Archiv der Kategorie: Der Himmel voller Butter

Reiseberichte

Hamburg, vieles geht, alles nicht

06.09. In der U-Bahn wieder die Leute, über die ich mich aufrege. Spät gebärende Mütter, deren 3-jährige Tobsuchtsanfälle bekommen und sie sagen ganz laut zu dem Kind, wir schauen gleich mal, ob uns jemand einen Sitzplatz anbietet statt direkt jemanden zu fragen oder bitten. Wenn „Passanten“ dem Blag dann helfen werden sie getreten und mit den Worten: fass mich nicht an bedacht. Das bleibt unkommentiert seitens der Mutter. Das ist quasi keine Erziehung. Ich steige die nächste aus und es wäre schön, wenn Du mitkommen würdest ist stattdessen die Reaktion. Viel anti-autoritär und diskutieren mit dem Kind. Das tut ihm gut!? Ich will auch raus und bücke mich schon nach dem Gepäck, Beautycase um dem ängstlichen Rentner zu signalisieren: ich werde die Tür nicht blockieren, ich steige auch aus. Der muss sich vorbei drängeln und steht direkt vor mir, unangenehm nah. Der Zug bremst und er fällt mir gegen den Busen. Und dann Entschuldigung. Nein, halt nicht, Du Pfosten.

Thomas war schon bei Andronaco, weil er sein Auto dort in die Werkstatt bringen musste. Wir fahren Bus mit Gruppenticket 9 Uhr und probieren den neuen Bahn-Mi Laden aus. Thomas begleitet uns, will aber nichts essen. Leider keine niedlichen Asiaten, die uns die Brote füllen und mit Selbstverständlichkeit ihre Dienstleistung vollziehen, sondern ein mittelalter Hamburger, der uns ungefragt erklärt, wie viel Arbeit er da rein gesteckt hat und wie er das Fleisch gart, bei welcher Temperatur und offenbar bewundert und gelobt werden will.

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Thomas denkt an Händedesinfizierung, so wichtig beim Thema Streetfood. Bei ihm flammen wieder die Erinnerungen an meinen Noro-Virus vor 2 Jahren auf und er stellt erneut fest, dass ich alle angesteckt habe damals. Das wird mir oft aufs Butterbrot geschmiert. Da könnte ich schon einen Comic daraus entwickeln, wenn ich zeichnen könnte. Noro-Virus Girl und dann Pharmavertreterboy. Ich denke, so ist es halt bei Krankheiten, einer hat sie zuerst, dann bekommt sie der nächste, aber was hat das mit Schuld zu tun? Nicht, wir hatten das alle, sondern von mir hatten sie es alle. Ich habe sie doch auch von irgend wem bekommen, aber so ist das halt. Offenbar war das eindrucksvoll, für mich ja auch, wie ich seinerzeit über ihrer Kloschüssel hing, nachdem ich es kaum nach Hause durch den Schanzenpark geschafft hatte und hier schon ins Gebüsch reihern wollte und man die Klotür vor allem nicht schließen konnte in dieser Position, wenn ich davor kniete (wie kleine Gästetoilette), so dass ich quasi öffentlich mein Malheur austragen musste mit dem hinteren Teil meines Körpers im Flur und alle alles mitbekommen haben. Das war traumatisierend und dann so krank sein und im fremden Bett und nicht zuhause und dann noch nach Hause fahren müssen mit dem Zug. Na ja, ist lange her. Nein, mein Bruder hat es damals nicht bekommen und Claudia auch nicht. Nicht von meinem Teller gegessen? Keine Ahnung. Der Weg der Viren und was der einzelne ihnen entgegensetzen kann nehme ich an.

Wir nehmen Bus und Bahn nach Altona. Ich bin eine große Attraktion für die Hamburger. Von wegen zurückhaltend. Das habe ich schon öfter festgestellt, die glotzen hier wie die schlimmsten Landeier in Oberfranken. Nach mehrfachen Kommentaren erreicht es seinen Höhepunkt als mich eine lustige Rentnerin quer durch den Bus fragt: „darf man lachen“ (blödeste Anmache aller Zeiten, oder?) und dann auch nicht ablässt, „ist da Tabak drin?“, „habe ich ja noch nie gesehen“, „elegant“. Sie kann sich einfach nicht entscheiden. Kaum denke ich erleichtert, ich bin sie los, kommt die Stalkerin noch mal und hat jetzt erst meine Kette gesehen, so was hat sie natürlich auch noch nie gesehen, Gesamtkunstwerk, blabla, Lass mich in Ruhe, bitte, um Himmels willen.

Altona hat viele Bausünden. Fast am schlimmsten ist der Schweinske-Biergarten am Bahnhof.

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Wir suchen den Teeladen auf, den wir auch nach kurzem Fußweg finden. Ich erhalte einen dienstlichen Anruf, dass eine Betreute Tabletten geschluckt hat und sich von der Selbsttötung nicht distanzieren kann, geschlossene und Montag noch mal sprechen. Der Inhaber der Ladens, ich nehme an, dass er es ist, hilft wenig. Ich frage nach Kräuterteemischungen. Die stehen draußen. Ne, habe ich schon geguckt, sind nicht die dabei die ich im Internet gesehen hatte. Na ja, wenn er nicht verkaufen will, der Hanseat. Ich will eine kleine Dose Schokolade in einer Kaviardose kaufen, die mir optisch gefällt. 7,50 € für die kleine Dose.

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Bam!! Ich zahle und lasse mir von den Jungs den Kilo-Preis ausrechnen. Es sind 20 gr in der Dose. Weiter zu dem Schuhladen. Ich werde fündig und zwei Strumpfhosen für 10,- €. Winterstrumpfhosen, Schnäppchen. Die Jungs blockieren das Schuhgeschäft und stören die Frauen, wie Touristen, die durch die Dünen laufen und die brütenden Vögel aufschrecken. Ich muss sie rausschicken, Kaffee trinken. Stephan hat mir nur zeigen wollen, welche Schuhe flach sind. Ich kaufe noch einen Silberring und bin happy. Der ist mindestens 50 Jahre alt, erklärt mir die Ladeninhaberin. Sie hat ihn damals angekauft. Der Tochter, die ihn mir aus der Auslage geholt hat erkläre ich ihn mit den Worten aufgeplatztes Ginkoblatt mit Steuerrädern aus Silber.

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Ich finde die Beschreibung nach wie vor passend. Claudias neuer Kiez gefällt mir auch beim zweiten Besuch. Der Alimentari-Laden hat kaputte, kleine Tontöpfe für 3,95 € vor der Tür, aber schön dekoriert alles und hey, ist Hamburg. Hier ist so was besonders wichtig und immer einen riesigen Blumenstrauß haben. Das macht was her.

Wir fahren kurz zurück und geben Thomas zuhause ab und fahren dann nach Harburg. Diese Strecke kann ich jedem Hamburg-Touristen nur empfehlen. Hochbahn und zwischen City-Süd und Veddel bietet sich ein phantastischer Ausblick, Landungsbrücken nichts dagegen, die Abendsonne steht tief am Himmel und taucht Schiffe und Kräne in ein orangefarbenes Licht und vor allem die Wasseroberfläche glitzert in dem Licht.

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Beim Aussteigen spricht uns ein Typ an, ob wir auch zu der Santiago Sierra Ausstellung wollten, als wir bejahen, freut er sich: „Kunstleute“ würde man erkennen. Er ist jung, sympathisch, breite Brust, weißes Hemd, kleiner als ich, ein Schneidezahn steht schief. Er sei aus Berlin angereist. Drei Stunden, das sei kein Ding. Er kennt den Galeristen. Ob wir den Künstler kennen lernen wollen ist immer wieder Thema. Wir erklären ihm, dass wir schüchtern seien. Er sagt, das wirke gar nicht so. Ich sage, ansprechen lasse ich mich, aber innerlich bin ich total am bibbern dabei. Er will vorher noch was trinken beim portugiesischem Café, welches wir unterwegs passieren. Die Räume sind riesig und schön. Industrieromantik mit zugewachsenen Fenstern und tollen Ausblicken.

Sierra Innenhof begrünt 1 Sierra Innenhof begrünt 2 Sierra Innenhof

Zum Mitmachen gibt es auch was

Leiter in die Kunst

und schöne Bauschaumfotos von einer seiner Aktionen.

Sierra Bauschaum 1

Norman ruft an, mit dem wir uns auch noch treffen wollten, ein Freund aus Hamburg, mit dem wir vor Jahrzehnten auf Mallorca waren in einem tollen Stadthaus mit seiner, unserer damaligen Freundin, einer Hamburger Floristin, die dort jeden Tag die Terrasse gefegt hat. Ich war junge Punkerin, die Welten prallten damals schon aufeinander und die Freundschaft zu der Frau hielt auch nicht, aber Norman ist geblieben. Das wird heute nichts mehr mit Treffen, vielleicht Morgen auf einen Kaffee. Stephan freut sich immer wieder so sehr über die Schlammbilder aus der Kestnergesellschaft, das ich ihm vorschlage eines für zuhause zu kaufen. Das will er aber dann doch nicht. Ich denke, lustig, wir drei Fans, der Berliner und wir. Wenn der Meister da ist, lassen wir uns einen Stich quer über den Rücken tätowieren. Das würde ich noch mal machen, genau mit dem Typen. Er findet uns wieder. Wir spielen etwas mit der schiefen Ebene und dem roten Wasser, es ist Nasenbluten aus einer riesigen Pappmachénase, wie mir der Berliner zeigt. Oben ist ein Motorrad halb zu sehen und an diversen Stellen sind Löcher, durch die man den Kopf stecken kann um eine kleine Welt zu entdecken. Jetzt sind wir in der Halle mit den Bierbänken und angetrockneten sowie angeschimmelt ausschauenden Schnittchen angekommen.

Sierra Catering Stullen

Die Stimmung ist 3-4. Ich habe wieder einen Fan an der Backe, extrovertierte alte Schachtel, die mich fotografieren will. Es tut mir leid, dass ich nicht zurück fotografiere für Buttermusch, aber grds. muss ich auch nicht die schlechten Eigenschaften perpetuieren, also vielleicht besser so. Ist einfach nicht mein Stil. Der Berliner lobt ihren Schmuck, das kann er nicht ernst meinen. Sie hat den geschmacklosesten Modeschmuck um. Die Krönung bildet ein goldener Männertorso (ca. 15 cm groß), den sie an einem langen, dicken schwarzen Gummi auf Bauchhöhe trägt, wie eine texanische Krawatte. Der Meister ist da, ich wusste nicht, wie er aussieht, aber kleiner schüchterner Spanier wurde gesagt und das passt auch und gleich muss er Gruppenfoto machen. Die Frau, die mich penetriert stellt fest, er wolle nicht fotografiert werden und das akzeptiert sie nicht. „Dann soll er nicht in die Öffentlichkeit gehen“, ist ihr Fazit. Das halte ich für Schwachsinn, nicht jeder, der Kunst macht muss sich alles gefallen lassen à la Streichelzoo. Soll man ihn gleich im Käfig auf die Bühne bringen und dann muss er machen, was wir wollen? Was soll das? Der Berliner ist selber Künstler und freut sich über Resonanz. Immer wieder will uns der Jonathan Meese in gut aussehend überreden gemeinsam mit ihm zum Meister zu gehen. Wir lehnen ab, er macht ernst. Er lernt kennen, wenn er kennen lernen will und wir gehören zu denen, die angesprochen werden und nicht selber ansprechen. So unser Resumée. Wir gehen Richtung S-Bahn, er zum Meister. Der scheint mir eingeschüchtert genug und ich glaube, es bringt dem nur Stress, wenn alle auf ihn zustürmen und er hat dann Angst. Ihm reicht es zu sehen, dass wir da sind und seine Sachen unterstützen. Das sind halt die verschiedenen Herangehensweisen bzw. Einschätzungen. Ich denke an Calixto, den wir lange schon stalken auf Opernpremieren in Hannover, Stuttgart und Basel. Der hat mich neulich in Basel gegrüßt, ganz schüchtern hat er die Hand gehoben und mich angelächelt. Das war toll und hat gereicht.

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Wir überraschen einen Freund bei dessen Fotovernissage. Die Überraschung ist gelungen. Ich lerne die Töchter kennen und auch hier ist mein Hütchen wieder Thema, aber nicht schlimm nur interessiert. Das gibt es auch. Andere Menschen, die man von früher kennt sind auch da. Herrlich kann man draußen sitzen. Beim Gehen treffen wir noch eine Frau aus unserem Stadtteil beim Inder nebenan. Wir haben auch noch etwas Appetit und rufen bei unseren Gastgeber an, die gegenüber einen leckeren Vietnamesen haben, ob sie schnell was für uns bestellen können. Es ist 22:02 und man weiß nicht, wie lange der geöffnet hat. Ich will Glücksrollen und eine Tom ka Gai in der vietnamesischen Variante. Das Leuchtplakat von Andronaco nähe Reeperbahn sehe ich als Zeichen, dass ich da Morgen hin muss.

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Auf dem Weg zur Haltestelle St. Pauli hält ein Reisebus und der Inhalt, eine Gruppe Rentner, ergießt sich ins Holiday Inn Reeperbahn. Die Gastgeber geben uns das Essen aus und Thomas spült die supergenialen, stabile tv-Diner to go Verpackung für mich. Wir unterhalten uns noch etwas. Zum Spielen reicht es bei mir nicht mehr. Um 1 Uhr ruft das Bett. Ich bin sehr zufrieden mit dem Tag, vor allem das Gruppenticket 9 Uhr für 10,40 € hat sich voll bezahlt gemacht.

07.09. Ich werde lange vor den anderen wach. 8:30 Uhr. Irgendwann wird Stephan auch wach und nach einem Kaffee gehen wir nach nebenan zu Jerwitz. Da sind Luftballons gehisst und es gibt Brezeln und Saft, also was zu feiern. Ich mag die Stifte mit denen man Porträts zeichnen soll von gelblich bis dunkelbraun, je nach Hauttyp. Innen edel mit Anspitzer. Ich mag auch das Set mit dem Metallkasten mit Fuchs drauf. Innen nur Fuchsfarben. Das ist, wenn man ganz viele Füchse malen will. Ich mache mich viel lustig über Pinsel mit 5 Köpfen. Erledigt gleich 5 Aufträge auf einmal. Dann suche ich was raus und gehe zur Kasse. Wir hatten uns am Vortag darüber unterhalten, wie umständlich die sind. Erst mal am Prozenterad drehen. Ich erreiche nur 5 %. Das ist etwas 12 mal vertreten und 20 % nur einmal (die können halt auch rechnen und vor allem die Prozente klein halten). Etwas feiern, nicht zu viel. Dann mein Gutschein an der Reihe. Die Gutscheinnummer ist nicht registriert. Er kann nicht gefunden werden. War da nicht neulich zu viel Geld in der Kasse? Dann ganz umständlich Storno, neuen Gutschein, noch mal buchen, überlegen, ob das so geht und Diskussion was daran das Problem ist und an der anderen Variante und noch mal Storno. Es ist der Wahnsinn und ich verlasse mit einem neuen Gutschein über 19,51 € den Laden.

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Wir nehmen den Bus nach Altona und besuchen Norman. Der wohnt seit eh und je sehr schön hier. Bei dem malerischen Innenhof muss ich an besagte gemeinsame, frühere Freundin denken, wie sie Kindern erklärt hat, dass man da nicht mit einem spitzen Gegenstand wie z.B. einer Schere rein stechen sollte, weil da Folie drin sei. Das war das reinste Kinder auf gute Ideen bringen. Ich spiele etwas mit seinen Spielsachen und wir bewundern den kleinen Caro-Kaffee, Kaufmannsladengröße. Einen kleinen Essig und ein kleines Wallnussöl gibt es auch. Schöne Wohnung, gemütlich eingerichtet und sehr aufgeräumt.

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Dann gehen wir zu Kerstin, die uns total leckeren Kaffee macht und die Rosen duften. Die reinste Bundesgartenschau.

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Die neuen Gästezimmer sind total schön gemacht. Ein junger Mann sucht one man army, Kampfsportbekleidung würden die herstellen laut Internet. Wir wissen von nichts. Machen uns über ein Wohnungsangebot lustig, was ich auf der Straße finde. 2 Kommilitonen (400,- €) in dem feudalen Haus ohne Angabe von Quadratmetern und alles in Anführungszeichen. „Deine Eltern werden begeistert sein“. „Studenten- und Künstlerherz, was willst Du mehr?“

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Andronaco ist böse, wie Berlusconi, aber das muss mir heute egal sein. Dafür gehe ich nicht zu Onkel Rewe, der ist auch böse.

Uni, Rentnerbegegnungsstätte „Kontaktstudium“, Abitur nicht erforderlich. Hamburg kann auch manchmal verzweifelt wirken.

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Schön hinpilgern. Es gibt Prosecco aus Plastiksteckbechern am Eingang. Wir gehen vorbei. Am Käsetresen ist es viel Bella und ja, meine Blume, ja, meiner Rose angesagt, aber das kann man ignorieren. Kekse, eine Packung Nudeln, 2 x Espresso nach einer Verkostung. Leider frage ich nicht nach einem Kuli und klauen will ich ihn nicht. Ich hätte bestimmt einen geschenkt bekommen zum 30-jährigen Jubiläum.

Wir surfen mit dem Bus durch Hamburg, 3 Kinderwagen. Statt Feldstraße auszusteigen fahren wir weiter bis Rödingsmarkt, aus Versehen. Im Bus erklärt die Mutter der Tochter: wenn wir gleich bei Opa sind ist es ganz wichtig, dass Deine Erkältungsteilchen nicht zum Opa wandern, sonst bekommt er Deine Erkältung auch und der ist schon krank. Kurze Siesta. Dann geht es los mit dem Schnellbus. An der Ampel vom Schlump muss ich immer an meiner Lähmung denken und dann freue ich mich und nehme sie in extra großen Schritten. Hinten im Bus krempelt ein Mann, der zuckerkrank ist, wie wir erfahren seine Hose hoch und zeigt uns seine Beinwunde. Auf dem Schienbein eine – wie es ausschaut – riesige wassergefüllte Blase mit roten Rändern, entzündet, nicht gut. Er holt sich Tipps von dem Mitfahrenden hinten, ob man die vielleicht öffnen sollte und ich denke nur, aber bitte nicht während der Fahrt.

Aperitif unter den Linden.

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Am Nachbartisch teilen sich drei Damen einen Eisbecher mit Wallnüssen. Es bleibt noch was übrig. Ich schaue gierig hin. Sie wundern sich dann über die Rechnung über 120,- €, aber die eine meinte, muss man nicht nachprüfen, die haben einen Rechner. Dann hört man noch irgendwas über eine Kreditkarte, die noch nie funktioniert hat. Wir schauen uns noch ein bisschen die Hafenszenerie an gegenüber von Airbus. Hier ist allerdings hafenmäßig wenig los. Das kleine, dicke Airbus-Flugzeug sieht aus wie ein aufgeblasenes Kindermodell aus einer Juniortüte. Ein Schiff ist wohl wenig beladen und die Hakennase schwebt oberhalb der Wasseroberfläche, ein anderes, kleines fährt fast unterhalb der Wasserkante und ich mache mir kurz Sorgen, dass wir es untergehen sehen werden, was aber nicht passiert. Wir gehen rein. Wir essen. Ich nehme das vegetarische Menü und bekomme wie die anderen eine Kaninchenterrine als Gruß aus der Küche. Gut, dass ich das nicht so ernst meine mit dem fleischlos. Das Essen in meinem Menü ist recht leicht, aber ich probiere auch Stephans und esse reichlich Brot und eine Kugel Butter und wir trinken viele verschiedenen Weine, zum Schluss einen alten Portwein aus einer riesigen, schönen Glasflasche, der nur bedingt zu dem leichten Ziegenfrischkäse mit Sellerie und Sauerkirsch passt, der eher neutral schmeckt wie Quark. Der Nachtisch bei mir auch ganz leicht, Wassermelone und Litschi. Ich hätte gegen die cheese cake-Interpretation tauschen sollen. Der Süßigkeitswagen ist toll mit Pralinen, kleinen Kuchen, Windbeuteln, Quarkbällchen, Bruchschokolade. Mein Mann traut sich alles zu fordern und dann noch Nachschlag. Das Vanille-Eis ist ein Traum und auch bei der Darbietungsform werden Kinderträume war, zumindest bei mir. Wir zahlen dann und hätten gerne noch was von den Fruchtgelees, bittet Stephan erneut um Nachschlag. Es ist einmal ein kleines rundes Mojito-Türmchen. Sehr süß gemacht. Eigentlich sollten die sich freuen, dass man nach 7 Gängen da noch so eine Leidenschaft an den Tag legt.

