Archiv der Kategorie: Der Himmel voller Butter

Reiseberichte

19.07.2013 Ein Kugelschreiber und ein Yogagutschein vorab

Leider ist es wieder erst 7 Uhr und ich wollte doch mal ausschlafen. An der total gemütlichen Matratze in unserem Appartement, die neuwertig ist und in das alten Holzbett eingearbeitet wurde, liegt es jedenfalls nicht. Es werden die Handwerker gewesen sein, die hier schon wieder zugange sind. Es ist gar kein altes Holzbett, sondern eine alte Holztür, an die man ganz geschickt ein Bett angebaut hat, raffiniert.

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Als ich um 8 Uhr endlich aufstehe, sagt Stephan, dass sie bestimmt bald Frühstückspause machen würden. Die Wirtsleute aus Regensburg sind vor 14 Jahren von dort ans Kottbusser Tor gezogen ist an den Erkelenz Damm 17. An dem Haus wurde lange nichts gemacht und die Mieter haben selber die Elektrik verlegt und Badezimmer eingebaut, jetzt ist es verkauft worden und es wird nach und nach was gemacht, gerade ist das Dach dran und es setzt unrhythmische Hammerschläge, so wie es klingt wenn mehrere zugange sind. Ich nehme mir einen Holzstuhl aus unserem Zimmer und stelle ihn in den Gang an der Küchennische und koche mir erst mal einen russischen Earl Grey von der Dame des Hauses mit Honig aus der Mark Brandenburg um Stephan nicht weiter zu stören.

Als ich meine Augen noch nicht scharf stellen konnte habe ich schon die emails mit dem Smartphone abgefragt. Wir sind hier im Tal der Ahnungslosen ohne Fernseher und Internet und das ist auch mal ganz gut so. Es sind einige Dienstliche, aber wohl nichts Dramatisches und wohl ein Foto meiner Kollegin aus dem Urlaub, was ich nicht öffnen kann und dann gratuliert mir Yoga Kula aus Wien zum Geburtstag, dabei habe ich doch erst morgen. Wie kann das passieren denke ich zuerst, weil das schaffe ich wohl noch meinen Geburtstag richtig anzugeben, sehe dann aber, dass es sich um ein Geschenk handelt, einen 10,- € Gutschein, gültig 1 Jahr. Hey, das ist echt praktisch freue ich mich, weil Wien steht garantiert bald wieder auf dem Programm. Stephan und ich haben beide schon Heimweh danach und dann gehe ich schön mit Sunla zum Yoga und spare 10,- € und kann die dann gleich in Tuchlauben-Eis oder Marillenkrapfen, je nach Jahreszeit umsetzen. Ein echtes Geschenk also.

Apropos Yoga. Heute morgen bin ich erst mal mit Michi um 11 Uhr beim Jivamukti Yoga X-Berg verabredet. Es war mein erster Anblick als wir bei der Ankunft am Kottbusser Tor aus der U-Bahn kamen:

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Michi will mich vorher anrufen als Weckanruf. Das ist bei mir sowie von überflüssig. Bei meinem Urlaubsrhythmus hätte ich auch Spiritual Warrior um 9:15 Uhr locker geschafft, aber ein bisschen rumhängen, wenn man schon nicht schlafen kann, finde ich auch gut. Im Vorfeld hatte ich mich über die komplizierten Preisregelungen des Berliner Studios geärgert und dachte, denen sollte man die zwirbelbärtigen Verbraucherschützer aus Baden-Württemberg mal auf den Hals hetzen. 10er Karte unlimited ist nur eine bestimmte Zeit gültig, entgegen dessen, was der Name vermuten lässt bzw. Du kannst dann in der Zeit unlimited Yoga machen. Dann gibt es irgendwie eine 5er Karte unbegrenzt (+1 Bonus (auch ganz kompliziert und mit vielen Fußnotensternchen) und in Klammern dahinter steht (vorbehaltlich der Verjährungsfrist). Was soll das denn frage ich mich, 3 Jahre sind dann unbegrenzt? Ich gebe denen bestimmt nicht mein Geld als Vorschuss und dann berufen die sich auf die Regelverjährung, wenn wieder etwas Zeit vergeht zwischen meinen Berlinbesuchen. Ne, ne, ne, dann nur Einzelkurs. Anders geht es mit diesen Leuten nicht. Lustig ist auch, dass eine desinfizierte und saubere Matte 2,- € Leihgebühr kostet und eine die gelegentlich, aber unregelmäßig desinfiziert wird ist umsonst. Da ist auch noch ein Warnhinweis dazu mit Haftungsausschluss. Mein Gott, so kompliziert kann Yoga im Internet sein, mit ganz vielen Regeln. Lustig hätte ich gefunden, eine gelegentlich desinfizierte kostet 1,- € und eine mit Taubenkot verschmutzte vom Kotti unter der Brücke ist umsonst. Wir werden sehen, vielleicht sind die ja auch ganz nett und unkompliziert in echt. Tatsächlich hören die Handwerker als ich den Tee getrunken habe wieder auf zu arbeiten und fangen nicht mehr an. Warum machen die so etwas? Alle wecken und dann nicht weiter machen. Man bestätigt mir, dass die tatsächlich die gängige Praxis sei.

