Archiv für den Monat: Oktober 2013

Frankfurt riecht nach Kaffee und schmeckt nach grünem Tee

25.10. Bei der Ankunft in Frankfurt regnet es leicht. Wir laufen strategisch geschickt durch den Bahnhof zum hinteren Ausgang und haben so die Hälfte der Strecke überdacht zurück gelegt. So gut, mein Pfadfinderehemann. Der leichte Nieselregen trübt die Laune kaum. Einzige Probleme sind mein Dürer-Papierhütchen und das Loch in Stephans Chucks, aber es hört dann ziemlich gleich auf. Wir geben das Gepäck im Büro unserer Freundin ab. Die Kollegen gucken komisch, als ich zum Spaß das durchs Fenster Einsteig-Foto mache, was auch strumpfhosentechnisch schwierig ist. Das Büro erkenne ich an der Kunst an den Wände (Atelier Goldstein). Gepäck wird ins Auto verstaut und dann geht es auf nach Bornheim Mitte.

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Auf dem Weg zur Frankfurter Messe.

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Selbst die Plakatsäulen in Frankfurt sind cool und verheißungsvoll.

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Ja, verdammt. Dürer. Da wollen wir heute hin.

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Die Stationen haben herrlich Kacheln, farblich abgestimmt und Bornheim Mitte rules,

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Der Koreaner ist eingerichtet wie eine finnische Sauna nur der rote Lack ist unverkennbar asiatisch. Schöne Beleuchtung und man taucht auch sehr konsequent in eine andere Welt ein durch die Komplettverkleidung des Raumes inklusive der Türrahmen.DSC01477

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Vor allem der Glasnudelsalat (lauwarm) ist sehr köstlich.

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Das Holz wiederum ist tödlich für meine Strickstrumpfhose. An der Wand sitzt ein Typ mit einer jüngeren Frau, der er schwer beeindrucken will mit den ganzen toten Fliegen, die auf seiner Motorradlederjacke waren (toller Kerl). Peinlich ist das und sein Geburtsdatum wissen wir jetzt auch und er ist 1,5 Jahr jünger als ich, der alte Sack mit dem Haarkranz, der sich noch jung fühlt und fit für eine Eroberung bei der jüngeren Kollegin, die ihm vermutlich auf den Leim gehen wird. Wir essen zu viel und nehmen leider keinen Grüntee, der wirklich großartig aussieht, weil wir zu Wacker wollen, das Kaffeehaus ist wenige Meter entfernt. Die Getränkekarte ist gut und es gibt Dreßigacker Weinweine und Saftschorlen mit frischen Beeren dekoriert.

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Wir laufen mit schmerzenden Bäuchen zu Wacker trinken nicht nur Kaffee, sondern kaufen auch Bohnen (1,5 Kilogramm sowie Schokolade), die den ganzen Tag herumgetragen werden müssen von meinem sportlichen Mann (Rucksack voll). Ein Typ meint mein Hütchen wäre eine interessante Interpretation einer jüdischen Kippa. Wenn er meint.

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Wir schlendern Richtung Innenstadt und ich kaufe 4 Paar Strumpfhosen (u.a. schwarze Leggings mit Obama drauf, die jetzt konsequenterweise nur noch auf dem Grabbeltisch zu finden sind) und finde einen Oxfam, wo es sowohl einen Fisch aus Stoffresten, die mit einem passend geflochtenen Band eingenäht sind als auch eine Häkelmaus für die Katze des Hauses als Mitbringsel für je 1,- € gibt. Einheimische Sparkassenwerbung spricht mich an.

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Es werden Läden verbessert von emsigen Handwerkern und es finden sich fragwürdige Schaufenster sowie Bastelangebote for free. Auch für die Ausgehlaune wäre ein passendes Angebot vorhanden.

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Auch herrliche Parkanlagen werden von uns passiert. So gerne hätte ich ein Fahrrad zum durchbrausen.

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Langsam tun mir die Füße weh. Wir sind beim Gericht angekommen. Daneben ein altes Knastgebäude, was leer steht. Im Gericht gibt es eine Ausstellung über die Verstrickungen der NS-Herrschaft und der Justiz, die allerdings erst am 30.10. beginnt (neue Erkenntnisse der Forschung aus Hessen). Was heißt hier Verstrickungen? Nach Mengenlehre war das fast deckungsgleich und seit wann ist das neu? Ich wundere mich immer wieder.

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Wir sehen immer noch super aus.

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Dann Zeil und in die Nebenstraße, weil man es dort nicht aushält. Erst besuche ich einen trashigen indischen Bekleidungsladen. Auf mehrere Etage gibt es grelle und nuttige Klamotten sowie Schuhe für 3,- €. Alles riecht nach Billigprodutkion und Tod. Hier könnte gut eine Shopping-Queen aus Frankfurt einkaufen gehen. Zumindest suchen die gerne solche Läden auf um ihr Budget zu schonen. Highheels für 19,- €, aber dafür dann gleich zwei Paar, weil man sich nicht entscheiden kann. Mich hatten Leggings mit Schädeln in braun angesprochen, aber ich kaufe nichts und staune nur.

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Neben der Zeil ist ein respektabler Kurzwarenladen, den Charlotte uns empfohlen hatte. Kaufe bunte Elastikspitze und auf einmal ist es 16:15 Uhr. Schnell zum Taxi, weil wir um 16:30 Uhr im Städel verabredet sind. Rennen zum Taxi ist bei mir nur noch sehr eingeschränkt möglich. Der Taxifahrer ist sehr nett und die Fahrt angenehm. Das herrliche herbstliche Panorama, vor allem am Main, ist sehr eindrucksvoll und ich stelle fest, dass Herbst doch die schönste Jahrezeit ist, weil wirklich jeder Baum Hammer aussehen würde. Da können so ein paar Blüten im Frühjahr gar nicht mithalten. Ja, hier in Frankfurt sei das so, stimmt der Fahrer zu. Die großen Banner der Ausstellung und weiterer sind an den Pfeilern der Brücke gehisst, was auch eindrucksvoll ist.

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Ich sage zu Stephan, hier ist gleich einer fällig. Fällig, fragt er und ich: ja, von uns beiden ein Foto zu machen. Der junge Mann, den ich damit ansprechen wollte, fühlte sich auch angesprochen und tut was von ihm gewollt ist und ich bedanke mich sehr bei ihm.

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Wir spielen eine Runde im Außengelände

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und gehen dann schon mal rein in die Ausstellung. Dann will ich doch den Audioguide. Stephan holt ihn und ich bleibe vor dem Bild des ertrunkenen Jünglings in Basel stehen. Ein Frühwerk des Meister in den Farben rot und hellblau, passend zu meinem Outfit gehalten und es gefällt mir sehr. Privatbesitz steht unter dem Bild. Mann haben die es gut. Das macht mich neugierig. Ich würde dem Besitzer gerne gratulieren und mir anschauen, wo es sonst hängt.

Über das Headset lernt man das ein oder andere. Das Porträt von Dürers Mutter, was wir schon in der Nürnberger Ausstellung gesehen haben, wurde erst von wenigen Jahren Dürer zugeordnet. Dafür zweifeln die Kunsthistoriker jetzt an der Urheberschaft des Porträts des Vaters. Ah hah. Vielleicht wollen die sich auch nur wichtig machen und ihre Jobs sichern. Vieles erscheint mir auch weit hergeholt von diesen Kunsthistorikern, die nichts tun, außer Herunterinterpretieren in anderer Leute Arbeit. Adam und Eva, der Schnitt von Dürer. Oben ist eine Gemse im Hintergrund zu sehen, die für die Unentschlossenheit Adams steht. Das Zögern in den angebotenen Apfel hineinzubeißen. Auch Adam steht vor einer schwierigen Entscheidung. Ähhh?. Warum steht die Gemse oben auf der Klippe vor einer schwierigen Entscheidung. Das wäre als könnte ich nicht mehr Schriftsätze schreiben oder Rad fahren. Vielleicht wollte Dürer einfach eine Landschaft malen, wie er sich kennt mit Felsen (Oberfranken) und Tiere hat er eh gerne abgebildet. Das Porträt von Frau Tucher vom 20 DM Schein ist auch vertreten. Davon habe ich auch eine Kette mit Spielgeld aus Plastik. Na ja, für die nächste Dürer-Ausstellung. Es war ein Doppelporträt. Ein Diptychon. Hey, jetzt kann ich auch schlau reden. Der Mann dazu ist verschollen. Dann ein Bild eines italienischen Kollegen von Dürer, Jacopo de Barbari, der den italienischen Mathematiker Pacioli porträtiert hat. Pacioli (phonetisch Pachouly) ist also mehr als das penetrante Duftöl, auf was die Hippies in den 80ern abgefahren sind. Ah hah. De Barbari war davon beeindruckt, wie Dürer in seinen Porträts die einzelnen Haare malen konnte und bat ihn, ihm einmal den Pinsel zu zeigen, mit dem er das gemalt habe. Dürer zeigte auf seine ganz normalen Pinsel mit der Bemerkung, das könne er mit jedem Pinsel malen (alter Angeber, aber auch zu Recht). Ich gehe noch mal nach vorne in den ersten Raum der Ausstellung. Hier erklärt eine Besucherin gerade ihrer englisch-sprachigen Begleitung, dass diese Frau auf dem German money war. Ich sage: “No, I’m sorry, I have to correct you. This lady is Dürer’s mother. The chick you mean is in the back of the exhibition on the right side.” Alter, jetzt werde ich auch zur Klugscheißerin.

