Archiv der Kategorie: Sauerrahmbutter

Alltagsberichte – das Tagebuch

Standing ovations

21.10. Morgens Mandant, der mal über Betreuung nachgedacht hat, dann aber am Verfahren nicht mitgewirkt hat und nur mit einem Beratungshilfeschein da war. Mittlerweile dicke Akte, über Schein darf nicht abgerechnet werden bzw. neuer muss beantragt werden und zu dem Zweck bestelle ich ihn noch mal ein. Aktuellen Bescheid hat er nicht. Den hat der Gerichtsvollzieher neulich mitgenommen und er hat schon wieder Post von „denen“ bekommen. Ich sage, ganz normaler Fortzahlungsantrag. Ist doch kaum was auszufüllen. Ich muss es ihm vorlesen. Soll ich den jetzt für ihn ausfüllen? Ja, bitte. Ich glaube, dass der Typ nicht lesen kann. Ich sage ihm erneut, Betreuung wäre besser gewesen und ich kann das so auf Dauer, ehrenamtlich nicht machen.

Dann kommt neue Mandantin mit Kopftuch und Beratungsschein. Sie hatte Betreuung und der hat sie ohne ihr Wissen bei der GEZ angemeldet. Als sie sich dann irritiert zeigte meinte er, warum, sie müsse doch nicht zahlen. Zwischen der Anmeldung und der Befreiung liegen 2 Monate, d.h. die wollen über 40,- € von ihr. Strom war auch abgestellt als sie im Ausland war und eine Kontopfändung wurde gemacht, weil zu viel Geld auf dem Konto war. Ich soll den früheren Betreuer anschreiben, aber Ärger will sie auch keinen. Ich glaube, ich kenne den, mache es aber trotzdem. Das ist einfach unprofessionell. Dann soll er selber dafür sorgen, dass die GEZ die Forderung ausbucht oder das aus der Portokasse bezahlen, ist mir egal.

Nachmittags ist Berufsbetreuertreffen. Der Saal ist voll. Der angeschriebene Kollege ist auch da. Auf dem Podium sitzt ein Betreuungsrichter, eine Ärztin aus Wunstorf, eine RAin und Berufsbetreuerin und ein Betroffener vom VPE sowie zwei von der Betreuungsstelle. Neue Erkenntnisse gibt es keine. Am lustigsten ist der Betroffene. In der Pause esse ich Kuchen von Fahrenhorst und stelle mich an einen Stehtisch. Der ältere Kollege will bald in Rente gehen. Er verrät uns die Namen der Kollegen, die Strafverfahren haben wegen Veruntreuung von Gelder von Betreuten und weil sie sich als Erben haben einsetzen lassen. Die waren wechselseitig Ersatzbetreuer, haben sich in ihren Fällen also vertreten. Dann sagt er mir, dass er keine „Psychopathen“ nehmen würde. Was er damit meint, frage ich. Welche mit einer Psychose, wie der Podiumsgast? Er: ja, die unberechenbar sind und mit einem Messer oder Schrauberzieher in der Tasche rumlaufen. Er nimmt lieber demente und findet bei denen zwischen 0,43 € und 6.000,- € in der Wohnung. Interessant. Er sagt, die trauen uns nicht mehr und er ist dafür, dass das immer ein Rechtspfleger dabei ist, 4-Augen-Prinzip. Ich sage, ich brauche keinen. Ich nehme das auf meine Kappe. „How can I trust myself, when I can’t even trust my own two hands?“. Dann teilt uns die Betreuungsstelle mit, wie viel Berufsbetreuer in Hannover und Region tätig sind  und wie viele davon gesperrt wegen Strafverfahren. Dass wir freie Kapazitäten melden sollen. Ein Schlaumeierkollege regt an, ob man es nicht so machen könne, dass sich nicht melden bedeutet, man hat Kapazitäten frei. Ähhhh?

Abends um 20 Uhr ruft mich Herr Maßregelvollzug an während ich beim Türken am Steintor sitze. Er ist in der Wörthstraße (Obdachlosenunterkunft). Der Vermieter hat ihn rausgeschmissen, weil er den Kühlschrank leergefressen hat. Ich sage, dass ich heute nichts mehr für ihn tun kann. Gut, dass ich dem keine silberne Nadel verliehen habe am Freitag. Der Unterstützungseifer hat ja nicht lange angehalten.

Um 21 Uhr sitzen wir als Hetero-Pärchen im Koki und fallen dem anwesenden Personal unangenehm auf die Nerven, während auf dem Sofa kuschelnd und Weißwein trinkend die Musikvideos zum Thema Aids anschauen und auf die Spätvorstellung warten, weil wir sonst nix zu tun haben oder zuhause einschlafen würden (ich zumindest). Nach und nach füllt es sich und überraschend viele Freunde und Bekannte tauchen auf. Ich überlege Fördermitglied zu werden. Frühlingsperlen soll es auch geben. Ich bin dafür. Gabi hat herrlichen Blumenschmuck gemacht und Stephan findet ein neues Toblerone-Format „interessant“. Den kann man wirklich mit allem locken, wenn es Süßigkeiten und Schokolade geht.

Perlen Toblerone

„I am Divine“ ist ein guter und auch ergreifender Film. Der dicke Junge aus Baltimore, der täglich in der Schule verprügelt wird. Dann zieht er mit seiner Familie in der Nachbarschaft von John Waters, der ihn an der Bushaltestelle stehen sieht, wie er versucht, normal auszusehen und ihm das so was von nicht gelingt und der Vater von John sich schüttelt während sie im Auto vorbeifahren. Dann seine Freundin im Interview, die sagt, er war sehr aufmerksam und hat immer darauf geachtet, dass sie gut aussieht und hat ihr Sachen mitgebracht, die sie anziehen sollte. Außerdem hatte er einen tollen „sense of humor“, d.h. er war witzig. Seit der Schule hat sie keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Dann die Zusammenarbeit zwischen John Waters und Divine. Er gibt ihr den Namen und macht sie zum Filmstar. Sie vertraut ihm und macht alles, was er sagt bzw. von ihr verlangt, weil dieses Vertrauen da ist. Es geht um die Szene aus Pink Flamingo, wo Divine Hundescheiße essen soll. Waters erzählt, dass sie den Hund (einen großen Dackelmischling) viel gefüttert und tagelang in der Wohnung gelassen haben um dann mit ihm rauszugehen in der Hoffnung, dass er macht. Das hat er auch, aber keinen richtig großen Hundehaufen, wie er im Bilderbuch steht, sondern kleine weiche Stückchen. Divine kniet sich nieder und kratzt die vom Bürgersteig und nimmt sie in den Mund. John Waters sagte dann nur, dass er die Szene so genommen hat und nicht noch mal drehen wollte. Er sei ja kein Sadist. Ein Kinobesitzer erzählte, dass Kinobesucher während der Vorstellung wegen dieser Szene regelmäßig gekotzt hätten und er musste die Kotze dann wegwischen. Dazu sagte Waters, Kotzen sei wie „standing ovations“ für den Film. Er hätte John angerufen und ihm gesagt, dass sie gestern wieder drei standing ovations bekommen hätten und er ihn hassen würde. Dann ging es um das Make-Up von Divine, dass der Typ ihm die Haare abrasiert hat um mehr Platz zu schaffen für Augenmakeup. So nach dem Motto das menschliche Gesicht bietet nicht genug Fläche für das Augenmakeup, wie er es sich für Divine vorgestellt hat. Dann hat Divine als Sänger gearbeitet, was aber ziemlich schlecht war. Toll war noch ein Trashwestern, dessen Titel ich vergessen habe. Sie hat eine Schauspielerin als Schwester, die ihr ähnlich sehen soll, d.h. Klamotten und Frisur. Den muss ich unbedingt mal gucken. Dann waren auch toll, die Live-Auftritte, wie sie das Publikum beschimpft. So nach dem Motto: “I smell a really stinking cunt on this side (of the audience). And on the other side I smell a cheasy dick. So maybe they should get together and make an omlette.” Dann kam Hairspray. Der große Erfolg und die breite Anerkennung, Versöhnung mit der Familie (sehr rührend) und er sollte dann eine männliche Rolle in der Sitcom „Married with Children“ (Eine schrecklich nette Familie) bekommen und hat in der Nacht vor dem ersten Dreh einen Herzinfarkt erlitten im Hotelzimmer und war tot. Es ist schrecklich, dass er so früh gestorben ist, aber karrieremäßig vielleicht die richtige Entscheidung. Ich weiß nicht. Ich denke, er war viel glücklicher als z.B. Leigh Bowery, der lebenslang mit seiner Familie zerstritten war, keine Anerkennung zu Lebzeiten bekommen hat und ins Krankenhaus eingecheckt ist unter dem Namen „John Waters“ und dann allein an Aids gestorben ist.

22.10. Morgens nervt gleich wieder Herr Maßregelvollzug (MRV), als könnte ich zwischen 21 Uhr abends und 8 Uhr morgens schon was geregelt habe. Er sei am Kröpke und würde gleich bei mir im Büro aufschlagen. Als ich ihm sage, dass er mir kräftig auf die Nerven geht und wir einen Modus der Zusammenarbeit finden müssen, bei dem ich nicht zum Straftäter werde, will er gleich wieder gehen. Nein, reden. Ich sehe es ein, dass er jetzt einen Notfall hat, aber das Tyrannisieren fing vor Wochen wegen einer Scheißmonatskarte an. Frustrationstoleranz bei ihm gleich null. Ich hingegen will reden und ihm zeigen, was geht und was nicht. Ich rufe bei der Stadtverwaltung an und frage mich durch und wir haben um 13 Uhr in der Hamburger Allee einen Termin. Jetzt soll er gehen. Nein, er darf hier keinen Papierkram bei mir deponieren. Raus!!

Ich habe erst mal meinen Anger-Management-Betreuten und seine Bewährungshelferin da. Ich bin Rädelsführerin und sage, was wir jetzt machen und suche 10 Verhaltenstherapeuten in Hannover per Internet und gebe ihm die Liste mit. Dann bedanke ich mich bei der Bewährungshelferin mit dem Doppelnamen für die gute Idee, sich einmal zusammen zu setzen und sage ich, ich freue mich, wenn sich Helfer untereinander vernetzen. Das sei immer sinnvoll und schön, dass wir uns kennen gelernt haben. Herr Anger-Management (AM) berichtet mir nebenbei, dass sein Battlefield Warrior-Spiel wieder funktioniert. Ich hatte ihm aufgetragen mir die Firma zu nennen und die postalische Anschrift, weil ich nicht an Hasi33 mailen wollte. Das hatte er gemacht, aber ich war noch nicht tätig geworden. Da fällt mir ein Stein vom Herzen, dass ich meine Zeit nicht damit verschwenden muss denen zu schreiben bzw. schön, wie sich manche Dinge von alleine regeln.