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Unten feiert eine Hochzeitsgesellschaft, die Musik schallt hoch, wenn man zu dem Toiletten geht.

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Im Foyer, Feuer im Kamin, Modellwindhind davor. Es gibt dieses Mal keine abgelaufenen Muskatnüsse. Letztes Mal nehme ich eine große Dose, die ich wegen des Ablaufs des MHD geschenkt bekomme (!!) (bestimmt 1 kg große Muskatnüsse) und habe davon immer noch welche und auch schon reichlich verteilt, damals gleich an die Taxifahrerin. Da lache ich mir immer noch ins Fäustchen, weil MHD bei Gewürzen, das gibt es doch quasi nicht. Wir haben dieselbe Fahrerin wie damals. Rentnerin mit moderner, blondierter Kurzhaarfrisur. Reeperbahn und dann Schlump. Ich bin müde und schaffe vor allem keinen Alkohol mehr. Ins Bett. So es Essen und die Weinbegleitung ist anstrengend für den Körper. Das bremst mich dann in vielerlei Hinsicht aus.

08.09. Ich schlafe bis 11:47 Uhr mittags. Das liegt aus an dem Schlauch vom Vorabend. Bei einem normalen Restaurantbesuch wäre ich bestimmt 2-3 Stunden vorher wach geworden. Frühstück. Ich mache mich über das Schokoladenfondue-Set lustig, was es bei Kaufhof gab. Kleines Porzellanschälchen und Teelicht und vier kleine Pieker. Im Kopftopf soll man Sahne und geriebene Schokolade erhitzen und umfüllen in das winzige Schälchen. Praktisch ohne Ende. Ich schlage es als Geschenk für die neue Chefin unseres Gastgebers vor um die Reaktion zu testen.

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Apropos Gastgeber, die wollen trotz des Nieselregens Pilze sammeln und bieten uns den Schlüssel für ihre Wohnung an. Auch wenn ich tatsächlich mal ca. 4-5 Monate hier gewohnt habe, muss ich bei dem Wetter nicht auf Teufel komm raus zum Flohmarkt und wir nehmen ein Taxi zum Dammtor. Vielleicht ist das Wetter in der Lüneburger Heide auch besser. In Hannover ist es das jedenfalls. Dorthin zurück wollen wir lieber mit den Einkäufen von Andronaco, Käse und Wurst in den Kühlschrank verstauen. Zu Hause chillen und eine Darmfloraaufbautablette einwerfen und das Wochenende ausklingen lassen, etwas Kraft tanken bevor die Woche wieder los geht. Wieder müssen wir getrennt sitzen im Zug auf den Bahncomfort-Plätzen. Der Typ neben mir liest erst die Rezepte bei Men’s Health und spielt dann etliche Runden Pseudo-Mahjong auf seinem Tablet. Wenigstens einer.

Zuhause gibt es endlich die winzigen kleinen Läckerli aus St. Gallen. Kleine Törtchen mit Karamell als Methadon, damit ich über den restlichen Tag hinweg komme…

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Die Pflaumenernte als Sturzgeburt

26.09. Ich habe herrlich in der neuen Wohnung unserer Freundin Claudia geschlafen. Die Matratze ist fest und es ist superruhig, selbst bei gekipptem Fenster. Erfrischt werde ich wach und es gibt gleich einen großen Humpen Sojamilchkaffee.

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Die Taxifahrerin kommt ewig nicht. Nervosität- War ein Müllwagen vor ihr. Man hört ganz nah das Horn (?) eines Schiffes. Hafen muss ganz in der Nähe sein als würde das Schiff in einer Querstraße gerade vorbei fahren.

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Sie empfiehlt My Taxi als App, obwohl es problematisch sei mit Vor- und Zuname im Internet zu stehen und da könnte auch jeder alles reinschreiben z.B. die Fahrerin hatte dreckige Fingernägel. Grds. ist sie der Auffassung, die Technik versaut die Menschheit, die Menschlichkeit gehe flöten. Durch die moderne Technik wegen die Menschen in den Niedriglohnsektor getrieben. Dann wird der Altbundeskanzler Schmidt zitiert, der gesagt haben soll, dass jeder schon mal eine Tafel Schokolade im Supermarkt geklaut habe, aber diese Hegdebonds….sie verstehe nichts davon.

Ich liebe den Himmel zwischen Hamburg und Hannover und Stephan sagt, ich stehe auf schlechte Fotos aus dem Zug heraus machen.

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Die Ankunft erfolgt so, dass ich mit leichter, aber unmerklicher Verspätung im Büro ankomme. Mittags kurz nach Hause. Der Maissalat von Migros ist leider nicht mehr genießbar. Ich habe von Claudia ein Stück Pflaumenstreuselkuchen mitgenommen und gegessen, ohne jetzt schon zu ahnen, dass dies die nächsten 2 Wochen mein Hauptnahrungsmittel sein würde.

Nachmittags kommt eine Wohnbetreuerin mit einer Mandantin, die Probleme mit dem Amt hat wegen eines Umzuges. Sie hatte sich wegen zu teurer Wohnkosten zum Auszug drängen lassen und war in eine Wohnung gezogen in der sie sich nicht wohl fühlt. Hat vorher mit dem Sohn zusammen gewohnt. Jetzt nach einem Jahr wieder Umzug, lauter fachärztliche Atteste. Der Sachbearbeiter spricht wie Tamme Hanken und ich sage, wäre sie gleich zu mir gekommen, hätten wir uns wegen der ersten Wohnung auf die Hinterbeine gestellt und dann wäre uns wechselseitig viel Kosten und Mühen erspart geblieben, vor allem der Mandantin. Ich glaube, dass das Amt formal einen Fehler gemacht hat und keine Chancen hat. Der Umzug an sich wurde genehmigt, die Folgekosten sollen abgeblockt werden. Wer A sagt, muss auch B sagen….

Ich erhalte die Stellungnahme einer Bezirksrevisorin des Landgerichts Hannover im Fall einer verstorbenen Lehrerin/Betreuten von mir. Die Geschwister haben nach und nach das Erbe ausgeschlagen. Der Fall war aufwendig, die Betreute hatte Krebs und war beihilfeberechtigt – viel Papierkram. Sie war Selbstzahlerin. Beim Tod habe ich noch knapp 1.400,- € zu bekommen (unverzinst) und auf den Konten waren ca. 8.000,- €, aber Mieten gingen noch runter ca. 9 Monate lang. Die Oberfinanzdirektion wird Erbe und statt zu zahlen auf meine Titel, erzählt mir der Typ was von Aufgebotsverfahren falls das Geld nicht ausreicht und Ansprüche des Vermieters. Ich sage, der hat doch monatelang weiter kassiert und ich bin vom Staat bestellt und habe hart gearbeitet. Jetzt die neue Post, ich soll das irgendwo anmelden meine Forderung sonst verwirkt für den Fall, dass es am Ende nicht reicht (hatte hilfsweise Mittellosigkeit und Zahlung aus der Staatskasse beantragt). Habe ich doch schon gemacht, überall angemeldet, noch lauter schreien? Werde unsicher und telefoniere herum. Weder die Bezirksrevisorin noch die Nachlassrechtspflegerin haben so einen Fall je gehabt oder davon gehört (!), bei dem der Stadt das macht – Aufgebotsverfahren. Ende des Liedes ist, außer mir hat nur eine Arztpraxis eine Forderung angemeldet. Ich sage, warum Arztforderung, die hatte doch prima Krankenversicherung und Beihilfe. Hätte man doch nur dort einreichen müssen als Erbe bzw. Rechtsnachfolger. Die waren auch immer großzügig mit Verspätung, war immer alles kei Problem. Was macht dieser Typ von der Oberfinanzdirektion? Ja, das versteht das Nachlasspflegerin auch nicht und will mal schriftlich bei ihm nachfragen. Ich kenne die Arztpraxis und suche den kurzen Dienstweg. Es sind laut Nachlassgericht 2.500,- € im Topf. Die Arztpraxis hat eine Forderung i.H.v. 571,- €. Am Ende des Tages gibt es hoffentlich für alle ein Happy End.

Die von Stephan frei Haus gelieferte Gerichtspost lässt mich einen Freudenschrei ausbringen. Ein ätzender Rechtsstreit mit Beweisaufnahme (Mietsache) war zu unseren Gunsten beim Amtsgericht ausgegangen und die uneinsichtige Mieterin legte Berufung ein. Mit der Berufungsbegründung bekomme ich einen 5-seitigen Beschluss des Landgerichts. Die Kammer beabsichtigt die Berufung als offensichtlich unbegründet zurück zu weisen. Sehr ausführlich wird der Sachverhalt gewürdigt. Aus dem ganzen Schriftverkehr ginge hervor, dass keine verbindliche Vereinbarung getroffen worden sei. Außerdem wird das Ansinnen der Mieterin ohne Kostenbeteiligung einen Anspruch auf Bau eines zweiten Balkons gegen den Vermieter zu haben als lebensfremd bezeichnet. Das ist eine Genugtuung für mich, aber vor allem für die Vermieter es so deutlich bestätigt zu bekommen. Manchmal sind halt auch Mieter total frech und glauben, sie hätten sonst was für Ansprüche. Bei solchen ist es schlecht nett zu sein, weil sie sofort einen Rechtsanspruch für sich aus allem her leiten. Bestellen sich Nostalgiehaustürklingeln aus England mit anderen Anschlüssen und wenn der Vermieter aus Kulanz sagt, das könne sich ein befremdeten Elektriker vielleicht mal anschauen, schon einen Rechtsanspruch auf Installation meinen zu haben und sonst Mietminderung schreien.

Abends erfahre ich, dass wir Morgen WEG-Versammlung haben

27.09. Morgens werde ich wach und denke, scheiße der Pflaumenbaum ist leer. Haben wir die Ernte wieder verpasst. Im Treppenhaus stehen Körbe mit Pflaumen. Zum Amtsgericht, Betreuungsverlängerung, die nur 3 Minuten dauert, danach einen kurzes Frühstückspause bei Kreipe, wo ich seit Jahrzehnten nicht mehr war. Bilde mir ein, dass ein Pärchen aus unserer Jugendzeit vor der Tür sitzt, es waren damals Freunde von Freunden. Der Typ schaut auch so wie: kennen wir uns nicht von früher. Er sieht aber ca. 10 Jahre zu jung aus. Dann Hamburger Allee in einer Mandatssache, die aber eigentlich eine Betreuung sein könnte. Die Mandantin hat immer wieder Mietschulden, weil das System des Sozialamtes, Mieten doch nicht direkt zahlt und dann Stadtwerke wieder nicht, weil es aus dem System wieder rausfliegt. Die Mandantin kommt nicht und ich sage der Sachbearbeiterin, dass ich bei dem Chaos der Meinung bin, dass sie selber schuld sind, wenn Schulden i.H.v. über 4.000,- € entstehen, das sei unverantwortlich bei so einem minderbemittelten Frau. Sie hat einen Flyer ausliegen mit für mich neuen Stöbertreff im Rehhagen und das nennen sie Social Department Store. Dieses fragwürdige Direktübersetzen erinnert mich an das Plakat mit Oliver Kahn an dem ich immer vom Sport zurück vorbei fahre. Er versucht eine Emotion auszudrücken, das seht aber so falsch aus wie dritte Zähne und ist heißt in einem vermeintlichen Siegel: „Your bet in safe hands“. Das ist wohl Pigeonenglish denke ich, wie eine Freundin von früher immer sagte: this is where the rabbit runs oder die Karte von Heike aus Berlin I am so simply knitted…

Um 16 Uhr kommt eine Frau ins Zimmer und ich frage, wer sie ist und zu wem sie wolle. Sie nennt ihren Namen und will zu mir. Wir hätten miteinander telefoniert. Ich bestreite alles und will sie wegbeißen, weil ich gleich zur Versammlung muss bis sie anfängt den Sachverhalt zu schildern und ich gestehen muss, stimmt alles, wir haben telefoniert, ich habe den Termin mit mir ausgemacht und ich bin auch ich. Es geht um einen alten Mann, der ein gemeinschaftliches Testament widerrufen wollte, was nicht mehr geht, weil zwischen den Entwurf und dem Vollzug (genau 2 Monate) die Ehefrau gestorben ist. Leibliche Kinder werden enterbt und jeweils eine Pflegeperson soll Erbe werden, jetzt aber nicht bei A, sondern meine Mandantin B. Auch für den betagten Mann ist eine Betreuung angeregt. Alles schwierig, handelt es sich um Erbschleicherei? Sie Frau geht 6 mal die Woche hin, hat aber auch geldliche Interessen und wird bezahlt für die Betreuung.  Ich hetze zur Versammlung, deren Mitglieder, unsere Miteigentümer schon vollständig anwesend sind außer Stephan und die neue Verwalterin. Es sind zwei Damen, die meinem Mann beim Chutneyeinkochen in der Küche zusehen. Die Wohnung sieht explodiert aus und die Koffer von mehreren Reisen sind nicht ausgepackt. Überall große Haufen Wäsche. Ich treibe sie nach oben. Die Pflaumenmasse kocht unten weiter vor sich hin. Die Versammlung läuft humorvoll ab. Zu Schluss bedanke ich mich, dass sie uns übernehmen. Wir seien wie der Problemhund aus dem Tierheim, der schon 3 mal zurück gegeben wurde. Sie lachen. Ich meine es auch nur als Spaß, weil wir tatsächlich so was von pflegeleicht sind, dass wir uns jahrelang nicht bei der Hausverwaltung melden bis sie uns kündigen, weil wir zu klein seien und damit uninteressant und nicht ihrem Profil entsprechend. Die Pflaumenmasse, die 5 Stunden kochen soll (dann ist aber die Gasflasche leer) wird ausgestellt und Stephan und ich gehen erst mal zum Sport. Ich habe dabei die gedankliche Eingabe es einmal mit einem Pflaumencrumble zu versuchen, den ich nach Rückkehr aus 1 kg mache, weil das auch als Backlegasteniker geht. Schmeckt sogar lecker. Muss ins Bett. Stephan kocht weiter ein bis 1 Uhr nachts. Morgens sind die Gläser gefüllt und stehen auf dem Kopf.

28.09. Wo bekommen wir Weckgläser her? Die Pflaumenernte ist wie eine Sturzgeburt und ich kann doch einfach welche Einmachen und dann gibt es die auf Milchreis und Grießbrei. Morgens kommt ein Dauermandant, der gerade arbeitslos geworden ist. Der lässt hier viel arbeiten von Stromanbieter bis Einbürgerung. Stephan fährt zum Zollamt und kommt mit dem Überraschungspaket wieder. „They swalloded it“ sagt er und ich verstehe zunächst nicht, dann schon. Es sind neue Mützen aus den USA und ich freue mich wahnsinnig. Eine Faschingsmütze ist dabei zum Thema Brain Eating Zombies. Ich muss an den Sohn von Heike denken und das Computerspiel bei dem die Zombies immer „brains, brains, brains“ sagen. Mein Mann hat auch die Gerichtspost dabei und es gibt erneut eine gute Nachricht vom Landgericht. Das langersehnte psychiatrische Gutachten liegt vor und meine Mandantin war geschäftsunfähig (ein klare Moment der Geschäftsfähigkeit kann sicher ausgeschlossen werden) als sie in einer manischen Phase mit einem Morgenmantel bekleidet in der Altstadt für über 8.000,- € Klamotten gekauft hat. Die Tochter hatte der Verkäuferin noch gesagt, dass ihre Mutter krank sei und sie der nichts verkaufen dürfe, aber das Geld lockte dann wohl doch. Zuerst wurde eine Umtausch auch zugesagt und dann nicht mehr. Mein Mitleid geht gegen null und ich freue mich. Ich werde der Mandantin später auf einen Anruf sagen, noch nie hat man so gerne gelesen, wie unzurechnungsfähig man war, stimmt’s. Zeitgleich scheint eine anstrengende Scheidungssache aus dem Jahr 2008 (Horrorakte) zu Ende zu gehen.

Nachmittags kommt u.a. die anstrengende Elisabeth Taylor und heute bin ich sehr schlecht drauf. Die Monatskarten der üstra, die mir geschickt werden sollten, wobei die falsche Adresse angegeben wurde, sind nicht angekommen. Ich rufe bei der üstra an, wo nur bis 16 Uhr gearbeitet wird und um 15:50 Uhr schon keiner mehr zu erreichen ist, dann doch. In der Warteschleife frage ich sie, warum bei ihr immer alles schief geht und es bei allen anderen klappt. Sie will eine Hausratversicherung um ihre Sachen zu schützen. Ich sage nein, Haftpflicht. Sie sagt, sie sei doch kein Kind mehr und die Autos der anderen würden sie nicht interessieren. Die Araber stehen auf so Frauen wie mich, mit meiner Figur und meinem Status. Sie überlegt eine Gruppenreise mit einem Sozialladen nach Paris zu machen oder Juist, weil bei mir sei es auch nicht immer so erholsam (heute muss ich ihr so was von Recht geben) und sie wolle mal irgendwo hin, wo es ein Schwimmbad gibt. Ich sage, dass klappt doch nicht mit Gruppenreise. Zum Schluss kriegen wir noch mal die Kurve.

Abends mache ich Doppelyogastunde mit meiner eigenen Matte, kommt müde nach Hause. Einmachgläser stehen in der Küche. Das Einmachen klappt nicht, ich nehme zu viel Wasser. Kann ja nicht alles klappen. Telefonat mit einer Freundin, deren Ex-Freund die Flüge storniert hatte aufgrund eines Missverständnisses und die neu buchen musste für kommenden Sonntag und weil alles schon anderweitig geplant war für den Urlaub. Auch hier wieder, kann ja nicht alles klappen. Gehe ins Bett.

29.09. Träume verrückt, aber unbefriedigend. Habe mir was eingefangen und soll operiert werden. Davor Schau mit Hunden, z.T. ausgestopft. Es sind zwei kleine Eiterabzesse in meinem Bauch zu sehen. Gruppe von 50 jungen Menschen steht bei der Untersuchung im Kreis drum herum und ich frage den Arzt, was die Schulklasse soll. Man glaubt, dass ich einen Pflegedienst betreiben würde, weil ich sagte, dass ich mit dem zweiten Pflegedienstauto komme. Stephan hat Traum, dass er auf einem Kinderstuhl in der Oper sitzt (geht nach vorne in die erste Reihe und sieht dann erst, dass es Kinderstühle sind) mit einer großen Robe bekleidet. Will gerade Ode an die Freude mitsingen, dann klingelt der Wecker und er denkt, scheiße, den findet er nicht so schnell in seiner aufwendigen, großen Robe. Lustiger der Traum. Sammele morgens selber mal eine Runde Pflaumen. In der Mittagspause Pflaumenmus auf den Weg bringen. Ich kann 3 kg Pflaumen in 15 Minuten waschen, entkernen und klein schneiden. Stephan macht den Rest. Das Ergebnis kann sich echt sehen lassen. Leckerer noch als das Chutney.

Ich rufe meine Schwiegermutter an nachdem ich über meinen Mann eine email erhalte mit der Info, dass Familienmitglieder teilweise im Krankenhaus sind und andere demnächst operiert werden. Ich liebe meine Schwiegermutter, wie sie neben den ernsten Themen den Sinn fürs praktische im Auge behält und natürlich immer an mich denkt und womit sie mir und anderen eine Freude machen kann. Ein guter Freund der Familie ist sehr krank, Lungenfibrose, aber seine Schwägerin, die jetzt schon tot ist, konnte echt gut stricken und da muss ich mir demnächst mal ein paar Strickjacken anschauen. Das Gespräch pendelt zwischen Krankheiten und einem Sack mit Blumenerde, in dem total viele Ameiseneier waren und ähnlichen Amplituden. Ich liebe sie einfach.