Jörg und ich vor einer Dürer-Tapete.

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Ich mache eine Auszeit mit Charlotte im Café und kaufe überteuertes Briefpapier mit Mustern aus dem 50er Jahren, wie von alten Kittelschürzen und aus den 30ern sowie ein hartgebundenes Buch über Dürer auf Englisch. Wenig Text, tolle Bilder, viel brillanter als im Ausstellungskatalog. Ich will das Buch einer japanischen Dürer-Verehrerin schicken, wenn ich mich davon trennen kann. In Nürnberg habe ich schon lauter Zeug für sie gekauft, was seitdem bei mir auf dem Schreibtisch herumfliegt (shame on me). Dann schauen wir uns noch den Neubau an und hey, der ist echt toll. Ich bin neidisch sage ich mehrfach und bringe die Aufpasser, die sonst nichts zu lachen haben zum Schmunzeln. Santiago Sierra und Helen Levit hängen hier. Wolfgang Tillmanns hat einen eigenen Raum. Was für eine tolle Beleuchtung. Was für ein schöner Raum. Da kann man reinhängen was man will und es sieht geil aus oder auch alles rausschmeißen. Das tut dem Raum keinen Abbruch. Warum kriegen wir so was nicht in Hannover? Warum reißen sie nicht das Sprengelmuseum ab und bauen uns was Vernünftiges an seiner Stelle? Was soll da ein Anbau? Stephan drängt darauf uns die Neuanschaffung zu zeigen. Den Schäferhund von Otto Dix und hetzt uns noch mal nach oben. Ja, das Bild ist auch toll.

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Sonst gefällt mir eine junge Frau mit Ziege aus Marmor. Das Haarnetz und die Glöckchen an der Ziege. Kitschig, aber ich würde es gerne aufstellen bei mir zuhause.

Wir fahren ins Caracol und essen und trinken. Das ganze Auto riecht derart penetrant nach dem Wacker Kaffee, wie ich es noch nie erlebt habe. Wir machen Witze über eine Fahrzeugkontrolle. Wir essen lecker, ich Feigenfrischkäse mit Salat (im Hintergrund sieht man meiner Neuanschaffungen, den Fisch aus Stoffresten sowie unscharf die Häkelmaus für die Katze). Es gibt auch Kürbisravioli und Hirsch mit Sternanis sowie ein Fleur de Sel Caramel, Apfel Nachtisch.

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Anschließend macht Charlotte eine Stadtrundfahrt mit uns. Vorbei an den Sehenswürdigkeiten der Stadt, Bauwerke und Straßenstrich, Bauwerke und Fixer. Ich schlafe dann fast im Auto ein, weil die Spätvorstellungen der Tage davor und der viele Alkohol ihren Tribut fordern. Zuhause lerne ich Socke, den Kater der Familie kennen, der das Spielzeug mit der Reizleine viel reizvoller findet als die tote Maus, den gehäkelten Klops. Wenn man ihn animiert, spielt er auch damit und steigert sich richtig rein. Das scheint normal zu sein bei Jungkatzen. Er wird von Herrchen und Frauchen geschult im harten Spielen und hat schon erfolgreich einen Kanarienvogel im Garten erlegt. Ich bekomme Ausstellungsbücher der Galerie Goldstein geschenkt und Samenbomben. Zu der Galerie wollen wir Morgen vielleicht hin. Es gibt Tee und Whisky und schließlich ist es fast 2 Uhr.

26.10. Es hat heftig regnet. Wir lassen es langsam angehen in der Hauptstadt der Erdbeere. Kriftel.

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Jörg holt Brötchen und es gibt lecker Frühstück. Ich nähe den Aufhänger aus dem Kurzwarenladen aus geflochtenem Leder in seine Kunstlederjacke. Ich hoffe, das ist kein böses Zeichen. Es haben sich schon Paare getrennt, wenn ich angefangen habe Näharbeiten bei dem Typen zu verrichten. Das fällt mir auch gerade erst beim Schreiben ein.

Wir fahren auf Umwegen nach Frankfurt, damit was zu sehen kriegen. Höchst, Nied und Griesheim sowie die Adlerwerke.

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Dann Innenstadt. Hier gibt es auch herrliche selbstgemalte und schwer verständliche Hinweisschilder.

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Sowie einen Bembel und Streetart mit Büchern.

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Erst zu Iimori schön Matcha Latte trinken

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und dann Bitter und Zart wo ich für teures Geld Schokolade einkaufen. Die Schaufensterdeko von denen ist schon sehr toll.

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Ca. 1,5 Stunden später und nach dem Dom und der Caricatura merke ich, dass ich die Tüte irgendwo habe liegen lassen. Das war entweder in dem Laden mit den Handschuhen oder im Dom, wo ich mich auf eine Bank gesetzt habe und das Iimorispeisekartengesangsbuch studiert habe. Das ist dekadent. Einkaufen und dann unterwegs einfach liegen lassen und vergessen. Ich bekomme sie zum Glück wieder in dem Laden in dem ich die petrolfarbenen Wollhandschuhe gekauft habe, liegt sie vor dem Tresen auf dem Boden und ist umgefallen und unbemerkt. Glück gehabt. Die Caricatura kostet keinen Eintritt. Eine tolle Rattelschneck-Ausstellung.

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Ich lache mehrfach unangebracht laut und kaufe dann in dem gut sortierten Laden Postkarten für 30,- €. Ich hatte versprochen den Eintritt in Karten umzusetzen. Ich freue mich sehr an ihnen. Dürerkarten habe ich keine gekauft, weil ich 2,50 € Wucher finde und dann auch noch mit einem hässlichen weißen Rand.  Das sollen andere, döövere Touristen kaufen. Das mache ich aus Prinzip nicht, aber diese tolle Auswahl gezeichneten Postkarten ist die Wucht, deshalb schlage ich zu und erfreue mich immer wieder daran. Im Café Metropol nehmen wir im Garten ein Getränk bei 20 °. Ich trinke Süßen. Das ist frischer Apfelsaft, der braun oxidiert ist und sehr lecker und wir essen Frankfurter Pflastersteine von Bitter und Zart und ich schreibe eine Runde Tagebuch.

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Dann geht es weiter zu Galerie Goldstein. Hier stellt ein Künstler aus, der HipHop-Motive mit einem alten Zeichenprogramm am Rechner umsetzt. Es sind sehr lustige und gekonnte Sachen, die dabei heraus kommen und sie sprechen mich sehr an. Gegenüber ist Wagners sowie das bemalte Haus. Beides wird kurz in Augenschein genommen.

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Daneben wieder toller Himmel, meist mit einem Flugzeug (weil wir sind in Frankfurt mit International Airport) und Schaufenster einer Apotheke sowie ein halbes Stellengesuch.

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Dann fahren wir zu einem Shoppingmall bei Charlottes Arbeit in der Nähe wegen der Aussichtsplattform. Hier oben kann man sogar inmitten der Hochhausskyline Tischtennis spielen. Das wäre was für Sabine und Stephan und auch für Larissa und mich als Zuschauerinnen. Das hat schon was und ist als Kulisse spannender als die Rampenstraße in Linden, der sog. Kackstreifen. Das muss ich zugeben.

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Dann fahren wir bequem im Auto die Stadt ab nach der Brasilian streetart und werden fündig.

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Schließlich gibt es prämierte Cocktails im 22. Stock eines Hotels. Tolle Aussicht, leckere Drinks. Das Herbstlaub hat seinen Weg durch die Eingangsschiebetür gefunden und dekoriert die Lobby unten mit großen, stimmungsvollen Haufen auf dem Boden. Dann fahren wir nach Bornheim ins Solzer. Ich lerne neue Worte kennen. Hier gibt es Imbisse, die nennen sich „Döneria“. Solzer ist sehr urig. Ein älteres Paar zahlt gerade und wir wollen an den Tisch am Tresen. Das bemalte Haus sei für ältere Leute. Da gebe es außerdem nur gekochtes Fleisch und der Wagner sei Touristenfalle. Da würde jeder Taxifahrer der Stadt die Japaner und ausländischen Touristen, die nach Frankfurter Küche fragen hinfahren. Hier gibt es Schnitzel und grüne Sauce. Mehr als man essen kann ohne sich den Magen zu verrenken, zumindest wenn man auch Handkäse und diverse Vorspeisen bestellen musste. Ich trinke Rauscher, die anderen Apfelwein.

