauber machen soll. Durchbruch zur Küche mit Kabelsalat (siehe Vampirfilm) und auf der Mehrfachsteckdose lauter Babymäuse. Scheiße, die haben sich vermehrt. Es gibt eine Plage und was soll ich tun.

Nach dem Erwachen bespreche ich kurz die Möglichkeit, dass es was Ernstes ist, weil ich finde, dass man Schmerzen in der Brust seinem Partner mitteilen sollte, im Bein muss man nicht, damit er mich beobachten kann, ob ich was Komisches mache. Schlussendlich tut es weh beim Anfassen oder tief einatmen, bei Bewegungen und beim Niesen besonders und fühlt sich an wie verlegen.

Ich hole meinen Betreuten aus dem Bett. The Voice, the Kids läuft im Fernsehen. Er zeigt sich viel mit nacktem Oberkörper und meint, dass er wieder trainieren muss. Ich sage, er soll sich anziehen, wir müssten los. Ich leihe ihm Geld für eine S-Card und ein Tagesticket. Er folgt mir gut, ist manchmal etwas langsam von Kapee, aber er merkt, dass wenn nur ein Sitzplatz frei ist in der Bahn, wir stehen, wenn am Kröpcke welche aussteigen und zwei gegenüber freiwerden, setzen wir uns und zwar ohne darüber zu reden. Den Gutachter mag er nicht und sagt ihm, dass er Haldol nicht empfehlen könne, davon komme man schlecht drauf und es dämpft sehr, wenn man eine Psychose hat und ich denke mir, dass kann sich der Mann mal anhören, der immer nur empfiehlt, dass sich andere das spitzen lassen, aber es sich nicht selber verabreichen würde. Er wird von der Richterin gefragt, wie die Zusammenarbeit mit mir klappt und er sagt, dass ich noch nicht so lange mit ihm zusammenarbeiten würde, aber es sei angenehm für ihn, jemanden zu haben und es helfe ihm auch besser zu träumen, weil er sich dann einen Menschen vorstellen kann. Leider sagt es mehrfach, dass er vor 2 Monaten bei der Spritze war (was gestern passierte) und in 2 Monaten wieder zur Spritze gehe, dabei ist der Termin in 2 Wochen, aber das sind Kleinigkeiten aus meiner Sicht. Er sagt selber, dass seine Konzentrationsfähigkeit nicht so gut sei. Die Betreuung wird für 3 Jahre eingerichtet (statt für eines). Er weiß, dass die Betreuer früher nach Aufwand abgerechnet haben. Ich sage ihm, dass es jetzt pauschaliert sei und ich viel machen würde zur Zeit, aber die Hoffnung hätte, dass sich das einspielt und weniger wird und das bestätigt er und meint, dass das ambulant betreute Wohnen viel übernehmen werde. Diese Einsicht beruhigt mich. Er will noch einen Kaffee mit mir trinken im Backshop, wo es nicht so teuer sei. Ich schlage mein Büro vor, wo es nichts kostet. Er mag den löslichen am liebsten mit Karamellgeschmack. Der sei so einfach, den müsse man nur in heißem Wasser auflösen. Der hat auch seine Zähne alle zerfressen wie kleine Milchzähne. Die Regio S Card hat er benutzt um Tips zu rollen für Joints. Das sei früher gewesen. Ich sage ihm, dass kiffen nichts für ihn sei bei seiner Erkrankung und das läge nicht daran, dass ich das Zeug verteufeln würde, aber er sei nicht für jeden geeignet. Das sei wie bei einem Epileptiker, der darf nicht in die Disko wegen des Stroboskops, was für uns total harmlos sei, könne hier einen Anfall auslösen und so sei das bei ihm und dem THC. Er solle die Finger lieber davon lassen. Er sei Computerfan und kenne sich aus, nur die alten bekomme er nicht zusammengeschraubt, die seien zu staubig und wenn er einen besten Freund hätte, wäre das ein Computer. Einen guten bekomme man schon für 200 €. Er ist mir wieder zu kompliziert, wie er es nicht schafft einen Briefumschlag ans Jobcenter zu adressieren. Ich sage, er merke doch, dass ich denen gerade ein Fax geschickt hätte wegen der Regio S Karte und nehme ihm das Anhörungsschreiben wegen der Kürzung der Leistungen weg zur weiteren Bearbeitung. Er will wissen, ob ich mein Fahrrad noch mit abhole was bei ihm vor der Tür steht. Ich lehne ab, das erledige ich später und mit dem Bus. Ich bin sehr faul bzw. wie ein Rollstuhlfahrercyborg, d.h. ohne Fahrrad ist für meine jede Fortbewegung sehr anstrengend. Das sieht er ein. Wir sehen uns wieder zum Spritzentermin. Ich entkoppele unsere Schlüsselbunde. Später fahre ich Bus und denke viel an Serdar. Eine junge Frau an der Bushaltestelle spricht fließend Türkisch und dann kommen einzelne akzentfreie Deutschbrocken in den Sätzen vor wie „Jugendamt Papendamm“. Sie kommt von der Arbeit und muss sich beim Arbeitsamt melden, heute sei der letzte Tag und scheiße, die haben nur bis 12:30 Uhr geöffnet. Ja, Alter, „die haben ihr sogar extra Post geschickt“. Dann geht es weiter auf Türkisch und das Wort „Brustwarze“ kommt darin vor und „Pilz stinkt normalerweise“. Ich muss nur eine Station fahren und bekomme ganz schön viel Unterhaltung dafür. Eine Frau aus einem Auto strahlt mich an. Ja, mein Delfinhütchen macht gute Laune. Ich muss dabei immer an Janine denken, die von ihren Rezept für Delfinsalat gesprochen hat, wenn es um einen Beitrag fürs Büffet ging.

Ich will die Kammermitteilungen erst gar nicht öffnen. Steht sowieso nichts drin was mich interessiert. Dann das, mein Ausbilder ist am 03.03.2014 verstorben nach kurzer, schwerer Krankheit. Er war im Vorstand. Er war damals Fan von mir und auch danach hatten wir beruflich noch die ein oder andere Überschneidung. Er war nicht bei allen beliebt, konnte aber gut einstehen für Mandanten und die Richter hatten Angst vor ihm. Er ist aufgestanden, wenn er was gesagt hat und das alleine hat bei 190 und großer Körperfülle, sowie sonorer Stimme Eindruck gemacht und dann hat er ganz bestimmt, langsam, ruhig, aber mit Nachdruck gesprochen.

Meine Mutter hat es einen Stich ins Herz versetzt, dass ich ihr sagte, meine Liebe gilt den psychisch Kranken, so wie ihr den geistig Behinderten oder statt den geistig Behinderten. Warum stört sie sich daran? Ist das nicht als würde man aus einer Hundeversessenen Familie stammen und jetzt Borderterrier züchten statt Pudel.

Claudia kommt Morgen vielleicht zu dem Fünfzigsten Geburtstag. Ich sage, sie kann ruhig spontan sein und muss weder rechtzeitige Ankündigungen beachten noch mit Stornogebühren rechnen. Wir kennen uns ja gut genug.

Nach dem Sport sehe ich das hässlichste Fahrrad der Welt, in lilametallic. Ach Du scheiße, meins ist auch lilametallic, aber dieses hat einen Namen und heißt „Supervisor“. Brauchen Fahrräder Namen?

Oliver Polak war so was von grottenschlecht, dass ich meinen Kollegen beneidet habe, der Kinderdienst hatte und seine Karte verfallen lassen musste. Gut, es war nett mit unserem Nachbarn am Tresen zu sitzen und Wasabi-Erdnüsse von Rewe zu essen, aber so ein unlustiges Programm habe ich noch nie gesehen. Kein einziges Mal gelacht, geärgert, dass man erst vor der Zugabe und nicht schon viel früher gegangen ist. Wahnsinn, wie schlecht das war. Schad ums Geld, noch mehr schade um die vertane Zeit und die an Körperverletzung grenzende Bezeugung des Auftritts. Das Aftershowessensprogramm von Serdar wiederholen wir bei Beckmanns und versuchen den früheren Abend zu vergessen. Der Nachbar ist jetzt auch nach Wien eingeladen. Das Pipilotti Rist Hotel soll sehr gut sein. Stephan zeigt mir die 40 cm Ratte, die unter einer Spüle in Australien gefunden wurde und das am Tag als ich morgens meinen Ratten/Maus-Traum hatte!

Ich beschwere mich, dass es keine Tanzveranstaltungen mehr gibt, bin aber zugleich zu müde um noch ins Broncos zu gehen. Der Nachbar nicht. Wir sagen Tschüss am Schwarzen Bären.

Wien – der Fortsetzungsroman

Ohh Gott, entgegen der BM-Regeln wird jetzt noch mal über den zweiten Wienbesuch im Februar berichtet, also entgegen der chronologischen Reihenfolge und eine weitere Gesetzesänderung, ich mache das Abschnittweise, quasi Fortsetzungsroman, damit der Text mit Fotos nicht so lang wird, weil es mir angenehmer ist und vielleicht auch dem geschätzten Leser.

Es ist der 21.02. und in meiner Küche hängen die Misteln.

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Ich arbeite nach einem Horrorvormittag nur bis 14 Uhr. Sunla schreibt eine SMS, dass wir Puschen mitbringen sollen, weil sonst die Socken staubig werden. 1. Was heißt staubig und 2. Kann man die Socken nicht im Zweifel besser waschen als die Hausschuhe. Papalapap, Socken müssen reichen. Da heute ein großer Tag der Unzufriedenheit ist bedingt durch meine dienstlichen Termine, überlege ich auf dem Weg zum Flughafen mit was ich an mir zufrieden bin und weiß es auch, mit meinem Mund. Er macht, geschminkt, einen geradezu vorbildlichen Kussmund auf Papier, wie es optimaler nicht sein könnte. Wenn ich auf Papier küsse, sieht das aus wie Bilderbuch. Wir haben Karten fürs Burgtheater, das Wetter soll sonnig werden und um 20 Uhr einen Tisch im Meixners. Meine Laune wird sich bessern. Jetzt ist Wunden lecken angesagt. Manchmal denke ich als Anwalt wird man dafür bezahlt, Schläge einzustecken für den Mandanten. Stephan hat die Tupper für die Strudelorgie vergessen. Das ist nun eindeutig seine Aufgabe. Er will mal mittags ins 11 A und zwar dann, wenn er will und nicht wenn wir mit einer Freundin dort ohnehin verabredet sind. Ist mein Mann in den Wechseljahren? Wir wollen Günter treffen, der am Flughafen arbeitet, allerdings nicht in der Abflughalle zu sehen ist. Mein Mann läuft mit versteinerter Miene hin und her. Ich rufe Günter an und er isst gerade was in Terminal B, backstage. Jetzt holt sich Stephan auch was zu Essen und ich hoffe, seine Laune wird besser. Wir gehen vor die Tür, weil Günter rauchen will. Er hat bald fast einen Monat Urlaub und fährt nach Asien. Er ist voller Vorfreude. Ich zähle die Seiten in meinem Wientagebuch. Es sind noch 50. Das reicht für viele Reisen, mindestens noch zwei, aber es wird immer dicker und enger. Am Flughafen ist immer so ein Shop mit Manna-Sachen, aber die Waffeln schmecken nicht. Ich hätte gerne einen Sport-BH in der Manna-Hautfarbe mit blauer Schrift. Das wäre cool. Wir landen und am Förderband ist es 18:38 Uhr. Ich denke, die Bahn geht um :48 Uhr, aber wenn Stephan anfängt zu laufen, muss ich das ernst nehmen. Sie fährt um :43 oder so, wir springen jedenfalls todesmutig und ohne Fahrkarten rein in die S-Bahn, die nur alle 30 Minuten fährt. Uns ist alles egal, Hauptsache wir sind pünktlich im Meixners. Wir steigen Geiselbergstraße aus und lösen vor der Weiterfahrt selbstverständlich unsere 72 Stunden Tickets. Ich will dieser geliebten Stadt nichts schuldig sein. und freuen uns, dass wir wieder superpünktlich sind und alles wie am Schnürchen klappt. Ich freue mich über die Tram mit den Holzdielen mit Profil und dem nostalgischen Aussehen, auf dem noch besonders herumgeritten wird und muss meiner Freude durch Fotografieren ein Ventil verschaffen.

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Mit den dicken Koffern erst mal zu Sunla. Die Gasleitungen im Haus werden ausgetauscht und Sunla zeigt mir stolz, die Katze, die ihr die Handwerker in die Wand geschlagen haben.

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Es werden Geschenke übergeben. Eine Kette von mir, das Edelweiß gefällt ihr, der Fimoanhänger und das kleine rosa Schweinchen ist nicht ganz ihre Sache. Ich sage ihr, die Kette gehöre aber so bzw. es sei der bewusste Stilbruch, quasi von der Macherin so gewollt. Die rote Totenkopfradiergummis aus Kopenhagen haben fast 1 Jahr auf ihre Übergabe gewartet. Dann auf zu Meixners, auf unseren Stammplatz im Raucher. Nebentisch Eltern + Sohn oder Tochter mit Anhang, älteres Pärchen und junges Paar. Der ältere Mann liest aus einem Brief vor. Für uns kommt’s ganz schlimm: die Spagetti mit Chili und Garnelen sind aus (darauf hatte ich mich im Vorfeld über Internetspeisekarte schon fixiert). Das ist ein Schlag, den ich erst mal verkraften muss. Stattdessen gibt es die Pasta in Lachs-Sahne mit Dille. Ja, der Österreicher nennt das Gewürz nicht Dill, sondern Dille, war ziemlich behindert klingt.  Ich nehme die Presskasknödelsuppe nach Beratung und das Viech, was unter der getrübten Oberfläche nach oben gehoben wird, beeindruckt schon durch seine Erscheinung sehr und der Geschmack noch mehr. Hammer!!!

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Stephan nimmt die Blattsalate mit Ziegenkäse im Speckmantel mit Kernöl. Auch eine gute Wahl.

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Andras nimmt den Wiener Suppentopf, der mich auch interessiert hätte, aber dann blass ausfällt im Vergleich zu meiner Suppe, deren Einlage ich einen Namen verpasse sollte. Das Vitello Tonnato hätte mich auch sehr interessiert, weil wenn die eines können, dann ist es Fleisch und Nachspeisen. Wie dem auch sei, ich bekomme ein Donnerwetter (leckerster Apfel-Birnen-Saft) und die Jungs trinken Chardonnay in der Tonflasche. Sehr urig. Sunla nimmt das schwere Ding als Vase mit. Als Hauptspeisen wähle ich Skreifilet gebacken mit Erdäpfelmayonnaisesalat, Sunli nimmt Fischgröstl und Andras Kutteln, Stephan den legendären Zwiebelrostbraten. Toll, toll.

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Zum Nachtisch gibt es Malakofnockerln, klingt nach Waffe, ist aber Löffelbiskuit oder Biskotten wie das hier genannt wird und Mohnpanacotta mit richtig viel Mohn, richtig lecker. Das können die hier. Andras nimmt die Dessertvariation und darauf ist das Tagesdessert, gebackener Palatschinken. Das will Stephan nachbestellen, ist aber 20 Minuten zu spät. Dafür nimmt er Marillenpalatschinken und danach noch eine Portion. Er teilt aber auch und füttert uns alle. Ich bin im 7. Himmel.

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Andras hat über Delinski bestellt du wir sparen wieder 30 % oder so. Dafür gibt es ein gutes Trinkgeld, aber ein bisschen schlechtes Gewissen habe ich auch. Ich stelle es mir total lustig vor, wenn ich an den Nachbartisch gehe, sie sitzen immer noch da und trinken und erzählen, der Vaterfigur auf die Wange küsse und sage: „danke, Herr Delinksi“, wie diese Tankstellenwerbung, bei der die Studentin sich als Tochter ausgibt beim Zahlen und dem Nachbar an der Zapfsäule unverhofft ein Küsschen aufdrängt von wegen “danke, Paps“. Was kein Spaß ist, ist unsere Liebe zu diesem Laden. Ich bin um 22 Uhr bereit den Rückflug anzutreten und es hätte sich alles gelohnt und zwar so was von.

Mein Ausgehdrang ist verflogen, ich hatte mir noch flache Schuhe angezogen und angekündigt mit meiner 72 Stunden Karte einen drauf machen zu wollen. „Ich gehe zu der Dance Hall Veranstaltung im siebten“ oder „ich fahre zum Steffel, einfach so, zum Schauen, ich will mal schauen, ob er noch steht, ich schaue mir das schöne Dachmosaik an“. Statt dessen nur nach Hause und etwas Tee in der Küche mit meiner Freundin. Ich habe einen kleinwüchsigen Hund mit grauer Schnauze in der Zeitung entdeckt, der ein neues Zuhause sucht und will da Morgen mal anrufen, also ab in die Gästebetten. Die Gastgeberin hatte sich angesichts meiner Kritik an frisch gewaschenen Bettbezügen in der airbnd Wohnung Gedanken gemacht, ob ich mich wohlfühlen würde und ich sage, dass alles gut, riecht nicht so doll nach Weichspüler, halt frisch, aber wenn sie es gut meinen würde, könnte sie nächstes Mal so rücksichtsvoll sein, bei sich die neuen Bezüge zu verwenden und uns ihre alten aufzuziehen. Dann fühle ich mich noch wohler….

Napoleon und die gutaussehenden Sechzigjährigen

15.03. Das ganze Wochenende besteht nur aus Basteln. Ich lege jetzt los mit der japanischen Buchbinderei und mache mehrere Bilderbücher mit Text zu alten Zeitschrifteninhalten und Werbung. Natürlich ist das Ergebnis nicht so ordentlich, aber ich werde besser und es gefällt mir und macht sehr viel Spaß die Blätter in einen neuen Zusammenhang zu stellen und ich bin ganz stolz auf die Ergebnisse.