Ich bin gespannt, wie ich mich heute überhaupt mache nach dem verkürzten Schlaf und dem großen Menü mit Weinbegleitung von Tim Raue. Das ist eigentlich nicht das Vor-Yogaprogramm, dass man 7 Gläser Wein trinkt, aber eigentlich geht es mir gut. Das Essen fing so an, dass wir uns noch mal zu einem späten Mittagschlaf aufs Ohr gelegt hatten und um 18 Uhr aufstanden. Ich hatte nach einer Geruchsprobe befunden, dass ich immer noch nicht duschen muss und habe mich trocken in Schale geschmissen und bin runter in den Biergarten. Hier waren die Tisch schon mit Tischtüchern (weiß und rotweiß kariert) eingedeckt und die ersten Gäste da, so dass ich mich für Innen und den Tresen entschieden habe sowie einen Espresso Macchiato. Es gibt Wurstsalat und Händelmaiersenf und Bier aus Bayern und das Konzept geht auf. Als wir gehen, geht auch die Chefin und wir fragen wechselseitig nach den Abendplänen. Sie will in die Hasenheide zu einem Kiosk, wo sich alle Treffen: Alte, Behinderte, Alkis und Junge und es sei total nett. Da könnte ich jetzt direkt mitfahren und sage, dass wir zu Tim Raue gehen und stelle es als Pflichtveranstaltung von Stephan dar. Ihr Lieblingsrestaurant wäre gegenüber das Sale e Tabacchi. Sie sagt uns auch zu meiner Verwunderung auf ihre Heimatstadt Regensburg angesprochen, dass man es dort jetzt vergessen könne, seit Regenburg europäische Kulturhauptstadt geworden sei, sei es überschwemmt mit Touristen. Da sei sie doch lieber im flauschigen Berlin. In meinem Kopf entsteht ein Fragezeichen und mir fällt nur der Begriff vom Regen in die Traufe kommen ein.

Das Sale e Tabacchi ist im Haus der Taz und sieht lebendig aus, während man bei Tim Raue zunächst in eine künstliche Designerwelt eintaucht, wo nicht so das pralle Leben der Hasenheide oder von gegenüber herrscht. Der Raum hat dunkelblaue und türkisfarbene Bestuhlung, mit Wolle bezogen. Der Wollstoff erinnert mich an unsere Sessel im Wintergarten. Die eckigen Holztische haben einen Spalt auf beiden Seiten durch den mal die Tischdecke hindurch ziehen kann. Es hängen zwei große Vogelkäfige aus Holz, die Bedienungen tragen bunte Blusen mit Vogelmotiven u.a. mit Türkis und weiße Gürtel dazu dunkelblaue Hosen und weiße Chucks. Ich will es kurz machen, das Essen war teuer, aber sehr lecker. Ich mochte es sehr, dass es richtig asiatisch war und scharf und süß, die Kombinationen gut durchdacht. Während man sonst zu Beginn einen Brotkorb mit Öl oder irgendwelchen Dips bekommt, an dem man sich unweigerlich voll frisst, gab es hier 8 Schälchen mit japanischen Leckereien, sehr dünnem, warmen Schweinebauch mit Sesam, 3 x rohen Fisch und gewürzte Cashewkerne, sowie sehr leckere japanische Gurke und irgendein Rettich in einer Senfsoße sowie Tomate mit Passsionsfruchtmark. Das war schon mal toll.

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Auch die Gänge, die wir tauschen schmecken sehr, sehr gut. Wir nehmen beide Menüs sowie die Peking Ente und haben damit einmal das ganze Programm durchprobiert. Besonders gut gefällt uns die gedämpfte Dorade, das Fleisch butterzart und auf den Punkt (innen warmes Sashimi), etwas scharf auf einem Sud von Kalbsfond, der Kaisergranat mit Wasabi-Mayo ist auch superlecker, sowie der Trüffelgang mit Palmherz und Topinambur sowie Perlhuhn. Im Hauptgang gibt es geschmorte Rinderschulter, die mit der Gabel gegessen werden kann sowie säuerlich eingelegte Rinderzunge und Stephan hat die Pekingente, die aus dem Fleisch mit Fettschicht und knuspriger Haut auf einem süßlichen Buchweizenpfannkuchen, sowie der Leber als Pastete auf einem Extraeller und einer süßlichen, gehaltvollen Brühe mit kleinem Gemüse und Magen und Herz und den Innereien besteht. Es mag nicht lecker klingen, es war aber ein Traum. Besser kann man diese Ente kaum interpretieren.

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Die Weinbegleitung serviert ein freundlicher, junger, sich sehr kultiviert gebender Mann. Er trägt auch offizielle Kleidung mit Krawatte usw. Ich denke mal das muss seinem jugendlichen Alter eine gewisse Seriosität verleihen, dass auch die älteren Pfeffersäcke, die hier ihr Geld lassen ihn erst nehmen.

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Vor dem Nachtisch gibt es einen Gruß aus der Küche bestehend aus einem Iceball, gefrorenes Wasser in der Form eines Golfballes (wegen der geringeren Oberfläche würde er den Drink nicht so verwässern heißt es, er sieht vor allem schick aus und man kann ihn gut im Glas drehen) und Yuzu-Likör sowie Yuzuschaum und Eiscream auf einem Teller dazu. Sehr lecker und erfrischend.

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Beim Nachtisch standen 3 insgesamt zur Auswahl und wir haben gottseidank eines reingetauscht was gar nicht vorgesehen war im Menü und zwar Burrata mit Pinien, Speck und Honig. Obst wird überbewertet sagte ich nur. Der Käse war gerieben und fast flüssig und das ist definitiv mein neuer griechischer Honig, aber mit weniger Säure. Der Speck mit Honig dazu. Ein Traum. Ich schwelge jetzt noch und das Wasser läuft mir im Mund zusammen beim tippen.