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Die Bediengungen haben einen Konflikt, eine Frau aus dem Service und der Haupttyp am Zapfhahn bzw. Umfüller. An der Schrankwand hängt ein rotes Aufkleber: „Bevor isch misch uffresch is mer’s liewer egal“. Dieses Motto wird weniger praktiziert zwischen den beiden. Es geht sehr bodenständig zu und der Apfelwein wird aus großen weißen Plastikkanistern in die romantischen Tonkrüge umgefüllt und von großen Tonkrügen in kleinere und schließlich in die gerippten Gläser und dann erst in den Mund. Manche holen das Zeug auch als take-away und lassen es sich in mitgebrachte Cola-Flaschen umfüllen. Die Küche schließt um 23 Uhr, dann ist auch innen Raucher. Wie im Wagners ist hinten ein großer Baum in den Raum integriert und quasi eingebaut. Ich gehe gleich auf mein Zimmer und ins Bett mit Wärmflache und Ibuprofen. Unterleibsdings. Out of order.

27.10. Werde sehr früh wach und bastele eine Runde. Schaue die Goldsteinkataloge durch. Charlotte wird wach. Wir trinken Kaffee. Ihr ist aufgefallen, dass die Leute mich ganz schön anschauen würden und sie glaubt, das seien Touristen. Ich glaube, das sind genauso Frankfurter, zumal es oft die Ladenbesitzer waren und damit ist die Identität schon mal klar und einmal mehr überlege ich mir, warum sind die Hannoveraner derart cool. Kennen die mich vielleicht schon und sind abgehärtet?

Wieder gibt es total leckeres Frühstück mit leckerer Fleischwurst von der ich nicht genug kriegen kann und Honig aus dem Frankfurter Stadtwald.

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Dann kaufe ich ein altes Fahrrad von Jörg für 600,- €.

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Nein, nicht das. Ein herrlich restauriertes Adler-Fahrrad, Baujahr 1939 mit lauter Specials, die ich noch nie gesehen habe wie kleine rostige Ketten an den Ventilkappen und eine Klingel, die man über eine Handbremse betätigt, die wie ein Dynamo am Reifen funktioniert. Dann das Reifenschloss mit dem Metallstab. Dieses Teil muss ins Museum. Ein Typ, von dem Jörg das Rad gekauft hat, hat es restauriert und jeden Schritt minutiös dokumentiert und nur die Materialkosten in Rechnung gestellt. Ein Foto des Rahmens mit Spitzendecke aus seinem Wohnzimmer im Hintergrund ist auch mit dabei. Es ist so cool und leider fährt es auch richtig geil. Erst will ich es nach Wien liefern lassen, auch wenn die Jahreszahl hier problematisch sein könnte (Eroberungfahrrad). Dann entscheide ich mich um, weil ich so verknallt bin und will es als Sonntagsfahrrad hier in Hannover haben um damit anzugeben. Ich werde es jede Minute bewachen (zumindest beim ersten Ausflug).

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Ich bekomme ein Glas Honig und Charlotte schenkt mir ein herrliches Seidentuch aus den 50ern, was aussieht wie die Muster des Geschenkpapiers, was wir unter uns aufgeteilt haben und was ich seitdem durchgehend trage. Jörg mag Manschettenknöpfe. Das muss ich mir merken.

Wir packen unser Zeug zusammen und fahren nach Bergen-Enkheim zum Flohmarkt. Dieser findet in einer Parkgarage statt und es herrscht schon Abbaustimmung als wir um 14 Uhr eintrudeln. Die Lichtverhältnisse sind auch schwierig. Die Gastgeber wollten meine Bedürfnisse befriedigen mit dem Zielort werden aber selber reichlich fündig. Jörg, der nach dem Fahrradverkauf in Ausgeberlaune ist kauft eine 70er Jahre Armbanduhr und einen grauen Ledermantel und Charlotte einen Blechschrank von Kaffee-Hag mit Innenbeschriftung über die Lagerung von Kaffee.

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Ich nur Kleinkram und die Pfote eines Schneehuhns in Silber gefasst für 4,- €, die ich vergesse mit abzubilden.

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Zum Abschied fahren wir ins Iimori und essen noch mal quer durch die Bank und geraten dabei in die Prosecco-Happyhour. Meine Flohmarktgiraffe mit der herausgestreckten Zunge liebt grünen Tee!

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Man kann auch Backkurse machen. Im Hintergrund läuft gerade einer. Die Chefin trägt eine niedliche Schürze und hat eine Plastikschale in der Größe einer Kinderbadewanne in der die Backzutaten angemischt werden.

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Die Gastgeber bringen uns zum Bahnhof. Der Zug hat dann 15 Minuten Verspätung. In knapp über 2 Stunden ist man in Hannover. Da kann man ruhig öfter hinfahren. Ist sogar näher als Köln, Stuttgart sowieso. Eine Frau mit Coffee to go in der Hand drängelt sich am Bahnsteig total dreist vor und schaut noch bescheuert als ich dagegen halte. Im Zug packt sie einen Marsriegel aus und wickelt den unteren Teil in ein Papiertaschentuch zum Essen. Das sieht genauso bescheuert aus wie sie ist isst und ist.

Remington and the curse of the Zombiedings

23.10. Der Herbst ist schön vor unseren Fenstern.

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Morgens ruft noch mal Herr MRV an und will noch mal wissen, wo er den Ausweis herbekommt. 100 mal habe ich es ihm das erklärt und bin ungeduldig mit den Worten, ob wir uns jetzt täglich sehen würden. Viel machen, wenn es darauf ankommt, aber auch auf Abstand halten mit aller Deutlichkeit, das ist meine Devise.

Ich bekomme die entwerteten Sparbücher über knapp 31.000,- €. Hat alles gut geklappt, zumal die Grundsicherungsleistungen des Mandanten zum 01.11. auslaufen und er erst mal von seiner Erbschaft leben wird.

Nachmittags habe ich einen Termin beim Kollegen in der Innenstadt, der meinen russischen Alkoholikerbetreuten strafverteidigt. Am 03.12. ist Verhandlung. Ich bin in London. Heute ist Vorbesprechung. Er sitzt mit seinem Kumpel im Wartezimmer, hat ein dickes Auge mit Schnittwunde in der Augenbraue und ist betrunken, sein neuer Job wurde gekündigt und er braucht 100,- € von mir um seine Schulden bei einem Kiosk in Bückeburg zu begleichen. Ich sage, dass ich ihm kein Geld mitgebe in seinem Zustand. Ich werde das Geld an den Typen überweisen. Wie heißt der denn, will ich wissen. Nee, das klappt nicht. Ob ich so türkische Läden mit türkischen Typen kennen würde. Ich: äähh, ja. Nützliche Unterlagen, wie seine Kündigung fürs Jobcenter hat er nicht dabei. Ich lasse mir seine Fahrkarte für heute zeigen. Der Typ, Marke kleine Boxer mit großem Ego. Alles immer kein Problem. So einen Job, findet er Morgen wieder oder er arbeitet schwarz. Ich sage ihm, dass er beim nächsten Job für seine Freundin mitbezahlen darf wegen Bedarfsgemeinschaft und die sich lieber eine eigene Wohnung suchen sollte. Dann wären sie finanziell besser gestellt. Er darauf, wenn er ein Steak hat, soll sie auch eines haben. Als wir beim Strafverteidiger drin sind, geht es darum, dass seine Bewährung vermutlich widerrufen wird und er dann mindestens 6 Monate in den Knast geht. Das ist ihm egal, sagt er, man merkt aber, dass er Schiss hat. Es geht um Ladendiebstahl. Es gibt Bilder der Überwachungskamera. Er kann sich nicht erinnern, weil er vermutlich einen Filmriss hatte. Er klaut nur, wenn er betrunken ist. Warum haben sie ihn nicht vor Ort festgehalten und angesprochen, lautet seine berechtigte Frage. Das wird der Kollege Strafverteidiger dann in der Verhandlung klären. Zum Schluss muss sein Freund, den ich schon kenne und der nüchtern ist, mir versprechen, dass das Geld beim Kiosk-Mann landet und er das beaufsichtigt. Mein Betreuter, der mich sehr mag und in betrunken zu leichter Distanzlosigkeit neigt sagt immer wieder, dass ich nicht sauer sein soll auf ihn. Er schickt mir die Sachen zu. Kündigung, Monatsfahrkarte und Foto für die Krankenkasse. „Ich mag Sie mehr, als Sie wissen“. Doch, das weiß ich schon. Beim Verlassen der Kanzlei wird mir dann viel die Tür aufgehalten, weil sie sind Gentlemen, wie mir die Herren erklären. Herr W. bemerkt sofort mein neues Fahrrad, was er noch nicht kennt. So betrunken kann der gar nicht sein, dass ihm das nicht aufhält. Was ist mit dem schwarzen mit dem Klackerteilchen dran? Ist das neu oder nur neue Lackierung, will er wissen.  