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Nur Samstagabend verlasse ich kurz das Haus. Freunde eines Freundes aus Bayreuth, die jetzt in Hamburg leben sind in der Stadt und haben Gutscheine fürs Plenum. Ich hätte schwören können, dass mein Mann sich weigert da hinzugehen, aber er sagt, wir könnten das mal ausprobieren bzw. „dem Laden eine Chance geben“. Wie früher als Studenten. Schlechte Cocktails in großen Gläsern mit Dekofransenstäbchen. Das Dal schmeckt nur nach Tomate aus der Konserve. Die Gruppe war in Wolfsburg. Die Frauen im Outlet und die Männer in der Sportsbar. Sie wollen nach Hause. Es geht um allerlei Schicksalsschläge der vergangenen 12 Monate, so dass einem vom Zuhören schon schwindelig wird. Mir weht es das Hütchen von Kopf, was mir schlechte Laune macht, aber es gibt ja eine tolle Busverbindung in die Nordstadt. Wir fahren zur Vernissage „Art meets music/ Starry night“ (?). Tolle Location über einem Parkhaus im zweiten Stock steht man auf einem großen Parkdeck und hier ist der Anbau in dem das Ganze stattfindet. Sollte eine Zahnarztpraxis werden, erzählt man sich. Riesengroß, aber schlechte Musik, instrumental-elektro oder auch „elevator music“, wie ich es gerne nenne. Die Schlange am Tresen ist lang und wird nur sehr langsam von 2 Kräften abgearbeitet. Es gibt Cocktails, die Magnum-Grand-Marnier-Flasche zeugt davon. Wir kaufen einem Bekannten sein Bier mit, der sich zu uns in der Schlange gesellt. Er ist gelegentlich Küchenhilfe beim Weinweib und war gerade zum Karneval in Köln als Julija Timoschenko. Er zeigt uns beeindruckende Fotos auf seinem Handy. Der Bus kommt nicht und wir stehen im Wind. Ich denke, dass ich eine 16-Jährige Tochter erkenne, die treffen wir dann tatsächlich 2 Haltestellen später. Sie fährt gerade mit ihren Freundinnen Heim aus der Korn. Der beliebte Treffpunkt der Mädels. Die Schwester hat ihren 16. Geburtstag auf der Veranstaltung gefeiert, die wir verlassen hatten und war bis morgens da.

Sonst ist alles Nachthemd und Papier.

17.03. Mein Betreuter mit der Glatze, der immer dicker wird und substituiert ist, kommt vorbei. Letzte Woche war er schon mal da und hatte ein pinkfarbenes, enges Polyester-T-Shirt an und eine neongelbe Trainingsjacke darüber. Sah spitzenmäßig aus. Er ist über den 1,- € Job im Fahrradladen wieder zum Koks gekommen und will entgiften. Da er auch eine Borderline-Persönlichkeitsstörung hat, fliegt er aus der stationären Entgiftung raus. Handys mussten sie abgeben und die wurden dann von 18 bis 21 Uhr ausgehändigt. Er dachte, kein Problem, er hatte ein Tablett dabei und wollte damit emails schreiben z.B. an mich und sich um eine Anschlusstherapie kümmern (also nur ehrenwerte Vorhaben, ist klar). Das wurde ihm untersagt. Ein Russe durfte seines behalten und bei ihm hieß es, ginge das nicht, weil Spielsüchtige auf Station seien und deswegen kein Internet benutzt werden solle und dann hieß es, dass eines geklaut worden sei und er solle mit der Sozialarbeiterin nach einer Therapieeinrichtung suchen. Das sei Kinderkram und er habe mich und seinen ambulanten Wohnbetreuer und die hätten sich immer widersprochen in den Begründungen und die Mitarbeiter hätten selber den ganzen Tag an ihren Geräten gedaddelt im Stationszimmer. Die „Hygiene“ sei allerdings „einwandfrei“ gewesen. Ich frage ihn, was er damit meint. Es habe Hygienetücher auf den Klos gegeben. Das habe er so noch nicht gesehen und es habe ihm gefallen. Ich denke immer nur, „toll“ und „lustig“. Außerdem hat er Probleme mit der Polizei. Die haben ihn mit Cannabis erwischt und observiert und dachten, er sei Dealer. Die wussten, wann seine Eltern zu Besuch waren und es gab eine Hausdurchsuchung er sagt zu ihnen: „hey, Leute, warum kommt ihr nicht gleich vorbei, sondern verhaftet mich mitten auf dem Schünemannplatz?“.  Sie haben ihn observiert und er bekommt Strafanzeige wegen Cannabis und hat den Vorfall schon seiner Bewährungshelferin gemeldet. Ich sage, dass ich jetzt immer wegen einer anderen Betreuungssache am Schünemannplatz vorbei fahre und die schönen Listenhunde bewundere und ich frage ihn, wie er mit seiner Hundephobie auf dem Platz klar kommt. Er weiß mittlerweile, wie die Hunde ticken. Der große Schwarze heißt Pinsel. Spitzenmäßiger Name.

Heute kommt er, weil er aus der zweiten Klinik rausgeflogen ist. Sie haben sich geweigert ihm sein Subutex zu geben und haben ihm ein Generika stattdessen verabreicht. Das verträgt er aber nicht und es folgten Telefonate am Wochenende mit seinem Arzt und der Arzt hat mit dem Krankenhaus gesprochen. Erst hieß es, dass sein Medikament das Budget sprengen würde, dann, dass damit getrickst wird. Auch hier haben sie ihn also wieder verarscht. Ich sage, ich verstehe nicht, dass man ein inhaltsgleiches Präparat nicht verträgt, aber ich verstehe auch nicht, warum das Krankenhaus einem nicht das gibt, was der Arzt verordnet hat. Die können schlecht sagen, die Herzmedikamente sind uns zu teuer. Er kommt gerade vom Arzt mit seiner Mutter und die durften das nicht zermörsern, sie hätten es dadurch verändert in seiner Wirkung. Sie haben sich strafbar gemacht, weil sie das Medikament verändert haben, Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und Körperverletzung. Er will Strafanzeige erstatten. Ich frage nach seiner Intention und die scheint zu sein, dass er denen einen reinwürgen will.

Nachmittags der 60ste Geburtstag im Wilhelm-Busch-Museum. Eine Gruppe von ca. 25 Frauen trifft sich während das Museum montags geschlossen hat. Erst führt die Gastgeberin durch die Ausstellung und ich lerne wieder allerhand Neues. Dass der Ausdruck Grotesk von Zeichnungen auf den Wänden von Grotten stammt, auf denen Abbildungen gefunden wurden, die halb Mensch, halb Tier waren. Während die Renaissance sich dem idealen Menschen versuchte anzunähern, hat sich diese Kunstrichtung, die zeitgleich entstanden ist, der übertriebenen Darstellung von Makeln und der Hässlichkeit verschrieben. Dass der erste Berufskarikaturist aus Italien kam. Dass diese Kunst auf fruchtbaren Boden gefallen ist in England, dem Land in dem der Humor sehr fortgeschritten ist und die Menschen auch die Gabe habe über sich selber zu lachen. Dass damals die Männermode sehr ausgefeilt war mit hunderten von Schneidern in London und das Dandytum erfunden wurde. Dass es einen Mann gab, der Beau Brummell hieß und Frauen regelmäßig ohnmächtig wurden, wenn er aufgetreten ist, weil er so schön war und Riechsalz bereit gehalten werden musste. Dass dieser Mensch bis zu 4 Stunden an seiner Fliege gebunden hat bis diese optimal saß, so dass er das Haus verlassen konnte und die Karikaturisten ihn dargestellt habe, indem sie eine große Fliege gezeichnet haben mit einem kleinen Kopf darüber und kleinen Beinen unten dran und alle wussten, was gemeint war. Dass Napoleon die meist karikierte Person der Weltgeschichte ist und sie haben eine tolle alte Zeichnung, die zunächst unauffällig aussieht, aber sein Gesicht besteht aus Leichenteilen und der schwarze Hut ist ein Vogel, der zusammengefaltet auf seinem Kopf liegt, der angesteckte Kreuz ist ein Spinnennetz. Weitere Infos, dass offenbar das Museum in Hannover so einen guten Ruf hat, dass die Erben F.K. Wächter die Sammlung hierher gegeben haben statt nach Frankfurt. Auch Marie Marcks wird wohl vom Wilhelm-Busch-Museum beerbt werden. Hier hängt ein Hippiemann, der die schwere Last der Weltkugel auf den Schultern trägt und die Frau sagt nur: „Roll ihn doch, Du Trottel“. Auch eine ganz toll die Zeichnung von Hader mit zwei Frauen am Wasser vor einem Sonnenuntergang, einer jungen, knackigen Frau mit Vogeltattoo am Po und einer faltigen mit geblümter Badekappe, die zu ihr sagt, „meines war auch mal ein Adler“ und man sieht die Reste des Vogels aus den Falten ihres Hinterns hervorschauen. In Krems muss es ein gutes Karikaturenmuseum geben, was sehr sehenswert ist. Ich sagte ja zu Sunla bei letzten Besuch in Wien, dass die Menschen dort oft sehr diesen Karikaturen gleichen, so dass man überall Deix sieht und auch denkt, der hat gar nicht stark übertrieben, sondern hat nur Augen im Kopf und kann gut malen. Ich würde an seiner Stelle dasselbe tun.

Anschließend gibt es Kaffee und Kuchen und die tolle Ansprache der jüngeren Schwester die erzählt, wie sie das Geburtstagskind in spe immer bewundert hat, die früh schon Steinsammlungen angelegt und in Kartons gesammelt hat und Stifte, während ihre Wachsmalkreiden immer nur in die Ecke flogen und die sich später bei den Eltern beschwerte als beide während des Studiums und der Ausbildung zusammen wohnten, dass die Schwester Zeitung lese und sich nicht mit ihr unterhalten würde und ihr langweilig sei. Es ist außergewöhnlich was für gut gekleidete und sympathische Frauen um die 60 ich treffe. Ich staune immer wieder, wo sie diese in Hannover aufgetrieben hat. Die Französin mit dem dunklen Brillengestell, die ich vom Sommer kenne ist wieder dabei und es gibt wieder Kekse wie Petit Four vom Holländischen Kakaostübchen. Ich lerne Niki kennen und wir unterhalten uns angeregt, sie hat GbRs in Ostdeutschland gerettet und stellt sich das ähnlich vor wie meine Betreuungsfälle. Man bekommt einen verworrenen Haufen und muss Ordnung schaffen. Wir reden über Karriere, das Leben, die Liebe, sie hat erst mal Kinder bekommen und sich dann weiter fortgebildet, Steuern, Immobilienfachausbildung. Als ich frage, wie alt diese sind, guckt sie mich verwundert an und sagt, der jüngste sei 36 und ich sage, na ja, ich dachte 4 und 7, man wisse ja nicht wegen Gianna Nanini. Sie lacht. Der Sohn lebt in South Kensington auf 60 Quadratmeter. Ich sage, riesig und, dass die Immobilienpreise leicht höher seien als in der List, wie sie sicher am besten wisse. Wir reden beruflich und privat bis sie feststellt, dass ich schlau und gutaussehend sei und ich etwas verliebt bin in ihre Grübchen, also quasi kurz vor dem Zungenkuss, aber man siezt sich. Sie kommt dann mit der Französin im Schlepptau und will sie mir vorstellen und ich sage, wir kennen uns schon und sind schon weiter, wir duzen uns auch schon, „nicht war Mäuschen?“. Eine andere Frau erzählt von der Haushaltsauflösung der Mutter. Alles Original 50er Jahre, „man konnte nicht alles behalten, aber man wollte auch nicht alles wegschmeißen“.  Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Eltern tot, man sei eine Position aufgerückt. Das kann ich nachvollziehen und habe Bange vor dem Schnitt bei uns im Leben. Was für ein erfüllter Nachmittag in einer ganz anderen Welt. So schön und auch eindrucksvoll und ganz ohne Rausch und sogar mit Siezen. Komisch. Warum wollen die Männer jüngere Frauen? Das kann man auch nicht verstehen, so viel Schönheit und auch Sexappeal der hier von der Gruppe ausgeht, dass ich selbst drauf reinfalle. Beschwingt und heiter fahre ich zum Yoga.

18.03. Werde wach mit einem Traum, dass mein Mann eingreift als die Nachbarn ihre Kinder anschreien. Habe die Geräuschkulisse wohl  in den Traum eingebaut.

Nachdem wir versuchen 20 Freunde nach Wien zu lotsen und einen gemeinsamen 97. Geburtstag ausgelobt haben, erfahren wir, dass das Meixners diesen Jahr ausnahmsweise ab dem 13.07. Betriebsferien macht. Ich bin am Boden zerstört und Stephan soll schreiben, dass ich bettlägerig bin und dann, dass sich mein Zustand verschlechtert hat und ich zu Michael Schumacher auf die Station verlegt werden musste, aber sie zuversichtlich sind, dass nach dem 20.07. mit der Aufwachphase begonnen werden kann.

Morgens ist die Strafverhandlung. Meiner kommt spät, weil sie ihn nicht früher aus dem Bett geholt haben. Ich fahre in einem offenen Fahrstuhl vom Erdgeschoss bis in den Eingangsbereich. Vor dem Saal warten schon alles anderen Beteiligten, inklusive der Jugendgerichtshilfe, die mich auf meinen neuen Betreuten, der Stimmen hört, anspricht. Der eine Schöffe hat Kopfhörer auf, weil er schwerhörig ist. Der Tatvorwurf wird eingeräumt. Der Jugendliche ist einer schweren Gehirnwäsche unterzogen worden und sagt, dass er erstmalig am 15.01.2013 gekifft habe und seit dem 02.11. „clean“ sei und weg von der Sucht. Er habe dem Vater angeboten was zu besorgen, aber der habe auch davor schon mit ihm Joints geraucht und würde sich nicht so gut kümmern, so dass er sich wundere, warum der noch Sorgerecht habe. Der übereifrige junge Staatsanwalt will ein neues Verfahren einleiten wegen des Tatvorwurfs eines Verbrechens wegen der Weiterreichung von Joints an einen unter 18-Jährigen. Der Verteidiger legt sich ins Zeug. Schließlich einigt man sich darauf, dass der Jugendliche sich noch mit seiner Mutter berät und man das heute nicht vertieft. Der Staatsanwalt fordert 1 Jahr Mindeststrafe auf Bewährung für den Vater. Die Ex hält das Plädoyer des Verteidigers nicht aus, der über medizinisches Marihuana und politische Änderungen, die uns bevorstehen spricht, dass jemand der schwer krank ist nicht mehr in die Illegalität abgedrängt wird und verlässt den Sitzungssaal, weil sie es nicht mehr ertragen kann mit entsprechenden Gesten und Geräuschen. Als es um letzte Worte vor dem Urteil geht sagt sie „ich wollte noch sagen, dass ich meinen Ex nur kiffend kenne“. Meiner ist gelassen und sagt anschließend, dass er sein Ex auch nur kiffend kennt, aber er hat es nicht nötig so um sich zu hauen. Der Stiefvater ist ein Wicht, der als ungelernter Koch im Altersheim arbeitet. Es kommt heraus 100 Tagessätze zu 20,-. Berufung von beiden Seiten noch offen. Der Verteidiger sagt uns, dass ein weiteres Verfahren kommen wird und wir haben alles keine Zweifel, dass diese hasserfüllte Mutter ihren Sohn zur Polizei schleppen wird und da werden sie jeden einzelnen Joint, der weitergereicht wurde zur Anzeige bringen. Das löst nicht die Probleme dieser Familie, wie mein ehemaliger Studienfreund richtig in seiner Verteidigungsansprache gesagt hat. Ich fühle mich leicht angeschlagen. Ich finde meinen sehr behinderten Betreuten sehr großartig. Natürlich was es seine Schuld, der Sohn kann nichts dafür. Er leidet darunter, dass er eine Kontaktsperre hat und auch den jüngeren nicht sehen darf. Das Handy meines Betreuten geht nicht und sein Festnetz auch nicht, schon seit einigen Wochen. Er bekommt es nicht hin, ich soll mich kümmern. Ich gehe erst mal eine Runde ins Fairkaufhaus um mich etwas abzulenken. Ein Nähetui aus Leder mit Schere für 50 Cent.

Die Dauerpatientin ist wieder zuhause und war heute beim Facharzt. Es fangen wieder die Telefonsexanrufe in der Praxis an, weil ich immer die Mitarbeiterin anrufen und mich erkundigen muss. Ich scherze darüber mit ihr. Die Spritze bekommt sie am 01.04. und am 15.04. sind Osterferien und sie muss zur Vertretung.

Kabel Deutschland, Modem ist offline. Nachmittags geht das Telefon wieder. Dafür erfahre ich, dass meiner eine Tür kaputt gefahren hat und ich das der Haftpflicht melden soll. Er ist eindeutig ein Grobi, aber ich mag ihn und er musste heute viel einstecken.

Die, die es immer eilig haben und sich beschweren, weil alles zu lange dauert, schieben selber alles auf die lange Bank. Psychologie ist so einfach. Der Braunschweiger, der ab übernächsten Monat eine Erprobung für eine Umschulung macht und für den die SGB III Leistungen auslaufen und auf SGB II umgestellt werden müssen. Er hatte Termin heute, will aber lieber nächsten Dienstag kommen. Ist ja nicht mein Neuantrag.

Der Umzugshelfer meines Betreuten PM, der Messie mit der Räumungsklage, ist krank geworden. Es schleppt sich hin.

Ich schicke dem Geburtstagskind einen schönen Wollschal mit lila Blumenmuster, leicht unscharf, die mich an Monet erinnern, verbunden mit einem Dankeschön für gestern. Ich hoffe, das kommt gut an. Sonst trägt sie gerne grau und schwarz, aber Wolle und auch Blumenmotive könnten passen. Sonst hat sie ja genug Freundinnen, die als Abnehmer in Frage kommen.

19.03. Morgens eine herrliche Ruhe ohne Bus und Bahn vor der Tür, wie Urlaub. Die können wochenlang streiken von mir aus. Was, die wollen Amor aus dem Museum verbannen? Die spinnen total. Natürlich sind das explizite Darstellungen. Das zeigt nur, dass es diese Ästhetik und dieses Interesse schon vor dem Internet gab. Zensur der klassischen Kunst, ich glaube, wir sind kurz vor den Bücherverbrennungen angelangt und das vertrete ich mit Vehemenz und dabei interessiere ich mich sexuell für türkische Bauarbeiter und nicht für haarlose Kinder. Ich weiß nur, heute verbieten sie das, Morgen jenes und ich bin solidarisch. Im Büro die Kühlschrankpolizei. Kollegin hat abgelaufene Joghurts rausgestellt. Weiß sie nicht, dass die noch Jahre später unbedenklich verzehrt werden können. Ich esse 3.

Die Rente des Iraners wird verlängert. Schnell dem Amt anzeigen, dass die weiterzahlen müssen.

Viel in meiner neuen Betreuungssache, der Stimmen hört und nicht zu Terminen kommt. Er soll untergebracht werden. Oma war Samstag da und hat ihm Geld gebracht. Da war nur noch 1 Brief im Briefkasten (ein offizieller mit einem Fenster). Anhörung bei der Richterin am 11.04. Das Betreuungsgutachten hatte wohl betreuungsrechtliche Einweisung und Unterbringung empfohlen. Meine Reaktion: das habe ich nicht. Habe ich doch, aber wohl noch nicht gut gelesen. Ärztin kann verstehen, dass ich zögere ihn gegen seine Willen mit Polizei und Feuerwehr aus der Wohnung zu holen. Ich faxe ihr das Gutachten und wir vereinbaren, dass sie ihn nächstes Mal wirklich da behalten und nicht auf den Hof rauchen lassen, wenn er da ist. Bewährungshelfer sagt, es sei schon alles probiert worden und Medikamenten und ambulanter Therapie. Viele Telefonate also.