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Auf den Klos ist chinesische Kunst zu sehen, die ich u.a. aus dem Galerienviertel in Shanghai kenne und die mir dort schon positiv aufgefallen war.

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Als gegenüber bei Sale e Tabbachi um ca. 21 Uhr schon tote Hose ist und aufgrund der oben beschriebenen Speisen, bin ich stark versöhnt mit dem Abend. Ich finde es auch schade, dass hier nicht das Publikum von der Hasenheide ist. Es könnte doch zum Hartz IV Satz dazu gehören ein kleines 4-Gänge Menü bei Tim Raue mit Weinbegleitung, einmal pro Bewilligungsabschnitt. Von mir aus könnten Steuergelder so eingesetzt werden. Dann wäre auch hier mehr los und Oper wird ja auch subventioniert.

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Richtig neidisch macht uns ein Nachbartisch mit einem Mann, ca. in unserem Alter und zwei jugendlichen Mädchen, die Cocktails trinken. Hier kommt nicht nur ein großer, gut aussehender Mann aus der Küche an den Tisch und redet mit denen, sondern später kommt sein Kochkollege und bringt eine wirklich große Geburtstagstorte, überzogen mit weißer Schokolade und Blüten verziert. Auf dem Tisch wird Platz gemacht für eine Kerze und sie feiern hier offenbar Teenagergeburtstag. Der Rest, d.h. fast die komplette Torte, an der nur genascht wurde, wird in ein geblümtes Paket von DHL eingepackt für zuhause. Da darf einem nichts zu peinlich sein. Nächstes Mal mache ich das auch so. Dieses Mal habe ich immerhin einen neuen Kuli abgestaubt, bzw. habe Stephan gebeten für mich zu fragen, weil meiner schlecht schreibt und ich mich beim Reisetagebuch schreiben, was ich immer zwischen Tür und Angel mache, immer ärgern musste. Jetzt schreibe ich mit einem von Tim Raue.

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Wir fahren nach Hause und ich bin versöhnt mit den Sterneläden in Berlin, die ich bisher allesamt langweilig und chichi fand, ohne dass das Essen einen bleibenden Eindruck hinterlassen hätte, nur die Bernsteinwand oder die Springbrunnen im Innenhof, aber darauf kommt es mir nicht an. Zuvor hat mir Stephan noch den großen Penis von Kai Dieckmann gezeigt und nicht einmal das konnte mir auf den Magen schlagen.

Wir sind die perfekten Gäste für so einen Laden wie Tim Raue. Wir können selber nicht sehr gut kochen und lieben essen und essen gehen, also passen wir wie die triebigen Freier in den Edelpuff. Was die nicht gebrauchen können, sind ambitionierte Hobby-Köcher, die das zuhause auch alles ausprobieren und mit ihnen darüber diskutieren wollen. Die sind wie Hausfrauen, die gelegentlich der Prostitution nachgehen, Nebenerwerbsnutten. Wir hingegen sind nur zahlende und zufriedene Freier.