Wir treffen uns bei Piu mit M. und M. Ich übergebe zwei Mal große Kalender an diesem Abend, die nicht gescannt werden können wegen der Größe und weil auch zu viele private Fotos darin sind von den jeweiligen Freunden. Bei Piu haben wir mal Michael Thurnau oder Thürnau gesehen, der Typ, der Bingo-Umweltlotto macht. Wie es der Hannoveranerart entspricht, habe ich so getan, als würde ich ihn nicht kennen. Das fällt sonst auch auf einen zurück, wenn man Sendungen wie Bingo-Lotto kennt. Ich hatte ihn zuvor live auf der Infa gesehen, unfreiwillig. Er ist am Stehtisch gegenüber und isst eine große Portion Pasta. Dann ich alles abgeräumt und ein junges Pärchen trifft ein, die ihm diversen Sachen aus einer Mappe zeigen und wohl dienstlich mit ihm zu tun haben. Er lässt sich dann neu die Karte geben, ganz unschuldig von wegen, was gibt es denn heute und isst dann nochmal mit denen. Das fand ich damals sehr geschickt, obwohl ich denke, dass ich zu meiner Gefräßigkeit stehen werde, auch wenn es noch schlimmer bei mir werden sollte. Heute teilen wir uns jeweils eine Pizza und das Tagesgericht, italienische Fleischklösschen in Whiskysahnesauce mit Dreierlei Gemüse.  Draußen sitzt ein dicker mit seinem Freund auf der Fensterbank und raucht. Ich muss an mein Fahrrad ran und werde darauf aufmerksam gemacht, dass es so was wie Fahrradstellplätze um die Ecke gibt. Ich parke immer direkt vor der Tür bzw. dem Fenster. Unsere Freunde hingegen wissen sich zu benehmen.

„It get’s better“ ist ein thailändischer Film bei dem es um Ladyboys geht. Vorher wird noch Werbung gemacht für einen Kurs für Frauen, die männliches Gehabe üben wollen (ich habe vergessen wie das heißt). Der findet Samstagnachmittag statt und es sind noch Plätze frei. Stephan will mich anmelden. Ich sage, ich kann gut beibringen, wie man sich als Junge verhält bis ca. 5 Jahre. Diese Mischung aus Krawall und Heulsuse habe ich super drauf. Der Film ist größtenteils schmalzig, langweilig und unglaubwürdig. Mehrere Geschichte, die dann am Ende aller zusammen hängen, aber man kapiert es nicht und es ist auch unglaubwürdig. Die Schauspieler haben das Talent von Vorabendserien. Ein Typ, dessen Vater, den er nicht kannte einen Ladyboy-Club in Bangkok betrieben hat, wo Männer als Frauen auftreten und singen und tanzen. Der Sohn ist Erbe und verguckt sich in Ladyboys, aber dann doch nicht, weil er ein Problem dabei hat und sich irgendwie ekelt. Ein anderer wird ins Kloster geschickt von seinem Vater. Das ist dann der Nachtklubbesitzer in seiner Jugend.

Der zweite Kalender wird übergeben an Freundinnen, die noch nie einen hatten. Dann Spätvorstellung. Erst ein serbische Kurzfilm, der dafür recht lang ist (30 Minuten). Eine Dokumentation über einen transsexuellen Mann in Belgrad, der als Sexarbeiter Geld verdient und seine Nichte aufgezogen hat. Die Filmemacherin ist da und bekommt als Dankeschön nach dem Interview Blumen von Gabi, die den Film ohne Untertitel verstanden hat. Er gefällt mir sehr. Er hat was von der Ästhetik von Nan Goldin Fotos. Nicht nur das Metier, sondern auch die Essens- und Küchenszenen mit gebratenen Eiern, viel Weißbrot und immer Wurst oder Würstchen und Pommes und Tischdecken und Wandfliesen dazu. Der Mischlingshund der Hauptdarstellerin ist total schlecht erzogen und flippt immer aus, wenn sie eine Hormonspritze bekommt und muss ausgesperrt werden, aber auch sonst weiß er sich nicht zu benehmen. Die brauchen Cesar Millan und müssen lernen Pack Leaders zu werden, aber das gehört vielleicht nicht zu den zentralen Problemen, auf die der Film aufmerksam machen wollte.

Dann läuft „Bambi“ eine weitere Dokumentation über eine Frau, die als Jean-Pierre in Algerien geboren wurde. Der Mief der Kindheit. Sie liebt ein Kleid mit aufgestickten Punkten und sollte immer wieder ihren Namen sagen, den sie hasst und sich für Autos interessieren und dann ging es in die Schule und die Haare wurden abgeschnitten. Dann Freund, aber sie wollte nicht schwul sein, sondern die Frau, ein normales Paar. Das wurde als Verkleiden zurückgewiesen. Sie ist dann nach Paris und wurde in den 50er Jahren zum gefeierten Showstar und sah so was von überzeugend aus, dass die Kandidatinnen im Publikum nur staunen können und ich mich auch wundere. Die Haut ist hell und voller Sommersprossen und dazu ein tolles Gesicht und kleine Brüste, die sie gerne zeigt. Die Hormone haben hier echt Wunder bewirkt und auch ihre Haut, die nicht verrät, dass sie keine Frau ist. Sie lebt nur für die Auftritte und kennt Paris gar nicht. Das Wetter sei auch schlecht gewesen (nach Algerien). Sie macht dann Jahr später eine Geschlechtsumwandlung, lernt eine 180 m große Blondine kennen mit der sie jahrelang einen Show-Akt macht, in dem beide wie Schwester aussehen und vermutlich allabendlich auftreten, Moulin Rouge mäßig. Die kommen dann zusammen. Irgendwann beschließt Bambi ihr Abitur nachzumachen und studiert an der Sorbonne und arbeitet dann 29 Jahre anonym (d.h. niemand kennt ihr Vorleben) als Lehrerin. Mit der Uta ist sie immer noch zusammen und jetzt weit über 70. Jahrgang 1935. Ein eindrucksvoller Film wie eine starke Frau ihren Weg geht so ganz ohne Unterstützung z.B. aus dem Elternhaus. Das dagegen arbeiten kann auch stark machen genauso wie die bedingungslose Unterstützung. Offenbar ist es so.

24.10. Werde von allein um 7 Uhr wach. Versuche das P-Monster am Handy zu erreichen. Wieder nur Mailbox. Dann muss ich davon ausgehen, dass der Termin stattfindet. Um 20 nach 8 klingelt das Bürotelefon und eine metallische Bandstimme sagt den Termin ab: „Ha be Fie ber und ei ne Zin kver gif tung vo m Schwei ßen u nd mu ss den Ter min he ute lei der ab sa gen….“. Das war klar. Ich rufe vom Büro aus beim Wohnungsamt an und lasse mir bestätigen, dass sie ohne persönliche Vorsprache meines Betreuten nicht tätig sein können. Die Wohnung war schon zum 30.09. gekündigt und der Vermieter wird langsam ungeduldig, aber was soll ich machen?

Den ganzen Tag über ruft Herr MRV nicht an, was für eine Wohltat. Das ist fast so überraschend wie der Umstand, dass ich neulich aus dem Büro kam und dem „Schimpfer von Linden“ direkt in die Arme gelaufen bin und er hat nicht geschimpft. Das war so einer mit Zeitung unterm Arm, DDR-Dialekt und der hat immer besonders aufgedreht, wenn er mich gesehen hat. Das war zumindest mein Eindruck und ich habe die Begegnungen gefürchtet, vorallem wenn ich nicht schnell mit dem Rad flüchten konnte und jetzt auf einmal nichts mehr. Das war verblüffend und auch erholsam.

Mittags 11 A. Ein bisschen draußen sitzen bei dem herrlichen Wetter. Sonne ist leider nicht mehr da. Ich beichte Stephan, dass ich heute nicht mitkomme ins Kino. Ich schaffe das nicht. Sonst bin ich ganz unausgeschlafen und schlecht gelaunt in Frankfurt und das will keiner. Will dem Kollegen meine Karte andrehen.

