14.08. Werde leider ca. 2 Stunden vor den anderen wach. Vertreibe mir die Zeit u.a. damit, dass ich beobachte, wie auf einem großen Parkplatz hinter dem Mietshaus meiner Schwägerin ein Auto nach dem nächsten abgeschleppt wird. Wegen des Robbie Williams Konzerts am Freitag wie sich später herausstellt. Ich liebe die lustigen Schweizer Mitteilungen der Hausverwaltung. Die stehen unseren Aushängen in nichts nach…
Dann werden meine Spielgefährte auch wach und wir planen den Tag. Heute ist Weiterfahrt nach St. Gallen angesagt, wo mein kleiner Bruder heute 40 Jahre alt wird, deswegen überhaupt die Anreise so unchristlich Mitte während der Woche. Ich will zu dem Anlass noch was besorgen zum Überreichen (neben dem großartigen Hai-Fotobuch was ich im Koffer habe) und zwar etwas für die Hausbar bzw. die Party, die Samstag ansteht. Meine Schwägerin weiß wie immer Rat und schlägt Paul Ullrich AG vor. Ein Schnaps Jahrgang 1973 ist mir zu teuer (400 Franken) und den Gag nicht wert, aber ansonsten lasse ich mich von den Werbebroschüren des Ladens, die meine Schwägerin per Post erhält ganz schön einlullen. Zuerst will ich einen guten Gin und vor allem guten Tonic besorgen für die Party. Auf einmal will ich Agavenschnaps einkaufen, weil hier in einer aufwendig gemachten Broschüre zur Tequilla-Degustation eingeladen wird. In den Prospekten wird für bestimmt alkoholische Produkte geworben mit Foto der Flasche und dahinter heißt es immer in Klammern (Achtung, billig!!!!). Das wirkt anbiedernd hat aber was mit einem Schweizer Rabattwerbeverbot für Hart-Alk zu tun, wie wir später erfahren. Auf dem Weg in den wahnsinnig gut sortieren Spirituosen und Weinladen komme ich erst mal an einem Bernina-Geschäft vorbei, an dem ich nicht vorbeigehen kann. Aufnäher oder Applikationen im Schaufenster ziehen mich magisch an. Es sind halbierte Tiere, die man auch falsch zusammen setzen kann, z.B. Katzenvorderteil und Hundehinterteil oder Zebrahinterteil und Löwenvorderteil. Ich betrete den Laden und die Verkäuferin kommt sofort auf mich zu und fragt, ob sie mir etwas zeigen kann. Man hat allgemein das Gefühl, dass die Oprah Winfrey Sache den Verkäufern ganz schön nachhängt und überall wird man superschnell gefragt und sie wollen mir alles zeigen, vielleicht auch Handtasche für 35.000 Franken, die ich aber gar nicht sehen will. Ich beantworte die Frage mit: ja, die halbierten Tiere, bitte. Ich kaufe für meinen Bruder einen Hai, den er auf seinen Ärztedienstkittel nähen soll, wenn es nach mir ginge, von wegen frisch operiert mit dem Schnitt genau in der Mitte, der den Rumpf durchtrennt. Dann gibt es in dem Laden eine unglaubliche Auswahl von Bändern und Gummis und das ist das reinste Bastel-Happy-go-lucky für mich. Die brave Bernina-Demonstrations-Maschine stickt fleißig einen Elefanten vor sich hin. Meine Schwägerin macht mich auf die bereits fertige Eule aufmerksam, die nur 5 Franken kosten soll (zum Vergleich ein Espresso bei Sprüngli kostet 5,50). Ich finde in der Schweiz muss man wirklich viel mit Schweiz-internen Preisvergleichen arbeiten, mit Euro und so kommt man da echt nicht weiter. Ich frage an der Kasse noch, wie viele Tiere kann die Maschine denn? Die Antwort: alle. Ich lege nach: kann die auch Dackel? Kann die auch alle Hunde? Stephan hat schon Bange, dass ich mich für die Maschine interessiere, dabei ist das nur Smalltalk. Ich habe am Ende des Einkaufs den Eindruck nicht mehr als in Deutschland gezahlt zu haben und das bei der Auswahl, die es bei uns schlichtweg nicht gibt, also alle Bastelfrauen, die dies lesen, es handelt sich um einen Tipp in der Schweiz ein Bernina-Fachgeschäft aufzusuchen.