Dann Arbeitsagentur. Wir wollten uns an der Info treffen, ich stelle mich schon mal in die Schlange. Als ich fast da bin und die Margot Kässmann-Nachfolgerin noch nicht, werde ich nervös, aber ich werde doch nicht ausscheren und mich noch mal anstellen. Als ich schon am Schalter bin und es heißt: Ihre Betreute ist aber noch nicht da und ich auf meine Aufgabenkreise „Rechts-, Antrags- und Behördenangelegenheiten“ verweise und dass ich für sie handeln kann, taucht sie auf. Sie ist wieder überschwänglich und hat wieder einen Energydrink dabei. Ob das manisch ist, vermag ich nicht mit Sicherheit zu sagen. Ihr wurde gekündigt, sie ist freigestellt und bekommt noch Lohn bsi Ende November. Das hätte der Arbeitgeber nicht machen müssen. War noch Probezeit, Kündigungsfrist 2 Wochen, Begründung für Kündigung entbehrlich. Als erstes stellt sie fest, dass wir beide farblich passend angezogen seien und die Frau von der Agentur stellt fest, dass sie es auch sei (was ich lustig finde). Dann geht es zur Beratung. Sie nimmt Flyer mit über Frauenförderung und will bei allem wissen, ob das „auch für Akademikerinnen“ sei. Warum sie das so penetrant drauf rum reitet, will ich später von ihr wissen. Sie hat viel Redeschwall, über ihren Freund, der Arzt sei und ihre beste Freundin und die Kreise, in denen sie verkehren würde und ihre Promotion, die sie machen will bei den Religionswissenschaftlern (darauf hat die Welt noch gewartet), den ich irgendwann unterbrechen muss, weil ich vor dem Termin in der Hamburger Allee unbedingt noch was essen muss. Wieder der Türke. Urfa Sofrasi. Draußen in der Sonne. Ich bestelle schon mal und als Stephan kommt, wird gerade die Pide mit Käse gebracht.  Bevor er da war, flirte ich mit einem türkischen Elektriker. Scheiß auf Akademiker. Ich kann diesen Drall nicht verstehen.

Dann Hamburger Allee. Als Herr Maßregelvollzug  (MRV) nicht da ist um 13 Uhr, rufe ich ihm mal hinterher auf dem Handy. Wo er sei? Als er es mir erklären will, stellt sich heraus, dass er 3 Uhr verstanden hat. Er soll so schnell wie möglich herkommen. Ich bin schon mal oben bei der Sachbearbeiterin. Melde mich an. Komme dann zu ihr. Sie ist polnischer Abstammung und hat eine kleine Turnerfigur. Sie ist nett, aber ihr überambitionierter Kollege, der gegenüber am selben Schreibtisch sitzt mischt sich ein und will mich nur loswerden. Jobcenter sei zuständig, wenn die geschlossen haben, egal. Ich frage nach besonderen Notlagen beim Verlassen einer Einrichtung. Nein, hier gibt es nichts. Gut, dass Herr MRV das nicht miterleben muss. Ich bleibe ruhig und sage, das hat mich nicht überzeugt. Ich will mit der Teamleiterin sprechen. Wer das sei. Der Name wird genannt. Ich gehe wieder nach vorne. Jetzt ist Herr MRV immer wieder dran, der den Scheißeingang nicht findet. Puffstraße, auf der Seite vom Turm, ja, Hausnummer 25, gucken oder fragen. Ich bin in der 3. Etage bei der Auskunft. Ich stelle mich noch mal an der Eingangstresen um mich zu vergewissern, dass ich auch bei der Teamleiterin angemeldet bin, weil ich muss wieder ins Büro. Dann kommt Herr MRV aus dem Fahrstuhl. Ich gehe mit ihm ins Wartezimmer und sage, es sieht nicht gut aus, die wollen uns los werden. Vielleicht will er sich auch anhören, was die Teamleiterin uns zu sagen hat bevor er dann zum anderen Jobcenter in der Vahrenwalder Straße aufbricht. So viel Zeit müsse sein. Außerdem kann ich nicht gehen, weil die meinen Betreuerausweis haben. Als Pfand, fragt er. Nein, sage ich. Dann werden wir gerufen und sollen mit der ursprünglichen Sachbearbeiterin wieder mitgehen. Auf einmal geht es darum, wo hat er vor der Haft gewohnt. Sie finden keine Meldeadresse und schon wieder will der eifrige Kollege Wunstorf verstehen. Dann sei Wunstorf zuständig.  Ich sage, nein, nie hat er außerhalb des Maßregelvollzuges in Wunstorf gewohnt. Immer Hannover. Dann holt meiner eine ganz desolate kleine rosa Karte, gelocht, vom Sozialamt aus der Arndstraße aus dem Portemonnaie. Ja, sie waren früher für ihn zuständig vor der Haft und sind es daher wieder. Die Türen zu den Nachbarzimmern sind auf und ich sage zu meinem: „Ich bin so stolz auf Sie, dass sie die ganzen Jahren über diesen rosa Zettel aufbewahrt haben und ihn jetzt hervorzaubern. Es ist ein Zauberzettel. Die sind immer rosa“. Jetzt hätten sie ihn angeblich auch über sein Geburtsdatum im System gefunden. Ich sage ihm: „so, jetzt sind wir hier doch auf einmal richtig. Das hat sich ja mal gelohnt, dass hartnäckig bleiben.“ Dann geht es noch um Krankenversicherung und das nach dem Probewohnen das Jobcenter zuständig sei. Ich sage zu ihm, dass ist uns erst mal egal, weil das ist erst in Monaten der Fall sein wird und da können wir uns dann in Ruhe darum kümmern. Er soll eine Scheck mitbekommen und eine Mietübernahmebescheinigung. Wir werden gebeten noch mal im Wartebereich Platz zu nehmen, was wir auch tun und ich rufe im Büro an, dass ich zu meinem 14:30 Uhr Termin leicht spät komme, aber hier noch ausharren muss. Ich will nicht riskieren, dass jetzt noch was schief geht so kurz vor der Problemlösung. E sagt mir, dass er heute auf den Tag genau 10-Jähriges habe, d.h. heute vor 10 Jahren wurde er verhaftet. Ich vertraue ihm dann, dass ich schon mal nachgeschaut in meinem Portemonnaie und wenn das hier schief gegangen wäre, hätte ich ihm zumindest 16,- € geliehen, bevor ich ihn zum nächsten Jobcenter gehetzt hätte. Gut sei ja die Monatskarte, mit der er mobil ist. Ich frage ihn, ob er mich dann nicht auch bald mich los werden wolle, wenn alles geklärt sei mit Wohnung usw. Er flüstert mir was ins Ohr, dass er totales Vertrauen zu mir hat, verstehe ich nur, sonst bin ich irritiert über seinen heißen Atem in meiner Ohrmuschel. Ich sage ihm, dass ich mich daran erinnern kann, wie wir uns kennen gelernt haben. Ich als Verfahrenspflegerin und er mit Beschluss in Langenhagen ans Bett fixiert und hat was von Tütü erzählt und ich dachte: lustiger Typ und wenn ich ehrlich sein dürfte, dann wäre er entweder ein Held oder total beknackt, so wie er den Maßregelvollzug durchgestanden hat. Keine Anpassung, sondern immer maximal Widerstand. Normalerweise würde man merken, dass die Institution am längeren Hebel sitzt und auf Liebkind machen, aber nicht er. Bei Dienstbesprechungen des Personals die Musik voll aufdrehen, immer dagegen, immer prvo, sich nicht verbiegen lassen, kein Stück nachgeben, egal wie schmerzhaft das dann wird, weil sie lassen es einen an anderer Stelle spüren. Das ist auch klar. Das habe was von „Einer flog übers Kuckucksnest“ und sei halt entweder besonders tugendhaft oder besonders blöd. Ob ich jetzt nicht mal seinen Vermieter anrufen soll, jetzt wo er heute einen Scheck bekommt. Mache ich und äußere meine Verwunderung über seinen Sinneswandel von Freitag auf Montag. War doch klar, dass das alles ein wenig braucht mit dem Geld und der Wohnung. Wie hat er sich das denn vorgestellt, dass er innerhalb von zwei Tagen eine Wohnung findet und wenn nicht, dann schmeißt er ihn raus? Ne, wenn wir so viel heute erreicht haben und er einen Scheck bekommt, darf er wieder zurück kommen. Ich sage Herrn MRV, dass ich mir für den heutigen Tag ein Sternchen in den Kalender mache.

Nach Erledigung Büro. 5 Minuten zu spät. Junge Frau mit Gesichtspiercings und Probleme mit Telefon- und Internetanbieter und Beratungsschein.

Dann kommt Elisabeth Taylor, die schon mit Stephan telefoniert hat und ihn für meinen Kollegen gehalten hat und ihn fragte, wenn sie ein Führungszeugnis habe, wo nichts drin steht, ob sie dann einen Bewährungshelfer brauche. Sie kommt mit Maurerdekoltee hinten und einer dicken, fetten Katze auf dem Arm, die sie bändigen muss ohne Halsband, was sich als schwieriges Unterfangen darstellt und die nur damit beschäftigt ist dagegen anzukämpfen, sie zu kratzen und zu versuchen von ihr los zu kommen und ihre Haare auf meinem Schreibtisch zu verteilen. Es gibt schon einen Grund, warum Leute diese Katzentransportboxen benutzen. Es ist schwierig eine Katze ganz ohne Halsband nur durch Festhalten des Körpers mit Fell zu bändigen. Ich sage, das ist nicht ihre Katze. Ihre war ganz klein und dünn. Sie dann: sie war damals ein Baby und ich: und warum schleppen Sie eine Katze mit sich herum. Dann fängt sie an, es zu erklären und ich merke, dass mich die Antwort weder interessiert nocht überzeugen kann. Warum habe ich gefragt? Sie musste aus irgendeinem Grund ihre Wohnungstür offen lassen. Aha, ach so, ne klar, aber dann Hausratversicherung abschließen wollen.  Irgendwie ist das wieder wie aus einer Szene von Hangover. Ich sage nur: Stubentiger von Mike Tyson.

Sport mache ich nur halbes Programm und gehe mal um 21 Uhr ins Bett, sonst schaffe ich die ganzen Spätvorstellungen diese Woche nicht.

Erlaubnisschein zum Sammeln von Leseholz

20.10. Ich brauchte eine Bastelpause und so bin ich mit Stephan zum Real-Parkplatz in Linden gefahren. Wieder Flohmarkt. Da dieser selber kein Interesse am Erwerb neuer Wohnungsfüller hat bzw. ich das bereits mehr als ausreichend für ihn mit übernehme, empfinde ich das Schlendern als semi-optimal. Er ist schneller, ich bin langsamer. Ich bewundere die Auslage. Letztes Abendmahl als Eisenplatte. Ja, kann ich kaufen, schon klar….

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Auch die Klippersammlung sowie die Metallpferde gefallen mir gut.

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Am tollsten bisher finde ich das Kinderteeservice. Die Löwenkanne, sowie Affentasse und Elefantenuntertasse, aber ich serviere keinen Teddies und Puppen mehr Tee und kenne auch sonst keine, die es tut.