Ich bekomme private Post in Gestalt einer Collagenpostkarte meiner Freundin Andrea, die ich für sehr gelungen halte:

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Bei Frau P. im Altersheim ist heute die Telekom und legt ihr den Anschluss. Ich rufe sie nachmittags an und wir telefonieren, was sehr schön ist. Sie wird immer klarer. Ich sage ihr, dass ihr Lebensgefährte Herr K. wieder von Kornkreisen spricht und sie: „der braucht seine Spritze“. Dass die Wohnung in Spanien verkauft wird, findet sie auch gut. Ja, ihre Tochter wird die nicht übernehmen und sie kann ja nicht mehr hin. Seit sie aus dem Messiehaushalt raus ist, wo Herr K. ihr immer Puddingteilchen zu essen gibt bei Diabetes, ist sie richtig fit. Das hätte wohl schon viel früher stattfinden müssen. Ich rufe die Tochter in Hamburg an um ihr die neue Nummer ihrer Mutter zu geben und sage ihr, dass die Betreuerin von Herrn K. die Wohnung kündigen will und wie schlau ich das gemacht habe, dass er den Mietvertrag übernommen hat und wir nichts mehr mit dem ganzen Zeug zu tun haben. Sie spricht von alten Fotoalben. Ich schlage vor, dass sie sich meldet, wenn sie in Hannover ist, aber zeitnah, ich dann einen Wohnungsschlüssel von der Diakonie hole und den Klostuhl abholen lasse und sie in der Zeit die Wohnung durchschaut nach den Fotoalben. Sie zu mir: „Melden Sie sich also wieder“. Ich: nein. Noch mal im Klartext: „Sie melden sich, wenn Sie es nicht tun, sind die Sachen weg in ein paar Monaten. Ich halte es nicht für schlau gegenüber der Betreuerin oder der Diakonie noch offiziell Besitzansprüche aus der Wohnung anzumelden. Möbel braucht Ihre Mutter nicht und ich habe im Schweiße meines Angesichts alle Frauenklamotten und den ganzen Schmuck rausgeholt und rübergeschafft sowie alle Bilder an den Wänden ihres Zimmers und die Tiffany-Lampe“. Oh Mann, diese Tochter nervt und macht nichts. Die ist unfitter als ihre bettlägerige Mutter. Was ist an meinem Plan so schwer zu verstehen? Und natürlich muss sie sich melden, wenn sie in Hannover ist und zwar mindestens 24 Stunden vorher, damit ich das mit dem Klostuhl organisiert bekomme.

Nachmittags treffe ich mich mit einem Betreuten aus Syrien beim Arzt. Der Typ war Jahrzehnte lang Taxifahrer und hat keinen anderen Wunsch im Leben als Auto zu fahren. Vor ca. einem halben-dreiviertel Jahr war er zuletzt in einer manischen Phase nachdem er die Medikamente abgesetzt hat, wollte sich einen alten Mercedes kaufen und mir ein neues Fahrrad. Dann Klinik. Seitdem ist es wieder ruhig. Der Facharzt hat ein Gehirnmodell auf dem Schreibtisch, mit dem ich spiele während wir warten. Auseinandernehmen traue ich mich nicht, weil ich es sonst vielleicht nicht mehr zusammen bekomme. Der Arzt sagt, auf die Frage nach Fahrtauglichkeit: was wollen Sie fahren? Straßenbahn? Ja, das geht. Auto? Das würde nicht gehen. Das hätte der Gesetzgeber ausgeschlossen. Das wisse ich ja als Anwältin. Das ging nicht wegen der Diagnose und auch wegen der Medikamente. Er schaut betrübt und ich frage ihn, wo das stehen würde in der StvO oder einem anderen Gesetz, weil ich es nicht kennen würde die Vorschrift. Außerdem sei Herr K. er sehr guter Fahrer und ich würde Jederzeit mit ihm mitfahren. Er sei sehr umsichtig. Dann heißt es auch einmal, na ja, er solle in einer Fahrschule 2 Probestunden absolvieren und schauen, was die sagen. An der Wand hängen ganz schlechte Bilder von roten Ferraris, schlecht gerahmt, wie Jugendzimmer oder Baumarkt sieht das aus. Ich zu dem Arzt, das wäre ja grausam, wie Alkoholiker behandeln und dann Jack Daniels Werbung an der Wand hängen haben. Ich bitte Herrn K. schon mal rauszugehen und frage den Doktor noch mal nach Elisabeth Taylor, die gerne wieder beim ihm Patientin werden wolle. Er reagiert vehement beim klang des Namens. Die will er nicht wieder haben. Die hätte die Mitarbeiterinnen so derbe beschimpft. Das ginge nicht.

Um 18:30 Uhr mache ich Feierabend und bekomme derart einen Energieschub angesichts der Tatsache, dass ich Morgen frei habe, dass ich nachdem der Nachbar sich den Schlüssel abgeholt hat für Ersatzmöbel für seine Feier am Wochenende, zu der wir auch eingeladen sind, aber nicht teilnehmen können, mich erst mal umziehe und meinen neuen zuvor frisch gemachten Divine-Button anlege zusammen mit einem schwarzen Rock mit einem Hundekopf im Schritt, der in diesem Zusammenhang eine symbolische Rolle spielt. Dazu einen kleinen Kapuzenpulli in Regenbogenfarben und mein Perlenhüttchen, eine Art Krone aus festem Schaumstoff mit den grünen Originalperlen (jetzt sind sie seit Jahren Lila). Als Stephan vom Sport kommt bin ich total aufgekratzt. Ich schaue alte Fotos durch für Nachbestellungen und noch weitere Kalender 2014 und überbrücke damit die Zeit.

Dann fahren wir erneut zu dem Freiluftkronleuchter in die Innenstadt. Markus hat uns Flyer bzw. eine Speisekarte vom Inder „Jewel of India“ und eine Visitenkarte von Iimori aus Frankfurt mitgebracht. Wie lieb. Ich erzähle Gabi, dass wir zuhause so schöne Blumen von ihr haben in Lila. Ganz herrlich und ich bin zuversichtlich, dass die länger halten, weil die einen sehen schon aus wie Trockenblumen und die anderen haben so kleine Perlen, also Beeren dran.

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„Remington and the curse oft the Zombiedings“ wird gegeben und ich freu mich, weil ich die Filmidee schon großartig finde. Ein Junge, der sich über Dragqueens lustig macht, wird von einer mit einem Fluch belegt, der ihn im Erwachsenenalter einholt. Ein Mann mit Maske spricht die Begrüßung. Der Film ist neben der Divine-Doku mein Lieblingsfilm des Festivals und bekommt meine beste Bewertung auf den Stimmzetteln für die Verlosung. Das Kind Remington deutet auf Schwule und ruft „Homo, Homo, Homo“. Dann geht er zu Beichte und vertreibt den Priester mit diesen Rufen aus dem Beichtstuhl. 15 Jahre später. Es geht ein Serienmörder um in der Kleinstadt und die Opfer sind alle schwul und verwandeln sich in Dragqueen-Zombies mit toller Schminke, sobald sie sterben. Zwei Polizistinnen ermitteln. Die eine ist die Mutter von Remington. Die Kollegin mit kurzrasierten Haaren und einem langen Ohrring, asymmetrisch auf einer Seite z.B. mit langen Federn spielt den Badcop. Sehr lustig. Remington verliebt sich in Hanna, die Tochter der Dragqueen, die ihn verflucht hat und das weiß sie. Sie lehnt ihn deswegen ab. Die Mutter, die die Sachen ihres toten Mannes weggegeben hat wegen der schmerzhaften Erinnerung und mit Inlinern durch die Wohnung fährt, genauso. Dann beginnt der Fluch und Remington ist auf einmal rasiert am ganzen Körper und mag vor dem Spiegel seine unförmigen T-shirts nicht mehr tragen und wählt eine bunten Mädchen-T-shirt von der Wäscheleine und verändert entsprechend sein Wesen. Das führt dazu, dass die trauernde Witwe ihn total lustig und sympathisch findet und Hanna sich in ihn verliebt. Er wiederum ist mittlerweile in seinen besten Freund Jinxs verknallt. Der Mörder hat eine Waffe, die ausschaut, wie ein alter Fön mit einer Glühbirne vorne und bunten Lichtern (es wurde mit Heißkleber gebastelt). Die Waffe erkennt, wer schwul ist. Hanna sagt, Remington, er sei nicht schwul und müsse für die Liebe kämpfen. Um den Fluch zu lösen, muss er einen Mann finden, der im Hinblick auf Liebe mit Männern Jungfrau ist und der freiwillig schwul wird. Das macht dann Remingtons Vater. Der Film ist toll, toll. Ich hätte es gerne, dass ein Masken- und Kostümbildner uns so für Halloween so ausstattet als Dragqueen-Zombies und Polizistinnen mit Uniform und Hüten (ein bisschen wie Heilsarmee) und mit der gebastelten Waffe aus dem Film. Das wäre toll. Die Filmkritik hatte Recht. Auch die Nebenrollen sind alle toll besetzt. Ich mag auch die philippinische Optik und habe jetzt Lust in das katholische Asien zu reisen. Die Friedhöfe sehen toll aus und die Vegetation ist eindrucksvoll bis scary. Grüne Tsunamis. Da fand ich die als imposant gelobten Landschaften aus Thailand im Film „It get’s better“ im Vergleich langweilig wie die Kasseler Berge. Neben dem Stimmzettel nehmen wir zwei Mitgliedschaftsanträge für die Perlen mit nach Hause.