Danach gibt es noch eine Flasche Tequila und zwei Flaschen Weißwein nach den Erfahrungen des Vorabends rein nach Etikett ausgesucht. Der Laden hat sogar eine Bastelecke für Kinder. Die denken an alles. Wir ziehen weiter Frühstücken zu Sprüngli. Hier gibt es oberhalb des Shops (Fruchtgelees für 18 Franken), in dem sich Touristen durchschieben ein respektables Café mit lauter gut angezogenen Schweizer Omis, die das Bircher Müsli aus dünnwandigen, weißen Porzellantassen löffeln. Sehr gediegen. Herrlich. Ich bin schon wieder bester Laune und sage, hey, die haben ihren Namen auf meinen Cappuccino geschrieben. Es gibt Kanapées und kleine Leckereien aus der Konditorei (St. Honoraire mit Kirsch ist meine Wahl). Das ist mit Schnaps werde ich überflüssigerweise gewarnt.
Nach der Stärkung und ein paar Pralinen zum Mitnehmen und einer Verkäuferin, die sich nicht ablenken und immer wieder nach der Bedeutung meines Hütchens fragt, geht es zum Bahnhof. Die Profi-Organisatorin macht alles am Automaten klar für uns, unser Zug fährt in wenigen Minuten um 13:09.
Wir müssen nach St. Gallen Bruggen. Dann wird auf dem Telefon nach der Verbindung geschaut und es geht nach Gossau mit dem Zug und dann umsteigen in den NFB (Niederflurbus) und aussteigen an einer Station, die ich mir aufgeschrieben habe. Am Ziel sind wir dann um 14:30 Uhr. Genau parallel zu meinen Eltern. Alles mehr als perfekt. Nicht ankündigen, einfach auftauchen. Alles läuft gut und ich erfreue mich an den alten Holzhäusern, die außen Holzschindeln dran haben wie Fischschuppen bis die Kontrolleure im Bus auftauchen und uns erklären wollen, dass die Fahrtkarte nur für die Bahn gültig sei. Wir hätten von Gossau weiterfahren müssen nach St. Gallen HBH und von dort S-Bahn. Ich habe leider ausgeprägtes Tourett und bin absolut nicht hilfreich. Während Stephan sich erklären lässt, welche Fahrkarte er an dem Automaten im Bus nachlösen muss, schimpfe ich vor mich hin und die Koffer rollen unkontrolliert durch die Gegend. Da trägt man schon sein ganzes, sauer verdientes Geld zu Sprüngli und Co. und sie können den Hals einfach nicht voll kriegen. Ich zahle nicht und will in einer Haftzelle enden am 40. Geburtstag meines Bruders. Ich fordere 160 Peitschenhiebe. Ich bin so auf Krawall gebürstet, dass ich von dem Kontrolleur mit dem Hörgerät noch wissen will, wie er heißt für meinen Beschwerdebrief an die Schweizer Bahn und das Schweizer Tourismusbüro, dass weitere Schweizreisen gestrichen sind von meiner Seite, wie man hier behandelt wird, so unkulant. Er hingegen hat Gefallen gefunden an meinem Geschimpfe und er und sein Kollege bleiben neben uns, steigen mit uns zusammen aus und der Hiwi hilft Stephan noch ungefragt bei seinem Koffer, fasst mit am Griff an beim Herausheben aus dem Bus. Als Stephan die beiden nach dem Weg fragt, flippe ich erneut aus und sage, sind das Deine neuen Freunde oder was? Der Aufstieg ist steil, immer wieder Treppen und ich schimpfe weiter vor mich hin über verpopperte Schweizer, die ständig was an ihrem Garten verbessern.