18.07. Slayer ist mein Efes

Es dauert einen ganzen Vormittag die Räder zu leihen, die es eigentlich an jeder Ecke gibt. Die reinste unfreiwillige Schnitzeljagd. Ali, 100 Meter vom Apartment entfernt, hat 2 Räder für 10,- € den Tag, aber die müssten wir Samstag bis 18 Uhr zurück bringen. Das reicht uns nicht, da wir sie bis Sonntag wollen. Wir sind kompromisslos und ziehen los zu dem Laden, den Stephan im Internet ausfindig gemacht hat und denen er geschrieben hatte und die Urlaub hatten bis heute, weshalb wir gestern auf Drahtesel verzichteten. Die öffnen aber erst um 11 Uhr. Es ist eine halbe Stunde zu früh. Wir gehen in der Ankerklause einen Kaffee trinken. Ich esse Müsli mit Obst. Am Nachbartisch erzählt eine total unsympathische Kuh Olga unentwegt ihrem gegenüber was von „Balastkunden“, die man schon seit 10 Jahren durchschleppt und ich bin genervt. Als der Radverleih um 11 Uhr nicht aufmacht und wir wie bestellt und nicht abgeholt auf den Stufen vor dem Eingang sitzen, werde ich zunehmend echt sauer und fange an vor mich hin zu schimpfen, ob alle Vollpfosten der Republik nach Berlin ziehen würden um sich dort in Mitte zu vermehren wie die Karnickel und sich daneben unmotiviert und wahllos Bildchen überall auf den Körper stechen zu lassen. Als wir gerade unter meinen wüsten Beschimpfungen gehen wollen, tut sich was im Laden und ein lockiger Student, der total verpennt ausschaut, zieht sich gerade ein T-shirt über und kommt aus dem hinteren Bereich des Ladens (backstage). Er schließt auf, sie haben keine Räder mehr, aber einen Zweitladen in der Skalitzer Straße. Er soll dort bitte anrufen, spricht portugiesisch am Telefon. Ja, es gibt noch 3, aber wir müssen uns beeilen. Er reserviert uns 2 eine halbe Stunde. In der Zeit müssen wir zu dem 1 Kilometer entfernten Laden gelaufen sein um sie abzuholen. Warum müssen wir uns jetzt eigentlich beeilen? Wo kommen wir her, will er wissen? Wir antworten brav und später meint Stephan, was sei das für eine Frage, wo würde er denn herkommen. Wir laufen zügigen Schrittes und ich zeternd zu der Filiale. Dort angekommen heißt es, Sonntagsrückgabe ausnahmsweise nicht möglich, weil er ausnahmsweise verreisen müsse an diesem Wochenende. Ich bin bedient und wir lehnen dankend ab und trinken erst mal eine Kaffee um das weitere Vorgehen zu besprechen. Zuvor hatte es den Tipp mit Spätkauf gegeben (wenn ich es Kiosk nenne, finden die Berliner das lustig), die auch Räder verleihen und großzügiger Rückgabemöglichkeiten. Wir laufen zurück zum Görlitzer Bahnhof und der türkische Inhaber ist am Faxen und hat nur ein Rad vor der Tür stehen. Als der jetzt auch auf einen Zweitladen verweist, fange ich an mit meinem Text an und sage, dass geht jetzt leider nicht mehr so, wir werden von A nach B geschickt, es ist alles total unoraganisiert in der Hauptstadt, er könne da natürlich nichts dafür, aber ich würde ihn inständig bitten, da vorher anzurufen und wirklich verbindlich die Sache für uns zu klären. Alle umherstehenden Kunden im Laden gehen einen Schritt zurück wegen meiner Thermik. Dann bedanke ich mich freundlich und lobe seine Nostaligieedition von Coca Cola-Flaschen aus der Türkei von Migros. Ich habe sie wiedererkannt. Wir müssen eine Station mit der U-Bahn wieder zurück fahren, die wir gerade gelaufen sind zum Schlesischen Tor. Oben am Gleis kommt uns ein langhaariger Junkie entgegen mit einem kurzbeinigen Hund: cooler Hut ruft er mir entgegen und ich strahle ihn an und erwidere cooles T-shirt. Auf seinem steht: „Slayer ist mein Bier“. Ich wundere mich immer, dass ich so einen natürlich guten Draht zu einem bestimmten Klientel habe. Sonst könnte ich ja auch meinen Job nicht machen. Es ist wie beim Rattenfänger von Hameln. Ich pfeife und sie folgen mir. Ich prahle damit, dass ich mit dieser Fähigkeit in jeder Stadt eine Armee der besonderen Art hinter mich bringen könnte, so wie Tarzan bei den Tieren des Dschungels, aber eben anders. Der anvisierte Fahrradverleih ist ein türkisches Malergeschäft.

Berlin Fahrradverleih Sphinx Berlin Fahrradverleih Charly Pinselseife

Der junge Mann stellt beim Kopieren des Persos von Stephan fest: Sie haben ganz schön viel abgenommen. Dann erzählt er, dass er selber 40 Kilo abgenommen habe, sogar eine Schuhgröße kleiner würde er jetzt tragen. Wir bekommen zwei Räder, keinen Pfand, Rückgabe Sonntag zwischen 17 – 19 Uhr. Der Tag ist gerettet. Der Weg war steinig, aber von Erfolg gekrönt. Ich bin happy.

Noch glücklicher bin ich über einen Trödelladen, der von einem sympathischen Schwulen geführt wird, der bei dem guten Wetter Klamotten auf die Straße stellt. In den Innenräumen sieht es aus, wie in einer Messiewohnung. Der reinste Abenteuerspielplatz.

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So muss ein Secondhand Laden aussehen!!!

Wenn ein Berber, der auf der Straße vorbei kommt ihm eine Jacke anbietet sagt er, nein, tut mir leid, dass kann ich nicht gebrauchen und dann: „ach, schenken wolltest Du mir die? Danke, Schatz.“  Ich probiere die Garderobe von einer Dora Schröder an, wie ich erfahre. Viele Polyesterkleider und eine riesige Sammlung bunter Polyesterunterröcke. Da ich diese nur schön finde aber nie trage, kaufe ich zwei Polyesterkleider à 3,- , ein blass-gelbes mit Muster und ein weißes, was aussieht wie ein wattiertes Nachthemd.

Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten, aber die jungen Frauen mit den 80er Jahre –Revival-Klamotten machen mich blind. Ganz kurze Shorts aus Jeansstoff, dazu Stiefeletten und eine hochgeschlossenen Polyesterbluse sowie eine lange Kette mit einem harmlosen, niedlichen Anhänger, einem Vögelchen oder einem Stück Torte oder einem Cupcake oder so was. Perlenohrstecker. Oder bunte Polyesterganzkörperanzüge, aber auch als Shorts mit abartigen Mustern, dazu flache, vorne runde Lederschnürschuhe in beige oder hautfarben oder grau (gesehen habe ich sie auch in Wildleder vorne bemalt mit Katzengesichtern) und 80er Jahre Sonnenbrillen, schwarz, unten rund und oben abgeschnitten. Die Haare oben auf dem Kopf zum Dutt zusammen gebunden. T-shirts mit riesigen Ausschnitten am Hals und an den Armen, so dass die Typen nackt dastehen und die Frauen im BH. Überhaupt Schlitz am Rücken und man sieht den Querstreifen vom BH ist der neuste Schrei. Dazu Rennräder mit ganz schmalen Reifen. Auch beliebt, Bermuda-Shorts, schön mit Bundfalte. Das unvorteilhafteste was die 80er hervor gebracht haben. Die Tätowierungen sind auch nicht meines. Beim Vorbeifahren erkenne ich nicht, ob die jungen Dinger Flecken vom der Schmiere der Fahrradkette am Bein haben oder sich dort was Permanentes haben dekorieren lassen.