Wir fahren mit M. und M. nach Hause über den Opernplatz. Dort am jüdischen Mahnmal steht eine betrunkene Gruppe Jugendlicher um eine Parkbank. Eine Frau reißt sich gerade von der Gruppe los und läuft Richtung Opernhaus und ruft dabei: „Den bringe ich jetzt um. Das ist mir egal“. Ich daraufhin: „ohh, hier sind auch lauter Zombies unterwegs“. Daraufhin einer der Typen: „Halt an, stehen bleiben, Du Hure“ auf mich bezogen. Sehr lustig. Es gibt noch den Extragrusel auf dem Heimweg, ob er es schafft mich einzuholen und warum eigentlich „Hure“, weil ich sie Zombies genannt habe? Stephan sagt, es sei das schlimmste Schimpfwort was ihm eingefallen sei.

25.10. Im Zug läuft ein Typ durch unser Abteil, den ich aus Hannover kenne: weiß Haare, immer in der Innenstadt unterwegs, Flohmarkt am Hohen Ufer, Langhaarschäferhund und rot-weiße Trainingsanzug. Er schimpft vor sich hin: „nicht die Hälfte hat Bahn-Comfort“. Ah ha!

Weil die Singles einen nicht zusammen sitzen lassen, setzen wir uns nach Kassel noch mal um mit Sack und Pack damit wir zumindest für den Rest zusammen sitzen können. Neben mir hatte die Frau, die mit Printmedien was zu tun hat auch gerade angefangen unangenehm zu telefonieren: „Hallo Frau Soundso. Ach so, Ananas. Ja, manche Südfrüchte z.B. Orangen gehören ja gar nicht in den Kühlschrank“. Jetzt erklärt sich ihr Werbekulli mit Food-irgendwas und ihr Buch über Fette in der Ernährung. Es wurde Zeit, dass ich mich weg setzte.

Standing ovations

21.10. Morgens Mandant, der mal über Betreuung nachgedacht hat, dann aber am Verfahren nicht mitgewirkt hat und nur mit einem Beratungshilfeschein da war. Mittlerweile dicke Akte, über Schein darf nicht abgerechnet werden bzw. neuer muss beantragt werden und zu dem Zweck bestelle ich ihn noch mal ein. Aktuellen Bescheid hat er nicht. Den hat der Gerichtsvollzieher neulich mitgenommen und er hat schon wieder Post von „denen“ bekommen. Ich sage, ganz normaler Fortzahlungsantrag. Ist doch kaum was auszufüllen. Ich muss es ihm vorlesen. Soll ich den jetzt für ihn ausfüllen? Ja, bitte. Ich glaube, dass der Typ nicht lesen kann. Ich sage ihm erneut, Betreuung wäre besser gewesen und ich kann das so auf Dauer, ehrenamtlich nicht machen.

Dann kommt neue Mandantin mit Kopftuch und Beratungsschein. Sie hatte Betreuung und der hat sie ohne ihr Wissen bei der GEZ angemeldet. Als sie sich dann irritiert zeigte meinte er, warum, sie müsse doch nicht zahlen. Zwischen der Anmeldung und der Befreiung liegen 2 Monate, d.h. die wollen über 40,- € von ihr. Strom war auch abgestellt als sie im Ausland war und eine Kontopfändung wurde gemacht, weil zu viel Geld auf dem Konto war. Ich soll den früheren Betreuer anschreiben, aber Ärger will sie auch keinen. Ich glaube, ich kenne den, mache es aber trotzdem. Das ist einfach unprofessionell. Dann soll er selber dafür sorgen, dass die GEZ die Forderung ausbucht oder das aus der Portokasse bezahlen, ist mir egal.

Nachmittags ist Berufsbetreuertreffen. Der Saal ist voll. Der angeschriebene Kollege ist auch da. Auf dem Podium sitzt ein Betreuungsrichter, eine Ärztin aus Wunstorf, eine RAin und Berufsbetreuerin und ein Betroffener vom VPE sowie zwei von der Betreuungsstelle. Neue Erkenntnisse gibt es keine. Am lustigsten ist der Betroffene. In der Pause esse ich Kuchen von Fahrenhorst und stelle mich an einen Stehtisch. Der ältere Kollege will bald in Rente gehen. Er verrät uns die Namen der Kollegen, die Strafverfahren haben wegen Veruntreuung von Gelder von Betreuten und weil sie sich als Erben haben einsetzen lassen. Die waren wechselseitig Ersatzbetreuer, haben sich in ihren Fällen also vertreten. Dann sagt er mir, dass er keine „Psychopathen“ nehmen würde. Was er damit meint, frage ich. Welche mit einer Psychose, wie der Podiumsgast? Er: ja, die unberechenbar sind und mit einem Messer oder Schrauberzieher in der Tasche rumlaufen. Er nimmt lieber demente und findet bei denen zwischen 0,43 € und 6.000,- € in der Wohnung. Interessant. Er sagt, die trauen uns nicht mehr und er ist dafür, dass das immer ein Rechtspfleger dabei ist, 4-Augen-Prinzip. Ich sage, ich brauche keinen. Ich nehme das auf meine Kappe. „How can I trust myself, when I can’t even trust my own two hands?“. Dann teilt uns die Betreuungsstelle mit, wie viel Berufsbetreuer in Hannover und Region tätig sind  und wie viele davon gesperrt wegen Strafverfahren. Dass wir freie Kapazitäten melden sollen. Ein Schlaumeierkollege regt an, ob man es nicht so machen könne, dass sich nicht melden bedeutet, man hat Kapazitäten frei. Ähhhh?

Abends um 20 Uhr ruft mich Herr Maßregelvollzug an während ich beim Türken am Steintor sitze. Er ist in der Wörthstraße (Obdachlosenunterkunft). Der Vermieter hat ihn rausgeschmissen, weil er den Kühlschrank leergefressen hat. Ich sage, dass ich heute nichts mehr für ihn tun kann. Gut, dass ich dem keine silberne Nadel verliehen habe am Freitag. Der Unterstützungseifer hat ja nicht lange angehalten.

Um 21 Uhr sitzen wir als Hetero-Pärchen im Koki und fallen dem anwesenden Personal unangenehm auf die Nerven, während auf dem Sofa kuschelnd und Weißwein trinkend die Musikvideos zum Thema Aids anschauen und auf die Spätvorstellung warten, weil wir sonst nix zu tun haben oder zuhause einschlafen würden (ich zumindest). Nach und nach füllt es sich und überraschend viele Freunde und Bekannte tauchen auf. Ich überlege Fördermitglied zu werden. Frühlingsperlen soll es auch geben. Ich bin dafür. Gabi hat herrlichen Blumenschmuck gemacht und Stephan findet ein neues Toblerone-Format „interessant“. Den kann man wirklich mit allem locken, wenn es Süßigkeiten und Schokolade geht.