Nachmittags Fragebogen für movenyo, weil ich mit durchschnittlich 3 Besuchen pro Woche zu den Sportkanonen zähle. Ratschläge Ernährung mindestens 1 x zu Woche 6-Gänge Menü mit Weinbegleitung und dazwischen viel Butter. Ich meine, Leute, die in meinem Alter eine sportliche Figur aufweisen, legen andere Schwerpunkte im Leben und sind meist spaßfrei, weil das geht dann nur mit viel Disziplin und das macht unlustig. Ich sage Freitag zu meinem Kollegen, nach der abendlichen Weinprobe noch in Mitleidenschaft gezogen, ich fühle mich so was von menschlich – wabbelig, fehleranfällig und auslaufend – in Bezug auf Science Fiction und es stellt sich am Ende der Geschichte heraus, wir sind doch Avatare oder Halbmaschinen. Das kann ich bei mir ausschließen.

Abends Weinprobe Dreissigacker. Wir sehen unterwegs eine Mischung aus Dackel und französischer Bulldogge und sind beide hingerissen und als ich denke, das geht nicht zu toppen begegnen wir einem Exemplar Rottweiler-Dackel mit Stummelschwanz, gedrungen und breit und kurz. Es ist der schönste Hund der vergangenen Jahre, Stephan und ich sind uns einig. „Schöne Südstadt“, „schönes Döhren“:

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Wir biegen in die Wiehbergstraße ab (Baustelle). Die anderen Gäste sehen uns und gehen rein. Ich sage beim Fahrrad abschließen zu Stephan, ob wir heute nette Leute kennen lernen und meine das ironisch. In der Vergangenheit war es immer schlimm vom Publikum her. Der Winzer stellt sich vor, man siezt sich und alles ist steif wie immer. Dann taucht ein junges Pärchen auf und alles verändert sich plötzlich. Sie haben 3 Töchter und wollen noch ein Kind, gehen gerne essen und wir haben viel Spaß miteinander. Es sind genau die hedonistischen Begleiter, die wir gebrauchen können. Der Abend fängt an mit hand shaking und siezen und endet mit Mehrfachumarmungen. Sie lockern alles auf, den Winzer duzen wir auch. Die Bedienung des Ladens trinkt mit und lässt zum Finale einen Stapel schmutzige Teller herunter fallen, überall Splitter und Essensreste. Der Abend war kurzweilig, die Fischgerichte wie gewohnt der Hammer und ich dachte nicht, dass mir so etwas noch mal passieren würde, quasi neue Leute kennen lernen in Hannover. Ich liebe das Gazpacho mit Maki sowie das Lachstartar mit schwarzem Sesam, den Zackenbarsch mit Bärlauchcrumble, Hauptgericht muss auch sein wegen Rotwein….

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Wir radeln um 2:30 Uhr nach Hause und fragen uns am nächsten Morgen, ob wir gezahlt haben. Das kann wohl keiner mehr feststellen.

30.08. Heute kann das Outfit nicht dokumentiert werden, weil der Fotograf zerstört im Bett liegt. Ich hole Unterlagen bei Methadonarzt ab und werde interessiert gemustert. Dann fahre ich in ein Wohnheim. Ich bin von einem Rechtspfleger als Verfahrenspflegerin bestellt worden und soll schauen, ob die Wohnung einer Frau von ihrem Betreuer zu Recht gekündigt wurde. Ich unterhalt mich 1 Stunde mit der Frau und verstehe die Welt nicht mehr. Ihr Mann ist verstorben im Dezember 2011, 2 Tage nachdem der große Fernseher geliefert wurde. Sie war überfordert mit der Post und hat in die Betreuung eingewilligt. Sie war dann im Krankenhaus und der Schlüssel wie immer bei der Nachbarin über ihr. Der Betreuer ist dann mit deren Hilfe in die Wohnung und hat ihr Sparbuch aus ihrer Handtasche genommen und ihre Rentenunterlagen und das Sicherheitsschloss was innen mit Kette an der Tür befestigt war abgeschraubt. So was macht man doch nicht. Ich muss ihr Recht geben. Sie hat den Heimvertrag gekündigt und will sich am 15.09. von der Schwägerin mit dem Auto abholen lassen, ist aber sehr unsicher wegen der rechtlichen Lage. Ich gebe ihr wieder Recht. Ist auch schwierig, zumal das Gericht dem Betreuer mit Beschluss vom 08.08. einen Einwilligungsvorbehalt eingerichtet hat für Vermögenssorge und Wohnungsangelegenheiten, d.h. er entscheidet für sie, entmündigt. Ich sage ihr, dass ich dagegen Beschwerde einlegen werde. Sie lebt schon seit 39 Jahren in ihrer Wohnung und hängt daran und „einen alten Baum verpflanzt man doch nicht.“ Ins Büro zurückgekehrt telefoniere ich mit dem Betreuer, den das Heim schon vorgewarnt hat. Er sagt, klar, ich muss das machen. Ich sage nein, oft genug bin ich auch einverstanden mit Wohnungskündigungen. Hier könne ich es nachvollziehen. Ich frage, was ambulant probiert worden sei. Er sagt, alles und sie sei Alkoholikerin und er habe den Einwilligungsvorbehalt beantragt, als sie das Sparbuch mit 2.000,- € darauf wieder zurück haben wollte. Wenn sie angeblich Geld verschleudert und Schulden macht, passt das nicht mit den Ersparnissen zusammen. Ich sage, auch Alkoholiker habe das Recht in ihrer Wohnung zu bleiben. Er soll sie gefälligst unterstützen und ihr Wille sei Maßstab. Wenn das weit käme, würde ich meinen Vertrag mit Deutschland bald kündigen. Dann rufe ich den Pflegedienst an, der mir Auskunft gibt, dass die Frau sogar Pflegestufe II hat und genau gar nichts ambulant probiert wurde. Ich bin mal wieder entsetzt, wie andere „Kollegen“ ihren Besuch ausüben.

Ich schreibe unseren neu gefundenen Freunden, dem blind date bei der Weinprobe über die Firma des Mannes, die ich im Internet finde. Mein Kollege spottet, dass sei die wechselseitige Anziehung von Jugend und Alter, so wie bei seinen Freunden, die von ihrer neuen Freundin auch sagen, die studiere bald, wenn sie noch Abitur schreibt. So viele Minderwertigkeitskomplexe habe ich nicht, ist meine Antwort. Man wird sehen, ob es nur der Alkoholrausch dieser Nacht war, aber schön war ist in jedem Fall.

Das Sportprogramm ist anstrengend und soll mich vom Restalkohol befreien. Zuhause besucht uns ein befreundeter Künstler, der mir eine Raumschifflampe baut. Ich mache nebenbei doppelten Pflaumencrumble, ein mal mit Haselnüssen, weil mir die Mandeln ausgehen. Ich bin müde und will heute früh ins Bett, damit ich wieder fit bin. Die nächste Weinprobe steht Morgen an. Der Gast hat keinen Kontakt zur leiblichen Tochter und den Enkeln und Stephan sucht erfolgreich bei Gesichtsbuch. Manche Menschen sind sozial echt behindert denke ich, weil er vorschlägt ihr einmal heimlich aufzulauern oder sie heimlich zu beobachten, aber nicht anzusprechen und ich sage, warum er will doch Kontakt, dann halte ich das nicht für so eine gute Idee und sage, vielleicht sei sie auch nicht begeistert, weil er seine Vaterschaft immer abgestritten habe und biete mich für ein Vermittlungsgespräch an. Er hat eine große Tüte Modeschmuck für mich dabei und probiert unsere Pflaumenprodukte und nimmt gottseidank auch welche mit. Ich schaue eine Folge Cesar Milan, the dog whisperer mit Stephan und falle ins Bett.

Butterfahrt zu Niederegger

22.08. Nicht, dass einige aufmerksame Leser denken, die sind ja dauernd unterwegs, obwohl man hier an den Tatsachen wenig rütteln kann, handelt es sich hierbei um ein von langer Hand vereinbartes Treffen mit meiner Tante und Cousine in Travemünde, welches aus Koordinationsgründe zeitlich nur gleich nach der Schweizreise ging. Es gibt Schlimmeres. Wir verbinden das noch etwas mit dem Besuch von Freunden und fahren erst mal am späten Nachmittag nach Lübeck zu Martin, der uns vom Bahnhof abholt und gleich zu einem Kaffee einlädt.

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Wir steigen diesmal in Lüneburg um und man merkt direkt, dass man in einer wirtschaftlich unterentwickelten Gegend unterwegs ist, wie mein Vater sagen würde. Wo man in Baden-Baden mit Kurbepflanzung protzt, hat man hier gleich den Gärtner gespart, auch am HBH Lübeck wächst der vertrocknete Dschungel gleich an den Gleisen. Ich sehe das immer positiv, wenn der Mensch weniger tun, kommt die Natur mehr zum Zug und so ist das hier wohl auch im Norden, ganz viel Natur. Bei der Ankunft zuhause kommt uns die studiogebräunte Maklerin entgegen mit einem jungen Pärchen. Die Wohnung darunter steht zum Verkauf und gleich kapiert man die Rollenverteilung und wer Kunde ist. Stephan wollte fragen, „na, wollt ihr Kinder?“ Das finde ich nachhaltig lustig. Martin hat Röhrchen im Wagen, irgendwelche Fliegen, die Kleidermotten den Garaus machen und dann selber sterben. Die haben nämlich Maden in meine Wollsachen gelegt. Die kann man im Internet bestellen, die natürlichen Feinde. Ich komme irgendwie darüber hinweg und bestelle nicht.

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Gleich am Abend am Hafen schauen wir uns die Möglichkeiten an per Fähre von Lübeck nach Travemünde zu fahren, weil das haben wir noch nie gemacht und Urlaub ist auch immer Abenteuer. Die Fähre fährt nicht einmal die Stunde, sondern nur 2 mal am Tag und die eine Fahrt geht um 9:30 Uhr von der Drehbrücke. Mal schauen, ob das hin haut. Über der Altstadt von Lübeck der schönste Vollmond vor Wolkenpanorama, aber zum Foto kommt es nicht mehr.

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23.08. Ich schlafe schlecht und werde kurz nach 7 Uhr wach, weil ich denke, dass es schon viel später ist, als die Herrin des Hauses gerade die Tür zu zieht und muss mir morgens die Haare föhnen, weil sie nass geschwitzt sind und irgendwas mit der Verdauung nicht stimmte und mein Körper offenbar recht heftig reagiert hat mit dem Naßschwitzen. Das ist recht unangenehm, zumal ich in einem fremden Bett bin und das Bettzeug entsprechend beansprucht habe. Martin macht wie immer ein liebevolles Frühstück mit Ziegenkäse Tee und Kaffee und ich bewundere seine Neuzugänge. Wie immer gibt es neue Kunst oder schöne alte Möbel, die von ihm gefunden wurden und die Sammlung vervollständigen in der Altbauwohnung zu entdecken. Diesmal lerne ich auch was über persische Herrscher, größerer Bart ist auch stärker, wie man es vermutet hat. Ich habe selber Kunst im Gepäck nämlich 17 Buchcollagen, die ein neues Zuhause finden sollen. Martin hat die erste Wahl und nimmt 2.

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Außerdem bestärkt er unseren Entschluss zur Hochzeitsreise im Dezember wieder nach London zu fahren. Westminster Abbey sei toll und das kennen wir noch gar nicht, obwohl wir 6 mal oder so schon da waren und Big Ben dito. Das ist doch Grund genug neben den indischen Restaurants und High Tea und Triyoga. Wir packen, d.h. haben gar nicht ausgepackt, außer die Collagen und Silke fährt uns zum Hafen.

Wir besteigen die Fähre und ich denke sofort an Butterfahrt. Es ist eine Mischung aus Rentnern und Frührentnern. Wir fallen unangenehm mit Gepäck auf. Es ist eine Speisekarte wie vor 30 Jahren, draußen nur Kännchen Kaffee und ich bin auch sonst davon genervt und bestelle nichts und trinke aus meiner Sigg-Flasche, wobei der Verzehr von mitgebrachten Speisen und Getränken untersagt ist. Mir egal. Dafür gibt es Lumunba! Das Wetter ist herrlich und ich mache viele langweilige Fotos, wie Stephan feststellte. Bitte schnell durchschauen und entschuldigen…..

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Mit an Bord sind zwei Männer, denen man Alkohol- und Nikotinabhängigkeit von weitem ansieht und die offenbar gute EU-Renten bekommen. Es wird ein gezapftes Bier nach dem nächsten bestellt und eine Kippe nach der nächsten gedreht und das morgens um 9:30 Uhr und trotz des schlimmen Raucherhustens. Beide sehen deutlich nach Krebs aus und es macht keinen Spaß zuzusehen.

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Der Kapitän labert fast durchgehend irgendwelche Quartettzahlen und lobt die Produkte der Firma Bruggen als würde er sich damit was dazu verdienen. Leckeres für Zwischendurch. Ne, ist klar. „Die Fa. Bruggen gehört laut eigenen Angaben zu den größten Cerealienherstellern der Welt“. Na, dann. Er erzählt Seemannsgarn bzw. redet gekünstelt wie Hein Blöd und das geht so. Backbordseite sehen wir die Finnlandia, das Schiff fährt unter finnischer Flagge, 100 Meter lang, 27 Meter breit, 19 Knoten, 35 km/h, im Jahr 1995 zu Wasser gelassen usw. Das bei jedem Schiff. Das meine ich mit Quartett.

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Dazwischen geht es um die Lübecker Kaufleute, die ihr Kontor dort unten hatten und darüber die Speicher.  Die Ladung wird gelöscht, irgendwas verklappt, Teer in die Ritzen geschmiert. Wir überholen noch mal das Schiff Mathilde und ich wunderte mich, warum da Eimer an Stricken mitgezogen werden. Jetzt muss die Mannschaft, es kommt mir total überbesetzt vor, Wasser mit den Eimern hochholen und alle Holzteile nass machen und ggfls. mit einem alten Wischmopp abstreichen. Was das soll? Ob es dreckig oder staubig war, glaube ich nicht mal und das Holz mag Wasser normalerweise nicht so.

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Dann folgt Vogelschutzgebiet und der Captain hält mal die Klappe. Auch schön. Erst denke ich, was sind das für lustige Felsen und hey, die bewegen sich. Dann sehe ich auch die beiden Hütehunde, die sich viel schneller den Hang hoch und runter bewegen. Die Schafe werden zum Wasser getrieben und trinken aus der Trave.

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Dann meldet sich vorne wieder das Mikrophon hinter der Scheibe mit dem Bärchen aus Window Colors. Weichbedachungen, Flotte, Fischereirechte, Transsonoro, Zellulose, Papierbrei, rollende Güter, Papier aus Mittelschweden, vom Schnürsenkel bis zum gefrorenem Brathähnchen alle Produkte der Fa. Lidl, Massengut umschlagen, Splitt aus Norwegen für den Straßenbau, Mindestwassertiefe 10 Meter, Grenze zur DDR, Priwall mit Campingplätzen, Bausünde in Travemünde. Jetzt sind wir gleich da, sehe ich dann auch daran.

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9 Schiffsanleger, 2 mit Gleisanschluss, Doppelstockrampen zum Entladen, fahrplanmäßig, 125 Abfahrten pro Woche, nach Berlin zweitgrößter Sportboothafen, Takelage, Tiefgang 7 Meter, höchster Mast 56 Meter und schwups sind wir bei Niederegger dem vorläufigen Ziel unserer Reise angekommen. Wichtig ist erst mal, dass Stephan eine Marzipan-Sahne-Torte bekommt, sage ich der Bedienung oder sagt er es ihr selber und ich habe meinen Kaffeedurst auch aufgespart. Ich nehme die Ostseestulle mit Krabben, Ei, Schwarzbrot und Butter.

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Die Bedienung will wissen, ob wir noch weit reisen würden, ob des umfangreichen Gepäcks und wir verneinen. Während wir das zweite Frühstück einnehmen, findet sich die Gesellschaft einer Seebestattung am Steg gegenüber ein. Das merkt man daran, dass lauter schwarz gekleidete Menschen zum Steg kommen und einsteigen und dass das dann auch irgendwo dran steht. Als das Boot schon abgelegt hat kommen 2 Männer hinterher gelaufen und winken mit den Armen und rufen. Sie schauen noch etwas nach und pfeffern dann die Blumen in Travemünder Hafenbecken und drehen um. So ist es, wenn man zu spät kommt im Leben. Der Verstorbene kannte es vermutlich nicht anders.

Wir ziehen die Koffer zum Hotel. Hier ist auch Wahlkampf, aber es werden eher Plakate der Linken abgerissen.

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Ich muss daran denken, wie wir 1999 auf Usedom Gregor Gysi gesehen haben. Das war nach meiner Lähmung und ist wieder eine andere Geschichte. Das Hotel ist schön, vor allem der kleinere Barbereich gefällt mir (ganz unten, auch wieder zu viele Deko-Fotos).

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Das Zimmer ist erst um 15 Uhr fertig, aber Stephan weiß, was er fragen muss, quasi Zauberwort: dürfen wir dann schon in den Spa-Bereich. Das wird bejaht. Stephan im Glück. Ich mehr in der Umkleide, ziehe mich gleich beim Spind um (ist wohl auch falsch). Ich gehe dann schon etwas ins geheizte Salzwasseraußenbecken, aber ziehe mich bald wieder an, weil ich ausversehen quer schwimme und dann denke, dass alle mich anstarren wie ein Fremdling. Ich gehöre hier nicht her und sie spüren es alle. Die reinste Psychose stellt sich ein. Aus dem Büro bekomme ich SMS, dass Beratungshilfemandanten von früher da waren völlig aufgelöst, weil das Jugendamt eine Tochter weggenommen habe. Wichtig ist jetzt: Flugmodus. Die Welt muss sich auch ohne mich weiter drehen. Was soll ich von hier aus machen? Wieder angezogen schneide ich Zeitung aus im Strandkorb bis mir die Fußrücken brennt und ich denke: genug Sonne. Dann weiß ein Mitarbeiter auch, dass das Zimmer fertig ist und ich gehe hoch. Es läuft Werbefernsehen für die Hotelkette. Das kann man aber ignorieren. Der herrliche Blick auf ein Wäldchen vor dem Balkon und das Rascheln des Laubes sind toll und Balsam für meine Seele.

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Wasserkocher und Teekanne stehen bereit.

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Wir machen erst mal eine Siesta und dann will ich duschen. Das wäre ja total verkehrt gewesen. Wellness. Ab in den Bademantel und wieder runter und diesmal zeigt mir Stephan das 35 ° warme Salzwasserbecken („Bewegungsbecken“) und wir erkunden die Saunalandschaft. Erst Dampfsauna, dann etwas kneipen im Freien und dann Bio-Sauna und in den herrlichen Ruheraum auf die gekachelten ergonomisch geformten Liegen, die beheizt sind und von hinten die Nieren wärmen. Das ist herrlich. Als ich mir vergegenwärtige, dass auf den Chipkarten, die in den Bademänteln in den Taschen verbleiben keine Zimmernummer drauf stehen entspanne ich auch besser, während wir auf textilfrei mit Handtuch machen. Daran zeigt sich auch meine Unerfahrenheit. Dann zeigt mir Stephan die Schwalldusche, wo einem von oben Wasser wie aus Eimern auf den Kopf fällt. Das ist noch mit am tollsten. Ich mache es immer wieder. Ja, ich hatte meinen Spaß.

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Zum Abendprogramm will ich sagen, dass ich nicht bereit bin jeden Restaurantbesuch ausführlich zu schildern, wenn ich dafür kein Geld bekomme. Hier war die Aussicht spektakulär in dem Wintergarten (das Treppenhaus fand ich offenbar auch ganz putzig).