Ich merke, dass ich ein alter Meckerpott geworden bin. Früher war Berlin ein Eldorado der illegalen Clubs und ich habe im Taxi geweint, wenn es wieder zurück ging in die Provinz. Jetzt denke ich, dass die ganz schön viele Spießer haben. Tätowierte Altrocker, die sich als Freizeitverkehrspolizei betätigen. Kiezrentner, die aus dem Fenster gucken, wenn ein Auto einparkt und sie durch die entsprechenden Geräusche angelockt wurden, um zu kontrollieren, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht. Überall die jungen Touristen (Typ: born yesterday), die Vergnügen suchen. Ich bin alt und intolerant. Meine unscheinbare Stadt, die keinen interessiert taugt mir völlig zum Leben. Natürlich bin ich traurig über den ein oder anderen Laden, den ich schon gerne mitnehmen würde. Ich beneide Berlin um Biergärten, die Soda-Zitrone anbieten und das ist nur Zitronensaft mit Mineralwasser (!), aber auch das ist den Gastronomen hier zu kompliziert. Sie schaffen es nur Bionade einzukaufen. Wir entdecken den Graefe-Kiez und gehen hier zwei Mal frühstücken und es gibt herrliche Schweinereien. Leckersten Quark mit Honig und der tollsten Früchten und selbstgemachtem Crunchy-Müsli, Eggs Bendikt sowie ein sehr zimtiges Bananabread.

Kaffeebar Müsli Kaffeebar eggs benedict

Da bin ich schon neidisch. Aber da sitzen wieder die Touristinnen aus Altanta und unterhalten sich auf Englisch darüber wer mit wem Schluss gemacht hat, erst bei den Promis anhand einer Gala, dann aus dem Bekanntenkreis und dann geht es offenbar um Bushido. Das schließe ich aus den Worten, die ich aufschnappe über jemanden, der einen „Award for integration“ bekommen hat und dabei „some explizit things“ sagt.

Hier gibt es allerdings auch das Lakritzfachgeschäft, was ich eher schön finde als kulinarisch interessant. Die Mafiosi-Lakritze mit Vluchtwagens und Pferdeköpfen überzeugen mich schon. Außerdem die tolle Sammlung an alten Dosen und die Kaufmannsladenstimmung mit der alten Kasse. Der Laden ist einfach gut sortiert. Stephan probiert ein Stück Lakritz-Fudge und als ich angewidert schaue ist die Verkäuferin beleidigt und meint zu meinem Mann: „na ja, Sie wissen ja jetzt, wo sie uns finden“.

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17.07.2013 Koreanische und deutsche Traditionen

Nach knapp 1,5 Jahren geht es endlich mal wieder nach Berlin. Ich merke den Entzug, außerdem ist die Vorfreude riesig und die ganze Reise durchorganisiert und von langer Hand geplant (ca. 4 Wochen). Morgens noch eine kleine Blutentnahme und etwas Gerichtspost und dann kann es auch schon los gehen.

Blut gelöscht Blut YinYang

Wir werden Freunde treffen, die ich länger kenne als Stephan und das ist schwer zu schaffen und darauf freue ich mich besonders. Dann ist es gelungen andere alte Freunde, die ich auch länger kenne als Stephan aus Hamburg dazu zu locken und noch welche, die jetzt über Hamburg in Lübeck wohnen (der gemeinsame Ausgangsort war einmal vor 25-27 Jahren Bayreuth); großer Auftrieb also und Freunde aus Hannover werden wir auch dazu stoßen sowie meine Strickfreundin Heike.