Meine Freundin ist jetzt 60 geworden und hört die Pharell Williams CD, die sie sich gewünscht hatte und freut sich über das Wolltuch und wollte in den Wes Anderson Film, er ist ihr Lieblingsregisseur. Das bestätigt nur mein Bild von ihr.  Ich sollte doch noch mal in Ruhe Tiefseetaucher anschauen.

Telefonate mit meiner Tante in Stuttgart. Beim Ikebanakurs muss geschwiegen werden. Am Schluss gibt es einen bunten Abend und man redet, vorher schweigt man und ist kreativ. Wie herrlich. Vielleicht sollte ich das Hobby wechseln. Wir treffen uns beim Landtag in Stuttgart am 13.06. und gehen anschließend in die Stoffausstellung. Vielleicht will meine Tante über Pfingsten zu einem gregorianischen Seminar in Hildesheim. Ja, da würde ich auch hinkommen um sie zu treffen, aber von Hildesheim kann ich nur abraten. Langweiliges Kaff. 1000 jähriger Rosenstock, gähn. Die haben ein großes Metallportal mit biblischen Geschichten drauf, Adam und Eva und alle wundern sich, wie sie das ohne Schweißnaht geschafft haben, aber die Begeisterung hält sich bei mir in Grenzen. Engen Grenzen.

Heute vielleicht zu Kundalini. Das könnte ich mal wieder gebrauchen und dann in der Schlussrunde asig sagen: ich will nichts sagen. Das viele Gelabere hat mir hier auch alles kaputt gemacht. Dass die Menschen nicht mal die Klappe halten können und immer alles breitlabern, das macht die Stimmung kaputt.

Ein schöner Abend mit Doppelyogastunde. Mehrere Frauen freuen sich, dass ich wieder da bin und sagen es auch. Ja, ich bin lustig. Eine Teilnehmerin war lange schwanger und ist es wieder. Ich fass es am Bauch und an will wissen: „wer hat Dir das angetan?“ Sie lacht. Sie darf ganz viel Kundalini nicht mitmachen. Da heißt es immer, alle, die nicht schwanger ist. Sie fühlt sich danach nölig. Ich sage, Du wurdest ja auch viel diskriminiert. Es soll bald einen Kundalini Kurs für Schwangere geben. Sie sagt, hoffentlich vor Juli. Ich „was, bis Juli? Das Ding muss vorher raus“. Ihr  Zahnarzt hat sie gefragt, ob sie noch andere Hobbys habe. Nach Kundalini sagt die Lehrerin, dass man Tage habe, da würde man nach Hause gehen und sich eine Pizza reinziehen, weil einem alles egal sei. Ich teile mir an diesem Abend tatsächlich noch eine Familienpizza, dazu Blumenkohl überbacken und Schokolade zum Nachtisch und frage mich, wie man so eine negative Einstellung zum Essen haben kann und was hat die Frau gegen Pizza und wovon leben diese Yogis. Mein Körper braucht nach so einer Doppelsession erst mal Kalorien und dann Schlaf.

20.03. Morgens um vor 9 war der stimmenhörende Mann ohne Termin da. Die Mitarbeiterin des Kollegen schickt mir eine email, weil sie mich nicht erreichen konnte das verursacht Stress und schlecht Laune. Sie will wissen, wann bin ich immer im Büro. Ich sage trotzig: keine Kernarbeitszeit. Ich bin dann im Büro, wenn Leute einen Termin mit mir ausgemacht haben. Sie ist nett, aber ich fühle mich genervt von ihrer Art und lasse mir ungern in meiner Arbeit hineinreden. Es ist nicht ihr Problem, sie soll sich keine Gedanken machen. Nein, die Post muss sie auch nicht mitnehmen. Das mache ich, so wie ich es immer mache, alleine und ohne fremde Hilfe. Die brauche ich nicht.

Ich nenne ihn Herrn Ihme, er wollte um 9:20 Uhr wieder kommen, er kommt um kurz vor 12. Er überrascht mich damit, dass er einen Antrag für ambulant betreutes Wohnen dabei hat und für eine Zeitarbeitsfirma arbeiten will. Er möchte mein Telefon benutzen und ruft bei diversen Firmen an, denen er erklärt, dass er seine Schulpflicht absolviert hat und als Lagerist eine Anstellung finden möchte. Er drückt sich umständlich aus, schließlich schreibe ich eine Bewerbung anhand seiner handschriftlichen auf dem Rechner für ihn und drucke sie 10 mal aus. Er lobt meinen Drucker. Ich sage, ob er glaubt, dass er das hinbekommt mit unseren Terminen und auch einer Arbeit. Da müsse er pünktlich da sein, dass sei das Mindeste was erwartet werde. Er bejaht. Er habe Schwierigkeiten mit den Weisheitszähnen, die faulig seien und die Bakterien wären das Problem gewesen, nicht die Psychose. Er habe gespürt, wie die Antibiotika die Bakterien in seinem Blut bekämpft hätten (Gras wachsen hören, nichts dagegen). Er trägt nur schwarz, erklärt er mir, das würde am besten zu ihm passen und, dass er nur noch eine Packung Cornflakes und einen Liter Milch habe bis zum Ende des Monats und er könne gleich nach Hause und den Kühlschrank leeren. Ich frage nach Suppenküche. Da will er nicht hin, er wolle „lieber auf dem Stein liegen und nicht dem Moos“. Außerdem wolle er da nicht Kohlrabi schneiden. Ich frage, was er gegen Kohlrabi habe. Nichts, den mag er. Wenn wir Anhörung haben am 11.04. soll ich ihm ein Fahrrad leihen und damit abholen. Ich verabrede mich nächste Woche mit ihm und sage, er soll mal so tun, als sei das sein erster Arbeitstag bei mir. Dann ruft er seine Oma an, die gleich vorbei kommen wird. Sie wollen zusammen was essen gehen. Ich bin so was von gespannt, wie dieser Fall weitergeht. Stephan ist begeistert, dass er ein Fahrrad irgendwo hinfahren und dann zu Fuß zurück laufen soll, der Kerl könne zum Amtsgericht laufen.

Nachmittags kommt der Erbschaftsfall mit Beratungshilfe. Wir stellen fest, dass der Insolvenzverwalter die Hälfte haben will und dann bleibt genau das übrig was sie behalten darf, dass das Amt nichts fordert. Dafür würde ich mich nicht mit der Lebensgefährtin meines Vaters streiten, auch wenn die Todesanzeige für über 200 teuer war. Sie sieht es genauso wie ich und ich erkläre dem Ehemann, der neunmal klug ist und sie vertritt, wie die nächsten Schritte ausschauen könnten, weil meine Arbeit für eine Beratungsschein damit erschöpft sind und ich nichts mehr tun will. Die Lebensgefährtin ist umgänglich und man kann mit ihr reden, einfach anrufen. Dann Erbschein beantragen, dann Termin mit Insolvenzverwalter. Ich wünsche den beiden alles Gute. Man muss seine Grenzen kennen und die den anderen auszeigen. Das konnte ich schon immer gut und es wird respektiert. Wie viel soll man auch machen für so wenig Geld? Das kann keiner erwarten, dass ich für 100 eine Erbschaftauseinandersetzung mache. Mache ich nicht. Sage ich klar.

Abends kommt Thomas und wir gehen ins 11 A. Ich setze meine neuen Salz- und Pfefferstreuer in Szene.

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Wir versuchen ihn von der Wienidee zu überreden und wie herrlich man in der Wachau wandern kann. Einen ganzen Natururlaub kann man darum herum basteln und lecker Essen gibt es überall dort und Weine, landschaftlich schön wie aus Märchenbüchern von der Lorelei, die Felsvorsprünge und Burgen, der Blick auf den mächtigen Fluss von oben. Außerdem können wir uns alle 2-3 Apartments teilen und zusammen schöne Tage in Wien verbringen und einen drauf machen. Ich freue mich sehr, dass er uns einen Besuch abgestattet hat. Er wird im Herbst 50 und überlegt was mit uns zu machen. Das freut mich, er ist halt ein alter und sehr guter Freund. Brav schaut er sich die Ergebnisse meiner Buchbinderei an.

Ich habe was ausgeplaudert über den Wechsel einer Kollegin und diese Kollegen sind wie Haie. Es lässt sich aber nicht wieder rückgängig machen. Dass es sowieso rausgekommen wäre, tröstet mich heute nicht. Ich komme mir dämlich vor.

Nachts schreibt mir eine Mandantin, von der ich noch 1000 € bekomme, sie hat den nächsten Auftrag, ich will erst mal mein Geld. Ich antworte so taktisch klug, wie es mir um 23 Uhr möglich ist.

21.03. Ich lasse es langsam angehen, konnte schlecht einschlafen. Ich bewundere meine Schätze und bin fest entschlossen, die Arbeit einer anderen zu Ende zu bringen. Das wird spannend. So liebevoll ist der Nachlass durchsortiert, dass es mir Respekt und Bewunderung abnötigt. Das sind Liebesdienste der besonderen Art, posthum:

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Hier ist mein Haufen nach einer sorgfältigen Auswahl:

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Ich freue mich auf das Ostermenü heute Abend. Zwei Freunde von Georg und Karin kommen auch. Mal sehen, ob es viel Generve gibt, weil ich nur Wasser trinke oder der italienische Winzer Verständnis hat. Die Zeit zwischen Sport und Essen werde ich Ostereier für die Jungs aus Essen kaufen. Das Buch ist fertig, das Paket will gepackt werden. Ich frage, ob wir uns dort treffen wollen und nein, mein Mann holt mich gerne ab. Er ist so süß und der beste Mann der Welt für mich.

Meine Betreute, die einen Putzjob hat und dafür nachts um 3 Uhr aufsteht und Handykosten von 300,- hatte wegen Telefonate nach Srilanka und lauter Versicherungen abgeschlossen hat, die ich wieder rückgängig machen darf, kommt übermüdet und braucht Geld für Kinderklamotten. Der Sohn ist gewachsen und braucht neue Sommerschuhe. Ich erzähle ihr vom Fairkaufhaus und drucke die Kleiderkammer Burgstraße aus. Sie ist begeistert, wenn ich da auch Sachen kaufe, sie wusste es nicht. Beste Nachricht des Tages. Das gesperrte Konto der Betreuten in der Insolvenz ist wieder frei und die Bank will nicht mehr 950,- € an den Insolvenzverwalter abführen, die wie angespart haben. Eine andere Betreute hat eine Kontopfändung wegen Tierheimkosten. Ich hatte einen Verzicht, hilfsweise eine Stundung beantragt und die Vollstreckung ist die Antwort darauf. Ich sage der Stellenleiterin, dass es eine Welt gibt in der normale Bürger, wie Sie und ich leben und eine Welt meiner Betreuten, die auf einem anderen Planeten stattfindet und da bekommt man die Tierheimkosten aufgebrummt, wenn man ein herrenloses Tier abgibt. Andere können ruhig die Tierrettung anrufen, wenn sie eine angefahrene Taube irgendwo finden, die dann für hunderte von Euros wieder zusammen geflickt wird. Es war nicht ihre Katze, der Terrier ist unverträglich mit Katzen. Ich soll noch mal en Detail darstellen, warum sie keine Raten bezahlen kann. Das kann sie nicht, weil das Geld nicht reicht, sie Raucherin ist und selbst eine Zahnzusatzversicherung, die sie abgeschlossen hat für 5,- € wieder zurück gebucht wird und gekündigt werden musste. Heute ist Sisyphusarbeit angesagt.

Ich schaue mir die Seite des Hutladens an, weil ich wissen will, wie lange Andrea morgen arbeitet. Sie hat eingewilligt mir neue Sachen aus meinem neuen Fundus zu nähen. Lauter bekannte Gesichter. Es ist mir trotzdem unsympathisch und ich muss solche Sätze lesen, wie es erfordere Mut einen Hut zu tragen. Schwachsinn, wer das glaubt und auch noch vertritt, sollte es lassen.

Eine Betreute will zu mir wechseln und „klagt das jetzt ein, den Betreuerwechsel“ so die engagierte Freundin. Was es alles gibt.

Ich überbringe schlechte Nachrichten, weil eine Einwohnermeldeamtsanfrage negativ verlaufen ist. Wenn die Person keine Meldeadresse hat, kommt man mit dem Forderungseinzug nicht weiter.

Ich kaufe ein paar Schokoeier für knapp 14,- €. Teuer ist das Zeug, aber es macht Kindern Freude. Ich verzichte lieber auf die niedliche Form und kaufe mir dafür lieber gleich eine Tafel. Da habe ich mehr davon. Die Eier und das Kinderbuch:

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Im Rossini erwartet man uns schon und es wird ein sehr netter Abend. Karin und Georg haben Freunde aus Wunstorf mit dabei, die Oper lieben und La Traviata in Hannover sehr empfehlen. Sie waren schon 6 Mal drin und erleben das Stück immer neu. Offenbar hat man die Sänger bis auf eine im Publikum postiert, so dass man wahlweise im 2. Rang beim Chor oder im 1. beim Tenor sitzt und so eine ganz andere Wahrnehmung hat, zumindest wenn man opernsensibel ist. Die Oper sei allerdings in diese Spielperiode bereist ausverkauft. Da die Frau schon „Der Hals der Giraffe“ gesehen hat und es uns noch nicht gelungen ist dafür Karten zu ergattern, muss ich die Kulturtipps besonders ernst nehmen. Der Typ liebt Ballett, Schwanensee, obwohl er nicht schwul sei, (ich hatte zuvor gesagt, dass Wagneropern vom schwulen Publikum leben und dafür interessierten sie sich auch). Sie war Lehrerin und hatte Whippets. Wir zeigen Fotos von Suki. Da ist sie natürlich hin- und weg von dem schönen Tier. Dann geht es darum, dass er aus dem Resten des Pflaumenmuses, den Kernen, Amaretto macht und jetzt mittlerweile den Brotaufstrich nur noch macht um an die Kerne heranzukommen. Die werden mit Alkohol und Kandis eingelegt. Die Tischnachbarn sind erstaunt und betonen mehrfach bewundernd, dass wir mit dem Rad da sind und noch fahren wollen. Ja, schlimm für mich wäre, wenn ich noch nach Wunstorf müsste. Der Amaretto-Opern-Mann sagt, wenn er es nicht gewusst hätte, dass wir beide keinen Führerschein haben, hätte ich bei mir auf Mini getippt. Seine Frau meint dann, Quatsch, viel zu klein und „wie soll sie da rein passen?“. Ich brauche eine Weile bis ich schnalle, dass sie auf Automarke tippen, quasi Straßenverkehrshoroskop.

Das Rossini ist unter neuer Führung. Die Griechin, die sagt, ich wäre die Frau mit den Blumen im Haar. Auch heute lobt sie wieder mein Outfit. Ich würde sie auch für eine Italienerin halten, aber sie ist Griechin und hat den Laden vor 2 Monaten übernommen und bis 4 Uhr morgens in der Küche gestanden. Wir rauchen zusammen und ich erfahre etwas mehr. Sie hat früher das Au Camenbert gemacht und Köche von früher heute als Verstärkung angefordert. Dann hat sie den Laden verkauft und ist wieder nach Griechenland, weil ihre Mutter krank wurde. Als die in Athen verstarb merkte sie, dass sie sozialisiert sei von 30 Jahren Deutschland und dort nicht mehr zu recht kommt und kam zurück. Man bekommt viel für sein Geld an diesem Abend. Das Amusegeule ist Schafskäse in Blätterteig auf Artischockensalat (roh und dünn gehobelt) mit Minze, dann geht es weiter mit Tartar von Kalb (hat Auszeichnungen gewonnen, das Fleisch, einfach köstlich), gefolgt von Scampi auf Bohnenmus (sehr lecker), Risotto mit ganz viel Spargel und dann Milchzicklein, statt Lamm. Das mögen die anderen Frauen am Tisch nicht so. Ich finde es gut und wie Georg zu Recht sagt, dieses Fleisch enthält keine Chemie. Der Nachtisch, Crespelle mit knusprigen Krokantstückchen innen drin und Eis mit Orangenfilets und Zesten, sehr aromatisch und köstlich versöhnt wieder alle.

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Ich habe auch keine Schwierigkeiten beim Wein auszusetzen. Er scheint mir nicht so reizvoll. Ihr wird wohl von einem Gast erklärt, dass sie ihr Essen zu billig verkaufen würde und sie fragt ihn, was er macht und er sagt: Computerfachmann. Sie sagt, davon verstehe sie nichts und er offenbar nicht von Gastronomie, also sollten sie das Thema lieber lassen. Sie bekommt die Hälfte vom Wein und Fleisch geschenkt und warum solle sie das nicht an ihre Gäste weitergeben, außerdem sei sie noch in der Bewährungszeit, wo alle sich fragen, ob sie es hinbekommt und alles so gut ist, wie bei ihrem Vorgänger, dessen Sohn an diesem Abend bedient und wohl bald studieren will, der Vater ist zurück gegangen nach Italien. Da sei so ein Abend Werbung und sie würde sonst nichts für Werbung ausgeben und zufriedene Gäste seien unbezahlbar. Außerdem würden die dann zum Mittagstisch wieder kommen. Ich glaube, ihre Rechnung geht auf und mich hat sie jedenfalls überzeugt. Ich nehme das Geschenk gerne an und bedanke mich herzlich bei ihr beim Gehen. Sie fragt, ob ich Alexas Sorbas kennen würde, was ich leider verneinen musste. Ich schlage ihr einen Filmabend im Sommer vor. Auf d dem Weg zurück machen Autos total beschissene und gefährliche Autorennen in der Stadt und Krach in dem Tunnel zum Gericht. Wenn mich mal so ein Wichser erwischt, dann wäre es der schlimmste Tod, den ich mir vorstellen kann, weil ich da so dagegen bin, dann soll mich lieber der Krebs holen.

Außerdem gibt es eine weitere und spontane Zusage für Wien von Steffi und ich freue mich dermaßen, dass so viele Freunde verrückt genug sind unserer Einladung zu folgen und ich glaube, das wird richtig gut und ich werde bei der Gelegenheit auch schon mal meinen Fünfzigsten vorfeiern.

Nach der ersten Runde Wochenendbasteln kommt Steffi vorbei. Sie entdeckt in den Schatzbergen aus Handarbeitsmaterialien von Käte noch Neues, was ich übersehen hatte (Brokatband mit Selbstklebender Folie in einer tollen Schachtel).