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Das Besteck ist sehr glänzig und ich konnte nicht aufhören damit zu spielen, weil ich mich immer selber fotografieren wollte.

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Das Geschirr sieht oft aus wie umgedrehte Vasen, buntes Glas.

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Ansonsten hat der Typ entdeckt wie man gefrorene Perlen herstellt (Stickstoffbad?) und macht das jetzt ganz viel.

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Das wenigste schmeckte überzeugend. Dekonstruktion vom Wiener Schnitzel und was haben Preiselbeeren da zu suchen? Hat Kevin schon mal Wiener Schnitzel gegessen? Ich verstehe das Gericht nicht und schmecken tut es auch nicht.

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Die Gänseleber Strauß ist durchgefallen, bitterer Beigeschmack, unlecker. Da hilft es mir auch nichts, dass der Typ sie in ein lustiges Förmchen presst. Hallo? Kindergarten nach meinem Geschmack. Die 4 Jährigen können die Förmchen z.T. auch sehr hingebungsvoll. Der Inhalt muss stimmen, gerade bei so einem Produkt, sonst bitte Sand nehmen.

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Es ist sehr gekühlt per Klimaanlage in dem Laden und Stephan sagt ausnahmsweise der Bedienung mal Bescheid, die offenbar nichts merken. Alle Frauen tragen Stickjacken oder die Sakkos der Männer und frieren ganz offensichtlich, aber es war denen nicht aufgefallen. Das was ich abgewählt hätte, Auster und Aal mit gefrorenem Wasabi gerieben, schmeckt am besten und der Nachtisch ist lecker und ganz lieb gebastelt.

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Der grüne Nachtisch sieht schlimm aus, schmeckt aber, auch das Ayran-Sorbet und der japanische Kirschgarten ist auch gut gemacht, handwerklich, aber schmeckt auch.

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Dafür warten wir auf die letzten beiden Gänge fast 1,5 Stunden. Ist irgendwie Zeitverschwendung, weil sooo gut gefällt es mir in ihrem Wintergarten mit den anderen Spießergästen dann auch wieder nicht und ich bin müde und unleidig, außerdem bin ich mir sicher, dass es keine Pärchen sind, sondern zwei Schwulenmuttis mit Begleitung am Nachbartisch.

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Der Mond geht knallrot auf über dem Horizont, wie ich es nur von der untergehenden Sonne am Meer kenne. Das entschädigt etwas, wenn hier tatsächlich eine Entschädigung überhaupt vonnöten war.

24.08. Aufstehen und erst mal eine kleine Runde Wellness, nein vorher Fahrräder sichern, first come, first serve. In unserem neuen Hausdress gekleidet treffen wir eine Rentnerin am Fahrstuhl, die sich schon frühstücksfein gemacht hat. Sie erklärt uns, dass ihr Zimmer ganz hinten an Ende des Ganges sei und der Fluchtweg ganz vorne. Hätten wir uns das auch angeschaut, den Fluchtplan? Nee. Ich wollte schon sagen, na dann Krematorium, aber ist irgendwie Quatsch, im Flugzeug sind ja auch nicht nur am einen Ende die Notausgänge. Um was die Deutschen sich so Gedanken machen im Urlaub. Ein Saunagang genügt, dann Frühstücksbüffet (mit Kinderecke)

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und mit den wirklich tollen Nostalgierädern mit saubequemen, breiten Sätteln auf zum Familientreffen. Die Fotocollagen zeige ich nachmittags. Auch Jutta, eine Freundin meiner Tante, wird wieder dabei sein. Ich mag sie sehr. Wir trennen uns kurz und Stephan nutzt jede 30-Minuten Pause für Wellness. Dann Fischereihafenfest mit Seil selber machen zwischen Köstritzer – und Fischbrötchenbuden, schnell weg. Ich darf kein Nostalgieklapprad kaufen, weil ich Fahrradmessie werde und ich darf keine Fahrräder sammeln. Fähre zum Priwall und etwas Rad fahren mit meiner Cousine und dem Sohn. Herrlicher Himmel. so weit. Die Kühe misstrauen mir wieder und ich komme wieder mit meiner Mäuschen-Locknummer nicht gut an.

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Collagen aus dem Hotel holen und Kaffee trinken bei meiner Tante. Weitere 7 finden ein neues Zuhause.

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Ich bin glücklich 9 weniger und nur 8 wieder zurück nehmen. Das ist ein großer Erfolg. Stephan balanciert zwar den Koffer auf dem Rad ruft mir aber zu, dass er ein Reh auf der Straße gesehen habe und was für ein süßes. Ich drehe um und berge es. Es ist mein neuer Lieblingsfotostar.

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Vor dem Abendprogramm noch einen Waschgang für meinen Mann, dann noch mal mit der Familie treffen.

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Mein Cousin ist auch dabei: Er findet die Speisekarte zu klein, zu wenig Auswahl. das sei doch nix. Wir hingegen sehen es als Zeichen guter Küche, wenn die Karte keine 800 Gerichte aufweist. So verschieden kann das sein. Das Thema Politik. Lübeck ist verschuldet wegen der SPD und der Flughafen funktioniert nicht und dann bauen sie solche Bespaßungs- und Trim-Dich-anlagen überall hin. Dafür haben sie Geld. Wir probieren das gleich mal aus und hat sich gelohnt. Gute Steuergeldinvestition. Bin ich dafür.

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Heute geht uns der Mond nicht durch die Lappen. Ein Schiff kreuzt. Man bräuchte eine Profi-Kamera mit richtig guten Objektiv. Festgehalten werden muss es trotzdem…

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Stephan will einen Absacker an der Hotelbar nehmen, aber da sitzt nur ein Gast und ein Hammondorgelspieler und in der großen Bar singt eine schlimme Sängerin, hier lief gestern live Musik von Großleinwand. Ich bin absolut abgeschreckt und will nur schnell aufs Zimmer. Eine sehr langweilige Begleitung, die schon um 21 Uhr im Bett liegt. Später ist wohl noch Feuerwerk, aber davon bekomme ich nichts mit.

25.08. Ich werde viel zu früh wach und schreibe eine Runde Tagebuch am Rechner und denke, dass Stephan schläft, aber ich nerve ihn in Wirklichkeit. Dann gehe ich in den Flur und tippe weiter und es kommt eine Frau mit bett-verwuschelten Haaren und kurzer Pyjama-Hose, die mich sieht und erst mal „Entschuldigung“ sagt. Ich sage nichts und sie dann. „War das große Schiff schon da?“ Wir haben kein einziges Mal die Dusche im Zimmer benutzt darf ich zu unserer Verteidigung sagen. Stephan macht wieder Sport und Schwimmen. Ich nicht. Ich bin sauber genug und habe auch genug davon. Es langweilt mich dann doch schnell. Außerdem ist die Stimmung zwischen uns schlecht, weil ich so unruhig bin und asozial. Martin kommt noch mal vorbei seine Jacke abholen, die in Stephans Rucksack verblieben war. Cousine will fahren bzw. der Sohn, Stephan will Wellness. Ich bin zwischen allen Stühlen, will es allen recht machen und mache es keinem Recht. Frust. Dann rufen noch meine Eltern an, dass ich bei Niederegger für die goldene Hochzeit von Freunden von ihnen eine Torte aussuchen soll. Ich bin bedient. Ich will auch mal raus zum echten Wasser und nicht alles nur geklärt und gefiltert und hinten der Hecke. Ich will mich dreckig machen und gehe zum Strand.

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Dann diese Torte zur goldenen Hochzeit für Dritte auswählen. Irgendwas mit Rosen. Ja, das nehmen wir. Ach ja, welche Größe. Scheiße, was darf ich noch alles im Kurzurlaub hier machen. Ich bin genervt von der spießigen, ausländerfreien Ostsee und den Typen hier mit ihren rosa Polohemden á la Sylt. Ich kotze im Strahl. Wir fahren noch mal zu meiner Tante, Stephan kommt mit und sitzen etwas auf dem Balkon. Der Hund ist alt.

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Sie erzählt von früher. Kinderkrankheiten und Isolation von den Eltern. Wie sie ihren Mann kennengelernt hat. Schaffner haben Pakete mitgenommen für die Geschäfte und der eine nimmt kein Trinkgeld, hat ihre Mutter lobend erwähnt und das war dann ihr späterer Mann. Erst mal nach dem Krieg mit insgesamt 5 Geschwistern, einer Tante und einer Oma auf 2 Haushalte verteilt, eine Gärtnerei. Die Lehre im Arzneimittelgroßhandel, flüssige Stoffe, Drogen waren Tees. Sie hat eine Abschlussarbeit darüber gemacht in einen Schaukasten aus Holz. Der Abschied ist harmonisch. Stephan macht noch mal…. drei Mal dürft ihr Raten…. Wellness. Etwas Sport und Salzwasserbecken. Ich denke, wenn wir den Zug verpassen, dann müssen wir Claudia in Hamburg halt absagen, bin aber natürlich trotzdem total angespannt und lauere vor dem Eingang. Zuerst hatte mein Mann mich gesucht. Innerhalb der ersten 10 Minuten musste ich nicht dabei rechnen und ich hatte mich in einem Strandkorb „versteckt“ und das Hotelpersonal suchte mich schon um mir zu sagen: „Ihr Mann sucht sie“.

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Travemünde Strandbahnhof. Ein Mann mit Plastiktüte und Jogginghose spricht uns am Automaten an, wo wir hin wollten. Hamburg-Altona. Er könne eine Person mitnehmen für 10,- €. Kostet sonst 13,20 €, aber mich lockt das Abenteuer. Er hat einen Schwerbehindertenausweis mit Merkzeichen „B“. Vielen sagt das nichts, erklärt er uns. Mir schon. Ich finde es ist nicht die feine Art das so zu vermarkten und wusste es auch nicht bei Abschluss des Gesprächs, dachte an eine gute Tat, Niedersachsen Ticket. Er fährt viel rum. Mittwoch will er nach Westerland. In Hamburg hat er ein Haus mit 500 qm. Er muss aber wieder in die Tagesklinik. Sonst wäre er immer 2-3 Monate nach Thailand geflogen, aber die ganzen Anzüge, die er sich dort schneidern lässt, trägt er doch nicht und die Depression nimmt man ja mit. Warum die Menschen nach Thailand fliegen, „das weiß ihr Mann“, stellt er fest und ich sage: Sex. Er hat Arzneimittelgroßhandelskaufmann gelernt (ich frage) und war dann bei einer Bank oder Versicherung. Das weiß ich nicht mehr. Helmut Schmidt war früher sein Kunde. Er hört schlecht, das Rauschen, er muss zum Arzt. Er versteht Bundesgartenschau und sagt, die wäre schlecht, da habe er schönere Blumen in Sierksdorf im Stadtpark gesehen. Ich frage nach seinem Garten von dem Haus in Hamburg, den macht er nicht selber, er habe einen Verrückten, der das mache würde. Verrückt, weil er kein Geld dafür nimmt und darauf besteht nackt zu gärtnern. Ihm sei das ja egal. Es wäre einmal ein schwarzes Auto mit vier jungen Männern langsam vorgefahren. Die wollten wissen, ob er einen Nudistenklub betreibe und er sagte, „ja, aber wenn Du seinen Schwanz anfassen willst, musst Du mir 100,- € dafür zahlen“. Dann hätten die gelacht, weil das sonst ihr Job wäre, Leuten dafür Geld abzunehmen und seien weitergefahren.

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Unser Begleiter ist Insider und weiß, welches Gleis, welche S-Bahn, vorne oder hinten einsteigen. Bei der Station St. Pauli flüstert er zu mir: „die sündige Meile“. Ah-haa, denke ich mir. Originell oder echt?? Zum Schluss wird er anhänglich und will wissen, ob unsere Freundin schon da ist und ich denke, ist er jetzt mein Begleiter und ich schwerbehindert oder was. Er will zu Lidl, die haben hier sonntags geöffnet im Bahnhof und dann zurück fahren nach Blankenese. Claudia holt uns vom Gleis. Neuer Stadtteil, neues Gefühl. Vor der Tür des Bahnhofs ist afrikanisches Straßenfest mit Zuckerrohr, gegrillten Maiskolben, Hähnchenspießen, Haare flechten, Trommeln und wir mit dem Megagepäck dazwischen. Das macht kein Spaß und Stephans Laune mit den beiden Koffern ist unten. Ansonsten ist ihre neue Wohnung und die zu besichtigen war da letzte Etappenziel sehr schön und ganz hell. Dort gibt  es erst mal Rosé und Mineralwasser und ein Stück Zwetschenstreusel für den Mann um ihn wieder her zu stellen. Mir gefällt das steile Treppenhaus und der Fußboden dort mit dem interessanten Muster und es sind nur 6 Parteien im Haus. Mittendrin, aber ruhig. Unten ist ein Grieche, der Kultstatus haben soll, aber gerade Sommerpause hat. Hier gibt an jeder Ecke einen Grieche, aber auch sonst viele schöne Cafés, Eisdielen, Schuhläden, Treibgut und Feinkost. Sieht alles sehr positiv aus für den gelungenen Neuanfang unserer Freundin.

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Ich schlafe so gut, dass ich morgens aufwache und nicht weiß, wo ich bin. Das Ende einer Kurzreise.

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Beim Aussuchen der Fotos ist was Merkwürdiges, nie Dagewesenes passiert. Es gibt ein Foto auf unserer Kamera, jetzt Rechner, was weder ich noch Stephan gemacht haben und es datiert vom 14.06.2014. Ein schöner Abschluss dieser Reise, so dass ich es nicht vorenthalten möchte.

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Party und Heimreise

17.08. Heute werde ich um 6 Uhr wach und denke zuerst ich höre Geräusche von anderen und kann schon mal auf einen Kaffee runtergehen. Es sind aber nur die meiner Nichte und Neffe und Katalin begegnet mir im Flur und zeigt mir ein „Psssst“ durch Finger auf die Lippen legen. Ich verstehe und gehe wieder in unser Quartier, aber schlafen kann ich nicht mehr. Ich will mir Tuschwasser holen und wieder aufs Zimmer und sie fängt mich ab und fragt, ob wir zusammen was basteln können, was ich bejahe. Sie tuscht mit mir und der ältere Bruder will ihr immer erklären, wie man was nicht macht und mir am besten auch. Bei Pinseln knicken die Borsten ab, wenn man sie im Wasser stehen lässt. Aha, passiert aber nicht und das gilt insbesondere nicht, wenn man den Pinsel gerade in Gebrauch hat, aber danke für die Tipps reagiere ich auf die kluge Verbesserungsvorschläge der jüngeren Generation. Von Frederik habe ich was ausgeschnitten aus dem Altpapier, wo er ein Foto in der Zeitung mit Kuli modifiziert hat und es durch die Kugelschreiberstiftzeichnungen auf dem Foto wirklich ausschaut, als würde er Mann sich in der Nase bohren. Genial gemacht.

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Er sagt, „hey das ist von mir“, bietet dann aber an noch mehr für mich zu machen. Katalin erzählt mir auf Nachfrage, dass sie in der Schule (2. Klasse) gerade alles über Bienen lernen und einen Film geschaut haben mit Willi will’s wissen und die Drohnen, die sterben sobald sie die Königin begattet haben, das sei so traurig, erst finden sie die Frau und dann müssen sie sterben und sie glaubt ja, dass die Drohnen das vorher wissen und daher ganz traurig sind. Wir räumen dann auf, weil die Erwachsenen sagen, dass der Frühstücktisch gedeckt werden soll. Passend zum heutigen Tag erscheint am Himmel:

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Die letzten Vorbereitungen laufen auf Hochtouren:

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Mein Bruder hat den ganzen Tag über open house und es kommen Nachbarn und Freude z.T. mit Kindern und gehen dann auch wieder nach 2 Stunden. Ich kann nicht mit allen Gästen was anfangen und tusche noch eine Runde. 3 Schweizer Buben sind da und einer davon bleibt immer ca. 5 Meter von mir entfernt stehen und schaut sich das alles interessiert und ungläubig an als hätte er noch nie einen Menschen basteln sehen bis ich ihn frage, ob er sich die fertigen Postkarten einmal anschauen wolle. Er bejaht. Dann basteln die heimischen und die 2 Besucherjungs bei mir, während die Kinder sich von Frederik zeigen lassen, wie man die Fotos aus der Zeitung manipuliert. Er sucht eine Wettervorhersage und will das Granathagel und Tornados und so was einzeichnen. Katalin malt an einer Art Madonna herum. Weil es um die Volksabstimmung zu dem Bratwurstverkaufverbot geht, fragt sie: woran denkt die Frau? An lauter Bratwürste und was hat sie im Herzen auch lauter Bratwürste. Das Bild wird sehr schön. Ich nehme es mit für einen Bastelkalender, den die Familie Weihnachten von mir bekommt und dann wird es verwertet und quasi zurückgeschenkt. Dann bebastelt sie eine Postkarte für meine Collage Volksabstimmung, quasi als Hintergrund. Die konkurrierenden Würste schauen sich böse an.

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Frederik fragt mich, ob ich Mursi-Anhänger sei und ich frage mich, wie er da nun wieder drauf kommt. Später wird es mir klar.

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Ich mache noch eine Gemeinschaftsarbeit mit Frederik.

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Mitten im Basteln müssen die Jungs aufbrechen. Eine Frau aus der Nachbarschaft bringt einen leckeren Rahmkuchen mit getrocknetem Birnenmus drin noch lauwarm, den ich lobe. Für Smalltalk sage ich, wie nah Zürich sei und so gut erreichbar mit dem Nahverkehr. Ich merke an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie mir nicht zustimmen will und sie erklärt es mir auch. Für die Schweizer seien die kleinsten Wege schon weit und ich treffe den Nagel auf den Kopf als ich sage, außer beim Wandern. Hier kein Weg zu weit, richtig? In der Tat war sie gerade mit ihrem Mann nach Italien gelaufen zu Fuß. Bei mir sei es genau umgekehrt, dass beim Wandern der Wald hinten dem Haus schon zu weit sei. Der Mann zu der Frau kommt ein wenig später auch und bleibt an meinem Basteltisch stehen und guckt ungläubig und leicht angewidert, was ich hier machen würde bis er die Logos der Absinth-Werbung entdeckt. Mit den Kindern hatte ich mich noch darüber lustig gemacht über die Gebrauchsanweisung, dass man das Wasser sehr langsam (tropfenweise) und zwar sehr sauberes Wasser über den Zucker laufen lassen sollte und ich frage, was ist denn für die Schweizer sehr sauberes Wasser. Er ist wie ausgewechselt und will wissen, wo ich das her habe. Aus Zürich aus dem Welschland beantworte ich sein Frage und er daraufhin: den Mann (gemeint war der Inhaber), den kennt er und den Absinthbrunnen hat er zuhause genau wie die Flasche mit der Katze.