Perlen Toblerone

„I am Divine“ ist ein guter und auch ergreifender Film. Der dicke Junge aus Baltimore, der täglich in der Schule verprügelt wird. Dann zieht er mit seiner Familie in der Nachbarschaft von John Waters, der ihn an der Bushaltestelle stehen sieht, wie er versucht, normal auszusehen und ihm das so was von nicht gelingt und der Vater von John sich schüttelt während sie im Auto vorbeifahren. Dann seine Freundin im Interview, die sagt, er war sehr aufmerksam und hat immer darauf geachtet, dass sie gut aussieht und hat ihr Sachen mitgebracht, die sie anziehen sollte. Außerdem hatte er einen tollen „sense of humor“, d.h. er war witzig. Seit der Schule hat sie keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Dann die Zusammenarbeit zwischen John Waters und Divine. Er gibt ihr den Namen und macht sie zum Filmstar. Sie vertraut ihm und macht alles, was er sagt bzw. von ihr verlangt, weil dieses Vertrauen da ist. Es geht um die Szene aus Pink Flamingo, wo Divine Hundescheiße essen soll. Waters erzählt, dass sie den Hund (einen großen Dackelmischling) viel gefüttert und tagelang in der Wohnung gelassen haben um dann mit ihm rauszugehen in der Hoffnung, dass er macht. Das hat er auch, aber keinen richtig großen Hundehaufen, wie er im Bilderbuch steht, sondern kleine weiche Stückchen. Divine kniet sich nieder und kratzt die vom Bürgersteig und nimmt sie in den Mund. John Waters sagte dann nur, dass er die Szene so genommen hat und nicht noch mal drehen wollte. Er sei ja kein Sadist. Ein Kinobesitzer erzählte, dass Kinobesucher während der Vorstellung wegen dieser Szene regelmäßig gekotzt hätten und er musste die Kotze dann wegwischen. Dazu sagte Waters, Kotzen sei wie „standing ovations“ für den Film. Er hätte John angerufen und ihm gesagt, dass sie gestern wieder drei standing ovations bekommen hätten und er ihn hassen würde. Dann ging es um das Make-Up von Divine, dass der Typ ihm die Haare abrasiert hat um mehr Platz zu schaffen für Augenmakeup. So nach dem Motto das menschliche Gesicht bietet nicht genug Fläche für das Augenmakeup, wie er es sich für Divine vorgestellt hat. Dann hat Divine als Sänger gearbeitet, was aber ziemlich schlecht war. Toll war noch ein Trashwestern, dessen Titel ich vergessen habe. Sie hat eine Schauspielerin als Schwester, die ihr ähnlich sehen soll, d.h. Klamotten und Frisur. Den muss ich unbedingt mal gucken. Dann waren auch toll, die Live-Auftritte, wie sie das Publikum beschimpft. So nach dem Motto: “I smell a really stinking cunt on this side (of the audience). And on the other side I smell a cheasy dick. So maybe they should get together and make an omlette.” Dann kam Hairspray. Der große Erfolg und die breite Anerkennung, Versöhnung mit der Familie (sehr rührend) und er sollte dann eine männliche Rolle in der Sitcom „Married with Children“ (Eine schrecklich nette Familie) bekommen und hat in der Nacht vor dem ersten Dreh einen Herzinfarkt erlitten im Hotelzimmer und war tot. Es ist schrecklich, dass er so früh gestorben ist, aber karrieremäßig vielleicht die richtige Entscheidung. Ich weiß nicht. Ich denke, er war viel glücklicher als z.B. Leigh Bowery, der lebenslang mit seiner Familie zerstritten war, keine Anerkennung zu Lebzeiten bekommen hat und ins Krankenhaus eingecheckt ist unter dem Namen „John Waters“ und dann allein an Aids gestorben ist.

22.10. Morgens nervt gleich wieder Herr Maßregelvollzug (MRV), als könnte ich zwischen 21 Uhr abends und 8 Uhr morgens schon was geregelt habe. Er sei am Kröpke und würde gleich bei mir im Büro aufschlagen. Als ich ihm sage, dass er mir kräftig auf die Nerven geht und wir einen Modus der Zusammenarbeit finden müssen, bei dem ich nicht zum Straftäter werde, will er gleich wieder gehen. Nein, reden. Ich sehe es ein, dass er jetzt einen Notfall hat, aber das Tyrannisieren fing vor Wochen wegen einer Scheißmonatskarte an. Frustrationstoleranz bei ihm gleich null. Ich hingegen will reden und ihm zeigen, was geht und was nicht. Ich rufe bei der Stadtverwaltung an und frage mich durch und wir haben um 13 Uhr in der Hamburger Allee einen Termin. Jetzt soll er gehen. Nein, er darf hier keinen Papierkram bei mir deponieren. Raus!!

Ich habe erst mal meinen Anger-Management-Betreuten und seine Bewährungshelferin da. Ich bin Rädelsführerin und sage, was wir jetzt machen und suche 10 Verhaltenstherapeuten in Hannover per Internet und gebe ihm die Liste mit. Dann bedanke ich mich bei der Bewährungshelferin mit dem Doppelnamen für die gute Idee, sich einmal zusammen zu setzen und sage ich, ich freue mich, wenn sich Helfer untereinander vernetzen. Das sei immer sinnvoll und schön, dass wir uns kennen gelernt haben. Herr Anger-Management (AM) berichtet mir nebenbei, dass sein Battlefield Warrior-Spiel wieder funktioniert. Ich hatte ihm aufgetragen mir die Firma zu nennen und die postalische Anschrift, weil ich nicht an Hasi33 mailen wollte. Das hatte er gemacht, aber ich war noch nicht tätig geworden. Da fällt mir ein Stein vom Herzen, dass ich meine Zeit nicht damit verschwenden muss denen zu schreiben bzw. schön, wie sich manche Dinge von alleine regeln.

Dann Arbeitsagentur. Wir wollten uns an der Info treffen, ich stelle mich schon mal in die Schlange. Als ich fast da bin und die Margot Kässmann-Nachfolgerin noch nicht, werde ich nervös, aber ich werde doch nicht ausscheren und mich noch mal anstellen. Als ich schon am Schalter bin und es heißt: Ihre Betreute ist aber noch nicht da und ich auf meine Aufgabenkreise „Rechts-, Antrags- und Behördenangelegenheiten“ verweise und dass ich für sie handeln kann, taucht sie auf. Sie ist wieder überschwänglich und hat wieder einen Energydrink dabei. Ob das manisch ist, vermag ich nicht mit Sicherheit zu sagen. Ihr wurde gekündigt, sie ist freigestellt und bekommt noch Lohn bsi Ende November. Das hätte der Arbeitgeber nicht machen müssen. War noch Probezeit, Kündigungsfrist 2 Wochen, Begründung für Kündigung entbehrlich. Als erstes stellt sie fest, dass wir beide farblich passend angezogen seien und die Frau von der Agentur stellt fest, dass sie es auch sei (was ich lustig finde). Dann geht es zur Beratung. Sie nimmt Flyer mit über Frauenförderung und will bei allem wissen, ob das „auch für Akademikerinnen“ sei. Warum sie das so penetrant drauf rum reitet, will ich später von ihr wissen. Sie hat viel Redeschwall, über ihren Freund, der Arzt sei und ihre beste Freundin und die Kreise, in denen sie verkehren würde und ihre Promotion, die sie machen will bei den Religionswissenschaftlern (darauf hat die Welt noch gewartet), den ich irgendwann unterbrechen muss, weil ich vor dem Termin in der Hamburger Allee unbedingt noch was essen muss. Wieder der Türke. Urfa Sofrasi. Draußen in der Sonne. Ich bestelle schon mal und als Stephan kommt, wird gerade die Pide mit Käse gebracht.  Bevor er da war, flirte ich mit einem türkischen Elektriker. Scheiß auf Akademiker. Ich kann diesen Drall nicht verstehen.