Bei meinem Bruder ist Familienidylle mit Seerosen im Teich und es ist erst mal Kuchen angesagt und ich versuche meine Laune wieder in den Griff zu bekommen.
Dann heißt es, Sekt gibt es erst später. Er muss noch ins Spital fahren. Wir begleiten ihn, weil das interessanter ist als zuhause herum hocken. Es gibt eine italienische Espresso-Bar und das will ich für jedes Deutsche Krankenhaus fordern, weil Koffein ist für Kranke so wichtig (ich spreche aus Erfahrung) und es macht so einen Unterschied, ob man Schrottkaffee aus dem Vollautoamten bekommt oder einen leckeren Kaffee aus einer coolen Gastro-Maschine wo von Hand aufgeschäumt wird. Außerdem ist es selbstredend auch besser um Besucher anzulocken, Alleine die Blumenbeete würden meiner Schwiegermutter, die mich am treusten im Krankenhaus besucht eine Freude machen und dem Schwiegervater auch.
Mein Bruder ist bald fertig und hat nur Geschenke abholen sollen u.a. einen Blumenstrauß bei dem er uns erklärt, dass sie dafür tief in die Tasche gegriffen hätten.
Er nennt uns einen Schätzpreis und ich schaue danach z.B. auf dem Wochenmarkt am Freitag in Zürich auf die Blumenpreise und kann Gabi nur raten mit ihrem Laden in die Schweiz umzusiedeln. Da wird man Millionär mit Floristik. Ein Wiesenstrauß mit 2 Sonnenblumen und Unkraut, der im Eimer steht, bei dem ich erst denke, geht ja bei dem Preis von 15 Franken, soll 45 kosten. Ich hatte die 1 falsch gelesen und das auf dem Wochenmarkt! Wir vertreiben uns den weiteren Tag mit Sekt, Abend essen und etwas Doppelkopf.
Meine Eltern haben mir brav See’s Candies aus Kalifornien mitgebracht, ein Mitbringsel von Verwandten und ein Dankeschön. Die profane Schokolade wird von den Schweizern verschmäht, aber ich liebe sie. Das hat schon nostalgische Gründe.
Wir gehen alle früh ins Bett, d.h. halten nur bis ca. halb 1 durch und dann ist mein Bruder sich selbst überlassen. Der Egoismus der größeren Schwester schlägt voll durch und daran ändert sich auch 40 Jahre danach nichts. Ich mache mir leicht Vorwürfe am nächsten Morgen. Nachts schlafe ich nicht so gut und muss ein Schmerzmittel finde und bin völlig orientierungslos und muss ganz lange überlegen, wo ist die Tür und wie komme ich dorthin, an der Wand entlangtasten, dann beim Wiedereinstieg in das Bett, in welcher Richtung liegen wir, vorsichtig nach Stephan tasten bevor ist mich irgendwo raufsetze oder raufplumpsen lasse. Das kenne ich schon von fremden Betten. Am krassesten ist es nach einem Langstreckenflug bei unseren Verwandten in Los Gatos Kalifornien, da habe ich einmal nachts die Wände einmal rings herum abgetastet bis ich die Tür fand. Ausgerechnet die haben allerdings kleine Lichter, die den Flur säumen und die Weg zum Klo beleuchten wie im Flugzeug zum Notausgang.