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Dann sehe was Skurriles nach meinem Geschmack. Einen Erlaubniszettel bzw. Schein zum Sammeln von Leseholz, den jeden mit alten, getrocknetem Zeug eingerahmt hat zu einer spitzenmäßigen Installation. Was das kosten soll, kann der Mann am Stand nicht sagen, sein Kumpel kommt gleich wieder. Ich kaufe von ihm einen Aschenbecher mit einem Expo-ähnlichen Maskottchen vom Jakobsweg in Galizien, eine Muschel aus Porzellan. Dann auf der Rückrunde ist der Kumpel da. Ein junger Alkoholiker. Was ich zahlen will? 2,- €. Er sagt 7,- €. Ich will schon gehen und später noch mal vorbeischauen. Noch mal die Frage, was ich zahlen will. Der Aschenbecherverkäufer vermittelt und schlägt 5 vor. Ich bin einverstanden und soll das Teil gleich mitnehmen. Tüte? Ja bitte. Es passt nicht in die Stofftasche. Dann nehme ich es unter den Arm. Er bedankt sich überschwänglich für das Geld, „vielen Dank, wirklich, vielen, vielen Dank“. Dann kommt er mit nachgesprungen und übergibt mir eine nach Qualm stinkende eingesaute Lidl-Tüte, in der schon sehr viele leere Bierflaschen transportiert wurden und drückt mir 50 Cent wieder in die Hand und zwinkert mir mehrfach zu. Jetzt steht das Teil in meiner Küche. Ich wollte es unserem Nachbarn über uns verleihen, der im Herbst immer viel Laubarbeit bei uns im Garten leistet, aber bin höchst unsicher, ob es seinen Geschmack trifft. Zu unserem Holzfußboden passt es jedenfalls sehr gut.

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Bei diesem Spiel werde ich abgemahnt vom jungen Verkäufer, dass ich ihn fragen müsse, ob ich seine Sachen fotografieren darf. Erstreckt sich das Recht am eigenen Bild auf die Flohmarktauslage? Spiele darf ich keine mehr kaufen, auch wenn sie toll ausschauen und das Spielebrett innen erst (Seufz).

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Es sind etliche Händler da von letztem Sonntag bei Hornbach, der Araber mit den gelben, dicken und geknoteten Ketten sowie Jana aus der Movenyo-Anmeldung und der Mann mit dem Dackelmischling und den Maronen. Auch die Frischkäsecremes werden wirder feilgeboten. Ich kaufe Granatapfel und Walnuss. Der Teddy mit den irren Augen sitzt auch wieder rum, aber auch neue Dinge und Installationen erfreuen das Auge.

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Dann geht es zu Rossi und ich mache ein Gesamtfoto. Ich bin sehr zufrieden. Leider habe ich den Schwänen (es sind Serviettenringe) empfindlich die Hälse verdreht durch meinen unsensiblen Transport. Das wird ein Hütchen!

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Wir sitzen herrlich draußen und die Quiche mit Asiagemüse schmeckt schön nach Curry und Ei. Versaut wird es nur durch Männergespräche am Nachbartisch, die sich die ganze Zeit über Autos und/oder Motorräder unterhalten. Neue Lichtmaschine, war sauteuer. Handeln schlecht, wenn man mit dem Hänger schon angefahren kommt. Muss man vorher machen, sagen, wenn sie im guten Zustand ist, zahle ich höchstens das und das. Aber geht das überhaupt, bevor man die Karre gesehen hat. Oh Mann. Das kann einem alles versauen. Nachtisch gibt es in der Bar, wo ich den Hollandteller oben links und die Schürze, die frisch gebügelt ist, abgebe und das Zeitmagazin über FFM mitnehme.

Hafen, Kiefern, Hauskontrolle

Schöner Herbst. Anbei der Ausblick vom Arbeitszimmer meines Mannes:

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18.10. „Hafen, Kiefern, Hauskontrolle“ stand in der Kochstraße bei uns im Durchgang. Unser Freund Klaus hatte das dort hin gesprüht anlässlich eines Besuchs bei uns. Das fand ich damals schon mehr als grenzwertig und wusste auch gar nicht was gemeint war. Die Kiefernstraße in Düsseldorf war mir kein Begriff.

Die Fensterputzer kommen eine halbe Stunde zu früh und vertreiben mich. Ich bin doch wie eine Spinne und sie machen mir alles kaputt und ich muss dann mühsam die Fenster wieder einspinnen mit meinem Nippes, wenn sie wieder weg sind. Im Badezimmer habe ich mich entschlossen den Nippes weg zu lassen. Wahnsinn wie das ausschaut, wenn der Vorsprung vor den Fenstern mit den kleinen Glaskacheln ganz leer ist. Irre. Ich weiß theoretisch wie gut einrichten funktioniert. Halt wenig hin machen. Nur eine Sache oder so, aber das ist nicht meins, d.h. ich habe einen innere Trieb alles schön voll zu stellen. Wisst ihr ja.

Um 9:30 Uhr schlage ich zu meinem Hausbesuch auf. Da die Wohnung im Vorderhaus, Erdgeschoss gelegen ist, kann ich mir von außen schon denken, wo ich gleich sein werde und so ist es auch. Die Wohnung besteht aus einem Wohnzimmer und gegenüber einer kleinen Küche, zusammen weniger als 40 qm, ich würde eher sagen etwas über 30. Der Fernseher läuft. Es ist eine Raucherwohnung, deshalb ist das Fenster offen, das Rollo schützt vor Blicken und die Heizung läuft auf Hochtouren, weil die Raucher ganz viel Frischluft brauchen, aber es auch warm mögen. Die Herren sind beim Frühstück und ein Brötchen wird geschmiert, mit ganz dünn Butter. Ich erkläre dem Vermieter, dass die Klinik misstrauisch sei ob so viel Gutmenschentum, weil er Herrn Maßregelvollzug hier in seiner kleinen Bude aufnimmt ohne Gegenleistung. Die denken sich dann: Gibt es diesen Vermieter überhaupt und wenn ja, was hat Herr Maßregelvollzug ihm angetan, um ihm den Untermietvertrag auf den Rippen zu leiern und wenn er ihn kennen lernt, wird er prompt wieder rausfliegen und auf der Straße landen. Ich sage, ich werde der Klinik berichten, dass er ein ganz gemütliches Nest gefunden hat, warm genug um eine Babyküken auszubrüten. Während Herr Maßregelvollzug guckt wie ein Auto, muss der Vermieter, ein ca. Ende 50-jähriger Mann, jetzt spätestens lachen. Er wird Herr Maßregelvollzug Montag zu den Ämtern begleiten. Er wolle mir Arbeit abnehmen. „Sie melden sich bei mir, wenn sie mich brauchen.“ Für diese Fälle sollte ich eine Nadel parat haben, die ich verleihen kann, quasi Hilfssheriff. An den Wänden sind Teppiche und Leuchtbilder, d.h. Städtemotive und viele Phantasiemotive mit bunter Beleuchtung (LED?) und davon eines neben dem anderen, als raumfüllende Tapete oder Installation. Es hat viel von einer Höhle. Gegen die Wohnungstür ist von innen in Sofa bzw. das Oberteil davon gedübelt. Marke Eigenbau. Irgendwie Dämmung. Ich will mich verabschieden und der Vermieter stellt fest, dass ich gar nicht gefragt hätte, warum er das macht. Er es mir aber auch nicht verraten hätte. Frau A. macht auf ganz cool und sagt, das Ergebnis sehe ich ja und die Motivation habe ich nicht zu hinterfragen, damit gehen tausend Fragen durch meinen Kopf. Was kann es für Gegenleistungen geben? Sexueller Natur und deswegen muss man die Tür so irre dämmen wegen dem ganzen Krach? Herr Maßregelvollzug kommt mir sehr hetero vor wie er immer von Weibern und Nutten spricht, aber vielleicht ist es einfach flexibel. Während meine Phantasie droht mit mir durchzugehen, glaube ich, dass man mir äußerlich nichts anmerkt und ich mache mich vom Acker.

Als ich im Büro ankomme sitzt mein Kollege mit einem Kaffee im Flur. Den habe ich seit 2 Wochen nicht gesehen. Ich sage, dass ich heute nur halb arbeite, weil eine Betreute, die geistig behindert ist, mich gebeten hat an einer Aufführung teilzunehmen. Es geht um einen Kurs bei der VHS mit dem Namen Musik erleben und da ich hier sonst wenig zu tun habe, ist das drin im Kontingent und Stephan habe ich ja auch in die Wagner Opern begleitet. Ich glaube, das wird tendenziell interessanter für mich und es geht um 14 – 16 Uhr, also auch nicht so lang wie Wagner, aber doch ordentlich. Habe schon angekündigt, dass ich nicht wüsste, ob ich die ganze Zeit bleiben könnte. Erst mal sehen, wie es mir gefällt. Theater mit Behinderten, genauso wie Kunst von denen, mag ich sehr.

Auf dem Weg halte ich bei der Frau, deren Wohnungskündigung durch den Betreuer jetzt von der Rechtspflegerin genehmigt wurde. Selbst die 14 Tage Probezeit hat sie nicht abgewartet. Wir besprechen die Beschwerde. Ich kann ihr allerdings nicht versprechen, dass es gut ausgehen wird.

Theodor Lessing als Mitgründer der VHS.

Bärtiger

Erst sind es weniger Zuschauer als Mitwirkende. Es kommt noch eine schnöseliger Vater und 2 junge Burschenschaftler in Wachsjacken sowie eine dreier Gruppe Mädchen und ein Techniker der Hauses dazu, so dass es sich dann doch in etwa die Waage hält. Immer wieder ergreift es mich Rentnermütter zu sehen, deren behinderte Kinder auch schon graue Haare haben. Ein Ehepaar vor mir macht viele Fotos. Die Tochter lässt sich leicht ablenken und steuert immer wieder auf die Eltern im Publikum zu und will denen was mitteilen oder ihren Haarreif geben, der sie stört. Frau K. freut sich und will mich der Leiterin des Kurses vorstellen auch wenn die Zuschauer noch gar nicht rein dürfen. Meine ist nicht musikalisch, aber sie tritt gerne auf. Insofern hat sie wieder Ähnlichkeiten mit mir. Erst gibt es Musik. „How many roads must a man walk down“ mit englischen und mit deutsche Texten und dazu Bändergymnastik, meine macht mit und verdrängt mit ihrem Eifer fast die beiden anderen, die so an den Rand gedrängt werden, dass sich ihre Bänder immer wieder verheddern und sie durch Blick die Kursleiterin um Hilfe rufen. Dann wird gesungen: „Allein, machen sie Dich klein“… Auch sehr schön. Es gibt ein männliches Gesangstalent, der mit Mikro arbeitet und so ansatzweise Leute aus dem Publikum ansingt bzw. Gesten in ihre Richtung macht: „ob Du Metzgermeister bist oder Medizin studierst, ob die Zugereister bist oder kommst Du aus Berlin“ und jetzt der Refrain: „Egal was Du machst, Hauptsache ist, es macht Dich glücklich“. Sehr schön und  sehr wahr. Frau K. gehört zur besseren Hälfte bei der Begabung bzw. Eignung für diesen Kurs, d.h. es gibt welche die können Gitarre spielen, einer sogar Klavier, aber es gibt auch eine Frau im Rollstuhl, die spastisch gelähmt ist und eine Begleitung sitzt neben ihr und führt ihr die Hand, weil sie das Instrument, bestehend aus Metallplättchen durch einen Holzstab zum Klingen bringen soll, was gerne vor den Stücken als Intro passiert. Dann gibt es mindestens 3 weitere Frauen, die kaum was machen, singen oder sagen und einen Mann, der Bass spielt, aber auch nicht richtig singt, wenn er soll und dessen Mutter im Publikum ist. „Hier gibt es jetzt Kultur“, wie der männliche Kursleiter sagt und „alle bitte die Operngläser rausholen“. Ein schwarzer Vorhang mit verdeckten Löchern. Da werden Socken als Handpuppen durchgeschoben und dazu läuft bekannte Opernmusik. Ich meine, es ist Carmen. Es ist ein bekanntes Stück bei dem sich eine Sängerin und der Chor abwechseln. Mit der Solisten in der Mitte (Socke mit Schleife im Haar) und dann kommen alle raus (Chor). Wenig aufwendig und macht viel her. Dann gibt es ein Märchenstück, bei dem mit einem Erzähler (dem männlichen Kursleiter) gearbeitet wird als Schattenspiel. Auch tolle Effekte. Die Prinzessinnen, eine davon die Frau im Rollstuhl sind mit ihrer Zofe (der Begleitung der Frau) im Wald unterwegs. Meine ist die Hexe, die einen Apfel kleiner und dann wieder größer zaubern kann.