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Ich weiß, warum ich den Lindener Markt am Samstag vermeide. Es nervt nur. Andrea schenkt mir eine ganze Tüte voller selbstgenähter Kleidung u.a. den silbernen Rock mit dem Tapetenmuster, den ich jetzt schon liebe. Er wird total gut zu Suki passen mit seinen Grau- und Silbertönen. Ein Haufen Öko-Kuchen sowie 2,5 kg Kartoffeln springen auch dabei heraus. Ich habe ihr einen Stoff aus der Hinterlassenschaft gebracht, ein grobes Material mit Druck, was total nach Waldorf Schule, Eurhythmie, 60er Jahre, Brauntöne ausschaut. Klingt alles fruchtbar, aber der Rock wird toll und er wird eine Kellerfalte haben zum Fahrradfahren. Ein Originalmetallreißverschluss aus dem Fundus ist auch dabei. Dafür fahre ich sogar extra noch mal nach Hause.

Das Gewebepuzzle einer Anderen zu Ende bringen ist Schwerstarbeit, weil ich ungeeignet bin für das nach Plan arbeiten und so wie ich rechts und links verwechsele und immer in die falsche Richtung den Bahnhof verlassen will, weit jenseits der normalen 50-50 Wahrscheinlichkeit, beklebe ich hier mal um mal die falsche Seite, obwohl ich daneben sitze und es immer wieder teste und fluche viel dazu. So bin ich eben. Dafür wird das erste Gehirn aus Wollresten richtig gut und dürfte sowohl wärmen, als auch beim Radunfall nützlich sein, zumindest um das Blut aufzusaugen, was dann aus meinem Kopf fließt.

Schwieriges Telefonat mit meiner Mutter. Das belastet immer. Eine schwer behinderte Schwester, die aus der Reihe tanzt und unführbar wird, eine Mutter, die das Schlimmste befürchtet und zu fast allem bereit ist, eine Schwester, die am Wochenende manchmal keine Nerven für so was hat und sich dann brutal abgrenzen muss. Das trifft an diesem Tag alles aufeinander und knallt.

Ich muss das puzzeln abbrechen und wir gehen ins Boca und treffen Detlef. Hier ist es sehr lecker heute, der Bohnensalat mit Trüffelcreme und die Maiscremesuppe mit Polenta und Popcorn. Die kleinen Jungs aus der Ole Deele bekommen das schon hin, wenn man sie nur lässt. Es regnet und wir fahren ins Sprengelkino. Wenzel ist schon da und jemand, den ich scheinbar total schlimm am Telefon beleidigt habe ohne es zu merken, weil sie mich mit jemandem verwechselte und bei der Arbeit anrief. Ja, da bin ich in einem anderen Modus, Freunde wissen das, außerdem erkenne ich die Leute nur schwer am Telefon und reagiere daher oft ungehalten auf ein „hallo, ich bin’s“ was ich nicht zuordnen kann. Gerd ist der Meinung, dass das verschwunden Flugzeug vermutlich ins All geflogen ist. Wenzel besorgt es uns richtig. Der Glanz dieser Tage, Popel von Messdienern sammeln und dann in Geheimgängen des Vatikan einlagern. Die Trinkerbilder aus Hildesheim Anfang der 80er sind immer wieder spitze. Paulus, der Vermittler, der fremde Trinker wegschickt oder akzeptiert und dann dürfen sie mittrinken. Elitetrinker, die bei Edeka aufs Klo durften. Es wird die Vergangenheit wiedergekäut, aber es ist trotzdem immer wieder schön, wie ein anderer Filmklassiker. Aus Sommer der Liebe lernen wir, dass die Texte oft eins zu eins der Bravo und anderen Zeitschriften entstammten. Diese langhaarigen Hippies, die kennen keine Tempos und Servietten, Fehlanzeige, da werden die fettigen Finger an der nächst besten Jeans sauber gewischt. Jürgen Höhne erklärt, dass Szenen aus dem Leben nachgespielt wurden. Der Hippie, Claudias Bruder im Kornfeld mit einer Frau am rummachen und alle steigen über sie drüber. Er sei einmal mit seiner Frau spazieren gegangen und sie seien Mitte auf dem Feldweg auf ein Liebespaar gestoßen. Seine Frau habe umkehren wollen und er sagte: nee, den ganzen Weg zurück, nur weil die zu doof sind, dann sollen sie sich eine bessere Stelle aussuchen.

Freundinnen erzählen in der Pause von einer Tierärztin, die Notdienst hatte und im Heideviertel ein verwahrlostes Reihenhaus bewohnt. Sie empfängt die Patienten mit blutverschmiertem Kittel. Sie bewohnt das Haus, das sie vorher noch aufräumen wollte, mit 9 Katzen und alles stinkt nach Tierscheiße, alles ist voller entsprechender Flecke. Die Untersuchung der Katze findet auf dem Schoß der Ärztin statt, aber sie hat viele Qualifikationen und die Behandlung kostet nur 45,- € inklusive der Medikamente. Die Katze hatte bereits im Sommer eine Bluttransfusion bekommen. Stephan fragt bei der Gelegenheit, ob Katzen Blut spenden und ich finde die Vorstellung sehr amüsant, dass Katze auf dem Rücken auf einer Liege vom Roten Kreuz den Arm hinhalten. Wenzel Storch artige Welten der Jetztzeit. Zuhause helfen mir Stephan und Detlef noch ein bisschen bei meinem Puzzle und schauen mir bei der Lösung einfach geduldig zu, was genauso hilfreich ist. Ich habe gefuscht und muss morgen einige Figuren noch mal machen, aber nicht bei schlechter Beleuchtung mitten in der Nacht basteln. Das sagt mir die Lebenserfahrung.

eine kurze, kulinarische Woche

10.03. Es ist so gutes Wetter, dass wir mittags in der Stadt essen. Wir sitzen im Rossini und es dauert mir zu lange. Ich bekomme schlechte Laune.  Außerdem sind mir zu viele Kollegen da. Das ist sowieso ganz schlecht für meine Laune. Es gibt Artischockensalat und Pasta mit Fisch. Beides sehr lecker. Neureiche Schnösel essen hier, das Einrichtungshaus Bock ist auch vertreten. Das Sitzkissen wird vorher abgebürstet.  Früher haben die jeden Tag im Clichy gegessen. Das wurde mir zumindest mal gesagt. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es ein Pärchen ist oder Mutter und Sohn. Jüngere Schnösel sind auch vertreten. Eine Frau mit Königspudel, zwei russische Männer, die das Salatbett nicht essen unten den gegrillten Pulpo und viel telefonieren.  Die Bedienung nennt mich, die Frau mit den Blumen im Haar. Dafür entscheiden wir uns nächsten Freitag mit Georg und Karin zum Ostermenü dort aufzuschlagen, auch wenn ich bei der Weinprobe passen muss. Ich trau mich trotzdem zu kommen und das Essen klingt sehr lecker.

11.03. Ganz früh beim Rentengutachter. Er will mich nicht dabei haben, ich fahre zum Gericht. Dort treffe ich den Betreuten, der seinen Betreuerausweis einmal aufgegessen hat. Ich sehr ihn sonst nie und nehme das zum Anlass ein paar Worte zu wechseln. Er sieht sonst nach Männerwohnheim aus, treibt sich aber viel im Gericht herum und könnte auch ein Richter sein mit seinem blendend weißen Krawatten und weißem Hemd. Er erzählt mir, dass seine Rente zu niedrig sei und man im Winter keine Wohnung finden könne, weil die Leute erst im Frühjahr umziehen. Gut, er ist immer noch schwierig. Im Anwaltszimmer liegt eine NP aus und so erfahre ich, dass die Tochter einer früheren Yogafreundin sich als Covergirl für ein Tauchmagazin bewirbt und sehe, wie die jetzt aussieht und zwar als Wassernixe. Mein Betreuter ruft mich auf dem Handy an und ist fertig beim Gutachter. Wir treffen uns bei der nächsten Fachärztin, die das Betreuungsgutachten machen soll, aber vom 10. -21.03. ist die Praxis geschlossen. Er will einen Monat in den Iran fahren, sein Vater ist verstorben. Es soll keiner wissen. Im Laufe des Tages nervt er mich mit diversen Telefonaten. Ich sage ihm, dass wir das hinbekommen. Um die Zeit zum nächsten Termin zu überbrücken kehre ich bei Efendi Bay ein und trinke einen Cai und esse eine Su Borek. Es ist knallvoll in dem Laden. Das Frühstücksbüffet ist sehr umfangreich, alles von salzig bis süß. Eierspeisen, Gurken, Gemüse, Waffeln und kostet 6,90 € und Heißgetränk ist auch enthalten. Schnäppchen. Parallelwelt. Wie einmal in Istanbul, aber zu viele Kopftücher machen die Illusion kaputt. Auch ein deutscher Bauarbeiter hat sich verirrt und lässt es sich schmecken. Kaffee machen sie auch gut. Die Mitarbeiter frühstücken alle am langen Tisch. Türkisches Frühstück mit Tomaten, Gurken, Schafskäse- ich mag den Anblick von oben, auch wenn das Foto scheiße geworden ist.

Essen unter Treppen

Nachmittags kommt Herr PM, der seit gestern einen Umzugshelfer hat, der sogar über ein eigenes Fahrzeug verfügt. In meiner Betreuungssache von vormittags will das Amt die Leistungen einstellen zum Ende des Monats, weil die Rente befristet ist. Ich soll mich ans Jobcenter wenden. Das kann ich nun nicht gebrauchen, gerade wenn der Typ im Ausland ist. Die Rente wird aber während des Rentenweiterbewilligungsverfahrens auch weiter bezahlt. Teamleiterin, stressige Telefonate und Faxe.  Das nervt etwas. Ich verwechsele die Uhrzeiten und komme zu spät zum Sport, will erst gar nicht hin und gleich nach Hause, traue mich dann doch.

12.03. Morgens kommt ein Selbständiger aus der Nachbarschaft, der Ärger mit seiner Steuerberaterin hat und die soll ich anschreiben. Eine Kunde hat mich empfohlen. Wir machen viel Smalltalk. Er erzählt mir, wer alles bei ihnen Kunde ist, egal ob mich das interessiert oder nicht. Dann kommt eine Betreute aus der Türkei, die mir eine Haarspange mitgebracht hat. Die ist kitschig, aber gefällt mir und ich mache sie gleich rein. Dafür will sie heute umarmt werden von mir als Gegenleistung so kommt es mir vor,  aber das macht nichts oder geht sich aus, weil „hugs“ gibt es eh „for free“. Sie bekommt eine Erwerbsunfähigkeitsrente und hat einen Nebenjob in einem Lottoladen. Da ist sie beliebt bei dem Chef und den Kunden und freundlich, zuverlässig und ehrlich. Gibt auch stapelweise Geld heraus, was liegen gelassen wurde und so was. Dafür lobt sie sich selber sehr. Sie hat Probleme mit der Security-Firma, weil sie sich mit den Männern angelegt hat und ein Hausverbotsschreiben dabei, was ihr außerhalb der Arbeitszeiten für das ganze Center Hausverbot ausspricht und nicht unterschrieben ist. Ich halte es für getürkt. Es stinkt zum Himmel und ich werde die in Hamburg ansässige Firma anschreiben. Das wird mir ein Vergnügen sein.

Die Tochter des Kollegen hat heute Geburtstag und wird 16. Wie süß. Gefeiert wird mit der Familie in der Kaffeepause. Ich habe nachmittags Aufräumen bei Frau W. zweite Runde. Der Sohn hat die Küche natürlich nicht geputzt, wie versprochen, dafür schläft er nachmittags um 16 Uhr. Ich sage, das sei ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus und der steuere auch auf eine Betreuung zu. Alle lachen, aber ich meine es halbernst. Die ambulante Wohnbetreuung ist ein Schatz und spült 2 Stunden lang den ganzen Berg Abwasch. Ich mache Fotos und sage, dass schicke ich ihrem Chef, damit er weiß wo die Fachleistungsstunden geblieben sind.

dreckiger Herd Abwasch

Sie konnte heute früher, weil der Sohn nicht mehr Zirkus machen darf wegen seiner Rückenprobleme. Ich sage, Zirkus am Haus der Jugend? Sie: nein, die Waldorfschule habe einen eigenen Zirkus, der sei sehr schön und die Aufführungen dort auch. Ich: nee, aber ich da kein Kind und dass ist dann knapp an der Grenze zu Stufe 2 Pädophilie, wenn ich mich da herumtreibe und ich wolle nicht in so eine Ecke gedrängt werden. Sie lacht und fragt mich, ob ich ein Umzugsunternehmen kennen würde, weil sie privat umzieht. Sie habe einen Unternehmer angerufen und der habe erst mal sie gefragt, ob sie ein Auto habe. Ich sage, vielleicht die Möbelbewegung, die wären nett und unkompliziert. Während dessen bekommt sie auf dem Handy einen Kostenvoranschlag, abbauen, umziehen, aufbauen für 650,-. Klingt gut? will sie wissen. Ich sage, erst mal schon. Ich weiß ja nicht, was sie alles hat. Oberstudienräte und Lehrer seien problematisch beim Umzug. So viele Bücher. Da seien die Frauen meiner Strickgruppe auf Jahre hinaus traumatisiert gewesen (ich war gottseidank krank), weil Klaus nicht nur so viele Bücher hatte, aber auch zu doof zum Packen war und die normalen Kartons randvoll gemacht habe, so dass die keiner tragen konnte. Sie daraufhin, der Lehrer und der Bücherschrank würde da bleiben. Sie zieht mit dem Sohn aus. Gut, dazu kann man sie nur beglückwünschen. Ich sortiere wieder Papier und Plastikmüll. Es sind unzählige Pillenkartons dazwischen. Neuroleptika und Schmerzmittel wie Smarties. Das hat auch was. Meine Betreute überrascht mich immer wieder. Nicht nur, dass sie sich weigert Müll zu trennen und da völlig taub ist auf dem Ohr, sie sagt auch zu einem Haufen Kleingeld, dass es „auch weg könne“. Ich hatte zunächst gesagt, wenn ich 20 Cent zusammen habe, mache ich Feierabend und dann ein Nest voller Kupfergeld gefunden.

Münzabfall

Sie ist der Meinung, dass man es schlecht „umgetauscht“ bekommen würde. Ich sage: Das brauchen sie nicht umtauschen. Es ist die gültige Währung. Sie: ja, aber die nehmen es nicht so gerne. Ich: das ist egal. Man brauche es ja nicht auf einmal nehmen, aber immer wieder 20 Cent davon. Gerade im Supermarkt haben die doch gerne diese Preise mit 99 hinten, die bräuchten 1 und 2 Centstücke. Es ist doch Geld. Ich glaube, meine Worte verhallen. In zwei Wochen machen wir weiter. Ich habe wieder vergessen den Türkranz mit der Metallschrift „believe“ zu fotografieren, dafür habe ich ca. 30 Marktkauf und Penny Tüten für zuhause mitgenommen. Ich spare am richtigen Ende. So viel steht fest. Halte auf dem Rückweg beim Rattenkönig, aber der ist nicht da und nur seine Freundin über die Gegensprechanlage. Auf der Höhe Marktkauf wechsele ich die Straßenseite und ein moslemischer Typ in voller Montur überholt mich und reißt den Arm nach oben und schimpft, weil ich eine Schlangenlinie gefahren sei. Ich pöbele zurück, dass ich manchmal auch ausweichen müsse, wenn eine Unebenheit in der Fahrbahn sei und er aufpassen muss beim Überholen und er tut dann so als würde er in mich reinfahren. Ich sage, das kenne ich auch, das sei schneiden, aber er kann auch klingeln, wenn er von hinten kommt und überholen will. Längst strahlt er mich an und fährt in verkehrsgefährdender Weise neben mir mit seiner alten 70er Jahre Gurke in metallicblau mit Schrift, so dass die Fußgänger ausweichen müssen. Er wolle zur Moschee. Ich sage: Weidendamm und er: ich würde mich auskennen. Ich: nein, das würde ich nicht behaupten, nur weil ich weiß, wo die Moschee ist. Ich frage, wann es los geht. Wenn die Sonne untergeht. Mhhhmm, das ist ganz schön anspruchsvoll. Ja, jeden Tag anders. Er erzählt von den Propheten an die sie glauben, Moses, Jesus, Mohammed. Das waren Moslems. Nee, Jesus war Jude, sage ich. Er ist in Tücher gewickelt und hat einen Vollbart und wir geben ein spitzenmäßigen Pärchen ab. Als wir uns trennen müssen, soll ich mir die Internetseite wwe.weginspardies.de anschauen. Dann soll ich mir seine Nummer aufschreiben. Nein, sage ich. Ich will nicht. Er sagt sie mehrfach auf und will wissen, ob ich sie mir gemerkt habe. In 2 Monaten soll ich ihn anrufen. Nein, mache ich nicht. Anlächeln tue ich ihn trotzdem. Komische Begegnung. Gefällt mir. Schön flirten auf dem Weg zum Abendgebet. Der lässt halt nichts anbrennen.

Ich habe heute Yoga abgesagt und wir gehen ins Apollo zu Blue Jasmin, der heute um 20:15 läuft. Das Popcorn schmeckt und die Schokolade. Den Film finde ich mittel. Ich finde die Hauptdarstellerin überzogen, affektiert und nicht glaubwürdig, auch die Geschichte hat deutliche Schwächen nach meinem Dafürhalten. Den Oscar für die beste Hauptrolle hätte ich anders vergeben.

13.03. Viele Bürotermine, Geld abholen. Abends kommt der Iraner und holt den Scheck von der Krankenkasse. Der Vater des jungen Mannes, der nicht spült und nur uns die Wohnung aufräumen lässt, hat die Bafög-Unterlagen nicht hingeschickt, wie abgesprochen. Ich hatte ihm alles geschickt und erklärt, was zu tun ist. Die ganze Familie ist reif für Betreuung. Ich erkläre ihm, dass wir für ihn die Neuberechnung anstreben und erkläre noch mal ganz genau, was er machen muss. Erst sagt er, er habe die Unterlagen weggeschmissen, findet sie im Laufe des Telefonats doch wieder. Mittags gehen wir zu Piu, wo es riesige Pastaflatschen gibt, gefüllt mit Ricotta und Spinat. Ich nehme den große Insalata della casa. Guter Laden. Es ist voll. Neben uns Vater und Tochter Momo, viel Locken, ganz dünn. Beide bestellen Spagetti Bolognese und der Vater beschwert sich bei ihr, dass sie noch nicht einmal die Hälfte einer halben Portion gegessen habe und Stephan wundert sich, was ist das für ein Vater, der das Essen seiner Tochter nicht aufisst. Auch bei der Bedienung kommt das schlecht an und sie konfrontiert die beiden mit dem fast vollen Teller. Dafür gibt es für Töchting einen Lolli zur Belohnung.