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Ich sage: Wahnsinn und dann na ja, der eine hat einen Schokoladenbrunnen und der andere einen Schnapsbrunnen. Ich will dann aber wissen, wie oft man den verwendet und mein Tipp ist nicht so oft, ein Mal im Jahr und er widerspricht mir und sagt schon öfter, wenn Freunde zu Besuch seien auf einen Apero, oder. Dann spreche ich ihn noch auf die Piktogramme der Sex-Boxen in Zürich an, quasi Gebrauchsanweisung. Über 18 erlaubt, unter 18 verboten. Im Auto grünes Häkchen, Mofa und Fahrrad rot durchgestrichen. Ich frage den Nachbar, wie sportlich die Schweizer denn seien, ob es in der Schweiz üblich sei auf dem Fahrrad Sex zu haben. Gemeint ist aber das Einfahren in den Parcours. Das Paar verabschiedet sich und will noch zum Bodensee, schwimmen. Es ist nur ein Kollege meines Bruders eingeladen. Dieser hat eine sehr nette und hübsche Frau mit riesigen Augen. Als wir erzählen, dass wir Käse mögen und Stephan vergeblich in die Stadt gefahren ist um welchen auf dem Wochenmarkt zu kaufen, weil er zugunsten eines Stadtfestes ausgefallen ist, weil überall Bierbänke aufgestellt waren, gibt sie uns ein Tipp für einen Käseladen für das nächste Mal und ihre Familie sei in der Landwirtschaft tätig und sie könnte uns auch mal einen halben Laib Käse besorgen (am besten so groß wie auf der Wiget-Werbepstkarte). Die Tochter hat die großen Augen der Mutter, ist aber weißblond und sehr schüchtern. Sie redet nicht, hält nur den Stoffhund, der angeleint ist und für den sie Trockenfutter dabei hat. Auf Nachfrage zeige ich Mutter und Tochter meine Hütchenauswahl, die ich dabei habe. Von der Mutter erfahre ich, dass sie in Hannover zur Expo waren auf dem Weg nach Dänemark und dieses Jahr waren sie in Sylt. Ich denke, lustig, wir machen wechselseitig im Heimatland Urlaub und während wir mit dem Zug durch die Schweiz fahren, fahren sie regelmäßig nach Berlin und leihen dort auch Fahrräder. Auch diese Familie hat noch weitere Programmpunkte und verabschiedet sich nach ca. 2 Stunden. Eine Nachbarin kommt mit einem jungen Appenzeller-Sennenhund. Die haben einen Ringelschwanz und einen Emmentaler-Sennenhund gibt es auch. Neue Hunderassenkunde für mich. Der Nachbarshund ist schlecht erzogen und drangsaliert die Kinder und schnappt auch. So was wird ja gerne verharmlost von den Besitzern.

Irgendwann wird es voller, weil Gäste aus der alten Heimat angereist sind, die dann auch bleiben. Die alten Volleyballfreude meines Bruders, die jetzt zum Teil Väter sind und erst die Sau rauslassen können, wenn Frau und Kind abgezogen sind, vorher sollen sie immer sich um ein Getränk für die Gattin und die Bespaßung des Nachwuchses kümmern, diese modernen Väter. In der Nacht werden die sportlichen Heldentaten der Jugend noch mal nacherzählt. Ich finde das sehr süß. Abends kommen Schweizer Freunde, ein Ehepaar, die einen Mojito-Stand machen. Das war schon groß angekündigt worden und ich hatte in Erwartung Wasser statt Wein getrunken. Als der Mojito alle ist kommt der Nachbar noch mal vorbei mit seinem Absinthbrunnen und sagt: „jetzt wird Franziska ausflippen“ und er hat Recht.

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Es ist ein Glaskolben aus mundgeblasenem Glas mit einem Glasdeckel, der oben eine sehr filigrane Zwiebelturmform aufweist. Es wird mit Eiswasser gefüllt, dann muss die Nachbarin von zuhause noch mal Zuckerwürfel holen gehen, weil meine Schwägerin keine hat (wer hat das schon?). In die Gläser wird Schnaps mit 65 % aus der Katzenflasche, die ich aus dem Prospekt schon kenne gefüllt und dann die Löffel mit dem durchbrochenen Muster darauf gelegt und den Würfelzucker und dann die winzigen Hähne wie Spielzeug aufgedreht und so tropft das Eiswasser darauf. Ich trinke einen, den ich mir allerdings teile und der schmeckt extrem nach Anis und ist gewöhnungsbedürftig und macht betrunken, so dass ich denke davon einen Apero und die Gäste baden nackt im Gartenteich. Freunde aus Süddeutschland, sie betreibt einen Boutique und lässt sich Ware vom Lindener Marktplatz liefern, die Lieferantin hat sie neulich erst besucht. Er ist schmal und redet viel. Sie erzählen von dem Hotel, wo man alles aus Automaten ziehen kann gegen Geld, 7 Erdnüssen für 2,50 Franken oder ein winzige Toblerone. Ich sehe, wie er einer Teenagerin vermeintlich ein didoartiges Gerät, was er in seiner Hosentasche trägt zeigt und ihr sagt: wenn sie es noch mal brauche, solle sie Bescheid sagen. Ich frage was das war. Es sieht bei näherer Betrachtung aus wie eine elektrische Zahnbürste mit einem schmalen gebogenen Kopf. Man hält es sich auf die Haut und drückt einen Knopf, dann wird die Stelle, die so groß ist wie ein Centstück erhitzt und das soll die Struktur des Mückengiftes zerstören, so dass der Mückenstich nicht mehr juckt. Wir probieren das dann alle aus, auch ohne Stich um zu schauen, wie warm es wird und ob das weh tut oder nur unangenehm ist. Mein Bruder hat seine Boxen, die er 10 Jahre lang nicht mehr benutzt hat in den Wintergarten gestellt und tanzt irgendwann. Wir lassen ihn das nicht alleine machen und beteiligen uns am freien Ausdruckstanz. Die Kinder (2 eigenen, 2 Gastkinder) sollen im Garten zelten, weil die Kinderzimmer als Gästezimmer gebraucht werden. Die Mädchen streichen früh die Segel und gehen ins Haus. Dann um ca. 2 Uhr morgens gibt Frederik auf. Jetzt ist nur noch der eine Gastjunge im Zelt. Kann man den alleine draußen lassen, frage ich mich angetrunken, aber noch mit einem Restverantwortungsbewusstsein? Andererseits was hilft es wenn man einen betrunkenen mittelalten Volleyballspieler dazu legt. Morgens gratuliere ich dem Gastjungen zu seinem Heldentum und er hat es gar nicht gemerkt, weil Frederik morgens um 7 Uhr wach geworden war und sich dann wieder ins Zelt dazu gelegt hatte. Auch gut.

18.08. Es ist der Tag der Abreise. Morgens eine Runde mit die Spuren der vergangenen Nacht beseitigen. Die passende Schürze hatte ich schon vorher gefunden.

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18.08. Frühstücken, packen, weitere Gespräche. Ich will früh zum Flughafen. Stephan bedankt sich bei den Gastgebern, dass er ihre Joggingstrecke hat nutzen dürfen. Mein Mann hat das Laufen in freier Wildbahn und außerhalb des Laufbandes entdeckt und auch ich bin ganz begeistert. Drei Tage läuft er die Strecke um den See, die auch eine Steigung beinhaltet. Beim letzten Mal berichtet er, dass er auf den letzten Metern noch mal den Berg hoch laufen muss mit letzter Kraft und oben bei den Bahngleisen mit puterrotem Kopf ankommt und ihm drei Frauen entgegen kommen und eine davon ihre große weiße Handtasche an sich presst bei seinem Anblick und er denkt, nichts läge mir ferner als noch mehr Gewicht oder so von wegen, die interessiert mich nur, wenn da Wasser drin ist. Zuvor verabschieden wir andere Gäste an der Straße vor dem Haus stehend und auch die Busfahrerin lässt sich zu einem Zurückwinken hinreißen, was ich sehr lustig finde. Mein Bruder bringt uns zum Bahnhof in St. Gallen und hier kann man zu den Gleisen vor fahren als Kurzparker erzählt er uns auf dem Weg dorthin. Ich wundere mich trotzdem, warum er vermeintlich in die Tiefgarage fährt. Dort ist man hinten an den Gleisen, so dass man Gäste sogar bei Regen trocken zum Bahnhof fahren kann. Personenverladung nennt das der Schweizer. Genial.

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Wir fahren zum Flughafen begleitet von einem jungen Schweizer Satanistenpärchen, die man nicht versteht, die aber schon zwei Mal in Wacken waren, einmal 2013. Die gehen dann in den Handyladen am Flughafen etwas shoppen. Auch ein anderen Fahrgast, vermutlich ein Moslem mit gehäkelter weißer Mütze treffen bei Migros, der den Sonntag zum Einkaufen im Flughafen nutzt. Wir machen Großeinkauf dort, 6 Salate eingeschweißt, 6 Kalbsbratwürste, 3 Stücke Käse, Creme Fraiche, Gebäck, Schokolade, Schinken, Mostbröckli, eine großen Schokoladenjoghurt…. Das Nötigste für zuhause.

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Wir treffen meine Schwägerin zur Übergabe des Ladegerätes bzw. Gefangenenaustausch gegen Fahrtkarten der Stadtbahn Zürich.

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Davor werfe ich meine Postkarten ein. Die eine an meine Schwägerin in den Briefkasten direkt an der Stelle, wo wir sie gleich treffen werden, hihi heimlich. Auch eine für einen weiblichen Dave Gahan-Fan aus Hannover. Ein Beweisfoto, dass Dave in Wirklichkeit bei der Stadtpolizei in Zürich arbeitet.

Ich bin Polizist

Später wird hier allerdings die Ähnlichkeit von der Kartenempfängerin vehement bestritten. Wir trinken noch zu dritt einen Flughafenkaffee. Dazu essen wir ein letztes Birchermüsli von Sprüngli, ein weiteres Beerenmüsli wird nachgekauft vor lauter den Hals nicht voll kriegen und mit dem anderen Einkauf einfach in den Koffer gedonnert. Bei der Sicherheitskontrolle in Zürich bekomme ich Komplimente noch und nöcher, als würde man die Buskontrolle wieder ausgleichen wollen und doch um einen weiteren Besuch meinerseits werben. Der Haarschmuck, aber auch die Omatasche finden großen Gefallen.

Zuhause völlig übermüdet bekommen wir die Quittung. Das Müsli ist im Koffer explodiert und hat sich über das Innenfutter des selbigen sowie die Wäsche u.a. das weiße Leinenhemd von Stephan ergossen. Der Crevettensalat sowie der Siedfleischsalat, die zumindest eingeschweißt waren, haben den Druckunterschied auch nicht vertragen und sind aufgeplatzt, aber mit weniger Schaden. Den Crevettensalat mit Majo esse ich sofort ohne Brot. Beim Birchermüsli komme ich mir recht dämlich vor, dass ich den Becher, der einfach primitiv mit einem Deckel verschlossen ist so achtlos in den Koffer verfrachtet habe, ziemlich gedankenlos. Die Lektion sitzt allerdings.

Umrechnungsfaktor Espresso 14.-16.08.2013

14.08. Werde leider ca. 2 Stunden vor den anderen wach. Vertreibe mir die Zeit u.a. damit, dass ich beobachte, wie auf einem großen Parkplatz hinter dem Mietshaus meiner Schwägerin ein Auto nach dem nächsten abgeschleppt wird. Wegen des Robbie Williams Konzerts am Freitag wie sich später herausstellt. Ich liebe die lustigen Schweizer Mitteilungen der Hausverwaltung. Die stehen unseren Aushängen in nichts nach…

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Dann werden meine Spielgefährte auch wach und wir planen den Tag. Heute ist Weiterfahrt nach St. Gallen angesagt, wo mein kleiner Bruder heute 40 Jahre alt wird, deswegen überhaupt die Anreise so unchristlich Mitte während der Woche. Ich will zu dem Anlass noch was besorgen zum Überreichen (neben dem großartigen Hai-Fotobuch was ich im Koffer habe) und zwar etwas für die Hausbar bzw. die Party, die Samstag ansteht. Meine Schwägerin weiß wie immer Rat und schlägt Paul Ullrich AG vor. Ein Schnaps Jahrgang 1973 ist mir zu teuer (400 Franken) und den Gag nicht wert, aber ansonsten lasse ich mich von den Werbebroschüren des Ladens, die meine Schwägerin per Post erhält ganz schön einlullen. Zuerst will ich einen guten Gin und vor allem guten Tonic besorgen für die Party. Auf einmal will ich Agavenschnaps einkaufen, weil hier in einer aufwendig gemachten Broschüre zur Tequilla-Degustation eingeladen wird. In den Prospekten wird für bestimmt alkoholische Produkte geworben mit Foto der Flasche und dahinter heißt es immer in Klammern (Achtung, billig!!!!). Das wirkt anbiedernd hat aber was mit einem Schweizer Rabattwerbeverbot für Hart-Alk zu tun, wie wir später erfahren. Auf dem Weg in den wahnsinnig gut sortieren Spirituosen und Weinladen komme ich erst mal an einem Bernina-Geschäft vorbei, an dem ich nicht vorbeigehen kann. Aufnäher oder Applikationen im Schaufenster ziehen mich magisch an. Es sind halbierte Tiere, die man auch falsch zusammen setzen kann, z.B. Katzenvorderteil und Hundehinterteil oder Zebrahinterteil und Löwenvorderteil. Ich betrete den Laden und die Verkäuferin kommt sofort auf mich zu und fragt, ob sie mir etwas zeigen kann. Man hat allgemein das Gefühl, dass die Oprah Winfrey Sache den Verkäufern ganz schön nachhängt und überall wird man superschnell gefragt und sie wollen mir alles zeigen, vielleicht auch Handtasche für 35.000 Franken, die ich aber gar nicht sehen will. Ich beantworte die Frage mit: ja, die halbierten Tiere, bitte. Ich kaufe für meinen Bruder einen Hai, den er auf seinen Ärztedienstkittel nähen soll, wenn es nach mir ginge, von wegen frisch operiert mit dem Schnitt genau in der Mitte, der den Rumpf durchtrennt. Dann gibt es in dem Laden eine unglaubliche Auswahl von Bändern und Gummis und das ist das reinste Bastel-Happy-go-lucky für mich. Die brave Bernina-Demonstrations-Maschine stickt fleißig einen Elefanten vor sich hin. Meine Schwägerin macht mich auf die bereits fertige Eule aufmerksam, die nur 5 Franken kosten soll (zum Vergleich ein Espresso bei Sprüngli kostet 5,50). Ich finde in der Schweiz muss man wirklich viel mit Schweiz-internen Preisvergleichen arbeiten, mit Euro und so kommt man da echt nicht weiter. Ich frage an der Kasse noch, wie viele Tiere kann die Maschine denn? Die Antwort: alle. Ich lege nach: kann die auch Dackel? Kann die auch alle Hunde? Stephan hat schon Bange, dass ich mich für die Maschine interessiere, dabei ist das nur Smalltalk. Ich habe am Ende des Einkaufs den Eindruck nicht mehr als in Deutschland gezahlt zu haben und das bei der Auswahl, die es bei uns schlichtweg nicht gibt, also alle Bastelfrauen, die dies lesen, es handelt sich um einen Tipp in der Schweiz ein Bernina-Fachgeschäft aufzusuchen.

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Danach gibt es noch eine Flasche Tequila und zwei Flaschen Weißwein nach den Erfahrungen des Vorabends rein nach Etikett ausgesucht. Der Laden hat sogar eine Bastelecke für Kinder. Die denken an alles. Wir ziehen weiter Frühstücken zu Sprüngli. Hier gibt es oberhalb des Shops (Fruchtgelees für 18 Franken), in dem sich Touristen durchschieben ein respektables Café mit lauter gut angezogenen Schweizer Omis, die das Bircher Müsli aus dünnwandigen, weißen Porzellantassen löffeln. Sehr gediegen. Herrlich. Ich bin schon wieder bester Laune und sage, hey, die haben ihren Namen auf meinen Cappuccino geschrieben. Es gibt Kanapées und kleine Leckereien aus der Konditorei (St. Honoraire mit Kirsch ist meine Wahl). Das ist mit Schnaps werde ich überflüssigerweise gewarnt.

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Nach der Stärkung und ein paar Pralinen zum Mitnehmen und einer Verkäuferin, die sich nicht ablenken und immer wieder nach der Bedeutung meines Hütchens fragt, geht es zum Bahnhof. Die Profi-Organisatorin macht alles am Automaten klar für uns, unser Zug fährt in wenigen Minuten um 13:09.

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Wir müssen nach St. Gallen Bruggen. Dann wird auf dem Telefon nach der Verbindung geschaut und es geht nach Gossau mit dem Zug und dann umsteigen in den NFB (Niederflurbus) und aussteigen an einer Station, die ich mir aufgeschrieben habe. Am Ziel sind wir dann um 14:30 Uhr. Genau parallel zu meinen Eltern. Alles mehr als perfekt. Nicht ankündigen, einfach auftauchen. Alles läuft gut und ich erfreue mich an den alten Holzhäusern, die außen Holzschindeln dran haben wie Fischschuppen bis die Kontrolleure im Bus auftauchen und uns erklären wollen, dass die Fahrtkarte nur für die Bahn gültig sei. Wir hätten von Gossau weiterfahren müssen nach St. Gallen HBH und von dort S-Bahn. Ich habe leider ausgeprägtes Tourett und bin absolut nicht hilfreich. Während Stephan sich erklären lässt, welche Fahrkarte er an dem Automaten im Bus nachlösen muss, schimpfe ich vor mich hin und die Koffer rollen unkontrolliert durch die Gegend. Da trägt man schon sein ganzes, sauer verdientes Geld zu Sprüngli und Co. und sie können den Hals einfach nicht voll kriegen. Ich zahle nicht und will in einer Haftzelle enden am 40. Geburtstag meines Bruders. Ich fordere 160 Peitschenhiebe. Ich bin so auf Krawall gebürstet, dass ich von dem Kontrolleur mit dem Hörgerät noch wissen will, wie er heißt für meinen Beschwerdebrief an die Schweizer Bahn und das Schweizer Tourismusbüro, dass weitere Schweizreisen gestrichen sind von meiner Seite, wie man hier behandelt wird, so unkulant. Er hingegen hat Gefallen gefunden an meinem Geschimpfe und er und sein Kollege bleiben neben uns, steigen mit uns zusammen aus und der Hiwi hilft Stephan noch ungefragt bei seinem Koffer, fasst mit am Griff an beim Herausheben aus dem Bus. Als Stephan die beiden nach dem Weg fragt, flippe ich erneut aus und sage, sind das Deine neuen Freunde oder was? Der Aufstieg ist steil, immer wieder Treppen und ich schimpfe weiter vor mich hin über verpopperte Schweizer, die ständig was an ihrem Garten verbessern.

Bei meinem Bruder ist Familienidylle mit Seerosen im Teich und es ist erst mal Kuchen angesagt und ich versuche meine Laune wieder in den Griff zu bekommen.

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Dann heißt es, Sekt gibt es erst später. Er muss noch ins Spital fahren. Wir begleiten ihn, weil das interessanter ist als zuhause herum hocken. Es gibt eine italienische Espresso-Bar und das will ich für jedes Deutsche Krankenhaus fordern, weil Koffein ist für Kranke so wichtig (ich spreche aus Erfahrung) und es macht so einen Unterschied, ob man Schrottkaffee aus dem Vollautoamten bekommt oder einen leckeren Kaffee aus einer coolen Gastro-Maschine wo von Hand aufgeschäumt wird. Außerdem ist es selbstredend auch besser um Besucher anzulocken, Alleine die Blumenbeete würden meiner Schwiegermutter, die mich am treusten im Krankenhaus besucht eine Freude machen und dem Schwiegervater auch.

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Mein Bruder ist bald fertig und hat nur Geschenke abholen sollen u.a. einen Blumenstrauß bei dem er uns erklärt, dass sie dafür tief in die Tasche gegriffen hätten.

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Er nennt uns einen Schätzpreis und ich schaue danach z.B. auf dem Wochenmarkt am Freitag in Zürich auf die Blumenpreise und kann Gabi nur raten mit ihrem Laden in die Schweiz umzusiedeln. Da wird man Millionär mit Floristik. Ein Wiesenstrauß mit 2 Sonnenblumen und Unkraut, der im Eimer steht, bei dem ich erst denke, geht ja bei dem Preis von 15 Franken, soll 45 kosten. Ich hatte die 1 falsch gelesen und das auf dem Wochenmarkt! Wir vertreiben uns den weiteren Tag mit Sekt, Abend essen und etwas Doppelkopf.

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Meine Eltern haben mir brav See’s Candies aus Kalifornien mitgebracht, ein Mitbringsel von Verwandten und ein Dankeschön. Die profane Schokolade wird von den Schweizern verschmäht, aber ich liebe sie. Das hat schon nostalgische Gründe.