2 Prinzessinnen 8 2 Prinzessinnen 6 2 Prinzessinnen 5

Die Königin, die ihrem Mann eine Krawatte häkelt piekst sich mit einer Häkelnadel und schläft ein. Der Hofstab holt den Jahrhundertwecker. Das ist ein Ballon, der aufgeblasen wird bis er platzt. Auch ich erschrecke mich, wie zu erwarten war.

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Abends nach dem Sport erwartet mich eine Einladung zum fünfzigsten Geburtstag unseres Freundes Markus. Sehr toll gemacht und mit ganz viel nettem uns sympathischen Text. Ich freue mich auf das Ereignis nächsten Monat. Als wir neulich bei uns in der Küche zusammen saßen mit dem Mann aus Hamburg, der in Frottee macht sowie den Fürther Jungs und jeder hatte einen Jahrgang von 1963 bis 1969 war Markus der älteste und nächstes Jahr kommt Stephan dran. Dann steht da ein unscheinbares, braunes Paket, aber Stephan ist ganz aufgeregt. Das sei für mich. Ich mache es auf und bin wahrhaftig überrascht. Er hat mir See’s Candies aus den USA bestellt. Toffee-ettes, meine Lieblingssorte mit Butterkaramel mit leichter Salznote und vielen kalifornischen Mandeln, köstlich und mit so vielen süßen Erinnerungen belegt. Er hatte die Bestellung losgeschickt, als ich an meinem Geburtstag bzw. dem Tag danach meine Bastelsachen samt der See’s Candies Tasche in Berlin-Kreuzberg an einem Zaun hängen ließ; (das Abschiedsfoto davon gibt es noch) und musste so lange Dicht halten. Er ist ein Held. Eine Tasche hat er mir auch mit bestellt. Die kann meine kleine, schwarze aus Tokio nicht ersetzen und ist ästhetisch fragwürdig, aber der Willen zählt. Mein Mann ist toll.

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Weil wir italienisch Essen fahren, bleibt die Packung zu, aber einer wird im Laufe des Samstags aufgefuttert unter vielen Stöhnlauten von uns beiden. Beim Italiener sagen wir Benny, es gibt was zu Feiern. See’s Candies, amerikanische Süßigkeiten sind heute angekommen. Er kennt sich aus und will diese auch kennen. Jedenfalls sagt er Twinkies, Trashfood, was wir er zu Recht sagt nach Diabetes schmeckt. Er schlägt „Flasche Schampus?“. Wir halten uns an den Wein. Ich esse Vorspeise und zwei Pasta-Gänge, mal wieder die Lasagnette mit Zicklein und Salsiccia (köstlich). Zum Nachtisch gibt es eine Parfait mit Kürbiskernen. Sehr lecker.

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Samstag verlasse ich das Haus nicht. Ich bastele erneut Kalender. Jetzt, wo ich entschlossen habe kleinere Modelle für eigene Verwandte, u.a. meine Tante in Travemünde und die amerikanische Verwandtschaft zu machen, werden es dieses Jahr doch eher 15 Stück und die Produktion läuft auf Hochtouren. Die kleinen sind nur ca. 1,50 € günstiger und der Bastelaufwand ist auch ähnlich, aber sie nehmen nicht so viel Platz weg, sind nicht so dominant und lassen sich besser verschicken. Stephan trifft sich mit meinem Kollegen auf einen Kaffee. Die Sonne scheint. Beide Spinnen haben die Fensterputzer überlebt. Die Dicke vor der Terrassentür hat Stephan noch gesehen danach, aber ich sehe sie nicht mehr. Sie sucht sich vielleicht ein anderes Plätzchen, wenn sie jetzt von Null anfangen muss. Die vor dem Küchenfenster bleibt und macht dort wieder weiter. Mein Kollege wird nächstes Jahr 4 x beruflich in Stuttgart sein, so dass wir dort mal ein gemeinsames Treffen planen können. Dann können wir auch meine Tante besuchen. Nach dem Basteln wird gekocht und eine Runde gebügelt. Den Bügelwäscheberg schafft man nicht auf einmal. Das dauert mehrere Stunden den abzuarbeiten, so habe ich den anwachsen lassen. Am späten Abend bastele ich noch ein Hütchen für die Dürerausstellung mit einem Nashorn vom Flohmarkt letzte Woche. Dazu läuft eine Doku über Lemmy von Motorhead. Der Typ ist schon cool. Er sammelt „Stuff“ und mag’s auch gerne voll bei sich. Der Typ muss sich fühlen wie ein lebendiger Jesus. Junge Mütter, die sich erst das Dekoltee von ihm signieren lassen um das Autogramm dann anschließend genau an der Stelle eintätowieren zu lassen und ihm vorher bezeugen, wie sehr seine Musik ihr Leben verändert hat. Die sind im Ausnahmezustand, weil sie ihn getroffen haben und würden ohne mit der Wimper zu zucken auch ihr Baby tätowieren lassen, wenn Lemmy den Befehl dazu erteilt und das geht die ganze Zeit so für ihn. Das ist viel Verantwortung, dabei macht er doch nur Musik. Dafür, dass er dazu noch richtig kräftig Drogen nimmt und das seit Jahrzehnten, kann der Typ sich zu sich selber beglückwünschen, d.h., er hat das physisch und psychisch gut überstanden. Er wurde geprägt von seiner Mutter und seiner Oma, wie es auf Nachfrage nach wichtigen Personen angibt. Der Vater hat sie im Stich gelassen, aber ihm fehlte auch keine übermächtige Vaterfigur. Das weiß ich psychologisch nicht, jedenfalls macht er seinen Sohn glücklich als er auf die Frage nach dem wertvollsten in dem Raum und es eigentlich um seine Sammlungen geht antwortet: „my son“. Dem hat er gesagt, kein Koks nehmen, lass die Finger davon, Speed ist viel besser für Dich. Süß.

Pöbel bzw. JVA für Anfänger

16.10. Frau J. will mich weitergeben. Ich spreche nicht mit Bettnachbarn und sonstigen mir unbekannten Personen und lege auf. Sie ist arschfreundlich. Ich soll sie in ihre Wohnung begleiten und ein paar Stunden dort alleine lassen, damit sie sich was kochen kann und sich ausruhen. Ich spreche mit ihr und Bevollmächtigten, wie der Anwältin, die sie beauftragt hat oder ihren Verwandten und nicht mit Bettnachbarn oder Pöbel. Da sie mit Suizid gedroht hat, wird der Hausbesuch in unbeaufsichtigt seitens der Klinik nicht genehmigt werden.

Eine türkische Betreute kommt vorbei. Das ist die mit der Tochter, die vom Jobcenter aufgefordert wird, sich zu bewerben. Da gibt es am 28.10. Strafverhandlung gegen einen Typen, der die Tochter und den Freund beim Sex und danach in einer Gartenlaube gefilmt hat. Das war damals eine ganz schwere Krise, weil die sind konservativ eingestellt und von daher war das richtig Weltuntergang und zwar wegen Ehre und unehrenhaft und weniger wegen der verletzten Gefühle des Mädchens. Ich war damals mit der Mutter beim Jugendamt, die sich Sorgen machten, weil meine ihrer Tochter einfach die Haare abgeschnitten hatte, um sie zu verletzen und zu treffen, wie sie zugab. Die Tochter habe ihr nicht zugehört und sie habe daraufhin gesagt, „Du sprichst nicht mit mir, dann spreche ich mit Deinen Haaren“ und habe eine Schere genommen und sie abgeschnitten, weil sie wusste, dass die Tochter daran hängt und stolz darauf sei. Das war natürlich nicht ganz unproblematisch so eine Haltung gegenüber einer Jugendlichen. Jetzt wurde die Tat offenbar zur Anzeige gebracht und der junge Mann,  der mit seinem blauen Handy den Film gemacht und veröffentlicht hat, darf sich vor dem Jugendstrafrichter verantworten. Ich werde sie hinbegleiten, weil die Nebenklage nicht zugelassen wurde (dafür ist die Tat nicht doll genug) und das sonst Kosten verursacht, wie eine Kollegin ihr geschrieben hat. Das kann sie nicht zahlen und wozu hat sie mich. Ich melde mich bei Violetta, die haben auch jemanden der ehrenamtlich mitkommt und dann ich. Das muss reichen. Meine Betreute teilt mir mit, dass ihre Wohnbetreuung, die im Mutterschutz ist, eine Tochter bekommen hat. Ich gratuliere per email. Sie soll sich in Gedanken vorstellen, wie Frau K und ihr 7 jähriger Sohn, beide mit Krone auf dem Kopf sowie ich, schwarz geschminkt vor ihr knien und allerlei Geschenke wie Weihrauch und Gewürze sowie Goldbarren übergeben.

Weil das mit dem Betteln nach Stoffresten per Blog so gut geklappt hat, habe ich noch einen Anschlag auf meine Leser vor und vor allem die sehr aufmerksamen in Wien. Ich habe einen Schreibtischunterlage von „Wiesbauer Österreichische Wurstspezialitäten GmbH“ mit lauter fiesen Schinkenspezialitäten darauf und da krickele ich immer darauf herum, wenn ich telefoniere und reiße das Blatt, wenn ich es für zu unansehnlich befinde ab und habe ein frisches. Den Block habe ich second hand, im Café Prückel im Keller neben den Toiletten war eine Vitrine mit Flohmarkt, erstanden. Das macht die Sache natürlich besonders wertvoll, aber der geht bald zur Neige und ich brauche dringend Ersatz. Ich würde auch was kaufen, aber das trifft nicht meinen trashigen Geschmack. Es sollte ein möglichst fieses Werbegeschenk sein. Das würde mein Herz erfreuen. Also alle Leser, die in Firmen beschäftigt sind, bitte Ausschau halten. Vielleicht gibt es was Passendes, was bei euch ins Haus oder in die Firma flattert und ihr denkt an mich.

Frau P. bekommt Telefon ans Bett. Letztes Mal im Heim hatte sie das moniert und gleich habe ich bei der Pflegedienstleitung angerufen. Da hieß es Telefone nur für Kurzzeitpflegebewohner und ich muss über die Telekom einen Anschluss beauftragen. Das habe ich gleich getan und jetzt ist Anschlusstermin am 24.10. zwischen 12 und 18:30 Uhr, geht nur bis 14:30, weil die Mitarbeiter, die einen Schlüssel für den Technikraum haben, dann Feierabend machen. Wie danach ist da keiner mehr im Heim? Werde ich von dem Telekom-Heini gefragt. Zumindest keiner der einen Schlüssel hat zum Technikraum hat. Herr K. der Lebensgefährte, dessen Wohnungskündigung durch die neue Betreuerin beantragt ist rufe ich an um ihm die Nummer mitzuteilen, die sie ab nächster Woche haben wird. Er ist Auserwählte, es wird eine neue Zeit anbrechen und da wird er eine entscheidende Rolle spielen, ob ich noch weiß, was er mir über die Kornkreise erzählt hat. Er will sie wieder zu sich nehmen und pflegen. Hier ist der Zustand offenbar gleich geblieben. Er mag seine Betreuerin nicht. Die sei schlicht gestrickt, so dass man von der nichts erwarten könne. Ob ich ihn anwaltlich vertreten könne. Das geht nicht wegen des Interessenkonflikts sage ich ihm, weil ich für Frau P. da sei.