15.08. Ich schlafe bis 10 Uhr mit Schlafbrille, wie ich es zuvor angesagt hatte. Ich bin leider immer noch nicht fit und überlege meinen Mann alleine zum Ausflug zu schicken, aber kann dann doch nicht davon lassen. Zu verlockend ist das Ziel und auch die Reise dorthin. Zugreisen in der Schweiz liebe ich und dann noch lecker Essen mit meiner Schwägerin beim Koch der Jahres 2012 und dann die Aussicht noch mal ins coole Zürich zu fahren und hier einen halben Tag zu verbringen lassen mit die letzten Kräfte mobilisieren. Stephan schneidet meinem Vater die Haare. Ich wasche mir meine nach ca. 4 Wochen, so dass der Kopf weniger juckt, dann kleines Gepäck packen und mit meinen Eltern in die Stadt. Mein Bruder macht einen kleinen Mittagsschlaf als wir um ca. 14 Uhr gehen. In der Stadt werden die üblichen Ziele abgeklappert. Olma-Bratwurst-Stand und das Kaffee Schwarzer Engel mit dem schönen Garten und den alten Gartenmöbeln, liebevoll zusammengestellt, eine Art autonomes Zentrum in St. Gallen, was wir von Festivalübernachtungen im Gästezimmer her kennen. Die Szene ist hier sehr klein und wir sind neben einem anderen Gast die einzigen. Ich freue mich über 2 Flyer einmal über Fuck Wirtschaftsfaktor oder Wirtschaftsfucktor Winterthur – wir tanzen drauf und eine Dark Eighties Party mit DJ Jesus 66 in Tsüri- „Aufbrezeln!! Und daran denken, wahre Schönheit kommt von unten“. Wir fragen uns, wo das sein soll, Tsüri bis irgendwann der Groschen fällt.
Daneben entdecke ich die Konditorei Gschwend, die leckerere Amaretti mit Kirschwasser machen als Sprüngli. Ich sage zu Stephan, siehst Du, Sprüngli ist Mc Donalds, aber die anderen können das auch, manche sogar besser außerdem besuche ich einen Allerweltsladen, den ich schon kenne und kaufe 2 Ringe und eine Kette aus Glasringen für meine Schwägerin. Die Verkäuferin ist zäh, weil sie mir immer Ringe und Ketten aus einer harten Naturnuss zeigen will, die ich aber ganz grauenhaft finde, Öko-Schmuck. Während ich sie konsequent ignoriere und mir einen Messingring mit Einlegearbeiten kaufe, der ausschaut wir ein Nierentisch, aber leider auch nach dem zweiten Tragen eine schlimme Allergie bei mir auslöst sowie einen rosa Glasring, hält sie die ganze Zeit einen Vortrag über die Vorzüge dieser Nuss, wie hart sie sei und wie sie sich bearbeiten liesse usw. Kurz davor ruft mich Herr PM aus der Klinik an um nach seiner Post zu fragen. Ich kriege einen Schlechtelauneanfall erster Güte und bloß schnell wieder das Handy in Flugmodus stellen.
Um kurz nach 5 fährt der Zug und meine Schwägerin holt uns ab und ist aus Zürich angereist, weil auch ihr das Zugreisen in der Schweiz Freude macht. Ich freue mich riesig als ist sie am Bahnsteig sehe. Ein junger Mann, der mit uns ein Viererabteil teilt, hört ganz schlimme elektronische Musik wahnsinnig laut über Kopfhörer und schläft dazu. Ich genieße wieder einmal die herrliche Schweizer Landschaft. Wir fahren am Zürichsee entlang und ich erkenne bald Rapperswil mit dem Steg ins Wasser. Toggenburg, Tunnel, Rapperswil. Immer wieder See und Berge.
Stephan will sich umziehen und kommt mit weißem Hemd und Lederschuhen, aber kurzer Hose zurück. Er hat vergessen seine lange Hose einzupacken und sieht aus wie Angus Young, aber irgendwie sehr süß.
Irgendwann wechseln wir vom Zug in den Bus und denken, der Busfahrer steht draußen und unterhält sich mit einer Reisegruppe, es ist aber eine toughe Busfahrerin mit schwarzer Sonnenbrille und die sitzt schon innen am Platz. Der Typ kommt anschließend und will noch mal die Fahrkarten sehen und fragt wo wir herkommen und notiert das elektronisch. Wir haben alle nicht verstanden, was das soll. Datenerhebung? Ohne Spaß, genau in dem Moment, wo ich das schreibe (22.08. 18:00 Uhr), findet in dem Zug von Lüneburg nach Lübeck eine Fahrgastbefragung statt. Wir sind die einzigen die Auskunft verweigern über wo kommen wir her und was ist Ziel der Reise sowie Zweck.