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Wir gehen alle früh ins Bett, d.h. halten nur bis ca. halb 1 durch und dann ist mein Bruder sich selbst überlassen. Der Egoismus der größeren Schwester schlägt voll durch und daran ändert sich auch 40 Jahre danach nichts. Ich mache mir leicht Vorwürfe am nächsten Morgen. Nachts schlafe ich nicht so gut und muss ein Schmerzmittel finde und bin völlig orientierungslos und muss ganz lange überlegen, wo ist die Tür und wie komme ich dorthin, an der Wand entlangtasten, dann beim Wiedereinstieg in das Bett, in welcher Richtung liegen wir, vorsichtig nach Stephan tasten bevor ist mich irgendwo raufsetze oder raufplumpsen lasse. Das kenne ich schon von fremden Betten. Am krassesten ist es nach einem Langstreckenflug bei unseren Verwandten in Los Gatos Kalifornien, da habe ich einmal nachts die Wände einmal rings herum abgetastet bis ich die Tür fand. Ausgerechnet die haben allerdings kleine Lichter, die den Flur säumen und die Weg zum Klo beleuchten wie im Flugzeug zum Notausgang.

15.08. Ich schlafe bis 10 Uhr mit Schlafbrille, wie ich es zuvor angesagt hatte. Ich bin leider immer noch nicht fit und überlege meinen Mann alleine zum Ausflug zu schicken, aber kann dann doch nicht davon lassen. Zu verlockend ist das Ziel und auch die Reise dorthin. Zugreisen in der Schweiz liebe ich und dann noch lecker Essen mit meiner Schwägerin beim Koch der Jahres 2012 und dann die Aussicht noch mal ins coole Zürich zu fahren und hier einen halben Tag zu verbringen lassen mit die letzten Kräfte mobilisieren. Stephan schneidet meinem Vater die Haare. Ich wasche mir meine nach ca. 4 Wochen, so dass der Kopf weniger juckt, dann kleines Gepäck packen und mit meinen Eltern in die Stadt. Mein Bruder macht einen kleinen Mittagsschlaf als wir um ca. 14 Uhr gehen. In der Stadt werden die üblichen Ziele abgeklappert. Olma-Bratwurst-Stand und das Kaffee Schwarzer Engel mit dem schönen Garten und den alten Gartenmöbeln, liebevoll zusammengestellt, eine Art autonomes Zentrum in St. Gallen, was wir von Festivalübernachtungen im Gästezimmer her kennen. Die Szene ist hier sehr klein und wir sind neben einem anderen Gast die einzigen. Ich freue mich über 2 Flyer einmal über Fuck Wirtschaftsfaktor oder Wirtschaftsfucktor Winterthur – wir tanzen drauf und eine Dark Eighties Party mit DJ Jesus 66 in Tsüri- „Aufbrezeln!! Und daran denken, wahre Schönheit kommt von unten“. Wir fragen uns, wo das sein soll, Tsüri bis irgendwann der Groschen fällt.

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Daneben entdecke ich die Konditorei Gschwend, die leckerere Amaretti mit Kirschwasser machen als Sprüngli. Ich sage zu Stephan, siehst Du, Sprüngli ist Mc Donalds, aber die anderen können das auch, manche sogar besser außerdem besuche ich einen Allerweltsladen, den ich schon kenne und kaufe 2 Ringe und eine Kette aus Glasringen für meine Schwägerin. Die Verkäuferin ist zäh, weil sie mir immer Ringe und Ketten aus einer harten Naturnuss zeigen will, die ich aber ganz grauenhaft finde, Öko-Schmuck. Während ich sie konsequent ignoriere und mir einen Messingring mit Einlegearbeiten kaufe, der ausschaut wir ein Nierentisch, aber leider auch nach dem zweiten Tragen eine schlimme Allergie bei mir auslöst sowie einen rosa Glasring, hält sie die ganze Zeit einen Vortrag über die Vorzüge dieser Nuss, wie hart sie sei und wie sie sich bearbeiten liesse usw. Kurz davor ruft mich Herr PM aus der Klinik an um nach seiner Post zu fragen. Ich kriege einen Schlechtelauneanfall erster Güte und bloß schnell wieder das Handy in Flugmodus stellen.

Um kurz nach 5 fährt der Zug und meine Schwägerin holt uns ab und ist aus Zürich angereist, weil auch ihr das Zugreisen in der Schweiz Freude macht. Ich freue mich riesig als ist sie am Bahnsteig sehe. Ein junger Mann, der mit uns ein Viererabteil teilt, hört ganz schlimme elektronische Musik wahnsinnig laut über Kopfhörer und schläft dazu. Ich genieße wieder einmal die herrliche Schweizer Landschaft. Wir fahren am Zürichsee entlang und ich erkenne bald Rapperswil mit dem Steg ins Wasser. Toggenburg, Tunnel, Rapperswil. Immer wieder See und Berge.

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Stephan will sich umziehen und kommt mit weißem Hemd und Lederschuhen, aber kurzer Hose zurück. Er hat vergessen seine lange Hose einzupacken und sieht aus wie Angus Young, aber irgendwie sehr süß.

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Irgendwann wechseln wir vom Zug in den Bus und denken, der Busfahrer steht draußen und unterhält sich mit einer Reisegruppe, es ist aber eine toughe Busfahrerin mit schwarzer Sonnenbrille und die sitzt schon innen am Platz. Der Typ kommt anschließend und will noch mal die Fahrkarten sehen und fragt wo wir herkommen und notiert das elektronisch. Wir haben alle nicht verstanden, was das soll. Datenerhebung? Ohne Spaß, genau in dem Moment, wo ich das schreibe (22.08. 18:00 Uhr), findet in dem Zug von Lüneburg nach Lübeck eine Fahrgastbefragung statt. Wir sind die einzigen die Auskunft verweigern über wo kommen wir her und was ist Ziel der Reise sowie Zweck.

Dann ist man wieder gefangen von dem herrlichen Ausblick an den sauber geputzten Scheiben.

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Wir steigen aus und Restaurant ist nur ca. 30-50 Meter entfernt. Erst mal zieht es uns zur Aussichtsplattform und wir staunen über den alpinen Anblick, lauter verschiedenen Berge, die bestimmt alle einen Namen haben und unten ein See.

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Dann lockt mich eine Glocke Richtung einer abschüssigen Wiese. Hier grast eine Kuh und bimmelt vor sich hin. Ich versuche die Kuh mit: „komm mal hier her, Mäuschen“ zu mir zu locken. Das wirkt aber null.

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Dann ist es auch schon fast 19 Uhr und wir treten ein.

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Ich gehe zur Toilette und nehme mir 2 Binden mit, die kann man immer gebrauchen und treffe Stephan und meiner Schwägerin auf einer herrlichen Terrasse mit genau diesem spektakulären Ausblick.

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Die aufmerksame Bedienung, die den Wein ausschenkt bietet uns von sich aus eine Gruppenfoto an und es ist ein tolles Andenken, was zufällig an die Dreifaltigkeit erinnert, wobei ich zufällig Gottvater bin und meine Schwägerin der heilige Geist und Stephan Jesus.

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Diese Frau, die aus dem Spreewald kommt ist lustig. Ich bin dankbar für das Deutsche Personal an diesem Abend. Bei ihr darf ich bezogen auf die Fotoanfrage auch sagen: Ja, bitte vor dem Matterhorn. Ein Schweizer könnte darüber wohl weniger lachen. Meine Schwägerin klärt uns auf, dass der eine Berg ganz rechts der berühmte Rütliberg sei und wir uns in der Schwyz befinden würden, der Urschweiz. Auf diesem Berg haben die 4 Ur-Kantone geschworen zusammen zu halten und er spielt beim Schweizer Nationalfeiertag eine große Rolle. Ich sage, die Schweizer, die schwören doch bei jeder Gelegenheit einen Eid.

Das Essen ist sehr lecker. Alleine das riesige, eckige Brot mit einer feuchten schwammartigen Konsistenz ist herrlich. Das Ritual des Anschneidens mit Pantomimehandschuhen und wie die drei Stücke positioniert werden ist überkandidelt. Dazu gibt es Zweierlei Butter sowie ein zweites Brot. Später machen wir uns etwas lustig über die große Werbepostkarte des Inhaberehepaares mit Terrier, wobei das Verhältnis Käse zu Brot durchaus sympathisch ist….

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Wir nehmen das Menü. Jeder Gang wird von einer absolut spaßfreien und bierernsten Schweizerin, die null Ausstrahlung hat angesagt, heruntergebetet, dass man sich freut, wenn sie fertig ist mit ihrem Text. Der Gänselebergang ist sehr gut und ich habe hier einige Vergleichsmöglichkeiten. Mit Pfeffer und Kirsche und das tollste wurde nicht fotografisch festgehalten eine fettige Gänselebersuppe in einer kleinen Tasse. Toll.

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Der Wolfsbarsch mit Meeresfrüchten kann auch richtig was und der Kaisergranat oder was da oben drauf ist, ist zart und geht nicht gleich in eine Zahnlücke. Ich frage, die Spreewaldfrau und sage gleich dazu, dass es mich nicht stört, wann denn so eine Kuh Feierabend machen würde. Sie könne das beurteilen. Nie, kommt die Antwort und, dass das dort unten eine Mutterkuh mit zwei Jungtieren sei. Dann gibt es superdünne Pasta (von mir aus hätte der Teig gar nicht so dünn sein müssen) gefüllt mit Ricotta (?) und mit frisch gehobeltem Sbrinz, einem Käse. Dem Hauptgang, das Kalb mit dem Kartoffelpüree mit dem unaussprechlichen Namen, in einem Extratöpfertässchen, finde ich ziemlich langweilig, aber die Portion ist so klein, dass ich auch nichts abgeben mag.

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Dann kommt die junge Schweizer Gouvernante und fragt, ob wir Käse oder Dessert wollen, als müsse man sich entscheiden. Stephan entscheidet sich für beides und ich sage, auf jeden Fall esse ich hier Käse, dann eher keinen Nachtisch. Es gibt ohnehin noch einen sehr leckeren Eiskaffee-Espuma. Der Käseteller besteht aus verschiedenen Hartkäsesorten mit jeweils einer „Beilage“, getrocknete Aprikosen, Wallnüsse (hier genannt Baumnüsse) in Honig, Feigensenf sowie Oliventampenade und Früchtebrot. Der Nachtisch ist eher langweilig und wenig spektakulär. Das kann Dieter Grubert besser oder der Mann aus der Ole Deele.

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Die Spreewaldfrau erinnert uns an den Bus, den wir kriegen müssen, was ich sehr aufmerksam finde und sagt, dass die manchmal etwa vor der Zeit fahren würden. Wir nehmen den letzten Bus, der fährt um 22:11 und als dann die Chefin noch was sagt von Licht am Handy anmachen,  weil man sonst auch gerne übersehen wird bin ich vollends verunsichert und eile zur Station. Hier steht man im Dunkeln an einer Steinmauer aus großen Steinen, die noch Wärme abstrahlt und hört die Glocken der Kühe, die man nicht sieht, nur hört. Ich finde es leicht unheimlich und lasse die Straße nicht aus dem Auge und beim Anblick des Buses springe ich auf die Fahrbahn und mache große Jumping-Jack-Bewegungen m.a.W. ich will hier nicht zurück gelassen werden. Wir sind die einzigen Gäste und lösen die Fahrkarten bis nach Tsüri. Wir müssen 4 mal umsteigen und haben jeweils zwischen 1 bis 3 Minuten dazu. Alles klappt reibungslos, wir sind in der Schweiz. Im Nachhinein frage ich mich, warum macht man der Kuh eine Glocke um. Auf der Alm ist klar, aber auf einem kleinen umgrenzten Grundstück finde ich meine Kuh wohl auch ohne Glocke. Die ist bestimmt genervt vom eigenen Gebimmel beim Grasen. Kühe haben ein gutes Gehör. Man macht es wohl nur für die Touristen, oder? Und wenn man es schon für die Menschen macht warum dann nicht den Kühen Armbanduhren um die Fesseln machen. Das wäre doch auch noch was. In Zürich ist wieder mehr Großstadtflair in der Bahn, Junkies und große Hunde ohne Leine und unsere Fahrkarten gehen sogar durch bei der Kontrolle. Was für ein schöner Tag!

16.08. Heute habe ich herrlich geschlafen und geträumt und werde erst kurz vor 10 Uhr wach. Heute ist es meine Schwägerin, die schon seit Stunden auf die Spielgefährten wartet. Wir wollten zum Wochenmarkt, der beim Volkshaus ist und unsere Gastgeberin meint, das sei etwas spät angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit und weil der nur bis 11 Uhr geht. Wir sagen beide Quatsch, was meinst Du, wie lange wir brauchen. Eine Viertelstunde später stehen wir gepackt an der Haltestelle Letzigrund (leider habe ich das Aufladegerät für die Zahnbürste vergessen, was aber erst später und nicht einmal von uns bemerkt wird). Dafür finde ich ein Fahrrad meines Geschmacks gleich auf dem Weg zum Markt…

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Der Wochenmarkt ist herrlich und es gibt das schönste Gemüse. Ich kaufe eine Schale mit riesigen Brombeeren zum Sofortverzehr. In der Schweiz war schon immer meine Rede, dass man sich auf Märkten verkommt als würde man in der DDR wohnen angesichts der Qualitätsunterschiede bei den Produkten.

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Wir ziehen weiter zu einem Café, welches auch Zimmer vermietet (falls es mal eng wird bei meiner Schwägerin habe ich ihr schon angedeutet ohne Probleme in eines der lustigen Pensionen absteigen zu wollen mit den individuell eingerichteten Zimmern, die sie mal als Liste für auswärtige Besucher zusammengestellt und wir an eine Bekannte Kaffeebarinhaberin aus Hannover weitergegeben haben). Die Bedienung hier ist sehr lahmarschig und wir ziehen nach etwas Koffeineinnahme weiter, vorbei am Schweizerblindenverband und einen Retroladen Sixteen Tons, der leider erst eine halbe Stunde später aufmacht, die haben Klamotten, Platten und Möbel.

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Meine Schwägerin führt uns zu einem second hand Laden an einem kleinen Platz, den ich auch schon kenne. Dann stehen wir wie zufällig vor dem Laden meines Lieblingsdesigner Ponicanova, die umgezogen sind. Ich erfreue die Inhaberin, die sich von ihrer Partnerin getrennt hat und jetzt alleine ist mit einer Modenschau mit umziehen direkt im Laden auf einer erhöhten Ebene und sie lobt meine Kombinationsgabe. Ich habe die Boxerschürze von Heike aus Berlin mit dem von Heike dazu genähten Tirolerhütchen an. Ich mag die Sachen dieser Designerin sehr gerne und kaufe seit Jahren nur noch gebrauchte Klamotten oder dann so etwas. Ich muss ihr allerdings gestehen, dass ich von den insgesamt 6 Teilen nur die 2 Röcke und einen Hosenrock viel trage und die Oberteile leider gar nicht. Sie sagt, das Geschäft sei sehr schwer und konsequenterweise kaufe ich mir einen Cordrock in dezent metallic-blau, der leicht steif fällt solange ich noch die Gelegenheit habe. In dem Laden nehme ich lustige Flyer mit u.a. vom Welschland, einem Laden, der Wurst und Käse aus der französischen Schweiz verkauft.

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Der ist zum Glück gleich um die Ecke und wir statten einen Besuch ab. Es sind zwei Männer im Laden, einer davon ist korpulent und hat ein rundes Gesicht geziert mit einem Bart. Er verzieht keine Miene und ich habe den Eindruck er versteht mein schnelles Hochdeutsch nicht. Dann wiederum lacht er ganz affektiert an komischen Stellen und Stephan und ich müssen beide an Men in Black Teil 1 den Alien an der mexikanischen Grenze denken, der wirklich ein Alien ist und keine mexikanischer Einwanderer und daher die Anmachen der MIB-Ermittler wie: „Deine Mutter ist aber auch ne fette Kuh“ immer mit einem lakonischen hahaha beantwortet und so entlarvt werden kann. Der andere macht ganz tolle Wurstkunst u.a. Wurst, Schinken und Salamiplatten aus Papier, die auf Porzellanteller dekoriert die Wände zieren und gleiche Orden aus Wurst sowie eine quasi Flagge, die auch einem Stück Stoff besteht, was superrealistisch wie ein Stück Speck ausschaut mit allem Schichten und Fett. Wir teilen uns eine Baguette des Tages und Mr. Alien ist enttäuscht, dass wir uns nur eins nehmen obgleich wir zu dritt sind. Wir kompensieren das mit Eiskonsum, weil er ganz tolles, eckiges Eis am Stiel in der Tiefkühltruhe hat mit metallic Retro Verpackungen und innen ist es zweigeteilt, z.B. Himbeer und Vanille und es schmeckt köstlich. Gleich nehme ich mir das als Hütchenobjekt vor. Wie sein Freund, der die Eispackungen ausgestopft und mit dem Holzstiel versehen gerahmt hat. 5 Stück essen wir insgesamt und immer muss die Verpackung schön ordentlich ausgeleckt werden. Ich muss mir den Schaumstoff zuschneiden lassen überlege ich später.

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Ich nehme noch mehrere Flyer mit in denen für Absinth geworben wird. Es gibt Geschenksets mit Schnaps und Löffeln sowie eine Absinthzapfstation mit 4 Hähnen und ein herrliches Logo auf dem eine schwarze Katze das trübe Schnapswasser wie Milch leckt, außerdem ist offenbar den Inhaber der Fabrik zu sehen, der reichlich durchgeknallt und skurril ausschaut, wie er mit seinen riesigen Händen vor den 20er Jahre Plakaten das Getränk einschüttet. Auf der Rückseite sieht man Feldarbeiter bei der Ernte von hohen Gräsern, die dann zu Hexenbesen gebunden und in einer Höhle aufgehängt werden. Es ist das Wermuthkraut. Daneben ist wieder ein Retroladen mit Platten, der tolle alte Quartettspiele in einem Ständer in der Auslage hat. Ich muss meine Begleiter wieder aufhalten und gehe rein und kaufe Autos 1976 für 10 Franken und dann noch 2 Aufnäher, einen englischen Hund „Old English Sheep Dog“, den ich meiner Cousine in Liverpool, die Tierärztin ist schicken will und einen kleinen mit dem Jungfernjoch für mich, als der Typ dafür wieder 10 Franken haben will handele ich und sage, der mit dem Jungfernjoch ist ganz klein und ich bin wie Tina Turner, ich kann mir auch nicht alles leisten und er gibt 2 nach und ich sage, das ist wieder ein halber Espresso bei Sprüngli, den ich gespart habe. Er sagt, dass die Japaner den Berg lieben würden bezogen auf meinen kleinen altmodischen Aufnäher und ich frage: ich dachte das Matterhorn? und er: da müsse man wandern, beim Jungfernjoch sei eine Gondel. Ich bekenne mich sofort zu den Japanern und sage, dass ich Berge auch wahnsinnig anstrengend finde. Das leckere Eis von nebenan kennt er schon. Dann gibt es noch mal einen Koffeinzwischenstopp bei einem Portugiesen, den wir schon kennen. Leckeren Kaffee und tolle Zuckerverpackungen mit Schweizer Städten darauf und hinten immer Karte mit dem Standort, dem Kanton und der Flagge usw. Essen mag keiner was. Gegenüber bei der Elektrohandlung gibt es alte Kaffeetassen und Kannen als Lampen umfunktioniert mit Stoffkabel und selbstgebaute Etageren mit verschiedenen Tellern.

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Da ist langsam schon deutlich nachmittags ist und meine arme Schwägerin den ganzen Tag ihre Markteinkäufe mit sich herumtragen muss und Stephan das Gepäck gehen wir wiederum zum Bahnhof und fahren erneut nach St. Gallen, diesmal Bruggen.

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Im Zug macht Stephan ein Nickerchen. Gegenüber sitzt eine junge Schweizerin, die Neon liest und sich die Fingernägel lackiert, was ganz schön stinkt. Als die Fahrscheinkontrolle kommt, spricht die Frau französisch. Der Zug kommt aus Lausanne. So ist das hier. Beim Haus meines Bruders sind mittlerweile anderen Gäste angekommen, Schwiegereltern im Wohnmobil und Schwager und Freundin, sowie Freude, die aus Wien angereist sind, die Frau ist schwanger. Es gibt um 19 Uhr Spagetti Bolognese und ich werde nicht alt an diesem Abend und ziehe mich gegen 22 Uhr zurück.

