Schreibwerkstatt KHM – die erste Runde

Diese Fülle, diese Nacktheit – all das, was fehlt. Sich an den Händen fassen, alle zusammen, tanzen und feiern. Ekstase, sich vergessen im anderen. Das pralle Leben in Echt. Dellen im Po und in den Schenkeln statt Zoomübertragung. Wie wollen sie nackt Fahrrad fahren? Das geht sich ohnehin nicht so gut aus in Wien. 

Die wundersamen und übernatürlichen Eigenschaften der Tiere. Der Eishai hat einen Parasiten auf dem Auge, der ihn aber nicht sonderlich stört, weil Gucken nicht zu seinen bevorzugten Eigenschaften zählt. 400 Jahre Dunkelheit und Kälte. 

2021 hieß es auf einmal frohes und gesundes neues Jahr…vor allem gesundes. Warum vor allem gesundes? Glück und Erfüllung sind wichtiger als Gesundheit. Der Körper ist vergänglich, die Seele braucht Liebe, Austausch, wahre Verbindung. Das Spüren des warmen Sommerwindes auf der Haut, auf den Haaren am Körper, den Sinneshaaren an den Beinen. Jemand, der mit einem durch die Nacht fährt. Engel, die einem auf Reisen begegnen, einem Hinweise geben und den weiteren Weg weisen. Aber wie wollen die nackt Fahrrad fahren?

KHM Schreibwerkstatt

Vielen Dank für Ihren Text – er ist gut bei uns angekommen!
 
Hier ist Ihr Beitrag zum Thema „Höhere Mächte“:
 
Ich schreibe noch einen Text, weil ich es kann. Eigentlich ist die Frist abgelaufen, aber es gelingt mir noch durch diese sich schließende Tür zu kommen. Vielleicht ist es auch Zufall oder einfach eine Verlängerung (das passiert ja gerne im Museumsbereich), aber heute Morgen fühlt es sich so an wie Fügung und ich fühle mich glücklich, zumindest im ersten Durchlauf. Denn mein erster Text war verschwunden und ich muss ihn noch mal schreiben. 2 Stunden und einige Wutanfälle sowie Bastelüberreaktionen mit geschmolzenem Plastik und Moltofil liegen dazwischen.

Die Figur war mir gleich von Anfang an sympathisch. Die baumelnden Hoden. Solche habe ich auch schon gehäkelt, aber einen Ganzkörperanzug aus Kartoffelsäcken habe ich nicht zustande bekommen. Ich kann mich mit ihr identifizieren. Die Scheuerpads an den Innenseiten der Ellbogen stehen für mein Verhältnis zu Ordnung und Sauberkeit. Die Kette um die Knie erinnert mich daran, dass ich mir oft selber im Weg stehe. Die großen Ohren an meine Schwerhörigkeit und meine noch schwerhörigere Mutter und wo das enden wird. Die dunkle Maske an meinen Anflug von Angst und Unsicherheit und sei es nachts im dunklen Flur der Wohnung, wenn ich schlaflos durch die Zimmer wandere. Ich kann sie mir rational nicht erklären.
Die Maske erinnert aber auch an eine Totenmaske und lässt mich an die denken, die von uns gegangen sind. Aktuell an den guten Freund eines Freundes, der sich vor einer Woche das Leben genommen hat. Erhängt im Wald und vorher die Polizei angerufen, die ihn finden sollten, aus Rücksichtnahme, damit es Fremde sind und nicht die eigene Freundin, die ihn suchen geht. Peter hat viel mit Dingen zu tun, er war Sammler, so wie ich. Er hatte einen Blick für die schönen Dinge und konnte in einem Haufen Müll, den 100 vor ihm schon durchgeschaut haben, genau das eine Stück finden was alle fragen lässt, wo er das denn her hätte. Das verbindet uns. Seine Wohnung war ein Gesamtkunstwerk. Selbst die Händler aus Berlin rufen an und wollen wissen, was mit seinen Fotos und Bildern geworden ist und, dass das hoffentlich noch alles da sei. Der gemeinsame Freund musste erst mal die Familie bremsen nicht gleich Tabula rasa zu machen und den Entrümpler zu bestellen. Ich war nie drin. Habe ihn bei dem gemeinsamen Freund getroffen und ich von seinem Tod erfahren habe als erstes überlegt, was wir als letztes zusammen gegessen haben. War es seine auf dem Balkon gegrillte Dorade oder die Tortilla mit viel Öl, die einfach vorbildlich geworden ist. Sein Rezept für die leckerste Currywurstsauce hat er mit genommen. Er hat mir eine Jesus-Krippenfigur geschenkt auf Stroh gebettet, leicht und aus Holz, sehr schön gearbeitet und viel schöner als die Gipskrippenfiguren, die ich schon hatte und mal im Set bei Ebay gekauft. So konnte ich dieses Jahr zwei Jesusse in meine Krippenlandschaft einbauen und hatte neben Jesus im Stall einen weltlichen Jesus in der Stadt mit Andeutungen auf Coronaschließungen und die amerikanische Wahl. Peter lebte in einer Parallelwelt mit bösen Dämonen, die er nicht los geworden ist. Hilfe annehmen wollte er nicht oder sie war keine für ihn. So ist er dann gegangen trotz Freunden und Freundin. Das haben ihn nicht halten können. Schon im Kindergarten ist er wohl am ersten Tag aus dem Fenster gesprungen und nach Hause gegangen und kam nie wieder erzählte ein alter Freund. 