Dann bekomme ich einen Rückruf vom Jobcenter mit einer Vorwahl aus NRW. Ja, es geht um einen Mann, der gerade aus dem Maßregelvollzug entlassen wird. Dort hatte er nur einen Taschengeldanspruch, weil ja Vollverpflegung war und jetzt haben die ihm 9,- € ausgezahlt bis Montag und der Mann ist Raucher und hat schlechte Laune. Habe gestern schon meinen Betreuerausweis und den formlosen Antrag ans Jobcenter gefaxt. Er hat kein Konto und ich wollte anbieten ihn zum Termin zu begleiten. Nein, Termin bei einer Sachbearbeiterin gibt es nicht, er muss Nummer ziehen und „er soll ja nach und nach Dinge wieder selber übernehmen“, meint Frau Callcenter zu mir. Danke für den Tipp. Ich dann: der ist 8 Jahre lang weggesperrt worden und recht eigenwillig, ob sie sich das vorstellen könne und wie sie schon gesagt habe, nach und nach. Ich begleite auch sonst einen Schützling zum Amt und gerade in diesem Fall habe ich es im Interesse aller Beteiligten für ratsam gehalten, aber wenn sie anderer Meinung ist, mache ich mir dazu gerne einen Telefonvermerk, dass wir darüber gesprochen habe und es trotz meiner Bedenken abgelehnt wurde (blöde Kuh, werden schon sehen, was sie davon haben).

Abends beim Kundalini-Yoga kündigt Nadine an, dass es ein hartes Set wird und sie sei Sadistin, wie jede Yogalehrerin das ein bisschen sein müsse. Ich mache Befehlsverweigerung, weil ich mit 46 weiß, was meinem Körper gut tut und zwar an meinen Fingern herumpuhle, sonst aber wenig Selbstzerstörung kenne und schon die Übungen, bei denen man mit den Ellbogen kräftig nach unten klappt gegen die Körperseiten haut recht brutal finde und dann Dinge, die meinem Körper nicht gefallen, nicht mache, weil ich mag ihn und er ist auch gut zu mir. Beim anderen Yoga spreche ich die Frauen in der Umkleide an und wir wollen mit Mikael was trinken gehen nach dem Yoga. Das hatte er sich früher bereits gewünscht, als er in der Faust unterrichtet hat und die Weihnachtszeit vor der Tür stand.

17.10. Mein Tag beginnt mit einer Email von Andrea aus der Nähe von San Francisco. Ich habe angekündigt, dass wir 2014 im Herbst 2 Wochen nach Kalifornien wollen und ihre Tochter hat heute Geburtstag und wird 14 und sie habe schon an mich denken müssen, weil Halloween vor der Tür stehe. Wir waren bereits 2 x zu der Zeit dort. Die Euphorie steigt in mir auf und ich suche Klamotten danach aus mit Sammelbehältnissen von Goodwill und freue mich auf 2014.

Das Baumbeschneiden in unserem Garten soll 3.000,- € kosten. Das ist halt Luxus: Frauen mit langen Beinen zu unterhalten und Bäume mit langen Stämmen.

Dann ist es wieder Frau J. Wenn ich ihre Zimmernachbarin im Hintergrund höre, flippe ich aus, so dass meine Betreute den vernünftigen Part übernehmen muss und sagt, sie könne da doch nichts dafür und sich distanziert von der Dame.  So funktioniert das mit Betreuten. Die Betreuerin ist noch verrückter und das macht Eindruck. Ich telefoniere mit der Oberärztin. Biete nächsten Mittwoch an, sie in die Wohnung zu begleiten (soll 1 Stunde dauern) um Winterklamotten zu holen. Pflegepersonal soll mich begleiten wegen Zumutbarkeit. Für mich ist das eine halbtägige Beschäftigung. Das betone ich auch mehrfach.

Ich bereite meinen Besuch in JVA vor. Ich habe eine Eidesstattliche Versicherung vorbereitet, weil ihm bis Jahresende kein Taschengeld gezahlt werden soll von der Stadt Hannover mit der Begründung, dass er irgendwann im August mal 118,- € bekommen hat und das ausreichen muss. Leider sind auf dem Taschengeldkonto schon seit Wochen nur noch 0,94 €. Er hat das Geld verbraucht und die sollen monatlich zahlen. Der „Besuchsgutschein“ des Amtsgerichts berechtigt für einen Besuch, 30 Minuten in Begleitung eines Mitarbeiters der JVA. Ich fahre etwas früher los, weil ich mir einen neuen Taschenrechner kaufen muss. Meiner aus 1999, der die verschiedenen Währungen in Euro umrechnet, hat den Geist aufgegeben, d.h. die Ziffern erscheinen unvollständig und ich hatte mir den der Steuerberaterin aus dem Besprechungszimmer geborgt sehr zum Missfallen von ihr und der Mitarbeiterin (hier wird es eher als Diebstahl angesehen).  Ich frage die Mitarbeiterin noch, was man mitnimmt zum Besuch in die JVA. Blumen seien eher Krankenhaus und dann fällt mir Kuchen ein. Ich will ihm einen leckeren Apfelkuchen aus der Bar spendieren. Er isst gerne. Erst halte ich bei Menzel. Schon zwei Mal hatte ich es versucht dort das Gerät zu erwerben, aber immer war der Laden zu (Mittagspause bis 14:30) und ich hatte mein Vorhaben aufgeschoben und mir geschworen, nicht in die Innenstadt. Schön den lokalen Handel unterstützen. Ende des Liedes ist, Menzel hat keine Taschenrechner. Begründung: da gäbe es ja Modelle von einfach bis sonstwo hin und die müssten sie dann alle vorrätig haben. Es gäbe welche, die könnten nur addieren. Ich sage, und nicht mal nehmen. Das wäre ja doof und dann sage ich noch beim Gehen: Solarblumen aus Plastik, die mit den Blättern wackeln, dafür reicht der Vorrat. Das ganze Schaufenster ist voll von dem Plastikdekokram.

Im Georgengarten muss ich mal den Hals verrenken und glotzen. Mitten auf der Wiese ein älterer Typ mit Knappstuhl hinter sich, der Angel auswerfen übt (?). Es sieht jedenfalls noch viel lustiger, skurriler aus als die Frauensportgruppen, wahlweise mit Kinderwagen, die Stretching-Übungen auf der Wiese machen.

Am Wochenende wo wir in Frankfurt sein werden, ist Hochzeitsmesse in Hannover. So was Überflüssiges.

Trau Dich

In der JVA betrete ich die Schleuse mit einem Vertreter, der viele Materialproben damit hat und mit dem Auto rein muss. Ob wir zusammen gehören würden. Nein. Während er abgefertigt wird mache ich ein Foto von dem Parkautomaten. Seit 2010 ist das Parken auf dem Gelände der JVA kostenpflichtig und auf dem Automaten gibt es anschauliche Piktogramme, was passieren wird, wenn man die entsprechenden Scheine einwirft.

Parkmünzenwechselgelderklärung

Ich überreiche die Unterlagen und bekomme von dem Linkshänder zu hören, dass er keinen Termin finden könne. Ich sage: „sehen Sie und damit hatte ich irgendwie gerechnet und mir deswegen den Namen geben lassen von dem Mann, mit dem ich den Termin vereinbart habe und der heiß Cool“ (Name von der Redaktion geändert) oder so ähnlich, leider kann ich meine Handschrift nicht lesen, aber ich habe seine Durchwahl auch und irgendwie wird man ihn ausfindig machen können. Ich habe mir schon gedacht, dass ich mit dem Rad herradele und so einen Vortrag zu hören kriege, er solle mich nicht zwingen wütend zu werden. Er darauf: „Ich habe keine Angst. Da ist eine Scheibe dazwischen“ und klopft dagegen und ja, die ich aus Panzerglas. Ob er sich den Mitarbeiter sich mal richtig vorknöpfen solle (er macht eine Halsumdreh Geste). Ich sage, klar und auch in meinem Auftrag. Dann tausche ich meinen Anwaltsausweis gegen eine goldene Besucherkarte und eine Karte, die er zuvor ausgefüllt hat mit Uhrzeit und gehe in den Wartebereich. Dort mache ich alles was ich nicht brauche ins Schließfach gemäß der schriftlichen und mündlichen Anweisung und warte mit den Frauen und Kindern.

Uhren einschließen

Es läuft wie im Hotel arosa ein Werbefilm auf einem Flachbildschirm mit computeranimierten Bildern der JVA-Gebäude. So was von nicht trostlos, dass es an Folter grenzt sich das anschauen zu müssen. Als die Frau aus der Vorkontrolle mich anspricht, ob ich Besuch sei, sage ich, ja ich will ihn sehen, aber ich bin nicht privat da. Ja, Rechtsanwältin oder was. Ja, das auch. Dann muss ich das goldene Schild anheften, sonst könne sie das nicht sehen. Beim Reingehen: habe ich vorne bei der Pforte Bescheid gesagt, dass ich Kuchen dabei habe.- Nein. Er wird gescannt. Die durchsichtige Feile findet man nicht.

Am nächsten Tresen sitzt der Mann mit dem ich telefoniert habe. Coolie heißt er. Auf einmal kann ich meine Schrift auch wieder entziffern und erkenne den Namen wieder. Ich sage, der Termin sei nicht eingetragen gewesen. Er schaut nach und sagt, doch, „die vorne an der Pforte spinnen“. Ich warte in Raum 3 der Trostlosigkeit. Ein sehr kleines Zimmer, grau mit dicken Türen mit einem Glasschlitz in der Mitte und einem winzigen Rollo, welches man zuziehen kann und einem Mülleimer in der Ecke. Hinter dem vergitterten Fenster nach draußen rauchen die JVA-Mitarbeiter. Was sonst? An der Wand gibt es zwei Steckdosen. Warum das? Mobiltelefone muss man abgeben. Ich versuche mir auszumalen, was hier einmal eingesteckt wurde und komme nicht darauf. Was für einen medizinischen Notfall? Dafür ist die Türöffnung eindeutig nicht groß genug. Herr I. begrüßt mich überschwänglich. Er isst den Karottenkuchen (Apfel gab es nicht). Tabak wäre ihm lieber gewesen. Der hätte auch keinen Fettfleck auf der Eidesstattlichen Versicherung hinterlassen. Er erzählt mir, wie er sein Subotex einnehmen muss, weil man das nicht schlucken kann, sondern es sich im Mund auflöst. Muss er sich hinsetzen und darf die Arme nicht bewegen und es sitzen zwei Mitarbeiter neben ihm bis der Sanitäter grünes Licht gibt. Dann zu der Tat (sein Mittäter ist wohl Araber) betont er, dass er nichts mit Arabern zu tun hätte seit dem 11. September. Er habe Angst vor denen und die würden ihn für einen Juden halten, weil er aus Israel kommt. Er will, dass ich Kontakt auf nehme zu der JVA-Mitarbeiterin, die die Suchtgruppe leitet. Da gibt es immer Kekse, den Namen weiß er nicht. Herr Coolie (Marke unsympathisch) weiß den Namen natürlich auch nicht. Vorne am Eingang sage ich dem Mitarbeiter mit Humor von vorhin, dass der Fall aufgeklärt werden konnte. Coolie habe den Termin gefunden und es bringe nichts, hier Druck zu machen, das gäbe nur Gegendruck. Er könne es mir glauben. Die Kontrollfrau, die aus ihrem Kontrollraum nach vorne gekommen ist, schaut mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank und ich verlasse das Gebäude durch die Schleuse mit der Stacheldrahtkrone Richtung Fahrradparkplätze.