Abends Buchbinderkurs. Ich empfinde es als anstrengend heute mich nach einem vollgepackten Arbeitstag zu konzentrieren und eine Frau redet ohne Unterlass und nervt alle, beschlagnahmt die Arbeitsmaterialien usw. Mit dem peniblen Mann habe ich mich angefreundet. Als ich nicht mehr kann, klebe ich Tüten aus alten Schulbüchern, weil das gerade noch geht. Er: jeder nach seinen Fähigkeiten. Ich stimme zu. Ich bin eher fürs Grobe und Richtung Maßregelvollzug. Die Nervbacke will von mir wissen, wofür ich die Tüten machen würde- weil sie allen schon seit knappt 3 Stunden auf den Wecker fällt, kommt von mir: sag ich Dir nicht. Laura und die anderen sind geschockt und schauen mich ungläubig an. Vielleicht wenn ich zu faul bin Geschenke einzupacken setze ich noch nach um die Situation zu entschärfen. Es sei doch egal. Eigentlich wollte ich sagen, dass ich eine große Tüte klebe und sie reinstecke und dann mit dem Knüppel drauf schlage. Der nächste Termin ist erst am 03.04. Das ist auch mal gut eine Pause zu machen. Hole mir fettiges Essen vom Türken.

14.03. Morgens habe ich heute Zeit. Bekomme von Claudia vier emails mit Tattoofotos und denke zunächst an eine Fotomontage, weil ich es gar nicht einschätzen kann. Sie hatte unlängst in Straßburg über die Weiber im Bikramyogastudio abgelästert, die sich „Viva la Vida“ ins verwelkte Dekolleté reinstechen lassen. Da wir es nicht einschätzen können schreibe ich ihr: hat die Fahrradversicherung so viel Geld gezahlt? Sie hat heute frei und wir telefonieren. Ja, es ist echt. Es sei der Entwurf einer Freundin nach ihrem Körper, Muskeln und Muttermale gemacht und dann übertragen und es habe sich gut angefühlt. Ihre Tochter, die schon seit Jahren tätowiert ist, habe gesagt, sie wolle doch nur ihre Eltern provozieren. Sie sei eben immer für eine Überraschung gut und dem kann ich nur zustimmen. Dafür liebe ich sie auch.

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Mittags treffen wir eine Freundin, die wir lange nicht gesehen haben, im 11 A. Sie sieht aus wie Diana Ross. Sie ist Psychotherapeutin und ich erzähle ihr, wie ich mit den Psychos hier im Büro umgehe. Die Kollegin frage ich, ob sie nicht doch lieber wieder nach Paris fahren wolle, wie letztes Jahr statt nach Tansania. Ich meine, in Paris gäbe es Buttercroissants und dort haben die Leute nicht genug zu essen und sie landet womöglich im Kochtopf. Ich schätze sie so ein, wie eine Weiße, die sich in einen Massai verliebt und dann gleich da bleibt und ein Buch darüber schreibt, wie diese Schweizerin. Ich frage Dieter, ob er dann ihre Patienten übernimmt, wenn sie nicht zurück kommt und Dieter sage ich, dass ich einer Patientin von ihm unten aufgeschlossen habe und die hat mir hier oben die Tür vor der Nase zu gemacht und mir sei es egal, ob die bei ihm in Therapie seien, die sollen sich zusammen reißen. Ich habe mir das Gesicht gemerkt und erwarte eine Entschuldigung beim nächsten Mal. Das könne er ihr als Teil der Therapie verkaufen. Es wird dabei viel gelacht. Die Freundin hat jedenfalls derbe Schicksalsschläge hinter sich und atmet wieder etwas auf. Sie macht eine Ausbildung zum Seelenheiler und man ruft hier die spirituelle Welt an durch Gesänge. Klingt etwas nach Teufelsaustreibungen mit Chorprobe verbunden. Ist wohl auch so ähnlich, aber passt zu ihr. Wir wollen uns jetzt alle 2 Monate mittags verabreden. Sie will uns auf die Heißgetränke einladen, weil wir die Sache ins rollen gebracht haben. Ich sage, damit bräuchten wir gar nicht anfangen freue mich aber über das Treffen und hoffe, dass sie auf dem Behindertenparkplatz kein Ticket bekommen hat. Sie wäre sonst zu spät gekommen. Die Begründung leuchtet ein.

Abends beim Sport, die Lehrerin, die immer etwas unsicher ist. Als sie ankündigt, dass sei die letzte anstrengende Übung des Abends, rufe ich spontan: das könne sie doch nicht wissen und alle lachen.

So, was tun mit dem Abend? Konzert im Pavillon. Interessiert mich beides nicht. Lesung im literarischen Salon mit Synchronsprecher, weiß ich auch nicht. Da hilft nur essen gehen. Habe mittags ja schließlich nur eine Suppe zu mir genommen. Wir kriegen einen Tisch im Titus. Es ist nicht mal ausgebucht. Die Bedienung mit dem Alkoholproblem ist wohl weg vom Tisch. Der Chef überreicht mir ein Geschenk aus Wien, niedliche Verpackung vom Demel, hier wäre das Frühstück besonders gut und ein Marillenkernöl von Gegenbauer. Ich freue mich. Wir essen richtig lecker. Schon das Amusegeule „macht komische Dinge in meinem Mund“, wie ich beim Abräumen des leergefegten Tellers anmerke. Es ist Lachs Chili-Speck von Urbanek und dazu eine speziell bearbeiteten Karotte und gepufften, kleinen Körnern darauf, die irgendwie nach Fisch schmecken und hammerlecker sind. Sehr toll:

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Der Mann kann einfach kochen, vor allem Fisch ist großartig zubereitet, gute Qualität und sorgfältig und ideenreich verarbeitet. Es gibt Pulpo, Gänseleber, Fisch, Bandnudeln mit Morcheln satt, Spannferkel, Taube mit Sesam, Käsegang sowie Nachspeisen. Hier ist das tollste eine Sauermilch in einem kleinen Schälchen. Sieht aus wie Creme Brulée. Ich sage beim Abräumen, die Milch in der Schale hat Katze am besten geschmeckt.

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Die Nachbartische: Einmal in der goldenen Ecke ein lockiger Typ, den ich vom Sehen her irgendwie kenne, der mit zwei jüngeren Grafikdesignern isst. Die erklären sich gegenseitig die Welt, vor allem der Ältere den anderen natürlich. Die Bedingung soll mal die Weinflaschen von der Weinprobe alle herzeigen, damit die Grafikdesigner sich die Logos anschauen können und das passiert und sie werden alle auf dem Tisch aufgestellt. Stephan macht Witze, dass wir auch die Flaschen sehen wollen. Das sagt er aber nur zu mir. Hinter uns sitzt ein dunkelhäutiger Mann mit einer europäischen, dunkelhaarigen Vegetarierin, die nach Öko ausschaut und auch kein Fisch isst. Die essen nur 3 Gänge und lassen ein Glas Rotwein stehen. Ich frage Herrn Grubert später, ob das ein Problem gewesen sei und er meint, nein, besser wäre es jedoch das vorher anzukündigen, weil Gemüse habe er genug da, aber das wolle genauso vorbereitet werden wie Fleisch und so habe er genommen was da war, Pasta mit Morcheln und so, auch nicht schlecht. Im anderen Fall hätte es sich mehr überlegen können. Guter Mann.  Am härtesten finde ich ein Pärchen, von dem ich zunächst denke, es sind Vater und Tochter, aber es ist wohl doch ein Paar. Sie sieht aus wie Miss Piggy und er ist dick und relativ alt. Sie tätscheln sich viel im Gesicht und irgendwie sind sie mir sehr unsympathisch. Beim Nachtisch und wenn Herr Grubert eines kann, dann Fisch und Nachspeisen, lassen sie sich die beiden Nachtischen aufsagen und dann heißt es ihhh, nein, keine Orange und oh Gott, bloß keine Ananas. Sie nehmen beide den Käsegang, den wir auch einmal hatten und uns geteilt haben, mit kleinen Bratkartoffeln, sehr lecker gemacht. Als sie dann sehen, wie die anderen Gäste die Nachspeisen bekommen, wollen sie doch wissen, was das für ein Eis gewesen sei. Ach so, grüner Pfeffer und Holunderbeere und eine Schokoladenmousse haben sie doch auch, will der Typ wissen. Sie bestellen dann genau das. Die Mousse mit den Eissorten. Ich finde es nur dämlich, dass man einem guten Koch so wenig vertraut, der nun eine Nachtischkombination sich überlegt hat und dann stattdessen die einzelnen Komponenten bestellt, die vielleicht so gar nicht zusammen passen. Arme Trottel. Das hilft nur noch eine Runde an der Nase des Gegenübers zwicken mit den Fingern um das Bild komplett zu machen. Ach, was soll’s. War lecker, der Abend!! Ich wäre auch lieber mit dem Essen in einer anderen Umgebung gewesen.

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Feinrippunterhemd und halber Mond

08.03. Samstag werde ich unheimlich früh wach und habe richtig Lust zu basteln. Ich nähe 2 Hütchen und backe einen Kuchen. Um 14:30 Uhr bin ich mit Steffi zum Nähen verabredet. Sie hilft mir einen Polyestermorgenmantel in einen „regulären“, straßentauglichen Mantel zu verwandeln. Neue Knöpfe waren eh klar, weil die weißen nach Bettwäsche aussahen, aber das weiße Futter des Kragens ist auch sehr hinderlich. Sie sieht immer, woran es stilmäßig hapert. Sie hilft mir etwas mexikanische Totenmusiker in die Nacken hinein zu basteln durch Bügeln und Feststecken. Der Stoff von Andrea reicht nicht ganz und ich nähe vorne noch zwei Früchte dran, Sternfrucht und rosa Grapefruit (auch Andrea). Ich will den Morgenmantel, der unheimlich nach Konfetti ausschaut in San Francisco tragen. Da werden sie staunen, selbst im Kitsch gewohnten Kalifornien!

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Polyestermorgenmäntel erinnern mich an Tante Mary, die Verwandte von uns aus der Schweiz, die so ca. 30 kg gewogen hat, 5 Töchter und unheimlich viele Enkel hatte und gerne in total krassen Polyestermorgenmänteln durchs Haus gelaufen ist. Die waren einfarbig mit Spitze oder auch mal einen Federrand. Ich sehe ihre dünnen Beinchen mit den Venen vor mir. Ich habe da ganz starken Erinnerungen daran, auch wie sie deutsch-englisches Mischmasch geredet hat und die amerikanischen Enkel sich drüber lustig gemacht haben. Der Mann dazu, Onkel Hans, hatte einen mächtigen Fernsehsessel und ein Hörgerät, was ganz laute Piepslaute von sich gegeben hat.

Steffi und ich tauschen Geschenke aus. Ich habe Zuckerpuppen aus Wien mitgebracht. Kleine Tüten mit weißem Zucker und Modezeichnungen darauf. Nicht so toll, aber vielleicht ganz amüsant für den Fundus. Ich bekomme einen Kühlschrankmagneten mit holländischen Holzschuhen. Steffi serviert Tee und wir sitzen auf ihrem Bett. Sie war auf einem Flusskreuzfahrtschiff im Nähbootkamp und schildert ihre Eindrücke. Die Uniformstreifen mussten immer einen Abstand von 4 mm haben. Da haben sie einen Kabelbinder als Abstandshalter benutzt. Ich frage, welches Publikum auf so einer Flusskreuzfahrt sei und vermute viele Rentner. Da fällt mir wieder die Doku ein, die neulich lief mit Full Metall Cruise und den Heavy Metall Spießern. Eine Bürotussi und der langhaarige Typ dazu, die mit French nails und roten Rosen und Doro Pesch als Trauzeugin an Bord heiraten. Schlimmer geht nimmer. Die beiden Kumpels, die 8 Stunden am Tag ihre Muckis trainieren, weil es wäre doch schade, wenn die Figur flöten geht und man feiert ja doch jeden Tag und trinkt Bier. Da muss man tagsüber an seiner äußeren Erscheinung arbeiten. Man kann sich umsonst das Kreuzfahrtlogo oder Wacken tätowieren lassen und die Jungs haben sich für Partnertatoos von Wacken auf den Fußrücken entschieden. Fremdschämen ist angesagt. So ein fertiges Abziehbildchen als Dauerschmuck. Werbeträger sein, wie Steffi zu Recht meinte. Dann der zweite Bericht, über eine normale Kreuzfahrt. Das Schiff legt in Barcelona am Hafen an. Ein Pärchen, die jünger sind als ich und feststellen, dass „man hier wisse, was man habe“ und daher den Cappuccino immer an Bord einnehmen würde und dafür dann jeden Tag vom Stadtausflug zurück kehren. Bitte erschießen wenn es soweit ist denke ich nur.

Ich schmuse viel mit Suki, da entsteht gerade richtig Vertrauen, auch wenn er mir rosa Wollbommel geklaut und in sein Körbchen apportiert hat. Mit diesem Hund habe ich noch Großes vor. Modellmäßig auf jeden Fall und er nimmt seinen Auftrag ernst und macht richtig mit. Er weiß worauf es ankommt beim Posen. Ich werde ihm Hütchen nähen, wir werden im Partnerlook gehen. Vielleicht sogar eines mit den rosa Bommeln. Die hat er sich ja nun ausgesucht.

Steffi erzählt sehr lustig von einem 50sten Geburtstag eines Szenegängers in Braunschweig, bei dem sie vorher die Alkoholabbauwerte recherchiert hat und dann hingefahren ist und 0,1 Sekt getrunken hat und nach 2,5 Stunden zurück gefahren ist um nicht in die Verlegenheit zu kommen, dort übernachten zu müssen. Diese Systematik gefällt mir. Überhaupt genieße ich die Freundschaft und das Teilen gemeinsamer Hobbies. Apropos. Sie erzählt von einem neuen Sushi Laden neben Real. Es sei dort Pikobello, die Küche und alles ganz frisch zubereitet, auch warme Küche, Suppen usw. Die haben einen Bringdienst und sie den Flyer. Immer wieder sagt sie euphorisch: ich bestelle uns Sushi, aber das geht erst wieder um 17:30 und ich gehe mit Stephan essen. Der Wille zählt und ich denke, das machen wir mal ein andermal. Der Tipp ist schon mal super, weil das fehlte mir um die Ecke, ein guter asiatischer Imbiss.

Wie ein Hund jagt Stephan manchmal Autos, so nenne ich das, wenn ich das Gefühl habe, er legt sich als Radfahrer mit stärkeren Gegnern an. Ein SUV biegt in die Posthornstraße ab ohne zu Blinken und der Typ fährt davor schon halb auf dem Radweg und telefoniert und guckt nicht. Fast hätte er Stephan angefahren. Ich habe Angst um ihn. Ich sage: „nicht, die Autos jagen“.

Beckmanns Weinhaus ist heute voll. Erst kommen Fußballventilatoren, ein ganzer Tisch voll. Ein Typ sieht echt gut aus und hat die älteren Fußballfreunde aus Saarbrücken immerhin hier her gebracht. Er telefoniert mit seiner Familie und hat 2 Kinder. Die Vollprofis aus Saarbrücken erzählen von den ganzen Sternerestaurants die sie haben und lassen eine zweite Flasche Chianti Classico schon mal aufziehen. Sie würden immer nach Frankreich fahren. Metz wäre auch eine schöne Stadt. Ja, die spielen in der zweiten Liga. Immer geht es gleich wieder um das Thema, was sie alle verbindet. Ich bin echt intolerant. Der Typ wird gefragt von einem der Vaterfiguren aus Saarbrücken, ob er Pulpo kenne, die Vorspeise des Tages und er verneint. Der Typ hat zwei Kinder und noch nie Pulpo gegessen? Er bestellt Carpaccio und ein Rindersteak nur mit Kartoffel. Der Typ ist raus. So einfach ist bei mir die Rechnung. Unser leckeres Essen:

Beckmanns Ziegenkäse Beckmanns VongoleBeckmanns Lachs Kartoffelpü Beckmanns Tiramisu  Beckamnns Pannacotta Beckamnns Gorgonzola Nachtisch

Am anderen Tisch neben uns sind zwei ältere Menschen, Mann und Frau sowie zwei jüngere Männer. Ich denke erst, Familie, aber die Älteren sprechen mit bayerischem Dialekt und die Gespräche lassen schnell deutlich werden, dass sie nicht verwandt sind. „Was Sie kochen auch? Das ist ja toll. Ein Kochbuch von Jamie Oliver? Wir haben den Lafer und den Schubeck bei uns.“ Dann weiter, irgendwas mit, sie sind ja fast fertig geworden und die Arbeiten, die mit Dreck verbunden sind, sind erledigt. Ich überlege lange, was das zu bedeuten hat. Ein Hausbau und sie laden die Handwerker jetzt zum Essen ein. Später wird es mir klar, Messebau, Cebit is in the house. So viel ausländische Gäste ist man gar nicht gewohnt.

Die Kunst ist allerdings schlimm. Ich sage, das schaut aus, wie harte WG, die Wände total vollgemalt hat, Hauptsache dunkle Farben, fies und schlimm und der Nachmieter hat angefangen zu renovieren und ist gerade bei Obi, weil der Farbeimer leer ist.

Beckmanns Kunst

Heute bin ich gedanklich und von den Klamotten her zwar noch im Grand Budapest Hotel, aber American Hustle steht auf dem Programm. Es zeigt das Amerika meiner Kindheit. Die Mode, die Frisuren mit Lockenstab á la Farah Facett Majors und auch die Musik. Nicht nur, dass Christian Bale das neue Sexsymbol ist, auch und gerade die Frauengestalten sind eins-A. Natürlich hätten Steffi und ich gerne so einen Kerl, der eine Reinigung betreibt oder mehrere und wir dürfen uns aus dem Fundus der Designerklamotten und Pelze aussuchen, was uns gefällt. Das wäre ein Traum. Diese Reinigungsbügel, die mit Papier bezogen sind, mit einer Rose drauf. Auch Kindheitserinnerung. Die durchgeknallte, blonde Borderline-Ehefrau hat ja Claudia besonders gut gefallen und es waren auch die Schlüsselszenen des Films. Kein Metall in diesen Ofen, den die Wissenschaft uns gebracht hat (eine Mikrowelle). Immer will der Typ ihr sagen, was sie tun soll, dann Stichflamme, schwarz verkohlte Stelle in der Einbauküche. Dann hat sie einen Artikel gelesen, dass das die Nähstoffen im Essen zerstört und sie zu ihm: „Du schleppst so ein Teil an, was die Nährstoffe in unserem Essen zerstört und fast die ganze Bude abfackelt? Gottseidank war ich da“.  Schön auch, wie ihn an die Mafia verrät und die ihm einen Sack über den Kopf ziehen und ihn bedrohen und da fällt ihm die Lösung ein und sie: da habe ich einen Artikel drüber gelesen. Das mit der Motivation ist so eine schwierige Sache. Tolle Logik, toll, toll.