Letztes Mal waren wir halbdienstlich in Berlin (Anhörung in einer Betreuungssache. Ja, ich hatte mal eine in Berlin). Ich hatte mir damals im Vorfeld vorgenommen Berlin doof zu finden. Als wir ankamen und ich einmal durch den U-Bahn Hof Alexanderplatz gelaufen bin, habe ich das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen. Wir trafen damals abends die alte Freundin, die wir aus Bayreuth kennen, Brigitte. Sie ist über Hamburg nach Berlin gekommen und wohnt in Mitte, mitten drin. Wir wollten thailändisch essen, irgendwas, was es bei uns nicht so gut gibt und sie schlug vorsichtig einen Koreaner bei ihr in der Straße vor. Der wäre etwas teurer und es wäre immer leer. Das waren die ersten beiden Beschreibungen. Als wir dann erfuhren, dass das Restaurant erst vor einer Woche eröffnet hatte und uns erinnern, dass teuer in Berlin heißt, dass die Gerichte auch mal mehr als 5,- € kosten können, sind wir bereit diesem Laden eine Chance zu geben. Mir gefällt die Einrichtung. Ein Künstler hat die weißen Wände mit explodierendem Essen aus einem Kochtopf bemalt. Ein Tiger ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Der Laden wird geführt von einem supersüßen Pärchen, in die ich mich etwas verliebe. Sie ist Koreanerin und er ist Koch und Spanier und hat vorher in der Schweizer Botschaft gekocht. Es gibt koreanisches Essen, aber im Tapasstil, d.h. Kleinigkeiten und man kann sich durchprobieren. Das ist immer sehr in unserem Sinn, viel durchzuprobieren. Total liebevoll erklärt uns die Hausherrin einiges über die koreanische Küche, dass der Reis bei ihnen nie so neutral schmecken würde wie in China oder Japan, sondern immer aus einer Melange besteht mit Vollkornanteilen und immer einen ausgeprägten Eigengeschmack hat. Das merke ich mir. Das Kimchi ist hausgemacht und das Essen wirklich sehr gut. Wir verbringen einen herrlichen Abend und sind die einzigen Gäste, was vielleicht auch gut ist, da wir schon etwas angetrunken ankommen, nachdem wir privat vorgeglüht haben. Zum Abschied lobt die Chefin mein Filzhütchen. Es besteht aus einer Rolle, die ich mit japanischen Lebensmittelpiekern mit kleinen Figuren darauf, Eiern, Brokkoli, Scampi, alle haben ein Gesicht verziert habe, die alle oben rausschauen, manchmal aber leider die Richtung wechseln und nach hinten schauen. Die Rolle wird an zwei Haarclips befestigt. Das zeige ich ihr und sie zeigt mir anhand des Wandgemäldes die Stelle, die beweist, dass mein Kopfschmuck traditionell koreanisch aussieht. Abgebildet ist ein Pärchen vor einem Kochtopf an einer Feuerstelle. Eine Postkarte nehme ich mit, die dieses Motiv darstellt und schicke Brigitte eine Farbprobe mit zwei unterschiedlichen Magenta-Tönen. Dieser Farbton findet sich in der Inneneinrichtung wieder, so dass ich der Frau daraus ein Filzhütchen machen will. Kurze Zeit später kommen meine Proben zurück und Brigitte schreibt dazu, dass sie beide Farben mag, ohne schwarz oder weiß dazu. Dann tut sich über 1 Jahr nichts. Als vor ein paar Wochen die Idee wächst meinen Geburtstag in Berlin zu verbringen, mache ich mich daran, das versprochene Hütchen zu filzen. Der Laden brummt laut Aussage von Brigitte und die Frau rechnet da bestimmt nicht mehr damit, dass ich meine Zusage einhalte nach über einem Jahr oder hat mich vielleicht schon vergessen. Umso besser. Ich filze eine Doppelrolle und nähe einen Fisch, einen kleinen roten Kochtopf, eine kleine Metallpfanne mit zwei Chilis darauf sowie ein Porzellanknopf mit einem Kohl, den ich mal in New York in einem riesigen Kurzwarenladen erworben habe. Ich versuche die Kopfbedeckung von der Postkarte nachzuempfinden beim Filzen und Nähen. Außerdem entleere ich einen Babytiger, den ich mal bei Budni in Hamburg gekauft habe und der jahrelang auf seinen Einsatz gewartet hat. Das Badedas darin ist schon ganz eingetrocknet. Er badet in seinen Innereien, nachdem ich ihm den Bauch mit einer Nagelschere aufgeschnitten habe, der Arme. Die Szene erinnert etwas an „Schiffbrüchig mit Tiger“.

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Aus dem Baby-Tiger mache ich mir selber noch ein Hütchen, was ich passend und angemessen finde und fiebere so dem heutigen Abend entgegen. Die Frau von Kochu Karu ist auch schon ganz gespannt, schreibt Brigitte und ich erst. Es passiert selten bzw. ist ein echtes Novum, dass ich nach Gutdünken ein Hütchen mache und einer fremden Frau übergebe. Wie wird sie es finden, wie wird es ankommen? Wird es ihr stehen? Wird es sitzen und halten? Die Aufregung des Regisseurs vor einer Opernpremiere kann nicht größer sein.

Berlin Anna Tigerhut 2 Berlin Anna Tigerhut

Die Zugfahrt ist immer mit Verwerfungen verbunden. Diesmal ist es eine Reisegruppe aus Düsseldorf, die den Schaffner holt kurz vor Magdeburg um uns von unseren Plätzen zu vertreiben. Als wir herum maulen, dass die das ja früh merken mit der Reservierung und die verfällt doch nach 15 Minuten, heißt es, das sei doch eine Reisegruppe und die seien im Speisewagen gewesen. Müssen die Händchen halten, kam noch der m.E. berechtigte Einwand eines netten Mannes, der neben Stephan sitzt, aber schließlich räumen wir das Feld und ziehen weiter.

Am Sonntag war Atelier-Räumen Teil 2 und auch wieder etwas verstaubte Dinge im Keller sichten, aussortieren. Nicht nur, dass ich endlich meine Gartendecke mit den Fransen wiedergefunden, gewaschen und tagelang gelüftet und mich gefreut habe. Es wurden auch etliche CDs, die ich wohl damals im Atelier gehört habe geborgen, Body Count sowie Billy Holiday und Diane Warwick waren in dem Stapel. Stephan säubert die CDs. Ich stelle dann fest, dass zwei davon leer sind. Jetzt erklärt sich auch, warum eine Billy Holiday und eine Nina Simone CD hier immer ohne Hülle rumgeflogen sind, d.h. zumindest zur Hälfte. Nina Simone kann vorübergehend in der Diane Warwick Hülle Unterschlupf finden. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich der Rest auch noch findet eines Tages.