Email aus der Psychiatrie in Sachen J. Besuch nach Hause nächsten Mittwoch wird gerade mit ihr verhandelt. Sie soll Medikamente nehmen. Ob das klappt, wird sich erst Anfang der Woche zeigen. Der Stationsarzt.

Im Büro rufe ich noch mal die Kollegin aus Braunschweig an. Die Klage vom Mieterschutzbund gegen meine Betreute wird zurück genommen. Termin war anberaumt für nächsten Donnerstag. Jetzt will ich mir einen Kaffee und ein Törtchen gönnen. Auf dem Weg zu Luis halte ich beim Kiosk und kaufe 1 x Liebesmarken. Der Typ ist total lustig. Ich sage, ich will zu den Liebesmarken und weiß  wo die sind, deswegen stürze ich so in den Laden. Nicht stürzen sagt er. Es gibt mir Glitter und ohne. Ich will. Der Glitter verteilt sich bis in die Hautporen. Hier ist schlecht sortiert, aber ich erledige das kostenfrei für ihn. Das sei gut, er möge Ordnung. Vor der Tür ist eine junge Frau, die sehr gut aussieht und auffällt dadurch, dass sie zwei sehr unterschiedliche Kleinkinder hat. Eines ist dunkelhäutig mit schwarzen Locken und das andere weißblond. Sie strahlt mich an und ich denke, jetzt kommt ein Kommentar zu meinem Outfit. Stattdessen überrascht sie mich mit: „Ich schreibe ständig Gutachten für Sie. Leute, die von Ihnen betreut werden wollen“ und dann stellt sie sich mit Namen vor.

Nach dem Kaffee ruft eine Frau an, die Messie ist und mit einem Beratungsschein schon mehrfach bei mir war. Zuletzt hatte der Vermieter sie abgemahnt, weil sie die Waschküche mit ihren Sachen gelagert hat. Ich habe das bestritten, dass es eine Abmahnung rechtfertigt. Sie hat aber im Nachgang zu meinem Schreiben selber der Anwältin geschrieben, dass die Abmahnung völlig gerechtfertigt sei und auf mein Schreiben Bezug genommen und dieses „verbessert“. Jetzt schickt die ihr eine Rechnung über 80,- € und ob sie die bezahlen muss. Ich suche den alten Fall heraus und stelle fest, dass ich selber noch nicht abgerechnet habe und schreibe der Kollegin, dass ein Anwalt nicht notwendig war und sie sich deswegen an ihren Auftraggeber halten soll. Eine Wohnungsgenossenschaft hätte das ohne anwaltliche Hilfe tun können (Abmahnen wegen Waschküche). Ich schreibe ihr aber, dass der Fall unsicher ist, weil ein Gericht durchaus zu dem Schluss kommen kann, dass ein Anwalt notwendig war oder beauftragt werden durfte und dann muss sie zahlen. Ich mache so tolle Arbeit, sie wünschte sich, sie hätte so eine Betreuerin, die nicht immer erst 3 Monate später reagieren würde. Ich würde so toll schreiben und alles immer sofort und so toll erledigen. Sie sei sehr zufrieden und wollte mir das nur sagen. ich sage ihr, Hauptsache sie hält sich hier mal selber zurück mit ihren Einlassungen und das ist es keineswegs schon erledigt hätte. Das sei nur ein Versuch. Sie lässt sich nicht beirren. So wie ich das geschrieben hätte, wäre das schon quasi ein Sieg und Erledigung für sie. Na ja, da hilft Widerspruch wohl nicht und bei dem Lob mache ich mal Feierabend für heute.

Leidenschaftslos gibt’s bei mir nicht

14.10. Als ich neulich zu meiner Tante sagte, da sei ich ganz leidenschaftslos, lachte die und sagte: Du und leidenschaftslos. Das gibt es gar nicht und irgendwie hat sie Recht.

Am Wochenende habe ich schon reichlich Wutanfälle bekommen wegen Herrn Maßregelvollzug, der mich wegen einer Monatskarte auf dem Handy tyrannisiert und es nicht versteht, dass ich am Wochenende nicht arbeite und es kein Notfall ist, wenn er zu einem Elektronik-Markt in Wunstorf möchte und die Klinik ihn darauf verweist, dass er dort zu Fuß hingehen kann. Seit Freitag und übers Wochenende bekomme ich bestimmt 5 SMS mit Dingen, die sofort von mir zu erledigen sind. Meine Reaktion? Vor dem Essen gehen zu Frau Hoppe am Samstag schalte ich mein Handy in Flugmodus und hoffe so, dass ich weder Sprachnachrichten noch SMS empfangen kann. Wohl ein technischer Irrglaube, aber es ist zumindest ruhig. Montagmorgen mache ich mich daran, dass alles abzuarbeiten und die ersten Anrufe erreichen mich vor 8 Uhr zuhause über die Rufweiterleitung. Ran gehen tue ich erst um 9 Uhr. Konditionierung ist alles.

Ich trage mein silbernes Taschenhütchen, was sehr gut ankommt und mehrfach gelobt wird. Auch mit selbstgenähtem Band aus dem schlimmen Stoffladen neben dem Nähmaschinenladen. Ich habe den Lurexstoffrest für 1,- € gekauft, aber es wird mein letzter Kauf dort gewesen sein. Die Stimmung ist sehr schlecht und die Mitarbeiter werden nicht gut behandelt und daher will ich den Laden nicht unterstützen, zumal mir mein Querulantentum an anderer Stelle Stoffreste per Spende meiner Freundin Andrea einbringen wird. Also Konzept voll aufgegangen. Ich werde höchstens im Fairkaufhaus zukünftig schauen,

Am Wochenende habe ich auch aus der Tischdeko meiner Schwiegermutter ein Hütchen gebastelt. „Stachelige Marone als Nadelkissen“, heißt die Arbeit.

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Ich fahre in die MHH und der Mann hat keine Demenz, aber dafür eine organische Psychose bei Primärem Parkinsonsyndrom, Zustand nach Implantation eines Tiefenhirnsimulators. Das klingt nicht gut und sieht auch nicht gut aus. Er ist nicht auf einer geschlossenen Station, hat aber dafür eine Bettwache, die allerdings nicht zugegen ist. Begründung, er schläft und ist tatsächlich kaum bzw. nicht ansprechbar. Das sind die sedierenden Medikamente. Lustig ist dieser Termin nicht.

Auf dem Rückweg brauche ich Schokolade und kann meiner Schwägerin melden, dass die Kokos offenbar doch das Rennen gewonnen hat und am besten beim Verbraucher ankam, zumal sie hier schon im Handel zu kaufen ist.

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Auch ja, Kinokarten für die Perlen kaufe ich auch. 3 Filme, wenn schon die Party ausfällt, ins Kino können wir vorher trotzdem. Leider bin ich unaufmerksam und lasse mir Karten für die 11. Reihe andrehen. Als Stephan dann noch für einen 4. Film über Divine nachkauft und umtauschen will gegen die 3. Reihe, behauptet der Typ vom Kartenverkauf (der über das Vornesitzen sagt: „Tennis“ wäre das) das ging nicht und sei mit mir abgesprochen gewesen. Hallo. Ich war zu bräsig und mein Mann weiß schon, was mir gefällt. Außerdem Tennis? In dem kleinen Kino im Künstlerhaus? Ähhh?

15.10. Im Büro angekommen ruft die Hausärztin von Herrn W. an und wir besprechen den Einsatz eines palliativen Dienstes, die dann qualifizierteres Personal haben als das recht überforderte und schlechte Heim. Er hat zunehmend Luftnot durch den Tumor und das wird nicht besser und es geht darum, ihm Angst und Schmerzen zu nehmen. Wohl wahr, aber alles nicht leicht. Schön ist es nicht, Hals- und Gesichtstumore und der Weg des Sterbens an sich und in so einem Fall besonders. Manchmal denke ich, dass schon der Gedanke des Todes mich trauern lässt, auch wenn die Personen, z.B. Eltern noch leben. Das geht mir beim Meditieren oft so, es sind vielleicht Gefühle, die ich sonst wegdrücke oder nicht zulasse. Es ist die Vorstellung, dass wir alle Staub sind, mit der ich meine Probleme habe, aber wenn das alles gut so und der Gang der Dinge sein soll, blah, blah, sage ich nur. Scheiße ich das, wenn man mich fragt.

Ich bekomme einen Brief vom Vermieter für eine Betreute „zur Kenntnis“:  „Beschwerde über Ihr Wohnverhalten“. Sehr geehrte Frau W., uns ist mitgeteilt worden, dass Sie andere Mieter im Haus belästigen. Sie beleidigen andere Mieter im Vorbeigehen und haben sogar gegen deren Wohnungstür gespuckt. Auch sollen Sie desöfteren bei Ihren Nachbarn grundlos sturmgeklingelt haben. Die übrigen Mieter des Hauses fühlen sich dadurch zu Recht sehr gestört. Wir fordern Sie auf, dieses Verhalten umgehend zu unterlassen und sich dem Zusammenleben in Mehrfamilienhaus entsprechend zu verhalten. Sollten Sie dieses Schreiben unbeachtet lassen, werden wir mietrechtlichen Maßnahmen ergreifen! MfG

Ich rufe sie an. Sie hat mit den Nachbarn unter ihr einen Konflikt, weil diese 2008 gedroht hatten, sie einweisen zu lassen und sie sagt manchmal „ihr taugt nichts“, wenn sie dort an der Tür im Treppenhaus vorbei geht. Das hört aber keiner. Sturmklingeln waren wohl die Kinder von unten. Sie wird sich noch mehr zusammen reißen müssen ist ihr Fazit. Ich biete auch Aussprache an, aber sie befürchtet, dass es dadurch noch mehr eskaliert.

Elisabeth geht das Geld aus und sie ist schlecht drauf. Alles klappt nicht, selbst beim Straßenbahnfahren bekommt sie immer Probleme und, dass ihr alter Arzt sie nicht wieder haben will als Patientin und ihr das nicht direkt gesagt hat, beleidigt sie zusätzlich. Als sie gegangen ist, rufe ich an und erfahre, dass sie nicht bei der Spritze war, sondern zuletzt am 10.09. Sie hatte noch gesagt, dass sie die nicht nehmen müsse, sondern freiwillig nehme. Das hatte mich hellhörig gemacht.