Draußen vor dem Kino treffen wir Bini und Andreas, die durchgehalten haben und Grand Budapest Hotel im Original gucken wollen. Alle Achtung. Ich wollte in die Glocksee und tanzen und Steffi treffen, habe aber kalte Füße und keine Lust mehr. Morgen soll ja schön werden, lieber schnell schlafen. Stephan erklärt Bini und Andreas, dass wir gestern aus gewesen seien. Aus? Ich habe eine Limo getrunken und 10 Minuten im Gut e.V. herumgesessen und war vor 12 zuhause. Das ist nicht ausgehen!!! Er verwechselt da was, mein Mann. Das ist wie ein Fertigsandwich bei Rewe kaufen und erzählen, wir wäre Essen gewesen. Soll ich frustriert sein, dass ich kneife? Ich habe einfach keine Lust und die Vorstellung in die Glocksee zu gehen und das ohne Alk, reizt mich nicht. Es ist nicht mehr mein Revier. Lieber schnell nach Hause. Ich habe den Eindruck nichts zu verpassen. Es ist kalt und Morgen soll es warm werden. Dann lieber schnell schlafen und Morgen einen vollen Tag erleben.

Ein halber Mond steht am Himmel. Ich habe mein Armband verloren, wie ein Bettelarmband mit Wappen der österreichischen Bundesländer. Ich bin auch selber Schuld, weil ich wusste, dass der Magnetverschluss unzuverlässig ist, aber es habe darauf ankommen lassen. Jetzt ist es weg. Ich ärgere mich, suche es noch im Garten und rede mir dann ein, es sollte nicht zu mir gehören.

09.03. Morgens Telefonat mit Claudia, die doch nicht mitkommt nach Kalifornien. Ich finde es schade, kann aber ihre Motivation verstehen. Vor der Fahrt zu meinen Schwiegereltern will ich unbedingt auf den Flohmarkt. Sonniges Wetter. Richtig was los. Herrlich. Ich schaue oberflächlich und finde nur eine Sache, die allerdings großartig ist, eine lederbezogene Klammer, die jeder braucht.

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Dann schnell zum Fischerhof. Leider fährt unsere S-Bahn sonntags nicht. Ich bin total genervt. Wir fahren mit den Rädern in der vollen Bahn zum Hauptbahnhof. Hier werden wir den Zug nach Neustadt nehmen und dann etwas Radfahren an dem neuen Radweg an der B 6 bei dem herrlichen Wetter. Stephan kauft mir einen Kaffee bei Segafredo und Florentiner mit weißer und dunkler Schokolade. Die Laune bessert sich mit dem Zucker. Im Zug ein Mädchen, was herum zickt und die leeren Drohungen der Eltern, wenn das nicht sofort aufhöre, würden sie in Wunstorf sofort zurück fahren. Sie steigen aus und es heißt immer wieder, nein Zoe, weg vom Gleis, lass es, kommt Zoe, nur zurück gefahren wird nicht. Stephan sagt, eigentlich müssten sie gleich wieder einsteigen, aber es sind doch nur leere Worte. Das weiß auch Zoe nur zu gut, die weiter tobt.

Der neue Radweg ist gut zu fahren, etwas laut. Viele Radkappen. Man würde müllmäßig richtig fündig werden, aber dafür ist keine Zeit. Auf den letzten Metern biegen wir ab und fahren den alten Radweg ins Dorf. Wir kommen mit leichter Verspätung an. Es wird doch nicht gegrillt, sondern es gibt Hühnerfrikassee. Ich war darauf reingefallen. Dafür weihen wir die neue Terrasse ein und braten in der Sonne. Es geht um eine bevorstehende Konfirmation sowie die Goldene Hochzeit meiner Schwiegereltern. Die können sich nicht einigen und die Kinder sollen es nun in die Hand nehmen mit der Planung. Rollentausch und die Eltern sind die Kinder und die Kinder bestimmen, wo es lang geht. Ausflug nach Hamburg, Hafenrundfahrt, Fisch essen wird überlegt, aber dann doch verworfen zugunsten eines kleineren Programms. Auswärtig übernachten ist eine Qual für meine Schwiegermutter. Es hat sich ein Freund angeboten eine Führung der Herrenhäuser Gärten zu machen und das wird ganz schön. Vorher gehen wir essen.

Ein entspannter Tag, keiner von uns kann so viel Sonne ab, wie mein Mann. Mein Schwiegervater fährt seine Tochter abholen im Feinrippunterhemd und die wundert sich, ob er nackt im Auto sitzen würde. Ich finde es cool. Ja, auch mein Mann sieht sehr gut aus. Ich sage ihm, schöner Oberkörper. Ich bin wie Agatha aus Grand Budapest Hotel, aber ich kann nicht backen und Du bist meine Liebe, aber eher Harvey Keitel, mit weniger Tattoos und einer anderen Profession, aber eigentlich solltest Du auch immer in Unterwäsche herumlaufen um die anderen Männer zu deprimieren. Ich pose etwas auf der frisch gestalteten Terrasse meiner Schwiegereltern. Alles wurde genau nach Plan eingepflanzt und der ist sehr streng!

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Als wir zurück fahren ist es für Kino zu spät. Ich hatte auch keine Lust. Wir fahren zum Siloah mit den Fahrrädern in der Bahn und ich habe Lust auf Sushi nach dem Landausflug habe ich noch ein kleines Hüngerchen. Auf zu der Phamy Sushi. Ich sage nur Hannover Maki mit Frischkäse und Rucola. Das ist gut gemacht. 15 % gibt es für das abholen. Der Laden ist surreal. Es ist megahässlich in der Gegend und dann diese Hütte mit dem total korrekt, japanisch gekleideten Mann, der einen Wickelumhang als Sakko trägt mit traditionellem Muster. Die Männer rollen das Sushi und die Frauen kochen in der Küche. Das einziges was fehlt ist die typische Stoffgardine bestehend aus Stoffstücken, die an einander hängen am Eingang des Ladens und vielleicht noch einen Lampion draußen. Das Telefon klingelt kontinuierlich. Sonntagabend ist Hauptkampftag. Es ist eine gute Alternative zu Joeys bzw. echt eine andere Liga. So viel steht fest. Hier gibt es was Frisches und Kimchisalat statt trash food und Haagen daaz. Das ist bekömmlicher vor dem Fernseher.

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Lickringen

03.03.2014 Mein Betreuer lebt über seine finanziellen Verhältnisse. 2 Autos, 1 Motorrad. Das sei Teil der Krankheit. In der Selbsthilfegruppe „bipolare Störung“ würden alle dasselbe erzählen. Er nimmt einen Hausfrauenkredit auf um mehrere andere Kredite abzulösen, die teilweise zinsfrei waren. Es ist alles wenig durchdacht. Ablauf im privaten Bereich: Freundin, engagiert sich ganz doll, ist mehrfach auch mit bei mir, er zieht nach Hameln zu ihr, Schluss, wurde ihm alles zu viel. Dann wieder Hannover. Jetzt die Neue, es wird geheiratet. Ich sage ihm, auch das wirke sehr chaotisch auf mich. Muss das denn sein, heiraten? Das kann so viele Probleme bringen und Schulden. Er will Verbindlichkeit und Stabilisierung und erhofft sich das durch die Heirat. Dann hat man ja den Schwur geleistet und dann ist da auch jemand, wenn man nach Hause kommt und man sorgt füreinander. Weiß nicht, ob das so klappt. Habe eher meine Zweifel. Ich denke umgekehrt, die Verbindlichkeit muss da sein und dann kann man es krönen mit Heirat und nicht hoffen, dass die Verbindlichkeit kommt durch die Heirat. Natürlich scheitern auch Ehen, bei denen die Paare schon 5 Jahre zusammen gelebt haben. Es gibt keine Garantie, aber so scheinen mir die Vorzeichen sehr ungewiss, durch das Probewohnen hat man immerhin schon mal ausprobiert, ob das klappt. Sie zieht her aus einem anderen Bundesland, man kennt sich erst einige Monate und hat noch nie zusammen gelebt. Sie braucht erst mal einen Job, ob ich da was weiß. Zur Hochzeit wünschen sie sich Geld. Ne, klar. Mir kommen die Unwägbarkeiten halt sehr groß vor und der Trauschein hält doch keinen…

Nachmittags fahre ich zu meiner dementen Betreuten. Der Perso ist fertig. Bürgeramt Ricklingen. Schön ist das nicht.

Alle Arten von Kunst Voltaire

Im Gebäude drin und vor dem Amt ist die Bücherei. Das ist ein Paralleluniversum. Da arbeiten Frauen drin, die eine trägt Kopftuch. Alles ist schön dekoriert und hergerichtet, aber es wirkt wie aus einer anderen Zeit. Wer braucht das noch? Gut, meine Freundin Claudia ist Fürsprecherin der Bücherei. Sie leiht sich Filme und Bücher für den E-reader und die löschen sich selbsttätig und mal braucht sie nicht zurück bringen. Ich war verwundert, dass die Mitgliedschaft Geld kostet. Ich kenne so was nur als Studentin und da war das immer umsonst. Meiner Betreuten hatte sie die Zugangsdaten für die Internetfreischaltung des Ausweises geschickt. Das zerreiße ich vor Ort. Wir hatten „nein“ angekreuzt und die ist schlimm dement. Warum bekommt sie das dann zugeschickt, will ich wissen. Ja, Vollmacht liegt Bürgeramt Ricklingen vor. Ich habe das Theater mitgemacht, brauche aber keine Vollmacht als Betreuerin, bin gesetzliche Vertretung, auch egal. Wieder zurück zu meiner Betreuten, vorbei an so was:

eigenartiges Bild

Hier laufen die Karnevalsumzüge im Fernseher. Das Tierheim in Mainz stellt sich gerade vor. Wir schauen etwas zusammen fernsehen. Die Nachbarin will wieder putzen, aber meine sagt, es sei sauber genug und will das Geld lieber in der Kneipe ausgeben. Da kann die Betreuerin auch nichts machen. Wir sprechen vor der Nachbarin über den Schwerbehindertenausweis mit Wertmarke und Begleitperson. Ich sage meiner, sie kann auch mal jemanden, der gerade eine Fahrkarte kauft ansprechen und sagen: wenn ich mich mit einhaken darf, fahren Sie umsonst. Begleitperson kann jeder sein. Sie ist der Freifahrschein sozusagen.

Meine Betreute, der es so schlecht geht, dass sie sich in die Klinik einweisen lassen wollte und der ich einen  Hausbesuch angeboten habe und die oft an Suizid denkt, wohnt gleich um die Ecke und direkt neben einem Tischler und Bestatter. Das ist mein nächster Termin. Die Wohnung ist klein und steckt voller Geschmacklosigkeiten und Esoterik, lila, dazu Kerzen und ein großer flacher Fernseher mit Spielekonsole daneben. „Ich, unverbesserlich Teil 2“ liegt auf dem kleinen Tisch auf einem Stapel mit DVDs. Der erste Teil sei besser gewesen.

Auf dem Rückweg wundere ich mich über die Zeitungsüberschrift: „Krieg in Europa“. Was wollen sie denn dann schreiben, wenn es so weit ist/kommt?

Beim Sport stelle ich in der Umkleide vor, dass es wohl eine neue Disse gibt, einen Klub, den ich nicht kenne. Die Balletttante, die mit ihrer Tochter gekünstelt Englisch spricht, sagt einer anderen Teilnehmerin, die jetzt zur Grace-Lehrerin avanciert ist, dass sie wohl beide im Kristallclub gewesen seien. Die Angesprochene hat das nicht bemerkt und stellt fest, dass das nicht für ihren Zustand sprechen würde. Sie hätte zu viele Bier getrunken und sei dann auch schon um 3 nach Hause gegangen. Die Tanzlehrerin daraufhin: was so früh und die Tochter, die bei ihr in der Klasse ist ergänzt, Mama ist erst gegen Viertel vor acht nach Hause gekommen. Ich dachte schon, die übernachtet woanders und verrollte die Augen. Ich will mal wieder tanzen gehen und bin nicht am Puls der Zeit. Blöd eigentlich. Jetzt versuche ich herauszufinden, wo dieser Club ist. Auf meine Recherchen schreibt mir der Nachbar, Scholvinstraße, aber Steintorviertel ist nun nicht meine Welt. Vielleicht würde ich edn Club dann auch doof finde, wenn ich ihn finde. Will eine freakige Glocksee für Erwachsene oder Ü-40 Glocksee halt. Das gibt es nicht.

Abends nach dem Essen (es gibt alten Broccoli mit Wiener Wurst, Knoblauch, Zwiebeln, Chili in Sahne, das Ganze setzt an, weil ich weggehe, schmeckt dann aber erstaunlich köstlich) und kurz vor 23 Uhr verkündet mir mein Mann, dass Mats gleich brennt. Ein Freund von uns macht japanische Keramik, in diesem Fall wohl Buchstaben, die sich auf Messen total gut verkaufen lassen, in einem Ofen, der im Freien mit Holz betrieben und auf 1000 Grad hochgeheizt wird und das die ganze Nacht durch. Stephan will sich das Spektakel ansehen. Ich bin zu müde, aber das ist bestimmt interessant.

04.03. Betreuter, der sich selten meldet hat Termin. Es geht um Verlängerung der Rente. Er trete auf der Stelle und es würde ihm so gehen, wie zur Zeit der Einrichtung der Betreuung, außer dass er nicht mehr spielt. Auf Nachfrage: besser ging es ihm nur als er den 1 Euro Job in der MHH hatte. Ich greife zum Hörer und er hat nächste Woche dort einen Termin. Die 1 Euro Jobs gibt es nicht mehr, aber er ist jetzt auch Rentner. Kurzes Telefonat, große Wirkung. Schlechtes Gewissen, weil ich nicht aktiv geworden bin trotz Gesundheitssorge. Er hätte sich auch rühren können. Ich rede da offen drüber und wir stellen fest, dass jetzt vielleicht auch genau die richtige Zeit war und es passte ja auch einfach alles. Es ist, wie es ist.

Mittags Kantine

Kantine Gulasch

und entspannte Runde mit meinem Mann in der Stadt bei schönem Wetter. Kalorienreduzierte Fudge-Torte und Karamell-Schoko-Shortbread von Balzac. Oh Man, der Zucker. Komme nicht los von dem Zeug. Stephan bekommt nach meinem Tod meine Oberschenkelknochen. Ich will das verfügen, dass sie entfernt und präpariert werden. So gekreuzt würden sie cool ausschauen. Meine Oma, der ich nachschlage, hatte 2 künstliche Hüftgelenke. Das würde die Knochen natürlich versauen. Solange der Schwabbel da ist, mag er mehrere Teile an mir, aber von dem was übrig bleibt, mag er die Oberschenkelknochen, allerdings mag er die auch lieber mit Stoff, also Haut bezogen. Da lassen sie sich besser streicheln als so Knochen.

Am Schwarzen Bären reitet mich die gute Laune und ich fahre Schuss herunter zum neu gestalteten Glocksee-Ufer. Es gefällt mir und die Menschen sitzen draußen, die Uferpromenade ist schön und es lässt sich herrlich Rad fahren. Als ich beim Tanzkurs in der Glocksee damals (die alten Szenehengste mit Frauen nahmen zu der Zeit Privattanzunterricht und wir waren dabei und haben Lindyhop und Tango und alles mögliche gemacht) gefragt habe, ob einer von der Dagegenfraktion sich denn die Umbaupläne mal angeschaut hat, gab es einen Aufschrei der Entrüstung. Ich reaktionäres Biest, dass ich überhaupt erwägen kann, da nicht dagegen zu sein. Es werden Bäume gefällt. Es wurde vor allem Gift aus der Erde rausgegraben (da kann ja wohl keiner was dagegen haben) und dann kann man anhand dieses Projekts schön feststellen, dass nicht alles Stuttgart 21 ist und der dortige Schloßgarten. Hier war es doch eher Gestrüpp was entfernt wurde (und keine alten, ehrwürdigen Platanen) und jetzt sieht es leider geil aus. Die neuen Terrassen und die Gestaltung machte einfach Sinn und ist viel schöner und auch nutzbarer als früher.  Da haben die ewig Gestrigen sich wohl mal geirrt.

Nachmittags der Erbfall mit der schwierigen Schwester. Darlehen des Bruders, meines Mandanten, die nicht schriftlich waren und für die Topzinsen zugesagt wurden per SMS werden bestritten. Kurz vor Einigung bzw. mittendrin Anwaltswechsel. Die Anwältin ruft jetzt an und will ihr Geld und ich bin etwas hämisch. Jetzt kann sie mal sehen, wie es meinem Mandanten geht mit dem Biest. Wir bieten ihr noch etwas mehr Geld und hoffen sie aus der Reserve zu locken. Mein Mandant will die Sache abschließen.  Sport, heute gibt es Wiener Würste und Kartoffel-Topinambur-Püree. Lecker. Nachtisch nur ein paar Grüne Tee Madelaines. Früh ins Bett. Morgen wird stressig.

Stephan beruhigt einen Freund, dass er keine Angst haben muss. Wir werden uns nie trennen. Ein gemeinsamer Freund hat sich wohl gerade getrennt und spricht auch nicht darüber. Das was er gerne anderen unterstellt. Der Freund, den Stephan beruhigt, überlegt sich auch Betreuungen zu machen. Ob ich dann die Klageverfahren machen könnte. Stephan sagt, eher nein, aber selber fragen. Das ist langwierig und macht sie in ihren eigenen Fällen, bei denen aber fortlaufend Geld rein kommt durch die Betreuung. Gute Antwort.

05.03. Werde schön früh wach. Die Betreute mit der ich mich treffe geht mir mit ihrer nörgelnden und unzufriedenen und zugleich fordernden Art auf die Nerven. Sie macht mir schlechte Laune. Sie hatte mich gestern angerufen, wann wir uns treffen würden. Das habe ich ihr geschrieben, welche Bahn, wo treffen usw. aber sie hat meine Post nicht aufgemacht. Ne, klar sage ich. Dann kann ich ihr meinen Brief ja auch vorlesen. Aber wäre grds. schon sinnvoll, wenn sie Briefe von mir zumindest aufmachen würde. Der Termin ist um 9 Uhr. Bahn fährt um 8:29 Uhr. Ob das nicht etwas spät sei, wandte sie ein. Ich hatte vorgeschlagen, dass wir uns um 8:20 Uhr treffen, am Gleis bei den Rolltreppen. Sie kommt von der anderen Seite. Ja, aber ich kaufe erst die Fahrtkarte, wenn sie da ist, weil ich sonst nicht fahren muss. Sie: wir müssten auf der anderen Seite aussteigen. Ich sage, nein. Da wo wir uns treffen ist auch das richtige Ende der Bahn beim Aussteigen. Die Bahn fährt an der Zielstation ein und wir müssen hinten raus.