Dann ist man wieder gefangen von dem herrlichen Ausblick an den sauber geputzten Scheiben.
Wir steigen aus und Restaurant ist nur ca. 30-50 Meter entfernt. Erst mal zieht es uns zur Aussichtsplattform und wir staunen über den alpinen Anblick, lauter verschiedenen Berge, die bestimmt alle einen Namen haben und unten ein See.
Dann lockt mich eine Glocke Richtung einer abschüssigen Wiese. Hier grast eine Kuh und bimmelt vor sich hin. Ich versuche die Kuh mit: „komm mal hier her, Mäuschen“ zu mir zu locken. Das wirkt aber null.
Dann ist es auch schon fast 19 Uhr und wir treten ein.
Ich gehe zur Toilette und nehme mir 2 Binden mit, die kann man immer gebrauchen und treffe Stephan und meiner Schwägerin auf einer herrlichen Terrasse mit genau diesem spektakulären Ausblick.
Die aufmerksame Bedienung, die den Wein ausschenkt bietet uns von sich aus eine Gruppenfoto an und es ist ein tolles Andenken, was zufällig an die Dreifaltigkeit erinnert, wobei ich zufällig Gottvater bin und meine Schwägerin der heilige Geist und Stephan Jesus.
Diese Frau, die aus dem Spreewald kommt ist lustig. Ich bin dankbar für das Deutsche Personal an diesem Abend. Bei ihr darf ich bezogen auf die Fotoanfrage auch sagen: Ja, bitte vor dem Matterhorn. Ein Schweizer könnte darüber wohl weniger lachen. Meine Schwägerin klärt uns auf, dass der eine Berg ganz rechts der berühmte Rütliberg sei und wir uns in der Schwyz befinden würden, der Urschweiz. Auf diesem Berg haben die 4 Ur-Kantone geschworen zusammen zu halten und er spielt beim Schweizer Nationalfeiertag eine große Rolle. Ich sage, die Schweizer, die schwören doch bei jeder Gelegenheit einen Eid.
Das Essen ist sehr lecker. Alleine das riesige, eckige Brot mit einer feuchten schwammartigen Konsistenz ist herrlich. Das Ritual des Anschneidens mit Pantomimehandschuhen und wie die drei Stücke positioniert werden ist überkandidelt. Dazu gibt es Zweierlei Butter sowie ein zweites Brot. Später machen wir uns etwas lustig über die große Werbepostkarte des Inhaberehepaares mit Terrier, wobei das Verhältnis Käse zu Brot durchaus sympathisch ist….
Wir nehmen das Menü. Jeder Gang wird von einer absolut spaßfreien und bierernsten Schweizerin, die null Ausstrahlung hat angesagt, heruntergebetet, dass man sich freut, wenn sie fertig ist mit ihrem Text. Der Gänselebergang ist sehr gut und ich habe hier einige Vergleichsmöglichkeiten. Mit Pfeffer und Kirsche und das tollste wurde nicht fotografisch festgehalten eine fettige Gänselebersuppe in einer kleinen Tasse. Toll.
Der Wolfsbarsch mit Meeresfrüchten kann auch richtig was und der Kaisergranat oder was da oben drauf ist, ist zart und geht nicht gleich in eine Zahnlücke. Ich frage, die Spreewaldfrau und sage gleich dazu, dass es mich nicht stört, wann denn so eine Kuh Feierabend machen würde. Sie könne das beurteilen. Nie, kommt die Antwort und, dass das dort unten eine Mutterkuh mit zwei Jungtieren sei. Dann gibt es superdünne Pasta (von mir aus hätte der Teig gar nicht so dünn sein müssen) gefüllt mit Ricotta (?) und mit frisch gehobeltem Sbrinz, einem Käse. Dem Hauptgang, das Kalb mit dem Kartoffelpüree mit dem unaussprechlichen Namen, in einem Extratöpfertässchen, finde ich ziemlich langweilig, aber die Portion ist so klein, dass ich auch nichts abgeben mag.