Bettnachbarin von Frau J., die ins Wohnheim (geschlossene Unterbringung) soll ruft an und wollte mir nur mitteilen, dass sie jetzt ein Schreiben an das Bundesverfassungsgericht eingereicht haben und dass ich meine Kompetenzen überschreite und auf welcher Rechtsgrundlage ich die Wohnung „wegschießen“ wolle und dass ich „um meine Zulassung bangen“ und mit einem fetten Schadensersatzprozess rechnen soll. Sehr charmant. Ich sage nur: „alles klar“.

Ich habe von unseren Freundinnen so tolle Geschenke bekommen, nämlich die gesüßte Kondensmilch aus Frankreich, die ich mir so gewünscht habe. Vor lauter Suchtdruck, wollte ich Samstag Stephan schon zu Edeka schicken und rückfällig werden mit Nestle und ein lustiges Buch über Stilblüten.

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Nachmittags kommt Herr Maßregelvollzug mit einem großen, unvorteilhaften Koffer. Ich bin diesmal alleine mit ihm. Er breitet alle möglichen Schriftstücke und Joghurtdrinks auf meinem Schreibtisch aus und entschuldigt sich zugleich mit den Worten. „Sie glauben gar nicht, wie schnell ich das wieder eingepackt habe“. Er wurde zur Erprobung entlassen und wenn alles gut geht, darf er sich Montag ummelden. Er will keinen Hausbesuch durch die Klinik, das lehnt er strickt ab, wenn dann durch mich, habe er denen gesagt. So darf ich Freitag zu dem Kumpel in dessen 1-Zimmer-Wohnung und mir einen Eindruck davon verschaffen, wie Herr Maßregelvollzug in dessen Küche schläft. Den Kumpel muss ich am Telefon noch überzeugen und ihm sagen, dass es nicht meine Idee ist und ich nicht die Wohnungsnanny bin, die Staubschichten kontrolliert, sondern es mache um meinem Schützling einen Gefallen zu tun und der Klinik zu bestätigen, dass alles in Ordnung ist, damit er dann ins Probewohnen entlassen werden kann. Ich komme mir irgendwie vor wie ein Held des Tages, dass ich mich in die Höhle des Maßregelvollzuges traue, quasi Vorstufe zu Hannibal Lector. Wenn ich Angst hätte, dürfte ich den Job nicht machen. Cesar Millan hat auch keine Hundephobie. Meiner ist ein Maulheld, d.h. er provoziert gerne und sagt auch in diesem Nachmittag Dinge wie „die müsste auch schon den Arsch zugekniffen haben. Diese Rumäninnen sind ja immer schnell verbraucht“, aber hier gilt der alte Kinderreim: „sticks and stones may break my bones, but names will never hurt me“. Er hat eine stark eingeschränkte Lungenfunktion und keucht sich die Lunge aus dem Hals, wenn er sich zu mir in den zweiten Stock hoch kämpft mit seinem Koffer mit den Habseiligkeiten. Alles ist Steintor, auch das Bürgeramt in der Leinstraße, weil auf dem Parkplatz die ganzen Luder parken, wenn man ihn fragt und wenn ich mir überlege, wer mir nah ist, dann natürlich meine Familie, aber z.B. mein Bruder führt sein eigenes Leben und die Berührungspunkte sind nur vereinzelt. Es sind schon diese Randgestalten, um die ich mich kümmere, die mir auch sehr nah sind, weil ich tagtäglich mein Leben mit ihnen teile und das überwiegend gerne und freiwillig. Vielleicht sind sie Kinderersatz. Keine Ahnung.

Schaschlikcreme bei Hornbach

13.10. Nach 4 Stunden Schlaf bin ich fit und verabrede mich zum Flohmarkt (natürlich nach einer morgendlichen Bastelrunde mit den Kalendern). Das Wetter ist toll und wir fahren durch den Park und ja, dieser Kadaver hat erbärmlich gestunken, so dass ich Angst hatte, dass ich mir was einfange…

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Auf dem Flohmarkt gibt es nicht nur herrliche Waren, die mich total ansprechen, wie sie präsentiert werden

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sondern auch die schärfsten Hunde. Da wir selber einen dabei haben, kann ich auch auf Tuchfühlung gehen und wir lernen einen japanischen Hund kennen, mit katzenartigem Wesen, der sich festkrallt, wenn man ihn auf den Arm nimmt und theoretisch auch auf Bäume klettern kann

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und einen Dackelmischling, der sich ohne Besitzer bei uns vorstellt.

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Der Besitzer verkauft Maronen auf dem Flohmarkt. Ich finde Plastiktiere und Dinge zum Basteln. Gesamtwert 3,80 €. Was ich nicht kaufe, aber trotzdem großartig finde ist eine Spardose aus Keramik und eine VEB-Zigarrenpresse. Der buntlackierte Fingernagel und die wunderschönen Hand meiner Freundin, die mir als Hand- und Fußmodell Jederzeit taugt.

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sowie eine Puppe mit Bart (sehr apart):

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Meine Begleitung will ihr Budget gleich in Lebensmittel umsetzen (auch sympathisch) und so stehen wir an und kaufen Schaschlik-Creme. Lebensmittel auf dem Flohmarkt und lange Schlange vor dem Stand mit Cremes und eingelegter Ware. Vor uns eine sehr süße junge Türkin, die ich mehrfach zum Schmunzeln bringen kann, indem ich sage, hier sei Probieren alles und man müsse interessiert tun. Oliven? Was ist das denn? Als eine Frau sich zwischen die Schlange drängelt um den Verkäufer zu fragen, ob die frisch seien, beantworte ich die Frage und sage, ne, die sind von 2012 und müssen weg. Welche Antwort erwartet man als Kunde auf diese Frage. Natürlich ist das alles frisch. Ich frage mich, ob hier schon mal anders geantwortet wurde. Später stellen wir fest, dass die Creme doch nach Würzmitteln schmeckt und wir nächstes Mal Feigencreme nehmen werden. Mikrusch findet auch was, weil Maiskolben werden hier auch feilgeboten:

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Wir trinken einen Kaffee bei Luis und ich fotografieren meine Schätze. Die Hütchen daraus werden folgen.

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Lustige Nummernschilder lese ich jetzt häufiger.

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Ich nähe die Bernina-Eule auf ein Kleid und bastele Hütchen. Eines aus einer silbernen Tasche. Da die Hutbänder, die ich als Rohlinge brauche, immer knapper werden und ich sie kaum noch finde, habe ich jetzt einen neues Trick: selber nähen. Schläuche aus Stoff und dann ein Gummiband einziehen. Hier mein erstes Exemplar.

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Also Achtung an alle Nähfreundinnen oder welche die Connections zu Stoff haben, die meinen Blog lesen. Ich kann Stoffreste ab 5 cm mit einer Länge von ab 60 cm gebrauchen für meine Hütchenbänder. Der asige Stoffladen zwischen Bahnhof und Gisy will für die kleinsten Stoffstückchen (eigentlich unverkäuflich für gewöhnliche Nähzwecke) 1,- € und ich mag den Laden auch nicht unterstützen.

Da bettle ich lieber per Blog.

Alte Äpfel

10.10. Frau S., die unfrankierte Briefe verschickt und für die ich nicht mehr zuständig bin ruft an, dass ich sie besuchen soll mit den Rentenunterlagen. Freundlich, aber bestimmt, muss ich sie darauf verweisen, dass ich es nicht mehr bin, gar nicht mehr. Ihr alles Gute wünschen und auflegen. Hart, aber geht nicht anders. Diese Bärenmutter muss ihr Junges wegtreiben im beiderseitigen Interesse. Interessanterweise gibt es eine Kollegin mit dem gleichen Nachnamen und die spürt genauso instinktiv wenn mein Kollege im Urlaub ist, wie Frau S. das Jahrzehnte lang bei mir praktiziert hat. Kaum ist der Kollege weg, gibt es Faxe mit kurzen Fristen und dann Telefonate, in denen alles möglichen an prozessualen Schritten angedroht wird, alles in familienrechtlichen Verfahren und ich darf mir dann anhören, dass sie meinen Kollegen ja mag, aber ihre Geduld wirklich am Ende ist und sie sich verarscht fühlt usw. und das auch bereits über mehrerer Urlaube und mittlerweile Jahre verteilt, so dass ich das schon lange nicht mehr ernst nehmen kann und schon die Vermutung geäußert habe, dass sie verknallt ist in meinen Kollegen und was von ihm will, die alte Stalkerin.

Der Kandidat Maßregelvollzug  hatte in der Gerichtsverhandlung und auch mehrfach danach gesagt, dass er mich nicht beanspruchen wolle und pflegeleicht sei. Nach meinen Erfahrungen ist es oft so im Leben, dass Leute die etwas besonders betonen, was sie gerade nicht sind oder auf gar keinen Fall tun werden und sich dann umdrehen und genau das verkörpern oder machen was vehement verneint wurde. Diese Weisheit bewahrheitet sich einmal mehr. Hier gibt es tägliche Anrufe mit Ansagen: Sofort zurück rufen, wenn irgendwas nicht schnell genug geht, dann gerne frustriert den Hörer aufknallen hätte ich beinahe geschrieben, aber es ist ein wegdrücken. Also wieder die alte Regel. Als er sagte, er wolle mich nicht beanspruchen, meinte er das Gegenteil. Er hatte sich gar nicht angemeldet bei der Meldestelle für Wohnungslose. Da lässt sich Frau A. nicht verarschen und ruft an und überprüft das. Jetzt hat er es angeblich getan (1/2 Std. später) und kommt heute vorbei mit seiner Ummeldung und ich soll einen Untermietvertrag stricken und dann auf seine Entlassung aus der „Ballerburg“ pochen, beim Landgericht die Beendigung der Maßnahme beantragen. Das muss alles sofort sein. Frustrationsgrenze gleich null, teilweise unverständliche Ansagen am Telefon. Termin sagt er dann wieder ab und ruft mich bis in eine private Abendveranstaltung hinein an, ob ich ein Fax bekommen hätte, weil ich ihm sagte, dass mein Faxgerät 24 Stunden am Tag für ihn geöffnet sei. Oh mann, oh mann. Auch dieser Fall will mir was sagen. Da bin ich mir sicher.

Wohnbetreuerin, die Schwangerschaftsvertretung macht ruft in einer Betreuungssache von mir an. Es geht um die Tochter, die vom Jobcenter aufgefordert wird sich um eine Lehrstelle zu bewerben , aber weiter zur Schule gehen will. Die soll selber aus dem Quark kommen und sich kümmern oder Hilfe holen. Das ist nicht zu viel verlangt. Das Ding wird bald 18 und früher haben sie mit 13 schon eine Lehre begonnen. Das schult, wenn man Dinge selber in die Hand nimmt und sie soll nicht in Watte gepackt werden, die Mutter hat selber eine Betreuung und ich kümmere mich laufend um die Leistungssachen mit der ARGE, stillschweigend, aber Anschreiben wegen Bewerbungen und Schule, da ist das junge Mädchen gefragt um die es geht oder sie soll gefälligst wenigstens selber bei mir anrufen. Bin ich zu streng, frage ich mich da.