So zur Vorgeschichte. Um 8:10 Uhr stehe ich am Gleis. Sie ist nicht da um 8:20, sondern kommt um 8:25. Ich kaufe das Ticket. Sie will trotzdem hinten einsteigen, weil vorne sei ihr zu voll. Ob ich mich nicht setzen wolle mit meinen Taschen. Nein, aber sie will sich setzen. Die Bahn hat 6 Minuten Verspätung. Ob es mich stört, wenn sie die Kopfhörer drin lässt. Nein (es ist eine Entlastung, das sage ich nicht). Wir kommen um 8:50 Uhr an und müssen erst mal den ganzen Bahnsteig entlang gehen. Sie bleibt zurück, dreht eine, muss eine rauchen. Wir kommen an und sitzen im Wartezimmer. Sie muss zum Fenster, das Fenster aufreißen. Nach weniger als 10 Minuten (es sind 2-3 Stunden für den Termin seitens der Klinik anberaumt) sagt sie den Satz, den ich nicht hören wollte: „Warum dauert das so lang und wir waren schon zu spät da“. Ich raste etwas was: wir waren um 9:03 Uhr da, die Bahn hatte 6 Minuten Verspätung und wären Sie um 8:20 Uhr dagewesen, hätten wir die Bahn davor nehmen können. Jetzt warten wir weniger als 10 Minuten und schon ist Ihre Geduld verbraucht? Die Ärztin kommt und will sich alleine mit der Betreuten unterhalten. Ich hinterlasse meine Handynummer und gehe auf eine andere Station zu einem Paralleltermin, den ich mir gelegt habe. Es geht um die Dauerpatientin und ihre Entlassung. Sie ist total gut drauf, wenn sie mehrere Male die Spritze bekommen hat und mag mich total gerne, fasst mich viel an. Die Dinge die sie sagt, wenn es um die Zeit nach der Entlassung geht, gefallen mir z.T. nicht. Manchmal würde die Klingel nicht gehen. Das hängt damit zusammen, dass die Müllmänner die Hoftür kaputt gemacht haben. Ich sage, hallo, sie wohnen im Erdgeschoss. Ich können Sie mich gar nicht überhören, wenn ich zu ihnen will, weil ich von der Straße aus gegen die Scheibe klopfen kann. Das sei ihr peinlich. Ich glaube, sie will uns dezent wieder darauf vorbereiten, dass sie Helfer nicht reinlassen wird. Nach dem Lückentermin gehe ich zurück ins ärztliche Sekretariat und bitte die Frau sich zu erkundigen, ob meine Anwesenheit noch erforderlich sei, weil ich dann sonst gehen würde. Ich soll bleiben, sie kämen gleich. Im Wartezimmer der psychiatrischen Klinik habe ich die Idee mit meiner einen Gymnastiklehrerin und mir eine kleine Choreographie einzustudieren. Ich übernehme den lustigen Teil und sie die Ballettmaus und wir machen so Hebeübungen, wie diese Männer, bei denen der eine doppelt so groß ist wie der anderen. Außerdem lese ich Fokus, einen Artikel über Hormone und Geo. Hier einen tollen Artikel über Nacktmulche. Die sind hässlich, haben aber die tollsten Körper, wie die Wissenschaft jetzt entdeckt hat. Er kommt mit 1/3 der Sauerstoffmenge aus gegenüber vergleichbaren Nagern, bekommt keinen Krebs, weil die Zellen zu locker sind, das das irgendwie nicht geht und das Rückgrat wächst während der Schwangerschaft. Einziges Säugetier was in Kolonien von 120-140 Tieren zusammenlebt mit einer Königin, die den gesamten Nachwuchs zeugt. Dann kommt meine mit der Ärztin. Jetzt muss der andere Arzt noch mal ran. Darf ich denn gehen? Sie sagt, ich soll bleiben. Sie wisse nicht, ob sie zur Station zurück findet und auch wegen der Straßenbahnfahrt. Das sei so schrecklich gewesen. Ich sage, wir hatten doch sogar Sitzplätze. Es habe so gewackelt, dass sie fast kotzen musste. Ich warte. Auf dem Weg zur Station korrigiert sie mich sogar als ich eine kleine Kurve laufen, einen Umweg von 2 Meter. Klar weiß sie wo es hingeht. Jetzt geht es um die Wohnung, die sich wechseln will. Die Hausverwaltung tut nichts, die Nachbarn sind asozial. Sie will sich aber nicht verschlechtern und irgendwo am Rande der Stadt landen. Ich sage, ich glaube sie würde sich verschlechtern. Sie  wohnt in der List, in einer sehr beliebten, schicken Gegend mit Balkon, Nachbarn gibt es überall und es war immer leise als ich da war und das Treppenhaus war auch nicht dreckig, wie sie behauptet. Ja, der Müll würde auch zwei Mal die Woche abgeholt, aber sie wundere sich, dass das Ordnungsamt da noch nicht gekommen sei, weil da Mülltüten vor der Tür lagern würden. Sie schnippt die Zigarette weg, ist griesgrämig und es entstellt, so ein missmutiger, miesepetriger Gesichtsausdruck. Ich freue mich als sie in der Bahn wieder die Kopfhörer rein macht. Ich unterbreche sie nur kurz bevor sie sich die Dinger rein macht um ihr anzubieten, dass ich gleich ihre Fahrkarte mitnehmen und einreichen könne wegen Erstattung (weil das ist ihr super wichtig). Sie gibt sie mir und sagt, ich müsse sie aber vorzeigen, wenn jetzt noch eine Kontrolle stattfinden würde. Ne, die habe ich dann vorher gegessen, sage ich. Einmal muss sie schmunzeln. Sie bedankt sich und ich freue mich, dass ich gehen kann. Sie ist mit sich selber gestraft. Ich lese schön Tante Jolesch.

Richtig genervt bin ich von Auto mit Verstärkern im Motor, die gerade z.B. im Tunnel, der zum Gericht führt Vollgas geben müssen, dass mir fast die Ohren abfallen. Kriegen die dabei eine Erektion, frage ich mich, aber eher, kann das nicht einer verbieten.

Ich gönne mit einer Runde „Winter Tschüss Verkauf“ im Fairkaufhaus und werde fündig. Ostersachen für meine Schwiegermutter und Bücher und Nostalgiepapiereier zum Befüllen mit Motiven der Hasenschule für Freunde mit Kindern, Bast in metallic braun für die japanische Bindung und 30 % reduzierte Winterware bei den Damen. Einen spitzenmäßige Persianerhut in braun (Fellmützen gibt es ja wie Sand am Meer, aber das ist mal was anderes). Der Hammer. An der Kasse rätsele ich etwas, wo hinten ist, weil das Schrägband innen an ca. 20 Stellen aneinander genäht ist. Die blöde Kuh von Verkäuferin will mir erklären als sei ich ein Hutneugeborenes, wie man erkennt wo hinten ist in einem Hut, angeblich die Naht im Futter. So schlau wäre ich auch gewesen, aber das ist nicht die Lösung. Das würde bei diesem Modell gar keinen Sinn ergeben. Solche vermeintlichen Expertentipps kann ich besonders gut leiden. Dann finde ich noch ein magentafarbenes Wollkleid mit Ledergürtel, langärmelig sowie ein ganz herrliche, britisch anmutende Wollweste, die ich niemals waschen werde.

Ich stelle fest, es gibt zwei Sorten von Käufern im Fairkaufhaus, Hartz IV-Empfänger und reiche Schnäppchenjäger. Die einen kaufen Teller, Untertasse und Tasse (hässliches Dekor) für 50 Cent die Garnitur und der andere eine alte Kupfergießkanne, die dort unter nostalgisch fällt mit einer sehr langen, filigranen Tülle  (schönes Teil) für 15,- €. Es ist wie auf Usedom damals. Man erkennt die Ossis und Wessis auf einen Blick. Von diesen ganzen Profieinkäufern hat aber kein einziger eine Tüte oder Tasche selber dabei. 9 vor mir, 10 vor mir, alle, alle in den diversen Schlangen brauchen eine Tüte. Geht doch nicht und ja bitte doch. Die muss aus politischen Gründen 50 Cent kosten oder besser 1 Euro. Es muss doch möglich sein, den Leuten das auszutreiben mit diesem Tütenwahn und sie zu erziehen, dass sie was dabei haben, wenn sie einkaufen gehen.

Mein Messie mit der Räumungsklage kommt. Er hatte mir erst auf Whats App geschrieben wegen einer Klage, die er bekommen hat mit Fristsetzung. Das mache ich kaum und es versaut mir die ganze Sache. Er ist plump vertraulich, Glockseeumfeld und will mir immer ein Fahrrad andrehen, schönes Klapprad, retro. Das wäre doch was. Ich halte ihn auf Abstand, aber merke heute deutlich, dass er mir 1000 mal lieber als Miss Schlechtgelaunt, die alles scheiße findet. Die nervt nur.

Der Wohnungswechsel wirkt therapeutisch. Lobe ihn, zeigt mir Fotos und bedankt sich, dass ich so viel für ihn tue und ihn so entlaste. Klage von Kabel Deutschland haben wir jetzt auch noch und Grundsicherung beantragen statt Wohngeld, aber er hilft mit, holt den Untermietvertrag zurück. Meldet sich um. Will mich einladen, wenn alles fertig ist. Die Mitbewohnerin im Haus, die alleinerziehend ist, ist sehr nett (das hatte er schon mehrfach lobend erwähnt). Sie habe ihm angeboten, dass er ihren Dachboden mit nutzen kann. Da haben sie gemeinsam das Gerümpel von dem Mietnomaden weggeworfen bzw. jetzt einen Sperrmülltermin und er darf dann dort Elektrosachen schrauben und Musik machen und vielleicht streicht er das auch noch. Er weiß jetzt wo es einen Eimer Farbe für 8,- € gibt. Nein, Postfahrrad kann ich nicht auch noch gebrauchen. Habe schon vier Fahrräder und Stress mit meinem Mann deswegen. Gibt mir Tipp wegen des Lackproblems mit dem Alder. Mit Terpentin abreiben und dann mit Klarlack versiegeln, das Fahrrad. 2 Schichten, dann rostet es nicht und die Patina bleibt erhalten.

Nach dem Termin und vor dem Sport muss ich noch ein Schokoladencroissant mir einverleiben. Zucker und Kohlehydrate haben mich fest im Griff.

Beim Sport stelle ich im Schulterstand fest, dass es ausschaut, als würde ich mit meinem Venushügel (so heißt das glaube ich, dieser Teil des weiblichen Körpers) atmen können. Der üppige und weiche Bauch hängt salopp in mehreren Rollen nach unten, aber ich kann immerhin mit allen Atmen. Außerdem stelle ich eine interessante Perspektive fest. „Kindposition“, die Entspannungsposition oder Blatt oder was das alles heißt, wenn ich mit dem Oberkörper auf den Oberschenkeln liege und die Beine sind angewinkelt und der Kopf liegt auf dem Boden und ich schaue nach hinten durch die Beine hindurch. Das sieht genauso aus wie der Blick aus einem Mäuseloch von innen. Hinten vor der Wand liegen meine Socken am dem Boden. Das gefällt mir, diese Perspektive.

Abends gibt es Pellkartoffel mit Graukäse und Kümmel aus Wien und saurer Sahne und scharfer Paprika und warme Käsebrote. Ich schaue der Bachelor und Stephan stellt fest, der Typ sollte mehr Fernsehabende mit den Frauen absolvieren statt Dates vor atemberaubender Kulisse. Das lenkt nur ab und beim ersteren lernt man sich besser kennen. Es geht bei uns um die Frage, welche Reise wir anlässlich des fünfzigsten Geburtstages meines Mannes ansteuern. London mal zu einer warmen Jahreszeit im Mai/Juni und bei Helligkeit, wäre verlockend, andererseits habe ich gesagt, wenn es jetzt vorbei ist haben wir deutlich zu viel London und zu wenig Paris in der Bilanz und denk doch nur an die Falafel, die wir dort gegessen haben und die Buttercroissants und überhaupt, es ist Dein Geburtstag, da will ich nicht die Bestimmerin sein, aber….Wir fahren jetzt 5 Nächte nach Paris. Juhu.

06.03. Ich liebe den Nebel. Alles sieht so schön geheimnisvoll aus. Ich habe einen Termin in der Hamburger Allee für Neuanträge. Meine Betreute bekommt jetzt Rente. Ich bekomme im Wartezimmer Komplimente auf mein Outfit. Die Begleiterin des Mannes sagt, ich sehe immer gut aus. Ich kenne sie vom Sehen aus Linden. Sie hat eine Zwillingsschwester. Ich lese zu meiner Freude, dass es einen neuen Wes Anderson Film gibt und freue mich total. Zu meinem Erstaunen taucht meine unvorteilhafte Betreute auch auf. Der Perso ist 2010 schon abgelaufen und ich muss mehrfach ihren Redefluss unterbrechen und bin auch genervt von ihr. Wieder im Büro wird mir klar, dass die Umstellung schwieriger wird als gedacht, weil die erste Rente erst Ende April eingeht und die Miete aber vorher gezahlt werden muss und auch Geld zum Leben.

Mit dem Insolvenzverfahren und dem Konto halten die Schwierigkeiten an. Die Freigabeerklärung, die vom Insolvenzverwalter abgegeben wurde, reicht der Sparkasse nicht. Das Konto muss aus dem Massebeschlag herausgenommen werden. Ich sehe das schon schief gehen und bin genervt.

Im Boca hatten sie einen Wasserschaden und wissen nicht, ob sie heute Abend öffnen können. Ich verzichte auf den Tisch (das sei ganz lieb, nächstes Mal geben sie einen aus). Wir schauen uns Schillers Räuber an im Ballhof 2.

In meiner Demenzsache wird wegen Untreue gegen die ehrenamtliche Vorbetreuerin ermittelt. Ich sage der Polizistin, dass ich mich normalerweise auf mein Aussageverweigerungsrecht berufen würde, aber in dieser Sache ein Verfolgungsinteresse hätte im Sinne meiner Betreuten, weil die ganz genervt ist von der Frau, die ihr als ehrenamtliche Betreuerin vermeintlich Geld sparen, sie dann aber gegen ihren Willen ins Heim stecken wollte. Immer wieder vergewissert sie sich, dass Frau M doch nichts mehr zu sagen hätte und sagte, dass Frau M sie deckeln wollte. Also ich fände es gut, wenn die blöde Kuh, die mir den Schlüssel für die Wohnung nicht geben wollte nach dem Betreuerwechsel und meine war im Krankenhaus und konnte nicht nach Hause, wenn die eins auf den Deckel bekommt.

Die Hauptmeldung des Nachmittags lautet, dass Herr Maßregelvollzug Morgen nach Mohringen verlegt wird. Sie werden nicht mehr mit ihm fertig und der bedroht das Personal und den Oberarzt. Ich sage, dass es durchaus sein kann, dass er mich und auch seinen Strafverteidiger dadurch verliert, aber das wusste er auch schon vorher. Ich wünsche ihm alles Gute. Mann, aber in der Überzeugung, dass es böse enden wird. Die Selbstzerstörung ist schmerzlich mitzuerleben.

Wir gehen ins Beckmanns Weinhaus und es ist wieder mal superlecker dort. Kalbszunge auf Balsamicolinsen. Ich könnte mich reinsetzen. Leider habe ich den Hauptgang, der die Krönung schlechthin war, Seeteufellasagne in Muschelsud nicht fotografiert. Ich sage zu Stephan, dass ist derselbe Grund warum Männer das mit dem Kondom vergessen. Das Essen kommt und ich bin so aufgeregt bzw. auch geil darauf, dass ich das Ablichten verpeile und dann auch schon die Frau schwanger bzw. ich ohne Nachweis. Die Nachspeise, einmal der Robiola mit Paprika und in süß genau wie das was Claudia in Strassburg hatte Meringen mit Himbeersorbet, aber hier sind Haselnüsse in der süßen Eimasse, noch leckererer dafür zu wenig Sahne. Ich sage nur Creme Chantilly.

Beckmann Zunge Beckmann KäsegangBeckmann Nachtisch Himbeer

Ich trinke einen Liter Sprudel (Theater macht ja durstig). Im Foyer treffen wir die Tochter einer Freundin, die um 15 Uhr Probe hatte und hängen geblieben ist. Sie war auch gerade, wahrscheinlich zeitlich mit uns, in Wien. Ein guter Freund von ihr ist am Burgtheater und sie hat sich dort ein Stück angeschaut und da sei schon eine ganz andere Wertschätzung für Theater vorhanden. Während man hier als Schauspieler schlechter gestellt sei als ein Student bei der Wohnungssuche, muss man in Wien nur das Wort Burgtheater fallen lassen und es macht jede Tür auf, „ach, Sie sind vom Burgtheater, dann können wir auch noch was am Preis machen“ heißt es dann bei der Wohnungssuche. Essen ist nicht so ihr Hobby, so dass wir uns unsere Tipps für Wien ersparen können. Ich spreche das Plakatproblem noch mal an und sie kann jedes Plakat des Schauspielhauses in dem kleineren Format besorgen. Das ist ja mal gut zu wissen.

Die Räuber wird genial umgesetzt mit Geräuschen und Musik, einer einfallsreichen, einfache Kulisse mit der sich sehr viele Szene unterschiedlicher Art darstellen lassen von Schloss des Grafen Moor mit Porträt vom Lieblingssohn im Inneren, über die Sprossenleiter nach oben für die Räuberszene bis hin zu aufgeklappt als Schattenspiel. Die Schauspieler machen fliegenden Wechsel zwischen ihren Rollen, die Kostüme sind genial und die Idee gesprochenes Wort auszukommen, erweist sich als gelungen. Es vereinfacht die Materie und das Wesentliche bleibt übrig und kommt gut rüber. Es ist erstaunlich, wie viel Inhalt man ohne das gesprochene Wort rüber bringen kann. Es wird doch überbewertet. Der kleine Teufel aus Black Rider ist wieder von der Partie und ich steh auf ihn. Er hat großes Talent im Ausdruck und der Bewegung. Oscar Olivo heißt der junge Mann, den ich allerdings nicht stalken werde. Das gehört sich nicht, obwohl ich ihn gerne in meinem Hofstab hätte, so toll wie er sich bewegt und wie er gucken kann. Vorstellen darf ich es mir ja. Offenbar ist Schillers Räuber auch heutzutage ein obligatorischer Schulstoff, alles voller Schüler im Publikum. So dumm wie die Sprüche sind könnte man meinen Hauptschule. Stephan geht noch aus mit einem Freund auf ein Konzert, ich in die Badewanne, es soll gegen meine kalten Füße helfen und vor 10 ins Bett. Bin müde und nicht mehr aufnahmefähig.