13.08. Aufbruch zu den Eidgenossen

Fast den ganzen Tag „krampfen“, wie der Schweizer sagt, fast 14 Tage krank dann verdunkelt sich der Himmel und es regnet. Wir fahren S-Bahn Richtung Flughafen. Die Gepäckkontrolle in Hannover kennt mich schon. Während der Mann am Einlass mein Quark-Hütchen kritisch beäugt, mache ich es ab und lass es durch den Scanner fahren. Mein Plastikschmuck piept nicht und ich bekomme einen Daumen nach oben vom Personal für die Vorstellung. Das Hütchen hatte schon beim Türken an der Ecke für Aufsehen gesorgt (was durchaus ungewöhnlich ist, weil sich hier sonst keiner hinterm Ofen hervorlocken lässt). Was da drin sei. Ich sage Quark aus der Schweiz. „Zaziki, ne?“ kommt die Antwort. Das ist schon ganz gut, das sind schon 9 von 10 Punkten. Im Duty Free Shop gibt es nur Lächerlichkeiten in Hannover (Weißwurstset in einer Dose!!).

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Wir fliegen Swiss. Eines muss man zu Protokoll geben, das leckere Essen bei den Schweizern merkt man schon im Flieger. Im Boardmagazin lese ich was Schweizer Gruyère (Werbung für Schweizer Käse) und daneben steht: Auch hier an Bord. Da freut man sich auf den Imbiss und zwar zu Recht. Bei Air Berlin gibt es Wasa-Sondermüll mit irgendwelchen „Tomaten“- Füllungen, unessbares Plastikessen. Hier gibt es kleine Baguettes mit Käse oder Vollkorn mit Schinken (auch lecker). Positiv fällt weiterhin auf, dass sie nicht in Tonnenweise Plastikmüll eingeschweißt sind, sondern einfach in einer Serviette eingewickelt und so auf die Hand serviert werden aus einem Karton. Dann gibt es Schweizer Schoggi. Die Stewardessen verteilen die restlichen Brote und bieten den Rest an, der sonst im Müll landet, auch ein sympathischer Zug. Stephan fragt nach der Schokolade. Die Antwort kommt prompt. Dazu müsse er noch ein Brot nehmen. Das ist kein Thema. Dafür soll er ruhig 2 Schokoladen nehmen. Ich sage: bettelt meiner wieder? Im Boardmagazin wird weiterhin für Chicago geworben. Drittgrößte Stadt der USA und Lake Michigan 5 größter See der Welt, größer als die Fläche der Schweiz. Werbung wirkt bei mir. Ich will da mal hinfliegen und schneide gleich Restaurantempfehlungen aus. Vietnamese Sandwichs und Deli mit Bakery. Neben uns in der Dreierreihe sitzt ein gut aussehender Schweizer Geschäftsmann mit schöner Brille, aber ich weiß, wie man sich sexy verhält als Frau z.B. 60 Kilometer vor der Landung beim Anblick eines Sees sagen: das ist der Zürich-See. Ich merke, dass er sich kaum beherrschen kann und in der Tat werden wir aufgeklärt Bodensee, Rhein, Rheinfall, Schaffhausen. Den Zürichsee zeigt er mir auch noch. Der ist hinter den Hügeln versteckt beim Landeanflug. Ich sage: „und das sind die Alpen, ne?“ und er gibt mir Recht: Ausläufer der Alpen und dann sage ich: Berge sind schön und gut, aber wahnsinnig unpraktisch zum Rad fahren. Auch diese Bemerkung verfehlt ihre Wirkung nicht. Daneben kann ich nicht widerstehen den spektakulären Himmel zu fotographieren mit dem Handy und frage mich laut, ob das ein elektronisches Gerät ist und ich das überhaupt darf von wegen: noch ein Foto und dann ist gut nicht, dass wir wegen mir abschmieren.

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Als mir der Zürichsee vom Nachbarn gezeigt wird bzw. die Lage erklärt, weil sehen kann man ihn, höchstens erahnen, erklärt er mir zugleich, dass wir einen Umweg fliegen müssen, weil die Deutschen, die dort wohnen sich über den Fluglärm beklagen. Ich sage, welche Deutsche? Das ist total unbewohnt auf deutscher Seite, das Gebiet. Das würden die Schweizer auch sagen, sagt meine Schwägerin und heute (21.08.) ist es in der Taz zu lesen: „Prosteste: Alles alte Egoisten? Was ein Gießener Forscher im Auftrag der Stiftung Marktwirtschaft über Flughafengegner herausgefnden haben will.“

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Nach der Landung erst mal auf die Damentoilette rennen und leckeres Schweizer Leitungswasser zapfen und die herrliche Werbung bewundern.

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Meine Schwägerin steht hinter der Glastür. Neben ihr ein sympathischer Kerl, den ich gleich mitnehmen will zum Essen und meiner Schwägerin quasi als Schweizer Blinddate auf’s Auge drücken, der sein Patenkind abholt, wie sich herausstellt, die von einer Flughafenmitarbeiterin auf einem kleinen Auto gefahren wird. Wir vertreiben uns mit Geldscheinen durch die Glasscheibe schieben die Zeit bis zur Ankunft des Gepäcks. Sowohl Schweizer Franken als auch Euros passen durch und es sieht lustig aus, wie ein gläserner ATM.

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Meine Schwägerin kauft uns 24 Stunden Tickets und wir steigen in die Bahn. Neben uns ein Schweizer Geschäftsmann (Bereich Fotographie, wie er auf Nachfrage angibt) der sich mit einem unterarmtätowierten stämmigen Mann unterhält, der gezeichnet ist von 3 x wöchentlich Blutwäsche (dicke Beulen am kräftigen Unterarm) und auch Gesprächsbedarf hat. Er hat als Straßenbahnfahrer gearbeitet.

Wir gehen ins Volkshaus und ich bin überglücklich. Herrlich die großen runden Fenster zum Platz. Oben kann man ein Bad mieten, wie im Haus des Tak früher, öffentliche Badeanstalt. Unten pelzige, gestreifte Tapeten und Séparées, die den Raum unterteilen und hinreißende, zierliche Bedienungen in Retro-Klamotten. Schwarze kurze Kleider mit schönen Knöpfen und weißen Schürzen. Unsere sieht aus wie eine sehr zierliche Italienerin. Wir trinken einen Aperitif, der schon halbwegs blau macht und eine Flasche Wein mit dem schönsten Nostalgieetikett. Das Essen ist super und preiswert für Züricher Verhältnisse. Die Peperoni (das sind Paprika)-Himbeer Kaltschale, die Stephan als Vorspeise wählt, ist ein Gedicht und kostet nur 10 Franken. Auch mein Lattichsalat mit Sardellendressing und Parmesan (sonst auf der Welt bekannt unter dem Namen Caesar’s Salad) mit Pouletstreifen schmeckt traumhaft. Ich denke erst an die TCM Empfehlungen von wegen warmes Getreide zum Frühstück und warme Suppe abends, aber entscheide mich dann für den bösen, kalten Salat, weil ich nicht widerstehen kann und Poulet in der Schweiz einfach viel leckerer schmeckt als die Fabrikgeflügel, die wir hier vorgesetzt bekommen und es lohnt sich. Auch Kathrins Vorspeise, der geräucherte Saibling mit Rahm-Gurkensalat sowie mein Lachstatar mit Toast und Schweizer Butter, alles lecker. Ich bin glücklich.

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Auch der Nachtisch, speziell die Cantuccini zu der Ricottacreme sind superlecker. Die hat einer selbstgemacht, wenn nicht das Volkshaus, dann doch eine Konditorei und es löst die reinsten Cantuccini-Fixiertheit bei mir aus und selbst in St- Gallen kaufe ist noch welche bei Gschwend (einer Konditorei am Markt).

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Meine Schwägerin insistiert darauf, dass es für mich, dann für mein Tagebuch, wo ich mich ständig daran erfreue, abgemacht wird von unserer Bedienung, was sie dann auch erledigt.

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Auch die Toiletten sind ein Traum, die Fliesen sind superschön und die Waschbecken sowie der Weg dorthin, eine Gummizelle aus kariertem Wollstoff. Ich finde es herrlich und irgendwie sehr stillvoll, fast schottisch anmutend. ich mag auch das herrliche Logo des Volkshauses mit dem trotzigen Mädchen mit den geflochtenen Zöpfen und die hölzerne Kinderstühle, leicht Adams Family. Alles ist stimmig.

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Gegenüber ist ein Schulhof, in dem Openair Kino gezeigt wird am Wochenende und der sonst als Biergarten fungiert mit Bäumen und Kies. Samstag ist hier Flohmarkt. Wir nehmen einen Absacker. Es sind lustige alte Hunde im Schulhof ohne Leine unterwegs und lässige Betreiber, die Getränkekarte kann sich sehen lassen. Ein Typ setzt sich neben mich auf die Bank und meint,  Ausländer? und ich sage Touristen mit Fingerzeig auf die beiden riesigen Koffer, die vor mir stehen. Ich frage ihn, ob die stören. Er verneint und fragt: Hotel? Nein, wir sind schon versorgt. Dann schaltet er sein Handy auf laut und beschallt uns alle mit „She’s gonna like, she’s gonna like, she’s gonna like…cocaine.“  Bald fahren wir zu unserer Gästeunterkunft, wo die Betten schon gemacht sind. Ich lege mich schlafen und freue mich hier zu sein.

21.07. Hot Stuff

Angesichts dessen, dass wir in der Kaffeebar zum frühstücken verabredet sind, packe ich meine Sachen, die überall im Zimmer verteilt sind zusammen. Alles macht Geräusche, weil es entweder in einer Plastik- oder einer Papiertüte ist und ich habe auch den Eindruck, wenn ich versuche leise zu sein, wird es umso lauter und ich raschele als wäre ein Verstärker im Spiel. Stephan moniert meine Aktivitäten und ich sage: wir müssen eh aufstehen.

Nach einem völlig opulenten Frühstück, verabschieden sich die Hamburger Jungs. Mit den Freunden aus Lübeck geht’s weiter in die Prinzesinnengärten zum Flohmarkt. Da hier nur Elfenkleidung in Gr. 36 im Angebot ist, muss ich nichts kaufen. Nur 2 Ringe gehen ins Netz. In Kunstharz gegossen, ein Hahn mit rotem Kamm und ein grüner Faden vor goldenem Hintergrund. Als die Verkäuferin mir von ihrer Da Wanda Seite erzählen will, lehne ich dankend ab.

Als wir gehen wollen, möchte ich auch noch mal aufs Klo. Diese sind in einem Bauwagen untergebracht und ich bewundere die Griffe an die Toilettentüren, die aus gebogenen Gartenschläuchen in grün-gelb gemacht wurden und freue mich über den Ideenreichtum und das gekonnte Improvisieren. Ich bin an der Reihe und positioniere mich vermeintlich über der Kloschlüssel in Skifahrerbergabschussfahrposition und lass laufen. Dann merke ich zu meinem Entsetzen, dass ich irgendwie die Schüssel wohl verfehle und in einer Lache aus Urin stehe, die aufgrund der Neigung des Wagens schnell Richtung Ausgang fließt unter der Tür hindurch. Ich greife nach dem Klopapier und versuche den Strom aufzuhalten, was utopisch ist. Den Urin unterbrechen kann ich aus anatomischen Gründen nicht. Dann klingelt mein Handy in der Tasche. Unpassender geht nicht. Ich stürze aus dem Wagen weil es mir so peinlich ist, was ich da angerichtet habe und sage zu Stephan, wir müssen ganz schnell abhauen. Ich habe hier Hausverbot oder bekomme gleich welches. Ich schaue dann nach um verwundert festzustellen, dass mich „home“ angerufen hat. Meine leer stehende Wohnung?  Ich sage, das kann nur der Nachbar sein, der die Blumen gießt, Stephan soll mal zurück rufen und in der Tat hatte sich dieser aus der eigenen Wohnung ausgeschlossen und suchte den Zweitschlüssel in unserer. So gesehen, alles gut und dafür darf man auch mal die Nachbarn im Urlaub anrufen. Der Gute konnte ja nicht ahnen, in welcher Lage er mich gerade erwischt.

Avocado

Wir ziehen weiter an einem schicken Kücheneinrichtungsladen

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und öffentlichen Pflanzenzäunen

Berlin gehängte Blumen Berlin Blumen aufgehängt

zu einer Eisdiele und nehmen ein paar Kalorien zu uns. Jetzt fahren auch die Lübecker.

Berlin Steinziege

Die Sanduhr erinnert uns daran, dass auch unsere Zeit in Berlin bald abgelaufen ist.

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Wir bringen die Fahrräder zurück und kaufen einem Alki eine Tageskarte für 2 Personen für 4,- € ab. Ich bin erst dagegen, weil wir gar nicht wissen, wie die überhaupt aussehen müssen, aber stimme dann doch zu. Gepackt war ja schon. Der letzte kalte Tee wird in die Sigg-Flasche gefüllt und dann gehen wir vollgepackt mit unseren Sachen und mehr Taschen als sonst. Die Eitelkeit ist ja schon dem ein oder anderen zum Verhängnis geworden. Ich bestehe darauf, dass Stephan mein Tagesoutfit fotografiert und hänge meine Basteltasche an den praktischen Metallzaun, der als Haken fungiert. Schließlich habe ich heute ein neues Hütchen auf, gefilzt und genäht von Heike. Es sollte ein Auto werden, hat aber nun seine wahre Bestimmung gefunden….

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Dann auf zur U-Bahn und noch mal zu Brigitte. Sie und Arnd haben sich angeboten, die unersättlichen Gäste noch mal zu ihrem Stammfranzosen zum Essen zu begleiten. Da ich in der Küche Flyer ausschneide, fragt mich Arnd, ob ich Sammelmarken ausschneiden würde. Ich darauf, nein, ich bastele Collage-Postkarten. Dann stellen wir fest, dass ich das super im Zug machen kann und ich will Brigitte noch welche zeigen. Die ich aus dem Mind Cookies Flyer mit dem geilen Zitat, was sie gefunden hat gemacht habe, komme aber darüber hinweg.

Wir sitzen auf der Eberswalder Straße und machen mal was ganz Neues, wir essen zur Abwechslung was Leckeres. Es gibt Blätterteig mit Kapern, Oliven und Schinken gefüllt und eine kalte Ratatouille sowie ein Carpaccio aus Ente- und einem andern Fleisch. Ich weiß es nicht mehr. Creme Brulée in sehr lecker.

Les Valseuses gef Crepes Les Valseuses Carpaccio Les Valseuses Burrata

Just als wir los wollen, ist der Taxistand gegenüber auf einmal verwaist und es fahren auch keine Taxen vorbei. Die Gastgeber, die uns zum Essen eingeladen haben, werden nervös. Jetzt ein Taxi per Telefon bestellen, dauert auch zu lang. Arnd geht vor zur Kreuzung und ich wundere, dass ein Taxi vorfährt und anhält, obwohl ein Gast drin sitzt. Es ist Arnd, der das Taxi besorgt und mit ihm vorgefahren ist. Sehr coole Aktion.

50 Euro Streetart

Der Abschied in Etappen hat die letzte Etappe erreicht. Ich bin traurig, aber auch erfüllt von den ganzen Eindrücken. Der Taxifahrer erklärt uns, warum auf einmal alle Taxen wie vom Erdboden verschluckt waren, weil die Sonne gleich untergeht und es Ramadan ist und die Fahrer dann alle nach Hause fahren zum Essen. Auch verständlich.

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Unser Zug, der 21:07 fahren sollte hat 40, dann 45, dann 50, dann 55 Minuten Verspätung. Ich ärgere mich über die Durchsagen der Bahn, die Verspätung sei wegen eines Defekts an einem anderen Zug. Und der gehört wohl nicht zur DB oder was? Gute Ausrede. Ich fotografiere eine Frau vor mir, vor einem Nilpferd, vor dem Vollmond.

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Ich sitze am Gleis auf meinem blauen Hartschalenbeautycase und schneide mit der kleinen Reiseschere weiter klitzekleine Graefe-Kiez Girlanden aus einem Flyer. Auf einmal merke ich, meine schwarze Basteltasche ist nicht mehr da. Panik. Wo ist sie? Bei Brigitte in der Küche unter dem Tisch. Dann fällt mir das Posen ein und ich weiß, dass ich sie am Biergartenzaun habe hängen lassen und einfach nach dem Foto gegangen bin. Der Akku vom Handy ist leer und Stephan geht sofort die Vermieter anrufen. Der hat gerade Hochbetrieb in seinem Biergarten und kann nur rausschauen und feststellen, dass da keine Tasche mehr hängt. Er meint, vorhin eine gesehen zu haben bzw. wie jemand sie abgehängt hat. Jetzt ist sie weg, meine See’s Candies Tasche aus Tokio mit See’s Candies Tokio Button und einem selbstgemachten See’s Candies Button aus Kalifornien in metallic grün und der Inhalt. Ich kann es mir schön noch mal auf dem Foto anschauen, wie sie da hängt und ich dämlich daneben stehe.

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Unsichtbar für den Betrachter ist sie gefüllt mit ca. 24 Tuben Acrylfarbe, einmal Wasserfarbe Hautfarben extra. Eine Schachtel Buntstifte, die sich mit Wasser verwischen lassen aus Wien in einer Papierhülle, ein Anspitzer der Hagia Sofia aus Istanbul aus Holz mit 2 Größen, 4 Gel-Stifte von Top Modell, 3 schlanke Highlighter in Neon-Farben aus Paris, 2 Pritt-Stifte, ein Pinsel, zwei Kugelschreiber, einer mit 4 Mienen in unterschiedlichen Farben, rot, grün, blau, schwarz und ausgeschnittene Schnipsel, Postkartenrohlingen, eine selbstgebastelte Urlaubspostkarte der Hannoveraner Gäste aus Mallorca (mit unserer Adresse) sowie die Collage-Postkarte, die ich in Berlin gebastelt habe. Ich könnte heulen und merke die ganze Übermüdung in mir aufsteigen. Die Füße fühlen sich an als würde Sand in den Schuhe an ihnen kratzen, überempfindlich. Ich habe noch nie selbstgemachte Postkarten verloren und nehme die immer mit ins Handgepäck, weil ich sie nicht aus der Hand geben will. Ich bin ein Kontrollfreak mit 1 Milliarde Sache. Die Erinnerungsstücke sind schon schlimm genug, aber die gebastelten Berlin-Collagen sind bei weitem das schlimmste. Ein Appell an meine Berliner Freunde, wenn ihr jemanden mit einer schwarzen kleinen Jutetasche mit weißem See’s Candies Aufdruck und zwei Buttons darauf seht…. oder soll ich ein Lösegeld anbieten. Ich weiß es nicht. Ich habe richtig Kontrollzwang und will mir alles noch mal besorgen und es nachbasteln. Das Schwunz (?) Magazin, Schwules Berlin, den Mind Cookies Flyer aus der Pappelallee, die Tim Raue Beilage in der Rechnung mit pinker Schrift und Vögelchen und der Anfrage, ob man den News-Letter will. Alles was ich zum Basteln benutzt habe, aber das geht schon nicht, weil ich Überschriften aus der Haz mit „brutalster Drogenhändler gefasst“ mit Ausschnitten aus der Apothekenzeitschrift verwurstet habe und Leibniz auf einem Segway mit einem Hepatitisvirus usw. Das kann ich gar nicht rekonstruieren, aber wenn ich es jetzt mit noch so viel Ehrgeiz tun will, damit die Welt wieder in Ordnung kommt. Es waren sogar noch Ausschnitte vorheriger Reisen, Überschriften der Kronen-Zeitung aus Wien, die noch unverbastelt waren drin. Immerhin habe ich jetzt Buttermusch als Schreibtherapie. Ich verliere selten was, aber wenn ist es immer mit einem schweren Traums verbunden. Heike hat mir einen goldenen Fliegenflügel geschenkt an einer langen Perlenkette, der auf meinem Bauch hing. Da ich diesen mit der Zange abgemacht und probehalber an ein Hütchen befestigt und dann wieder rangemacht und die Öse nicht richtig verschlossen habe, will ich ihn im Biergarten vorzeigen und es baumelt nur die leere Kette um meinen Hals, die so schön im Wind geflattert hat. Er ist weggeflogen. Meine Begleiter merken meine Betroffenheit und schlagen vor zurück zu fahren. ich lehne nur ab angesichts der Sinnlosigkeit der Unterfangens, suche aber noch die unmittelbare Umgebung ab. Ich sage, so Elfenkram will einfach nicht bei mir bleiben und versuche es zu überspielen weil schon das schwer zu verkraften ist, aber meine eigenen Collagen, die jemand mitgenommen hat und nicht wieder rausgibt, das ist zu viel für mich. Werde ich jetzt in der Psychiatrie landen? Immer wieder stelle ich mir verschiedene Szenarien vor, was passiert ist. Es ist zwanghaft, aber ich finde keine Ruhe. Ich würde viel Geld dafür geben, wenn ich sehen könnte, wo die Sachen abgeblieben sind. Ob mich das dann allerdings wirklich befriedigt weiß ich nicht, da auch das nur in meiner Phantasie geht (Lola rennt mäßig, in Zeitraffer, sehe ich, wer sie abhängt, nach Hause nimmt, dem Kind die Stifte gibt, den Rest ins Altpapier)…..