Dann Hamburger Allee. Als Herr Maßregelvollzug  (MRV) nicht da ist um 13 Uhr, rufe ich ihm mal hinterher auf dem Handy. Wo er sei? Als er es mir erklären will, stellt sich heraus, dass er 3 Uhr verstanden hat. Er soll so schnell wie möglich herkommen. Ich bin schon mal oben bei der Sachbearbeiterin. Melde mich an. Komme dann zu ihr. Sie ist polnischer Abstammung und hat eine kleine Turnerfigur. Sie ist nett, aber ihr überambitionierter Kollege, der gegenüber am selben Schreibtisch sitzt mischt sich ein und will mich nur loswerden. Jobcenter sei zuständig, wenn die geschlossen haben, egal. Ich frage nach besonderen Notlagen beim Verlassen einer Einrichtung. Nein, hier gibt es nichts. Gut, dass Herr MRV das nicht miterleben muss. Ich bleibe ruhig und sage, das hat mich nicht überzeugt. Ich will mit der Teamleiterin sprechen. Wer das sei. Der Name wird genannt. Ich gehe wieder nach vorne. Jetzt ist Herr MRV immer wieder dran, der den Scheißeingang nicht findet. Puffstraße, auf der Seite vom Turm, ja, Hausnummer 25, gucken oder fragen. Ich bin in der 3. Etage bei der Auskunft. Ich stelle mich noch mal an der Eingangstresen um mich zu vergewissern, dass ich auch bei der Teamleiterin angemeldet bin, weil ich muss wieder ins Büro. Dann kommt Herr MRV aus dem Fahrstuhl. Ich gehe mit ihm ins Wartezimmer und sage, es sieht nicht gut aus, die wollen uns los werden. Vielleicht will er sich auch anhören, was die Teamleiterin uns zu sagen hat bevor er dann zum anderen Jobcenter in der Vahrenwalder Straße aufbricht. So viel Zeit müsse sein. Außerdem kann ich nicht gehen, weil die meinen Betreuerausweis haben. Als Pfand, fragt er. Nein, sage ich. Dann werden wir gerufen und sollen mit der ursprünglichen Sachbearbeiterin wieder mitgehen. Auf einmal geht es darum, wo hat er vor der Haft gewohnt. Sie finden keine Meldeadresse und schon wieder will der eifrige Kollege Wunstorf verstehen. Dann sei Wunstorf zuständig.  Ich sage, nein, nie hat er außerhalb des Maßregelvollzuges in Wunstorf gewohnt. Immer Hannover. Dann holt meiner eine ganz desolate kleine rosa Karte, gelocht, vom Sozialamt aus der Arndstraße aus dem Portemonnaie. Ja, sie waren früher für ihn zuständig vor der Haft und sind es daher wieder. Die Türen zu den Nachbarzimmern sind auf und ich sage zu meinem: „Ich bin so stolz auf Sie, dass sie die ganzen Jahren über diesen rosa Zettel aufbewahrt haben und ihn jetzt hervorzaubern. Es ist ein Zauberzettel. Die sind immer rosa“. Jetzt hätten sie ihn angeblich auch über sein Geburtsdatum im System gefunden. Ich sage ihm: „so, jetzt sind wir hier doch auf einmal richtig. Das hat sich ja mal gelohnt, dass hartnäckig bleiben.“ Dann geht es noch um Krankenversicherung und das nach dem Probewohnen das Jobcenter zuständig sei. Ich sage zu ihm, dass ist uns erst mal egal, weil das ist erst in Monaten der Fall sein wird und da können wir uns dann in Ruhe darum kümmern. Er soll eine Scheck mitbekommen und eine Mietübernahmebescheinigung. Wir werden gebeten noch mal im Wartebereich Platz zu nehmen, was wir auch tun und ich rufe im Büro an, dass ich zu meinem 14:30 Uhr Termin leicht spät komme, aber hier noch ausharren muss. Ich will nicht riskieren, dass jetzt noch was schief geht so kurz vor der Problemlösung. E sagt mir, dass er heute auf den Tag genau 10-Jähriges habe, d.h. heute vor 10 Jahren wurde er verhaftet. Ich vertraue ihm dann, dass ich schon mal nachgeschaut in meinem Portemonnaie und wenn das hier schief gegangen wäre, hätte ich ihm zumindest 16,- € geliehen, bevor ich ihn zum nächsten Jobcenter gehetzt hätte. Gut sei ja die Monatskarte, mit der er mobil ist. Ich frage ihn, ob er mich dann nicht auch bald mich los werden wolle, wenn alles geklärt sei mit Wohnung usw. Er flüstert mir was ins Ohr, dass er totales Vertrauen zu mir hat, verstehe ich nur, sonst bin ich irritiert über seinen heißen Atem in meiner Ohrmuschel. Ich sage ihm, dass ich mich daran erinnern kann, wie wir uns kennen gelernt haben. Ich als Verfahrenspflegerin und er mit Beschluss in Langenhagen ans Bett fixiert und hat was von Tütü erzählt und ich dachte: lustiger Typ und wenn ich ehrlich sein dürfte, dann wäre er entweder ein Held oder total beknackt, so wie er den Maßregelvollzug durchgestanden hat. Keine Anpassung, sondern immer maximal Widerstand. Normalerweise würde man merken, dass die Institution am längeren Hebel sitzt und auf Liebkind machen, aber nicht er. Bei Dienstbesprechungen des Personals die Musik voll aufdrehen, immer dagegen, immer prvo, sich nicht verbiegen lassen, kein Stück nachgeben, egal wie schmerzhaft das dann wird, weil sie lassen es einen an anderer Stelle spüren. Das ist auch klar. Das habe was von „Einer flog übers Kuckucksnest“ und sei halt entweder besonders tugendhaft oder besonders blöd. Ob ich jetzt nicht mal seinen Vermieter anrufen soll, jetzt wo er heute einen Scheck bekommt. Mache ich und äußere meine Verwunderung über seinen Sinneswandel von Freitag auf Montag. War doch klar, dass das alles ein wenig braucht mit dem Geld und der Wohnung. Wie hat er sich das denn vorgestellt, dass er innerhalb von zwei Tagen eine Wohnung findet und wenn nicht, dann schmeißt er ihn raus? Ne, wenn wir so viel heute erreicht haben und er einen Scheck bekommt, darf er wieder zurück kommen. Ich sage Herrn MRV, dass ich mir für den heutigen Tag ein Sternchen in den Kalender mache.

Nach Erledigung Büro. 5 Minuten zu spät. Junge Frau mit Gesichtspiercings und Probleme mit Telefon- und Internetanbieter und Beratungsschein.

Dann kommt Elisabeth Taylor, die schon mit Stephan telefoniert hat und ihn für meinen Kollegen gehalten hat und ihn fragte, wenn sie ein Führungszeugnis habe, wo nichts drin steht, ob sie dann einen Bewährungshelfer brauche. Sie kommt mit Maurerdekoltee hinten und einer dicken, fetten Katze auf dem Arm, die sie bändigen muss ohne Halsband, was sich als schwieriges Unterfangen darstellt und die nur damit beschäftigt ist dagegen anzukämpfen, sie zu kratzen und zu versuchen von ihr los zu kommen und ihre Haare auf meinem Schreibtisch zu verteilen. Es gibt schon einen Grund, warum Leute diese Katzentransportboxen benutzen. Es ist schwierig eine Katze ganz ohne Halsband nur durch Festhalten des Körpers mit Fell zu bändigen. Ich sage, das ist nicht ihre Katze. Ihre war ganz klein und dünn. Sie dann: sie war damals ein Baby und ich: und warum schleppen Sie eine Katze mit sich herum. Dann fängt sie an, es zu erklären und ich merke, dass mich die Antwort weder interessiert nocht überzeugen kann. Warum habe ich gefragt? Sie musste aus irgendeinem Grund ihre Wohnungstür offen lassen. Aha, ach so, ne klar, aber dann Hausratversicherung abschließen wollen.  Irgendwie ist das wieder wie aus einer Szene von Hangover. Ich sage nur: Stubentiger von Mike Tyson.

Sport mache ich nur halbes Programm und gehe mal um 21 Uhr ins Bett, sonst schaffe ich die ganzen Spätvorstellungen diese Woche nicht.

Movenyo-Kalender 2014

143833-2 144205 144308 144350 144439144537 144718 144817 144932150909145102 145247

So alle Kalenderblätter bekommen jetzt noch einen Erklärungszusatz (vielleicht überflüssig):

1) Januar: Foto aus Tokio 2012 von einer vermisstem Katze, nehme ich an. Das schwarze Auge hat mir gefallen und dazu dann Karate und Golfkurse als Erklärung quasi.

2) Februar: Flyer von einer Ausstellung über Daglioglu oder so ähnlich, der das Ballett Russe gemacht hat im Victoria & Albert Museum in London.

3) März: Buttermusch betrunken auf einer Superheldenparty in Wien mit Fidel. Ich war quasi eine frei erfundene Wonderwoman aus Hannover, wobei die Kräfte der Chaostage im Vordergrund standen.

4) April: Flohmarktbeute mit Kaffee und Leckerli von Luis in der Deisterstraße.

5) Mai: Planking in Bayreuth bei meinen Eltern auf dem Grundstück. Das Wasserschutzgebiet im Hintergrund. Sommer 2012?

6) Juni: Movenyo-Flyer und alte Anzeige. Eine Zeitung, die ich von einem Freund, Günter geschenkt bekommen habe aus den 30ern?

7) Juli: Yoga in einem Glashaus, was ein Freund von uns, der in Oberfranken wohnt gebaut hat aus alten Fenster. Ganz toll das Teil.

8) August: I hope he ties me up. Eine Anspielung auf Mikael und seine neu entdeckte Liebe zu den Bändern bei der Yoga-Praxis.

9) September: Ein hinreissendes Schaufenster aus Fürth. Eisen, ja, ja, Eisen in der Stillzeit. So wichtig.

10) Oktober: Raum aus dem ehemaligen Schrebergarten eines Freundes. Hatte eine Frau nach dem Krieg drin gewohnt, die hatte auch Kanninchenställe. Total tolle Osterfeuerpartys dort erlebt. Ganz tolle Stimmung. Könnte irgendwie eine Yogamatte vorne im Bild sein, dachte ich.

11) November: Ich am Hohen Ufer (altes Foto). Habe ich noch gekaufte Hüte getragen. Dazu Flohmarktschätze aus 2013 mit Hannovermotiven.

12) Dezember: Total lustiger Flyer, vielleicht Berufsgenossenschaft, wie Busfahrer auf Rückengesundheit achten sollen. Dazu ein Foto vom St. Johannis Friedhof in Nürnberg, auf dem wie eine Grabstelle angemietet haben für den Fall der Fälle.