07.03. Schön vor 7 wach. Zeit fürs alles Mögliche und mobiles Büro zuhause. Dank google Kalender und der Einträge erledige ich meine ersten Aufträge. Dann fahre ich zu meinem Schützling, der schon wartet. Er isst noch einen Milchreis mit Zimt zum Frühstück. Sein Sohn ist beim Verhör stark geblieben und hat seinen Vater für 9 Gramm Marihuana nicht ans Messer geliefert, die er im Auftrag des leiblichen Vaters gekauft, z.T. schon geraucht und hinter einer Schreibtischschublade versteckt hatte. Der Stiefvater hat das Zimmer des Jugendlichen auseinandergenommen und Schränke auseinandergeschraubt, er hatte es gerochen. Der Jugendliche sperrt sich ins Klo. Nur das Wasserboarden ist ihm erspart geblieben beim Verhör. Der Ex-Junkie von Stiefvater hat meinen dann aufs Glatteis geführt, weil er den Vater gleich hinter dem Drogenkauf vermutet hat und hat einen Trick angewandt und ihm gesagt, sein Sohn habe gestanden und er sagte daraufhin zu seinem Sohn, warum hast Du geplappert, aber er hatte nicht und dann schön mit dem Sohn zur Polizei und jetzt Schöffengericht. Meiner ist schwerbehindert und hat Pflegestufe II, ist auf fremde Hilfe angewiesen und nimmt das THC gegen seine Muskelschmerzen und kann sich selber noch nicht mal einen Joint drehen wegen der Hemiparese. Erst mal dem Gericht klar machen, dass es kein schwerer Fall ist mit Mindeststrafe 1 Jahr. Angeklagt ist nämlich ein besonders schwerer Fall, vergleichbar mit großer Menge oder Abgabe an Minderjährige. Das macht er schon, der Profi, wenn einer es kann, dann er. Wir lassen uns dann vom Strafverteidiger erklären, wie man das straffrei machen kann mit dem Kiffen. Jemand kommt, dreht den Joint und den raucht man. Nichts befindet sich in der Wohnung. Nur Erwerb und Besitz sind unter Strafe gestellt. Ich sage zu meinem, das sei wie der andere Pflegedienst. Er hat Sonntag Geburtstag und wir wollen alle angrillen, ich und der Herr Verteidiger. Wir sehen uns zur Hauptverhandlung wieder. Er wird den Stiefvater ausbremsen, so dass der nicht auch noch mit einem Auftritt als Zeugen auftrumpfen kann.

Ich gehe zur Blutentnahme. Die warten schon auf mich. Eine neue Frau macht das und ich will aber lieber, dass die es macht, die ich schon kenne und bin anti. Sie will wissen, was ich wiege. Genauso viel wie letztes Mal, lautet meine Antwort, weil ich die Frage sinnlos finde. Ob mein Blutdruck immer so niedrig sei (90 zu 60). Nein, meistens ist er im Schulbuchbereich, aber niedriger Blutdruck sei ja nun mal keine Krankheit. Ich werde nach Kreislaufproblemen gefragt und die habe ich zur Zeit tatsächlich, Schwindel beim Yoga zum Beispiel, dass ich mich noch schlechter auf einem Bein halten kann oder das erste Mal in meinem Leben mir vorstellen kann auch mal ohnmächtig zu werden z.B. nach der Badewanne (aber das denke ich mir nur). Dann will sie wissen, wie ich es immer mache, ob ich anrufen würde wegen der Ergebnisse. Ich sage, nee, ich rufe nie an und gehe davon aus, dass man sich bei mir meldet, wenn ich nur noch wenige Wochen zu leben habe. Eine Ärztin in der Nebenkabine macht Ultraschall und widerspricht, dass sie sich nicht melden würden, kommt die Stimme aus dem Off. Ich lehne die Visitenkarte mit Handynummer des Arztes trotzdem ab, so wichtig sei es nicht. Dann werde ich es wohl nicht erfahren. Ich kann eine ganz schöne Arschkrampe sein.

Anschließend kurz ins Büro und dann zur Fachärztin mit der Frau , die wegen ihrer religiösen Eltern heiraten muss. Meine Betreute fragt mich, ob ich ein Taschentuch dabei hätte und will es nicht selber nutzen, sondern dass ich das tue. Ich sage, das sei nur etwas Wasser vom Radfahren und ich bräuchte das nicht. Sie ignoriert meine Worte und nimmt eines aus der Verpackung und will es mir geben. Ich sage, sie soll ihren Sohn erziehen und nicht mich. Vor der Ärztin mache ich viele Witze und sage, wir, die Fachärztin und ich seien die neuen Erziehungsberechtigen und meine solle mal das Bild zeigen. Wir bräuchten jetzt ihr Meinung, ob Hochzeit im Sommer, ja oder nein. Schlimmer als mit den Eltern kann es nicht werden. Der Bruder lebt schon mit einer Deutsch-Polin zusammen und die haben ein Haus gebaut und heiraten erst jetzt. Er darf das, aber bei Frauen müsse man vorsichtig sein. Wenn eine Frau unverheiratet mit einem Mann zusammen lebt, nennen sie es…. sie hält sich die Hand vor den Mund und habe das Wort nicht sagen wollen, aber statt Nutte oder ich überlege was noch Schlimmeres kommen kann für eine Frau, die unverheiratet mit einem Mann zusammen lebt, kommt „europäischer Lebenswandel“. Das ist das schlimmste Schimpfwort. Wahnsinn, wie können die hier leben in dem ganzen Dreck unserer freiheitlichen Kultur? Stattdessen mieten die einen Festsaal an und die ganze Familie und Gemeinde beschließt, wie es gemacht wird und sie ist die Spielpuppe in deren Programm. Wir beschließen, dass es am besten ist die Eltern eine Runde zu verarschen. Bis seine Papiere da sind, dauert es ca. 1 Jahr und in der Zeit macht sie Probebeziehung, so oft wie möglich. Man kann dann immer sagen, man ist ja so gut wie verheiratet, nur die Papiere dauern halt so lange… Er will nicht nur kein Geld und keinen Goldschmuck von ihren Eltern, er will auch keine neuen Kinder mit ihr, sondern ihre Kinder, die sie schon hat, seien dann seine .Das klingt sehr vernünftig und besser als der Primat, der erst mal den Nachwuchs des vorherigen Clanchefs tötet um ihn durch eigenen zu ersetzen. Ich sage zu ihr, es wäre echt mal an der Zeit Glück zu haben mit einem Mann. Morgen kommt der Verfahrensbeistand des ersten Sohnes, der beim leiblichen Vater in Frankfurt wohnt und schaut sich ihre Wohnsituation an. Die Eltern haben alle Möbel auf den Sperrmüll geworfen und durch neue ersetzt. Ich sage, dass sei das letzte was interessiert, ob ein Kratzer im Stuhl sei, aber so ist es nun mal und die Verfahrenspflegerin wünscht sich indisches Essen, vegetarisch. Das wird es geben. Ich wünsch ihr viel Glück und sie lässt meinen Mann grüßen.

Wir machen Mittagstisch und genießen das Wetter. Der Taz- und Stadtkindkolumenschreiber aus Braunschweig ist auch in der Bar und bestellt ein großes Frühstück mit schwarzem Kaffee und einen Getreidemilchkaffee mit Soja und einen Bagel mit Frischkäse und Kochschinken. Was ist für ihn und was für den anderen Typen frage ich mich.

Nachmittags mache ich meinen Schreibtisch leerer und spreche mit dem Kollegen über eine gemeinsame Kollegin, die gerade aus ihrer Kanzlei gemobbt wird und Festkosten von fast 5.000,- € pro Monat erwirtschaften muss. Da sind wir auf der rosa Wolke im Vergleich.

Ich faxe der üstra, wie es ist mit den Monatskartenabos und der Umstellung auf Mobil-S.

Die neue Bahn der üstra, zu der für eine kostenlose Probefahrt eingeladen wird sieht aus wie das uneheliche Kind einer grünen Stadtbahn mit meinem Silberpfeil.

Ich habe mir Kino überlegt für heute Abend, Grand Budapest Hotel oder so ähnlich. Leider läuft OmU zu spät 23:30 Uhr. Eigentlich müsste ich mich auch noch passend zum Film umziehen, etwas rosa mit etwas Zimmermädchen. Das tue ich nicht. Flohmarktbesuch Sonntag vor dem Angrillen bei meinen Schwiegereltern ist gerettet, weil wir am Fischerhof in die S-Bahn steigen können. Es ist Wochenende und meine Laune könnte nicht besser sein. Weil wir Sonntag bei meinen Schwiegereltern sind, auch um meine Schwägerin zu sehen, bin ich jetzt Samstag mit Steffi zum Nähen verabredet nachmittags. Ich schlage vor, nähen und Shoppingqueen gucken. Sie schreibt dann, auf dem Bett vor dem Fernseher Handnäharbeiten verrichten und in den Werbepausen an die Maschine. Klingt traumhaft.

Wie viele Tage wir uns kennen, will mein Mann von mir wissen. 1 Millionen ist mein Tipp, aber ich hatte ja noch nie ein Händchen mit Zahlen.

Am Königsworther Platz Quadrophonie der Feuerwehr. Von allen Seiten kommen die massiven und superlauten Fahrzeuge angebraust, aus Linden, aus der Innenstadt und der Nordstadt. Ich habe Schwierigkeiten den Lärm zu orten, d.h. die Richtung. Irgendwo muss richtig was passiert sein und ein Zweijährigen aus dem Puky-Laufrad ist außer sich vor Freude. Das ist auch ein bisschen wie in dem Stück aus Wien, die Geschichte vom Anfang von der Schauspielerin, die zu spät zum Auftritt kommt und völlig abgehetzt und außer sich gar nicht merkt, dass die Kollegen nicht auf der Bühne sind. Die Vorstellung ist wegen des Todes des Hauptdarstellers abgesagt worden und sie ist erst mal froh und erleichtert.

Ich esse eine Tüte Aschanti (gebrannte, dragierte Erdnüsse) aus einem Supermarkt in Wien und finde sie leckerer als die teure Zotter-Nuss-Pralinen, die das 5 fache kosten. Schon die Verpackung ist herrlich und meine gedanklichen Parispläne wanken wieder, weil ich denke, ich muss wieder nächsten Monat nach Wien, kleine Sardellendosen und Aschanti kaufen. Dazu gibt es Fritz ohne Zucker und etwas Ben und Jerrys Eis. Hinter uns einen Gruppe männlicher Studenten, die so tun als sei es ein Fernsehabend bei ihnen zuhause und ein Laberproblem haben, auch als der Film schon läuft. Bei so was könnte ich ausrasten. Der Film ist schön und das Staraufgebot beachtlich. Tilda Swinton als reiche Oma ist super, aber auch Jeff Goldblum als Notar mit einem sehr schönen, gefärbten grau-.schwarzen Brat und mit einer buschigen Katze wie meiner. Dann Willem Dafoe als Bösewicht mit einem alten Motorrad, ähnlich cool wie mein Adlerfahrrad. Die Kostüme sind toll und die Kulissen auch. Das alte Grandhotel früher mit Luxus, Hutkoffern und Liftboy und heute mit DDR Charme und vielen Verbotsschildern. Der Film ist weniger eine Liebesgeschichte wie Moonrise Kingdom, sondern eher ein politischer Film, der die Symbolik des dritten Reiches sehr schön einfängt und stilisiert zeigt, so dass jeder versteht, was gemeint ist. Dann die Anspielung auf Wien mit Meinls, die Konditorei. Die Hauptfigur, der jetzige Eigentümer des Hotels hat als Lobby Boy angefangen. Er sieht aus wie ein Inder und hat riesige, braune Augen. Von seinem Lehrmeister, Gustave, lernt er, was wichtig ist in so einer Stellung, unsichtbar sein, aber dennoch stets in Reichweite und vor allem Diskretion, weil die Gäste dem Personal ihre Geheimnisse anvertrauen. Er nennt ihn Zero, weil das bei der Einstellungsbefragung durch Gustave seinen beruflichen Erfahrungen, seiner Schulbildung und seiner Familie entspricht. Es wird viel in alpiner Kulisse gedreht. Die Gondeln sind kleine Spielzeuggondeln, mit Postkartenbildern drin. So eine habe ich mal beim Skifahren im Skigebiet St. Moritz vor Jahren gekauft und hole sie nach dem Film gleich heraus. Sie hängt jetzt zwischen der Tomatenpflanze in unserem Wintergarten. Der Film zeigt nicht nur den Untergang der mondänen Zeit, sondern auch den politischen Wandel, der alles umgekrempelt hat. Polizeiliche Kontrollen der Flüchtlings mit seinem Chef im Zug. Bei der ersten geht nach einer Runde verprügelt werden alles gut aus. Edward Norton, der Chef der Polizei kennt Gustave, weil er ihn unterhalten halt als Jungen im Hotel, während seine Eltern dort Urlaub gemacht haben und stellt eine Durchreiseerlaubnis für Zero aus, sagt aber auch schon, dass es zukünftige Probleme damit geben kann. Seine Männer müssen sich bei den beiden entschuldigen. Dann nach der Machtübernahme ohne Happy End. Gustave lässt die Mutter des Polizeichefs grüßen, die er sehr verehrt. Er ist überhaupt der Unterhalter der alten Damen im Hotel, der ihnen beisteht, ein Ohr für ihre Sorgen und Probleme hat und ihnen sagt, wenn der Nagellack nicht passt und sie auch glücklich macht. Über Tilda Swinton, die verstorben ist und ihn als Erben einsetzt, sagt er Zero, sie war ne Granate im Bett. Der ist geschockt. Sie war 84. Die Familie der Verstorbenen sieht Gustave als Erbschleicher an und schwul sei er auch noch, hoffentlich habe er die Mutter nicht angerührt. Er dazu: ich schlafe mit allen meinen Freunden. Edward Norton trägt übrigens einen ganzen tollen, grauen Persianermantel. Lustig ist der Orden der gekreuzten Schlüssel oder so ähnlich. Gustav bricht u.a. mit einem großartigen Harvey Keitel (viel nackter Oberkörper) aus dem Gefängnis aus und braucht Hilfe. Harvey Keitel hat den Fluchtplan gezeichnet und bekommt dafür Komplimente von Gustav für sein Zeichentalent. Diese kann er nicht nachvollziehen, was das soll. Er ist echter Gangster im Sinne der Räuber und bringt Menschen um als Beruf. Außerdem hat er ca. 20 sehr schlechte Tätowierungen, die seinen gesamten Oberkörper verzieren. Gustav hingegen setzt seine bisherigen Tätigkeiten fort und serviert den Brei im Gefängnis mit einem Rollwagen. Herrliche Sträflingskleidung, Etagenbetten. „Hey, Sie, der mit der großen Narbe im Gesicht. Etwas Brei gefällig?“ Den würzt er ihm dann liebevoll mit etwas Salz. Das rettet sie dann in einer späteren Situation. Von draußen bekommt er Meinl Süßigkeiten, die sie mit dem Rasiermesser untereinander teilen. Wie bei uns!! Nach der Flucht ruft Gustav den Concierge eines anderen Grandhotels an, gespielt von Bill Murray und es folgt eine Kette von Anrufen. Sie haben einen Geheimbund gegründet und sind untereinander organisiert. Ich wusste es immer schon, schon seit den Kaffeehäusern in Wien, das dem so ist. Die Ober in Wien folgen denselben Regeln und Lebensmaximen wie die Hotelangestellten, nur dass es nicht mit Übernachtungen ist und es gibt sie noch. Sie haben die Connections, wie man einen Ecktisch am Donnerstag in einem bestimmten, angesagten Restaurant bekommt oder Karten für ein ausverkauftes Bühnenstück. Sie haben die Macht. Die Liebesgeschichte von Zero und Agatha nur am Rande. Agatha, die in der Zuckerbäckerei Meinl arbeitet und die Feilen in die Küchlein hinein tut für den Gefängnisausbruch, die so schön dekoriert sind und unschuldig ausschauen, dass sie nicht zur Kontrolle durchgehackt werden. Sie und ihr Kind sind nach zwei Jahren Ehe an der preußischen Grippe gestorben, einer Krankheit, die heute in 6 Tagen zu behandeln ist, erzählt Zero und auch das ist ja viel Zeitgeschichte, nur dass der Name ein anderer war. Spanische Grippe oder so. Man fragt sich wie ein Mann aus Texas oder wo stammt der Wes Anderson her, so gut europäische Bilder zeichnen und Geschichten erzählen kann. Ganz schön viel Wien und K & K Monarchie für einen Amerikaner. Das ist als würde ich auf einmal gut Kabuki Theater spielen können.

Wir schauen kurz bei Gut e.V. vorbei, aber statt rauschender Party, ist es wie eine Privatparty der Betreiber. Zu viel Klientel vom Lindener Marktkaffee, die ich täglich sehe, Musik zu Funk, Räume schön, aber nach Tanzen ist mir nicht zumute. Gut gefallen mir die doppelt ausklappbaren, riesigen Flügeltüren, die irgendwie dick gepolstert sind und der abgesteppte Bezug ist weiß übermalt. Ehemalige Anwaltskanzlei? Vertraulichkeit? Nach einem Getränk gehen wir wieder. Immerhin haben wir es versucht. Zuhause hält gerade ein Bus vor unserer Tür. Der Fahrer sieht aus wie mein Zero. Auch sehr große Augen, aber größer, eher etwas türkisch, größer, mein Beuteschema also. Er steht auf und beugt sich nach vorne und ich denke, es ist ihm was runtergefallen im Fahrerhäuschen, dann macht er die Tür auf und steigt aus und ich denke: Fahrerwechsel an dieser Stelle. Ich schaue in fragend an und er sagt, ich muss Cola trinken und läuft zum Kiosk. Ich schließe das Hoftor auf. Als er wiederkommt sage ich, ich habe aufgepasst und mein Zero des Abends strahlt mich an.

Es gibt noch weitere Filme auf der Agenda. American Hustle, Dallas Buyers Club und Blue Jasmine. Mal schauen welcher Samstag an der Reihe ist.

Hier die herrlichen rosa Gerbera, die ausschauen wie Kraken und meinem Büro sowie unserem Zuhause Glanz verleihen:

Blume von Gabi