Ich habe mich heute bei meiner Mutter angekündigt für die Vogelbeerernte. Jetzt habe ich die 45 überschritten und gehe auf die 50 zu und interessiere mich allmählich für die familiären Traditionen und dazu zählt Vogelbeergelee und -sirup (hat meine Oma immer gemacht und wurde mit Wasser aufgegossen. Damals wollte man natürlich lieber was Gekauftes, wie Spezi). Das Vogelbeergelee macht meine Mutter und es ist einfach köstlich zu Käse und ich bin fest entschlossen die Methode jetzt von ihr zu lernen. Die anderen Marmeladen kann man zur Not auch käuflich erwerben und wozu habe ich mich sonst so verkämpft, dass ein Vogelbeerbaum mit der essbaren Sorte als Ersatzpflanzung für die Kastanie vor unser Fenster gepflanzt wird? Mehrfach habe ich mich seit dem geärgert, dass ich nicht rein optisch darüber nachgedacht und mich für eine Magnolie entschieden habe, das kam mir damals gar nicht in den Sinn und ärgert mich seitdem jedes Frühjahr, nein Vogelbeere sollte es sein wegen der familiären Tradition und wenn ich dann das Zeug nicht daraus kochen kann, nützt mir das alles nichts.

Wir kommen an und ich freue mich über die berlintypischen Straßenschluchten sowie die Platten auf dem Bürgersteig. Das Wetter ist bestens und wir sind nach einer Ewigkeit mal wieder im Westen der Stadt, in Kreuzberg. Der Berliner Tagesspiegel punktet am Kottbusser Tor mit der geilsten Überschrift:

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Denen bleibt wirklich nichts erspart.

 

Wir sind sehr zufrieden mit der Unterkunft, die uns privat vermittelt wurde. Sie hat den lässigen Einrichtungsstil, den wir Mitte der 90er schon im Orpée in Regensburg geliebt haben.

Appartement Amarcord Amarcord seitlich Appartement Bad Spiegel Appartment Badezimmer Appartement Küche Dom aus Regensburg Movie Chicks Dumm sein Benn

Wir ziehen gleich weiter. Fahrräder mieten haben wir uns für den nächsten Tag vorgenommen, weil die Emailanfragen im Vorfeld etwas schleppend anliefen (Urlaub bis 18.07.), der Banhi-Mi Laden gleich um die Ecke hat Sommerpause, aber unsere Laune kann heute nichts trüben und nach einem kurzen Besuch in einem schönen Laden für nostalgische Möbel, Treibgut und einer kurzen Runde durch die Nachbarschaft geht es am Moritzplatz in die U-Bahn.

Berlin Stephan Berlin DACH 2 Berlin DACH

Berlin U-Bahnstation 1 Berlin U-Bahnstation 3 Stephan Berlin U-Bahnstation 2

Ich will an jeder Station die Kacheln fotografieren (Berlinliebe).

Berlin U-Bahnstation Jannowitz Berlin Stephan Benji

Am Gleis stehen zwei Typen, beide ziemlich desolat aussehen und haben Mühe sich auf den Beinen zu halten. Der eine stammt aus Osteuropa, der richtig Desolate aus Ostberlin. Der Dialog zwischen den beiden, die irgendwie feststellen, dass sie beide aus dem Ostblock kommen läuft folgender maßen ab: „Kotti?“ fragt der eine den anderen und der versteht „Koka?“. Daraufhin der erste wieder: „Du hast ganz schön viel getrunken, oder?“ und der „nein, ich habe Heroin genommen, aber nicht jetzt und so“ und dabei hält er sich ein Nasenloch zu. Daraufhin der andere zu ihm: „Das kann man auch spritzen“. Dann geht es um andere Drogen und der Typ, der die Einnahmetipps verteilt hat sagt das Wort „Ephedrin“ woraufhin der andere sehr euphorisch ihn lobt: „Hey, Du kennst ja den offiziellen Namen von dem Zeug. Da weiß kaum einer den richtigen Namen.“ Hier hat man es mit echten Könnern zu tun. In der U-Bahn sind junge Amerikaner, ausgelassen freuen sich sie über mein Hütchen. Die Frau hat ein Kind dabei und sagt ihm: „We’re flying back tomorrow and then you will go to your father and I’ll meet you there on Sunday“. Von ihrem Begleiter will die gut aussehende, junge Mutter wissen: „Do you think the jet lag will be less worse, because he has been going to bed really late?“ bezogen auf ihren Sohn. Sie steigen Eberswalder Straße aus und wollen in den „Spielwarenstore“ dort. Die ganze Stadt ist voller Touristen und an jeder Ecke wird Englisch gesprochen. Wir fahren eine Station weiter und suchen das Hokey Pokey auf, eine Eisdiele über die auf Spiegel online berichtet wurde. Das Eis kommt an Tuchlauben und Tichy und die Wiener Läden nicht ran und kostet 1,60 €. Am Prenzlauer Berg stehen an jeder Ampel 6-10 Kinderkarren. Das ist wirklich auffällig und in einem Laden, in dem wir am Tresen einen Espresso trinken, wird für Mind Cookies geworben. Der besondere Kick, mit Vitaminen und Guarana. Ein Geschäftsmann in Yogahaltung ist zu sehen sowie derselbe Mann, der allerlei Dinge jongliert, Börsendiagramme, Geschenke, Handy, Rechner. Das Männchen ist eine Zeichentrickfigur. Ich nehme den Flyer mit, weil ich lachen muss. Brigitte liest später vor, dass eine Manuela aus Hannover das Produkt lobt mit den Worten, dass sofort glückliche Kindheitserinnerungen wach werden nach dem Konsum.