Fast das Gegenteil von Peter habe ich gestern erlebt. Die alte und demente Frau, die ich besucht habe und die sich so gefreut hat mich mal wieder zu sehen. Erst nannte sie mich Schwester um sich dann selber zu korrigieren und festzustellen: „nein, Schwester sind Sie gar nicht, Sie sind die Chefin, stimmt’s“. Sie wird dieses Jahr 90 (ich habe jetzt nachgeschaut). Wir saßen in ihrer aufgeräumten Küche und auf dem Tisch standen 2 Tomaten und ein Ei in einer kleinen Schale und ich dachte, es sei wohl hartgekocht und sagte „nicht schlecht“ und sie fragte, was daran schlecht sei. Nichts, korrigierte ich, im Gegenteil. Das war wohl ein Maskenmissverständnis. Ja, sie werde gut versorgt sagte sie und die würden ihr essen bringen. Vielleicht sei auch welches in dem Topf auf dem Herd. Der war aber leer und gefrühstückt hatte sie noch nicht. Es war 11:30 und vielleicht würden die bald kommen. Diese Frau ist vergleichsweise arm und doch so zufrieden. Sie zeigte mir den Getränkevorrat in der Ecke und hob eine Flasche Hibiskuseistee mit Erdbeer-Kiwi Geschmack hoch, mit der sie nichts anzufangen wusste. An die anderen Flaschen kam sie nicht ran als sie sich bückte um mit dem Buttermesser das Plastikumschweißung zu öffnen. Ich schon. Es war Orangennektar und den wollte sie lieber trinken. Ich machte die Flasche auf und holte ein Glas aus dem Schrank nur um wenig später zu entdecken, dass bei ihrem Stuhl auf dem Boden schon eine geöffnete Flasche stand. Dann wollte sie das Ei pellen und mit Salz und ohne Brot essen. Ich suche Salz und finde nach einiger Zeit auch welches in einem der Schränke und fülle es nach, aber da hat sie schon mit dem Pfeffer Vorlieb genommen und mache ihr dann noch ein Salamibrot und schneide eine Tomate dazu auf. Das Brot müsse ich in kleinere Stücke schneiden leitet sie mich an. Das sei schwer, ganz alleine und ohne Familie, aber sie habe die beste Mutti der Welt gehabt. Da hat sie mir bestimmt schon von erzählt. Ja, ich weiß. Die war erste Geigerin und sie dann wieder: und zu Weihnachten hat sie immer gespielt und sie Kinder haben dazu Weihnachtslieder gesungen. Ich spreche sie auf den Fleck auf ihrem Unterarm an, der dunkel ist und mir etwas Sorgen macht. Da habe sie sich wohl gestossen, aber es tue nicht weh. Sie drückt drauf um das zu testen. Ja, sie sei am allerliebsten in ihrer Wohnung. Da habe sie die Stube mit dem Fernseher (und da müssten wir mal testen, ob der funktioniert bevor ich gehe). Sie soll froh sein und dankbar, dass sie mit dieser guten Gesundheit gesegnet ist und körperlich noch so fit ist und zuhause wohnen kann und nicht bettlägerig im Altersheim ist. Für manche sei das vielleicht richtig, weil die Gesellschaft haben wollen, aber sie hatte sich da nicht wohl gefühlt erzähle ich ihr. Sie wollte da nur weg und wieder nach Hause. Ja, sie sei eine alte Frau und habe nicht mehr so viel vom Leben zu erwarten, aber sterben wolle sie ja nun auch noch nicht, sondern in die Kneipe nebenan gehen und ein Bierchen trinken. Wenn das wieder geht ergänze ich. Apropos, sie würde bald Post bekommen wegen der Impfung und dann müssten wir einen Termin machen im Impfzentrum. Das kann sie gar nicht sagt sie. Das mache ich dann. Der Pflegedienst sagt Bescheid und ich hole sie ab und wir machen einen schönen Ausflug. Sie glaubt, sie sei schon geimpft worden, vor ein paar Wochen, gleich hier auf dem Platz. Da ist jetzt ein russischer Supermarkt bei dem ich immer Sauerrahm kaufe, so auch heute und früher war da ein Edeka. Da hat sie gearbeitet und der Laden hat ihrem Bruder gehört. Ja und dahinter sind Schrebergärten erzähle ich. Da bin ich heute durchgefahren. Die seien wohl ganz in Ordnung vermutet sie und ich sage: total gepflegt und man kann sich daran erfreuen, wie schon geschnitten und aufgeräumt das alles ist und die anderen machen die Arbeit. Das sei ganz praktisch. Da muss sie total lachen. Ich gehe wieder ohne den Fernseher zu kontrollieren nur ihren Schlüssel, den sie sucht und in der Tasche hatte. Der muss wieder an das Schlüsselbrett neben der Tür. Sie bedankt sich noch mal für meine Zeit und sagt, dass ich bald mal wieder vorbei kommen soll und meinen Mann grüßen nach dem sie sich erkundigt hatte und ich denke, ja, das sollte ich. Von dieser Frau kann ich so viel lernen. Zufriedenheit, Bescheidenheit, gute Laune. Spätestens zum Impfausflug.

nachts vor dem Fenster

Früher hat man vom Gästebett aus nachts Stimmen von Partygängern und streitenden Paaren an der Bushaltestelle gehört und wurde manchmal wach von ihnen

Heute sind es die Durchsagen der üstra zum Tragen von Masken: „Schützen Sie sich und andere…“

Nedlin 23.01.21