Dann kommt die junge Schweizer Gouvernante und fragt, ob wir Käse oder Dessert wollen, als müsse man sich entscheiden. Stephan entscheidet sich für beides und ich sage, auf jeden Fall esse ich hier Käse, dann eher keinen Nachtisch. Es gibt ohnehin noch einen sehr leckeren Eiskaffee-Espuma. Der Käseteller besteht aus verschiedenen Hartkäsesorten mit jeweils einer „Beilage“, getrocknete Aprikosen, Wallnüsse (hier genannt Baumnüsse) in Honig, Feigensenf sowie Oliventampenade und Früchtebrot. Der Nachtisch ist eher langweilig und wenig spektakulär. Das kann Dieter Grubert besser oder der Mann aus der Ole Deele.
Die Spreewaldfrau erinnert uns an den Bus, den wir kriegen müssen, was ich sehr aufmerksam finde und sagt, dass die manchmal etwa vor der Zeit fahren würden. Wir nehmen den letzten Bus, der fährt um 22:11 und als dann die Chefin noch was sagt von Licht am Handy anmachen, weil man sonst auch gerne übersehen wird bin ich vollends verunsichert und eile zur Station. Hier steht man im Dunkeln an einer Steinmauer aus großen Steinen, die noch Wärme abstrahlt und hört die Glocken der Kühe, die man nicht sieht, nur hört. Ich finde es leicht unheimlich und lasse die Straße nicht aus dem Auge und beim Anblick des Buses springe ich auf die Fahrbahn und mache große Jumping-Jack-Bewegungen m.a.W. ich will hier nicht zurück gelassen werden. Wir sind die einzigen Gäste und lösen die Fahrkarten bis nach Tsüri. Wir müssen 4 mal umsteigen und haben jeweils zwischen 1 bis 3 Minuten dazu. Alles klappt reibungslos, wir sind in der Schweiz. Im Nachhinein frage ich mich, warum macht man der Kuh eine Glocke um. Auf der Alm ist klar, aber auf einem kleinen umgrenzten Grundstück finde ich meine Kuh wohl auch ohne Glocke. Die ist bestimmt genervt vom eigenen Gebimmel beim Grasen. Kühe haben ein gutes Gehör. Man macht es wohl nur für die Touristen, oder? Und wenn man es schon für die Menschen macht warum dann nicht den Kühen Armbanduhren um die Fesseln machen. Das wäre doch auch noch was. In Zürich ist wieder mehr Großstadtflair in der Bahn, Junkies und große Hunde ohne Leine und unsere Fahrkarten gehen sogar durch bei der Kontrolle. Was für ein schöner Tag!
16.08. Heute habe ich herrlich geschlafen und geträumt und werde erst kurz vor 10 Uhr wach. Heute ist es meine Schwägerin, die schon seit Stunden auf die Spielgefährten wartet. Wir wollten zum Wochenmarkt, der beim Volkshaus ist und unsere Gastgeberin meint, das sei etwas spät angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit und weil der nur bis 11 Uhr geht. Wir sagen beide Quatsch, was meinst Du, wie lange wir brauchen. Eine Viertelstunde später stehen wir gepackt an der Haltestelle Letzigrund (leider habe ich das Aufladegerät für die Zahnbürste vergessen, was aber erst später und nicht einmal von uns bemerkt wird). Dafür finde ich ein Fahrrad meines Geschmacks gleich auf dem Weg zum Markt…
Der Wochenmarkt ist herrlich und es gibt das schönste Gemüse. Ich kaufe eine Schale mit riesigen Brombeeren zum Sofortverzehr. In der Schweiz war schon immer meine Rede, dass man sich auf Märkten verkommt als würde man in der DDR wohnen angesichts der Qualitätsunterschiede bei den Produkten.