Nachmittags kommt noch ein Anruf der Mitarbeiterin der Kollegin (Empfang steht auch meinem Telefon). Sie hat jemanden dran von einer Anwaltswerbung und der lässt sich nicht abschütteln. Das wird demjenigen noch leid tun, dass er sich hat verbinden lassen mit mir. „Hier spricht Frau Nerv von Jurio-sonstwas, ich will gar nicht Ihre  Zeit in Anspruch nehmen“. Ich: „Das haben Sie bereits getan als Sie der Kollegin nicht geglaubt habe, dass wir kein Interesse haben. Das Gespräch ist für mich beendet und die Anfrage für Sie hoffentlich damit ausreichend beantwortet.“ Ich lege auf. Stephan wäre stolz auf mich.

Als ich das Büro verlassen will, meldet sich die Sparkasse und vergewissert sich, ob ich es bin. Es geht um meine Anfrage wegen einer Immobilie. Ob das Interesse noch bestünde. Sie haben hier notiert 50-60 qm, möglichst in unmittelbarer Nähe meiner Wohnung. Stimmt alles. Sie haben zwar nichts im Angebot, wollen aber wissen ob ich eine Obergrenze hätte. Was hätte ich da antworten sollen 500.000,- €? Die Obergrenze ist da, wo ich den Kaufpreis nicht gerechfertigt finde oder ihn nicht nachvollziehen kann, oder? Wir sind doch nicht in Manhattan, auch wenn alle auf Linden Mitte durchdrehen.

Heute hat Schwägerin Geburtstag und es wird gegrillt, das macht mein Schwiegervater, Fleisch und vegetarische Grillware aus der Schweiz von Migros. Wir fahren zum Flughafen und holen sie mit ab, d.h. wir treffen dort ihren Ex, mit dem sie eine Freundschaft verbindet. Meine Schwiegermutter hat echt lieb die Tafel dekoriert. Herbstlich.

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Die Maronenverkleidungen sind sehr stachelig und haben innen ein Samtfutter eingenäht. Es kommen Freunde von früher, eine Clique, die ich nicht kenne mit Nachwuchs und es wird ein kurzweiliger Abend. Wir testen Schweizer Schokolade. Die Erdbeer mit dunkler Schokolade gewinnt, dabei mag ich die Kokos mehr. Wir werden dann sogar mit dem Auto nach Hause gefahren vom netten Ex. Wir sprechen über meine Probleme mit Versicherungen, denen ich misstraue und, dass wir generell nicht an sie glauben. Dafür haben wir schon eine Grabstelle gekauft. Das sei eine viel bessere Investition.

11.10. Ich gebe die Worte Kamel und Spinne ein und so was gibt es: eine Kamelspinne. Voll der Horror. Ich bin weit von Heilung entfernt und total geschockt für den Rest des Tages.

Die Arztpraxis von Elisabeth von früher ruft an. Die vergeben keine Termine und erwarten, dass die Leute 1,5 Stunden vorher kommen und warten und dann kommen sie ran. Elisabeth will trotzdem wechseln und behauptet der Arzt brauche meine Zustimmung zum Arztwechsel. In Wirklichkeit wollen sie sie nicht mehr behandeln.

Es regnet in Strömen und Stephan zwingt mich in den Regenponcho.

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Im Büro angekommen weiß ich, das Ding werde ich nie wieder anziehen und nicht nur, weil die Mitarbeiterin der Kollegin sich tot lacht, sondern weil ich mich so was von unwohl fühle und damit nicht zu Recht komme mit so viel Funktionskleidung und die Arme sind in Schlaufen. Es ist nichts meins. Dann kann ich ja gleich in die Fraktion Fahrradhelm wechseln.

Morgens kommt eine Betreute vorbei, die ich auch lange nicht mehr gesehen habe. Jetzt hat sie offenbar eine Krise und ich bin da. Das zeichnet mich irgendwie aus. Sie hat einen Energydrink in der Hand und neue Geldprobleme angehäuft und ich schreibe in ihrem Beisein und wir führen Telefonate und machen einen Masterplan mit Raten für die nächsten Monate. Sie ist sehr aufgedreht, hat viele politische und religiöse Themen. Der Bischof, „der 300 Millionen für seine Hütte“ ausgibt, warum der kein schlechter Gewissen hat, wenn parallel Menschen in Afrika hungern und wie ist der in die Position gekommen, was hat das mit Jesus-Lehre zu tun. Sie hat keine Manie, die Diagnose war von Anfang an verkehrt, sie ist hochbegabt und daher sehr aufnahmefähig und sensibel (bei mir im Zimmer riecht es muffig) oder wahlweise die Hormone sind schuld und sie muss zur Heilpraktikerin. Von der Arbeit ist sie freigestellt, aber die haben auch alle einen Knall, Perlen vor die Säue. Dann geht es wieder um den Studienabschluss um den sie betrogen wurde. Ich versuche etwas gegen zu lenken, soweit mir dies möglich ist und dringe auch z.T. zu ihr vor. Warum das so wichtig sei mit der Diagnose, ist doch egal, ob Hormone oder Manie. Warum sie das so kränkt? Genauso mit dem Abschluss. Jedem passiert Scheiße, es kommt darauf an, weiter zu machen und darüber hinweg zu kommen, sonst hat man als Rentner noch die Kindergartenthemen und sie hat Berufserfahrung, irgendwann interessiert sich keiner mehr für das Abi-Zeugnis. Sage ihr, dass ich ohnehin glaube, dass wir alle auf einer Skala von 1 -10 hetero- und homosexuell seien sowie krank und gesund. Was spiele das für eine Rolle? Sie lacht oft über was ich gesagt habe und schaut sich alle Collagen und Bilder in meinem Büro genau an und kommentiert sie. Auf einer Postkarte von Rafael, Madonna und Kind, findet sie Jesus ganz schlimm. Sieht aus wie ein alter Mann. Dann geht es um Konzerte, kennen Sie Zytanien, Frau A. fragt sie mich und zeigt mir Autogramme auf ihrer Handyhülle von einer Punksängerin mit einer extrem langen Zunge, die bei ihr im Ohr gelandet sei bei einem gemeinsamen Foto. Sie will die neue Margot Käsmann sein. Die sei ehrlich gewesen und ist weg vom Fenster und dieser Bischof, der wird durchkommen dabei und das regt sie so auf. Ich sage, die Kirche sei eine Institution und nicht eine Ansammlung von Jesus Freaks, ob ihr das noch nicht aufgefallen sei. Ich hoffe, das geht nicht schief. Sie hat einen Freund. Der ist Arzt.

Ich muss los. Fahre ohne die geht-gar-nicht-Regenbekleidung und werde erbärmlich nass, aber alles ist besser als das. Herr W. kommt nicht zum CT. Transportschein war falsch ausgefüllt.

Leberarzt

Mir hat keiner aus dem Heim abgesagt, so dass ich umsonst durch den Regen gefahren bin. Seinen Perso hatte ich gestern beim Amt abgeholt und alles war so schön durchgeplant. Beschwerdefax wird folgen. Das hätte alles geregelt werden können und führt dazu, dass Untersuchung um 20 Tage verschoben wurde auf den 31.10.  zum Nachteil meines Betreuten.

Finde wieder herrliche Wäsche, aber diesmal kaufe ich nicht. Wäre wieder ein Modell Luisa.

Schwitzableiter

Besuchserlaubnis für Herrn I. im Knast ist in der Post. Neue Verfahrenspflegschaft MHH. Der Typ ist erst 1952 geboren und hat Demenz. Lustige Termine nächste Woche sind also garantiert.

Ich freu mich auf das Einigeln am Wochenende bei dem Wetter. Schön basteln und keinen rein lassen und beim Klang des Telefons laut sagen: „ich bin nicht da“. Vorher will ich noch mal zum Sport. Zwei Frauen haben heute mir gegenüber über Kopfschmerzen geklagt und es aufs Wetter geschoben und auch beim Kundalini-Yoga haben 2 von 3 Frauen Kopfschmerzen. Die habe ich nie. Was für ein Glück ich habe,  was für ein glückliches Leben ich führe. Was mir am Ende dieser Woche auch noch mal klar wird. Paare, die alles über ihr Kind laufen lassen, finde ich schwierig. Sie hat Geburtstag und feiert aber ohne Mann mit Schwester und dem Einzelkind auf Sylt. Die Kinder werden als Partnerersatz benutzt oder auch missbraucht. Das haben wir uns gespart durch keine Kinder. Auch wenn ich manchmal schlecht gelaunt bin, ist bei uns in der Beziehung trotzdem noch eine Beziehung vorhanden und wir sind nicht nur Eltern, die um das Kind kreisen. So waren meine Eltern allerdings auch nie. Da habe ich als Kind immer gespürt, dass es diese Paarebene zwischen ihnen gibt und das war auch gut so.

Beim Kauf der Bettwäsche haben wir das Neuste gesehen oder für mich neu: Scary Dolls oder so ähnlich nannte sich das. Es waren Puppen, die Knochenbeine hatten und dann wie Tussis angezogen waren hinter Folie in einem Karton. Stephan sagt, schön magersüchtig. Ich musste die Woche öfter daran denken. In den USA haben wir mal Äpfel in die Schule mitgenommen. Die haben wir auf ein Regal gelegt und trocknen lassen. Dann konnte man prima Alte-Leute-Puppen daraus basteln. Die sahen richtig authentisch aus. Bei uns ist es nicht anders als mit dem Apfel. Wenn die Feuchtigkeit schwindet, dann graben sich tiefe Furchen ins Gesicht und bestimmen den Ausdruck, formen ein neues Gesicht. Meine Oma hat immer gesagt, für Dein Gesicht mit 20 kannst Du nichts. Für Dein Gesicht mit 70 schon. Ich sehe meine fiesen, bösen Stirnfalten und weiß auch, warum ich die habe.

Ich schwänze den Sport, weil es regnet und ich die Uhrzeit auch falsch abgespeichert hatte und läute gleich das Bastelwochenende ein. Der Samstag besteht dann auch konsequenterweise nur aus Kalenderbasteln und Hütchen basteln und Häuslichkeit und abends gehen mit zwei Freundinnen zu Frau Hoppe. Erst um 4 Uhr morgens sind wir wieder zuhause. Das Restaurant ist klein, sehr ansprechend und abgelegen gegenüber der Bahnstrecke an einer Ecke gelegen (geheim, wie der Taxifahrer bemerkte). Wir essen sehr lecker, Rote Beete Carpaccio mit Ziegenkäse, dann Bohneneintopf mit Salsiccia (nicht versalzen die Wurst, sondern köstlich). Die vermeintlich rote Bohnen sind Oliven mit Kern. Wenn man das weiß, hilft es beim Essen. Die warme Vorspeise ist schmackhaft und befriedigend und hätte auch als Hauptspeise getaugt. Dann esse ich Rotbarbenfilets auf einem Orangen-Fenchelsalat. Auch köstlich sowie das Kalbsgeschnetzelte mit Rösti und die geschmorten Kalbsbäckchen, zart und mit köstlicher Sauce. Die Gastgeberin ist unsicher und denkt, es schmeckt uns nicht als wir Teller tauschen, dabei machen wir das immer und natürlich gerade wenn und weil es lecker schmeckt. Wulf wohnt um die Ecke und im Halbstundentakt patrouilliert die Polizei (und wer zahlt das bzw. wie kann das gerechtfertigt werden? Leserbrief?). Auf einen Absacker schauen wir uns Gut im Getränkeladen an. Es gefällt mir besser als in den alten Räumlichkeiten, auch wenn die schöner waren, ist es hier urban und mehr Großstadt. Ich suche allerdings was zum Tanzen. Rumsitzen kann ich auch zuhause.