Im Zug lese ich eine Email von Heike, die sich für den Abend bedankt und mir schreibt, dass ihr Taxi-Fahrer ihr nachts bei der Heimfahrt den komischen Lagerfeuergeruch erklärt hat. Der Festsaal Kreuzberg ist abgebrannt. Muss ich das jetzt relativieren, weil wir noch leben und nur meine Sachen, also ein Teil von mir fehlen? Ich habe keine Enkel, denen ich spannende Geschichten erzählen kann, wie wir um Haaresbreite dem Feuer entkommen sind oder auf dem letzten Hip Hop Konzert im Festsaal Kreuzberg waren. Ich bin einfach nur traurig und denke, ich war offenbar überfordert oder sowas kommt von sowas.

Es ging mir in der Vergangenheit schon so, dass ich dachte, Berlin ist zu viel für mich. Eine Reise ist schön, aber dann ist der Akku auch leer und muss wieder aufgeladen werden zwischen Grünflächen und Kleingärten und es gibt Platz auf den Radwegen. Dort leben könnte ich nicht, weil es mich zu viel Energie kosten würde. In der Provinz kann ich mich mehr erholen und habe keine Reizüberflutung. Ich habe das Gefühl, dass sich hier um die Hasen gekümmert wird, während in Berlin einfach viel mehr Menschen auf der Strecke bleiben. Es ist wie Krieg und überall liegen Verletzte, aber es gibt zu wenig Helfer und man stumpft ab. Hannover ist meine Wohnung mit Putzfrau. Etwas Chaos, aber im Rahmen. Es gibt noch eine Instanz, die dem etwas entgegen setzt. Berlin ist meine Wohnung ohne Putzfrau oder anders: Hannover ist wie Hangover Teil 1, es kann zwar ordentlich aus dem Ruder laufen, aber es ist dann irgendwie noch lustig und geht gut aus, Berlin ist drüber, wie die Apokalypse oder eine Vorstufe davon. Das sollen mir die Berliner Freunde nicht übel nehmen, weil Urlaub in der Hölle mache ich schon gerne.

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Ich muss nur zusehen, dass ich nicht zu lange am Feuer bleibe, weil ich mich sonst verbrenne. Der letzte Berlinbesuch vor ca. 1 ½ Jahren dauerte 1 Übernachtung. Diese 4,5 Tage kommen mir vor wie 6 Wochen. Ich muss die Sache vorsichtiger dosieren. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

Apropos Hölle. Was richtig Hölle ist, ist bei dem heißen Wetter Armreife tragen 5-7 Plastikarmreife links und mehrere Elastikarmbänder rechts. Es ist schwitzig unter den Dingern ohne Ende und mein linker Arm sieht in der Mitte käseweiß und fast abgestorben aus, als wäre er im Gips gewesen und das alles wegen der Dingern. Ich nehme mir vor, sie hin und wieder zumindest beim Fahrrad fahren in die Tasche zu tun, damit die Sonne an die entsprechende Stelle kommt und Wind usw. Das ist dann herrlich, ohne. Aber dann will ich die passenden Farben wieder und mein Outfit geht nicht ohne und quäle mich weiter. Diese Eitelkeit ist schmerzhaft. Selbst unter den Plastikringe an den Fingern schwitze ich und will sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit ablegen, aber weglassen? Das kommt nicht in Frage, durchziehen heißt die Parole. Ich bin ohne Armreife nicht lebensfähig.

20.07.2013 Hausnummernfotos zum Jahrestag

Vor ein paar Jahren hatte ich die Idee, dass ich mich an meinem Geburstag immer vor der entsprechenden Hausnummer fotografieren lasse. Das mache ich seit ca. 8 Jahren, leider nicht jedes Jahr regelmäßig. Ich fand es dann auch schade, dass ich nicht früher damit angefangen habe und das nahm mir den Ehrgeiz und irgendwie fehlt mir auch die Konsequenz. Hier das diesjährige Foto mit einem neuen Hütchen sowie einer neuen 2,- € Bluse:

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Nach einem Frühstück im Graefe-Kiez, geht es wieder zu Heike zurück. Stephan findet dieses Programm nur mäßig abwechslungsreich, aber er ist geduldig. Hier wird weiter gebastelt und es gibt leckeres Mittagessen (nur eine Kleinigkeit, wie Georg betont).

Georg Pasta Erbsen

Heike beschenkt mich mit einer selbstgenähten Bluse und Mütze dazu (sehr bunt, sehr kunstvoll genäht) und näht mir an einer gelben 70er Jahre Nähmaschine eine Hundeschürze mit eine Hundestich, den diese Maschine zur Verfügung hat.

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Wir fahren zum Chinesen Tian Fu zu dem ich eingeladen habe nach Charlottenburg. Ich mag die Berliner Kennzeichen. Meine Lieblingskennzeichen sind B: IG; B: UH und B: TM. Ich finde die Radwege katastrophal für deutsche Verhältnisse und unwürdig für die Hauptstadt. Sie sind schmal als wäre man in Stadthagen (d.h. die haben ganz ordentliche Radwege, da muss ich sie in Schutz nehmen, bei allem was ich sonst gegen Stadthagen habe) und mit einer scharfkantigen Trennwand aus Pflastersteinen vom Fußgängerweg abgetrennt, so dass man nicht überholen kann und höllisch aufpassen muss nicht richtig auf die Klappe zu fliegen und ich denke ich die Worte des Taxi-Fahrers vom ersten Abends, der beim Thema Leihräder zu uns meinte, dass wir vorher Organspendeausweise ausfüllen sollten. Wahrscheinlich dient dies dem Schutz der Fußgänger vor den total gefährlichen Radfahrern.Die Aussicht ist schön und in einem Park in X-Berg werden weiße Ballons wie zur Feier des Tages mit Gas gefüllt.

Berlin weiße Luftballons

Wir halten kurz in einem anderen Park und ein Mann mit einer altmodischen braunen Kamera um den Bauch kommt auf mich zu und lobt mein Hütchen als originell.

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Ich bin erst anti und unfreundlich und denke, der will mich gleich fotografieren. Er fragt mich, ob ich Deutsche sei und sagt, sie seien Franzosen auf sich und seine junge Gruftie-Tochter bezogen. Dann wollen sie meinen Halschmuck anschauen und wissen, ob das chinesische Zeichen seien. Ich bejahe. Und was sei drin? Die Schale von Pumkin Seeds, meine Antwort. Dann die Gothik-Tochter: „Is it for luck?“ und ich zu ihr: „I don’t believe in luck“. Dann geht die Fahrt weiter.

Alle 13 Gäste treffen ein. Sie beschenken mich reichlich mit Fotobüchern, an denen sie mitgewirkt haben,

Toast Hawaii Used Females_edited Becherdackel

französischem Aperitif, grünem Tee, einem Jerwitz-Gutschein (Kunstbedarf Hamburg), Handschellenfahrradschloss, was ich in Kopenhagen so toll fand (hier die passende Verpackung):

Geb Paket M+M

sowie einem Porträt von mir und das habe ich mir insgeheim immer gewünscht.

Anna gemalt von Katrin

Da sie sich unter einander zum Teil Jahrzehnte nicht gesehen haben, ist es ein besonderer Abend. Es ist harmonisch, aber wir hinterlassen ein Schlachtfeld auf dem Drehteller

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Das Essen war scharf (szechuan Küche)

Tian Fu Chilischote

die Damentoiletten herrlich dekoriert

Tian Fu Garnelenkampf Tian Fu Garnelenkampf 2

und ziehen weiter in unseren hauseigenen Biergarten. Auf dem langen Weg zurück von Charlottenburg zum Kotti riecht es auf den zweiten Hälfte der Strecke total nach Lagerfeuer und Plastik. Einmal müssen wir nach der Richtung fragen. Immer gerade aus, Admiralbrücke und dann immer weiter. Ich bin richtig froh wieder in meinem Kiez zu sein.

Im Biergarten dürfen wir bis 3 Uhr morgens verweilen und lachen und ausfallend und laut sein, weil Arnd die Mitarbeiter kennt. Er gibt eine Runde Obstler aus zum Schluss. Ich genieße den Abend sehr. Alte Freunde, die einen durch’s Leben begleiten. Das ist ein Privileg. Nächstes Jahr will ich in dieser Konstellation in Wien feiern, verkünde ich vollmundig. Ich weiß auch schon in welcher Gaststätte. Das Essen, vor allem die Weine und der Nachtisch wird sich steigern gegenüber dem Chinesen. Es ist gut, wenn man noch Ziele im Leben hat und meine Liebe zu Wien ist ja hinlänglich bekannt. Es ist die Mischung aus tierlieb und pervers auf die ich besonders abfahre sowie das Essen und die Kaffeehäuser:

 Buttermusch Einladung Wien Vogelkäfig

19.07. The real meaning of „flow“

Vor dem Yoga trinken wir einen Kaffee auf der Oranienstraße. Gegenüber ist ein Köfte-Laden, der 24 Stunden geöffnet hat. Da frage ich mich wirklich, ob sich das lohnt. Zwischen 4 Uhr morgens und 11 Uhr vormittags scheint mir die Köfte-Nachfrage sehr gering, so auch an diesem Vormittag um 10 Uhr. Im zur Straße hin offenen Café läuft im Hintergrund David Bowie, aber die Malen nach Zahlen Pony-Bilder an der Wand holen mich aus den 80ern zurück in die Gegenwart.

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Michi holt mich ab mit seinem Leihfahrrad. Der Yogakurs wird in Englisch unterrichtet und ist gut besucht. Ich finde es total aufgesetzt an welchen Stellen hier völlig automatisiert yogisch-philosophische Hinweise und Ratschläge erteilt werden von dem jungen Ding, die man im Übrigen auch alle schon mal gehört hat und die einfach aus dem Zusammenhang doziert werden. Erst macht man Yoga für den Körper, dann merkt man, dass der Geist ruhiger wird….. Du bist nicht Deine Gefühle und Gedanken und kannst Dich davon distanzieren, usw. usf.  Die junge Frau in schwarz, die aussieht wie die Sängerin der B-52s in jung und als Yogalehrerin, übrigens auch leicht von der Frisur her, zieht das Ashtanga-Programm durch. Das mag ich an dem Yoga nicht, dass es immer gleich läuft, wie Mc Donalds, egal wo Du auf der Welt hingehst, weißt Du was Dich erwartet, Sonnengruß A, Sonnengruß B usw. Sie will mit uns üben im Sitzen die Beine vom Boden zu heben um anschließend in den Liegestütz zu springen. Diese Bewegung ist mir unsympathisch und nicht für meinen Körper gemacht. Ich will sie auch gar nicht lernen. Dafür sagt sie nach den Rückbeugen, dass man die Knie nicht zur Brust ziehen darf,  „until the teacher tells you to“. Das ist unmündig für mich bzw. ja, wenn man noch im Kindergarten ist, dann muss man immer den Anweisungen der Lehrerin folgen, sonst kann man auch das ein oder andere selber entscheiden, wenn man seinen Körper kennt. Bei mir geht das z.B. prima, daher immer gleich ran mit den Beinen an die Brust und richtig kräftig ran pressen. Mein unterer Rücken verträgt es, mag es sogar.  Ich finde es auch cool, dass mein Körper gar nicht so Yogi aussieht, wenn die mir die anderen jungen Dinger so betrachte. Das ist noch cooler, wenn ich die Dehnungen und Drehungen richtig gut machen kann. Ich bin halt Kung-Fu Panda, dick, aber überraschend sportlich und man sieht es mir nicht an (extra gefährlich wegen Unterschätzung). Das gefällt nicht nur den Kindern im Kino, auch ich bin zufrieden. Ich schwitze ordentlich und bin nach dem Kurs gut gelaunt und freue mich, dass er 95 Minuten lang war. Es geht wieder zu dem Kaffee „Käffchen“ in die Sonne um einen Eistee zu trinken und die Klamotten am Körper trocknen zu lassen. Ich esse die sizilianischen Mandeln mit Tamarind, die 2,50 € für 50 Gramm gekostet haben. Auch Wucher. Ich mag Kreuzberg. Die vergangenen Male waren wir in Friedrichshain und da sind mir deutlich zu wenig Türken. Es ist als fehle Salz in der Suppe. Ich finde überhaupt, dass die Einwanderung aus der Türkei das beste ich was Deutschland seit dem 2. Weltkrieg passiert ist. Es macht uns deutlich interessanter und in London oder San Francisco fehlt es mir schon und ich denke, ja, gut, aber zu wenig Türken.

Berlin ist doch klar

Jetzt beginnt für mich fast der schönste Teil der Reise. Besuch bei meiner Freundin Heike und basteln. Wir fahren ans Ostkreuz.

Berlin Riesenmännchen

Sie und ihr Mann haben ein vegetarisches Vorspeisenprogramm vom feinsten gezaubert mit Gurken, Birnen mit Thymian und Ziegenkäse als Carpaccio, Linsensalat, Zitronenzucchini und vielem mehr. Sie verwöhnen uns nach Strich und Faden und ich versinke außerdem in die Welt des Bastelns mit meiner Freundin. Die Zeit vergeht wie im Flug und wir kreieren ein Hütchen nach dem anderen für mich. Sie macht ohne mich weiter und am Ende des Wochenendes werden 10 neue Hütchen für mich entstanden sein (auf dem nachfolgenden Foto ist eines nicht drauf):

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Dieses Basteln ist Yoga und mehr. Ein Flow, die Gedanken fließen vorbei wie Wolken, man ist im hier und jetzt, alles andere ist vergessen, nur die Konzentration auf das Schaffen und die Freiheit alles auszuprobieren und es ist auch eine ausgesprochene Liebeserklärung an mich, dass Heike mir Hütchen macht. Es gibt noch ein fettes Stück Torte und dann müssen wir leider fahren, weil wir zum Essen verabredet sind (:-).

Da gibt es zum Glück nur ein 3-Gänge vegetarisches Menü, was ich noch schaffe. Es ist sehr lecker und ambitioniert. Die Vorspeise Brioche mit Wachtelei und dann gibt es Pfannenschlag vegetarisch mit einer säuerlichen Tartarsoße und Parmesanknödeln mit Artischocken und andere leckere Dinge, die alle getauscht werden. Wir sind heute zu dritt.

Coockies Wachtelei Coockies Schmorgurke Coockies Selleriecanelloni Coockies Essigmöhre Coookies Parmesanknödel

Die Location ist cool, man läuft vorbei an Taubenkacke und allerlei gelagertem Zeug und dann blinkt der Eingang und es hängt ein großer Kronleuchter einige Meter davor. Die Raucherbar ist dunkel, die Flaschen beleuchtet, eine große Flamingo-Figur steht in der Ecke, oben eine schicke weiße Fabriketage mit Ausblick auf die russische Botschaft.

Coockies Blick nach draussen

Die Mädels wie Models, die Kunst ist ebenfalls cool, die Besucher international, Holländer sitzen am Nebentisch, der Weg zu den Toiletten ist nicht behindertengerecht und wie eine Geisterbahn und ich kreische unfreiwillig auf und amüsiere ein junges Pärchen.

Wir gehen nach dem Essen in den Festsaal nach Kreuzberg um uns KRS one anzuschauen. Es ist supervoll und stickig. Der Raum sieht aus wie eine Country- und Westernbühne auf dem Land. Auf der Tribüne ist die Balustrade gedrechselt, der Raum ist klein. Es sieht irgendwie eher aus wie ein Versammlungssaal in Minden/Westfalen. Es ist supervoll und darf geraucht werden. Es ist nicht Sauna, sondern Räucherkammer und der Star des Abends kommt und kommt nicht, während ich mir die Beine in den Bauch stehe, sondern ein prolliger Nachwuchsrapper nach dem anderen. Diese versuchen die Stimmung anzuheizen und immer wieder wissen wollen, ob wir den Teacher jetzt sehen wollen und wir sollen „some noise“ machen.  Jetzt kommt KRS one wird ein ums andere Mal angekündigt und dann doch noch mal ein anderer Aufwärmer oder der von davor, bis ich nicht mehr will und die Frage, ob er kommen soll mit nein beantworten möchte. Er kommt dann nach 2 Stunden doch und erklärt den Jugendlichen wie Hip Hop entstanden ist und wer James Brown war und was 1986 los war. Ich bin auf der falschen Veranstaltung. Ein selbstgewählter, aber unwürdiger Beginn meines 46sten Geburtstages. Ja, ich kenne die Platte Criminal Minded , die er 1986 herausgebracht hat und habe sie 1987 hoch und runter gehört. Die T-shirts finde ich noch ganz cool, weil das Wort Flow für „follow life’s outgoing willingly“ steht. Das ist auch Yoga, aber ich brauche das nicht in großen Lettern in s/w auf der Brust. Meine Hannoveraner Freunde lassen mich nicht im Stich und wir treffen uns noch bei uns im Biergarten. Davor stehen wir am Kotti, wo über dem Kaisers ein cooler Club sein soll, nur wo. An verschiedenen Stellen gibt es Aufgänge und die jungen Menschen kommen und gehen. Mir gefällt die Pfandsammlerin mit dem spröden Charme, die von einem kleinen Schäferhundmischling begleitet wird, der quadratisch und alt ist, aber seine Aufgabe noch ernst nimmt. Er läuft steif wie ein aufgezogenes Blechspielzeug und sein Gesicht erinnert an einem untoten Hund von Tim Burton. Der folgt ihr überall hin ohne Leine und beobachtet jede ihrer Bewegungen und passt sich an, folgt. Sie sind unterwegs und jagen. Sie weist ihn mit einer abweisenden Handbewegung zum Warten an und durchschreitet das Gitter die Treppe hoch in den Club. Er wartet unten aufmerksam und ungeduldig und versperrt den Gästen den Ausgang. Es hat nur keiner Angst vor ihm, weil er wenig bedrohlich wirkt mit seiner grauen Schnauzen und auch weicht, wenn man zügig auf ihn zu geht.

Auch an diesem Abend habe ich schon herrliche Geschenke. Ein lebenslanger Gutschein meiner Mutter meine Sachen zu flicken und das ist von unschätzbarem Wert für mich. Die macht Kunststopfen an Strumpfhosen, die zwanzig Jahre alt sind und stellt es nicht in Frage, dass ich 200 Paar habe. Sie kommen dann gefaltet und mit einer Schleife versehen wie die schönsten Reizwäsche per Post wieder zu mir. Mein Paps schreibt meinen Geburtstag immer in binären Zahlen 101110. Meine Freundin Andrea hat mir weit im Vorfeld ein tolles Paket geschickt mit dem geilsten Outfit 20.07.2013.

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So treffend, auch der Inhalt. Müde und glücklich sinke ich ins Bett.