Wir ziehen weiter zu einem Café, welches auch Zimmer vermietet (falls es mal eng wird bei meiner Schwägerin habe ich ihr schon angedeutet ohne Probleme in eines der lustigen Pensionen absteigen zu wollen mit den individuell eingerichteten Zimmern, die sie mal als Liste für auswärtige Besucher zusammengestellt und wir an eine Bekannte Kaffeebarinhaberin aus Hannover weitergegeben haben). Die Bedienung hier ist sehr lahmarschig und wir ziehen nach etwas Koffeineinnahme weiter, vorbei am Schweizerblindenverband und einen Retroladen Sixteen Tons, der leider erst eine halbe Stunde später aufmacht, die haben Klamotten, Platten und Möbel.
Meine Schwägerin führt uns zu einem second hand Laden an einem kleinen Platz, den ich auch schon kenne. Dann stehen wir wie zufällig vor dem Laden meines Lieblingsdesigner Ponicanova, die umgezogen sind. Ich erfreue die Inhaberin, die sich von ihrer Partnerin getrennt hat und jetzt alleine ist mit einer Modenschau mit umziehen direkt im Laden auf einer erhöhten Ebene und sie lobt meine Kombinationsgabe. Ich habe die Boxerschürze von Heike aus Berlin mit dem von Heike dazu genähten Tirolerhütchen an. Ich mag die Sachen dieser Designerin sehr gerne und kaufe seit Jahren nur noch gebrauchte Klamotten oder dann so etwas. Ich muss ihr allerdings gestehen, dass ich von den insgesamt 6 Teilen nur die 2 Röcke und einen Hosenrock viel trage und die Oberteile leider gar nicht. Sie sagt, das Geschäft sei sehr schwer und konsequenterweise kaufe ich mir einen Cordrock in dezent metallic-blau, der leicht steif fällt solange ich noch die Gelegenheit habe. In dem Laden nehme ich lustige Flyer mit u.a. vom Welschland, einem Laden, der Wurst und Käse aus der französischen Schweiz verkauft.
Der ist zum Glück gleich um die Ecke und wir statten einen Besuch ab. Es sind zwei Männer im Laden, einer davon ist korpulent und hat ein rundes Gesicht geziert mit einem Bart. Er verzieht keine Miene und ich habe den Eindruck er versteht mein schnelles Hochdeutsch nicht. Dann wiederum lacht er ganz affektiert an komischen Stellen und Stephan und ich müssen beide an Men in Black Teil 1 den Alien an der mexikanischen Grenze denken, der wirklich ein Alien ist und keine mexikanischer Einwanderer und daher die Anmachen der MIB-Ermittler wie: „Deine Mutter ist aber auch ne fette Kuh“ immer mit einem lakonischen hahaha beantwortet und so entlarvt werden kann. Der andere macht ganz tolle Wurstkunst u.a. Wurst, Schinken und Salamiplatten aus Papier, die auf Porzellanteller dekoriert die Wände zieren und gleiche Orden aus Wurst sowie eine quasi Flagge, die auch einem Stück Stoff besteht, was superrealistisch wie ein Stück Speck ausschaut mit allem Schichten und Fett. Wir teilen uns eine Baguette des Tages und Mr. Alien ist enttäuscht, dass wir uns nur eins nehmen obgleich wir zu dritt sind. Wir kompensieren das mit Eiskonsum, weil er ganz tolles, eckiges Eis am Stiel in der Tiefkühltruhe hat mit metallic Retro Verpackungen und innen ist es zweigeteilt, z.B. Himbeer und Vanille und es schmeckt köstlich. Gleich nehme ich mir das als Hütchenobjekt vor. Wie sein Freund, der die Eispackungen ausgestopft und mit dem Holzstiel versehen gerahmt hat. 5 Stück essen wir insgesamt und immer muss die Verpackung schön ordentlich ausgeleckt werden. Ich muss mir den Schaumstoff zuschneiden lassen überlege ich später.
Ich nehme noch mehrere Flyer mit in denen für Absinth geworben wird. Es gibt Geschenksets mit Schnaps und Löffeln sowie eine Absinthzapfstation mit 4 Hähnen und ein herrliches Logo auf dem eine schwarze Katze das trübe Schnapswasser wie Milch leckt, außerdem ist offenbar den Inhaber der Fabrik zu sehen, der reichlich durchgeknallt und skurril ausschaut, wie er mit seinen riesigen Händen vor den 20er Jahre Plakaten das Getränk einschüttet. Auf der Rückseite sieht man Feldarbeiter bei der Ernte von hohen Gräsern, die dann zu Hexenbesen gebunden und in einer Höhle aufgehängt werden. Es ist das Wermuthkraut. Daneben ist wieder ein Retroladen mit Platten, der tolle alte Quartettspiele in einem Ständer in der Auslage hat. Ich muss meine Begleiter wieder aufhalten und gehe rein und kaufe Autos 1976 für 10 Franken und dann noch 2 Aufnäher, einen englischen Hund „Old English Sheep Dog“, den ich meiner Cousine in Liverpool, die Tierärztin ist schicken will und einen kleinen mit dem Jungfernjoch für mich, als der Typ dafür wieder 10 Franken haben will handele ich und sage, der mit dem Jungfernjoch ist ganz klein und ich bin wie Tina Turner, ich kann mir auch nicht alles leisten und er gibt 2 nach und ich sage, das ist wieder ein halber Espresso bei Sprüngli, den ich gespart habe. Er sagt, dass die Japaner den Berg lieben würden bezogen auf meinen kleinen altmodischen Aufnäher und ich frage: ich dachte das Matterhorn? und er: da müsse man wandern, beim Jungfernjoch sei eine Gondel. Ich bekenne mich sofort zu den Japanern und sage, dass ich Berge auch wahnsinnig anstrengend finde. Das leckere Eis von nebenan kennt er schon. Dann gibt es noch mal einen Koffeinzwischenstopp bei einem Portugiesen, den wir schon kennen. Leckeren Kaffee und tolle Zuckerverpackungen mit Schweizer Städten darauf und hinten immer Karte mit dem Standort, dem Kanton und der Flagge usw. Essen mag keiner was. Gegenüber bei der Elektrohandlung gibt es alte Kaffeetassen und Kannen als Lampen umfunktioniert mit Stoffkabel und selbstgebaute Etageren mit verschiedenen Tellern.
Da ist langsam schon deutlich nachmittags ist und meine arme Schwägerin den ganzen Tag ihre Markteinkäufe mit sich herumtragen muss und Stephan das Gepäck gehen wir wiederum zum Bahnhof und fahren erneut nach St. Gallen, diesmal Bruggen.
Im Zug macht Stephan ein Nickerchen. Gegenüber sitzt eine junge Schweizerin, die Neon liest und sich die Fingernägel lackiert, was ganz schön stinkt. Als die Fahrscheinkontrolle kommt, spricht die Frau französisch. Der Zug kommt aus Lausanne. So ist das hier. Beim Haus meines Bruders sind mittlerweile anderen Gäste angekommen, Schwiegereltern im Wohnmobil und Schwager und Freundin, sowie Freude, die aus Wien angereist sind, die Frau ist schwanger. Es gibt um 19 Uhr Spagetti Bolognese und ich werde nicht alt an diesem Abend und ziehe mich gegen 22 Uhr zurück.






































































