Ich besuche den Humana in der Eberswalder Straße, aber meine Handtasche ist die coolste im ganzen Laden und auch sonst hat mir der Laden nichts zu bieten. Ein Morgenmantel aus voll Plastik will nun wirklich keiner….

Berlin Anna Humana Morgenrock

Berlin ändert sich ständig und es lohnt nicht alte Adressen noch mal aufzusuchen, weil was früher einmal cool war ist es jetzt nicht mehr. Neu entdecken ist angesagt.

Wir haben einen Tisch, draußen und essen leckere koreanische Tapas, Pulpo-Salat mit Chorizo und Teigtaschen und trinken Weißwein dazu. Ich überreiche gleich zu Beginn das Hütchen und es steht ihr gut in ihrem dunklen Haar. Vielleicht gefällt es ihr auch, vielleicht ist sie nur höflich. Zu fortgeschrittener Stunde will ich ein Beweisfoto machen, aber ich habe eine rote Nase und fleckige Haut und die geblitzten Fotos sind einfach nur gekünstelt und gequält, so dass ich an dieser Stelle auf die Dokumentation verzichten möchte. Wir hatten einen ausgelassenen Abend und das ist wichtiger als das perfekte Foto und ich kenne die Frau schließlich gar nicht.

Nach einem weiteren Absacker bei unseren Freunden springen wir in die Tram, die dann leider falsch abbiegt und so landen wir an einer Ausfallstraße mitten in der Pampa und laufen zu einem ganz unsympathischen Businesshotel vor dem ein Taxenstand ist. Es hat den Charme von Garbsen. So verschieden kann Berlin sein, erklärt uns der Taxi-Fahrer als ich die Veränderung feststelle. Gerade noch Partymeile und jetzt hässlich und Hund verfroren denke ich mir.

Der Schwarzwaldausflug

Im Bühler Tal angekommen nehmen wir uns ein Taxi mit dem Kennzeichen RA NZ 66. Das gefällt mir. Die Frau fährt uns zu unserem Hotel Rebstock und ich sage nach einigen Minuten des interessiert aus dem Fenster Schauens: hier sieht es aus, wie in einer 80er Jahre Ärztesendung. Wir hieß das noch mal. Sie weiß es: die Schwarzwaldklinik. Das Hotel ist am Waldesrand gelegen und umringt von Landwirtschaft, aber keine Tiere. Das braucht man hier nicht so, zumal alles wächst wie im Urwald und die Kirschen Ende Juni schon rot sind. Gegenüber gibt es frische Himbeeren und Stachelbeeren und Kirschen sowie Erdbeermarmelade und eine Kasse für das Geld. Ich hole 2 x Himbeeren (á 2,- €) und eine große Erdbeermarmelade zu 2,50 €. Ich werde zwar mit selbstgemachter Marmelade verwöhnt von Mutter und Schwiegermutter und auch Marmeladenleihmütter (Mütter von Freundinnen), aber eine reine Erdbeermarmelade gehört hier nicht zum Programm. Bei meiner Mutter werden Früchte aus dem Garten verarbeitet, sehr lecker zum Käse ist das Vogelbeergelee oder von mir gerne genommen Sauerkirsche (SK 09 steht dann zum Beispiel auf den Gläsern) und meine Schwiegermutter macht überwiegend Mischtypen, die auch nicht zu verachten sind.

Irgendwie wissen wir nicht, was wir tun sollen und rufen meine Eltern an, mit denen wir uns an diesem Wochenende treffen werden um zu erfahren, dass ihr Navi sagt, dass sie in 21 Minuten bei uns seien werden. Sie holen uns ab. Sonst hätten wir auch schlechte Karten hier irgendwie weg zu kommen, so ohne Auto. Wir fahren dann zu den Gastgebern, die uns eingeladen haben. Andreas, ein entfernter Verwandter von mir väterlicherseits, feiert seinen 50igsten Geburtstag nach. Die Feier ist Morgen, am Samstag. Erst mal sitzen wir bei den Gastgebern auf der Terrasse und trinken leckeren Sekt mit Foto des Jubilars auf der Flasche und dazu gibt es einen selbstgebackenen Hefekranz seiner lieben Frau. Meine Mutter muss Handnäharbeiten für mich erledigen, die ich ihr mitgebracht habe. Dann müssen wir schon los. Der Sohn des Hauses muss als Fahrer herhalten. Wir sind bei meiner Cousine zum Aperitif eingeladen. Sie zeigt uns ihre Wohnung und macht Aperol Spitz, vier weitere Verwandte, aber mütterlicherseits aus Gernsbach (Ort in der Nähe) darunter meine Cousine aus England und ihr Freund sowie der Hund Bean, die dort zu Besuch sind, stoßen zu uns. Dann müssen wir im Bechters Lamm anrufen, um zu melden, dass unsere Ankunft sich verzögern wird, wir also verspätet kommen werden. Beim Eintreffen in der Gastwirtschaft mustert mich die Chefin, die schwarz-weiß kariert zu einem langen Rock trägt von oben bis unten sehr griesgrämig, aber ich mag Leute, die Emotionen zeigen und so freunden wir uns schnell an, zumal Essen und Wein sehr lecker sind und von mir gelobt werden. Alle unterhalten sich gut in dieser ungewöhnlichen Konstellation und plötzlich sind wir die letzten Gäste und müssen zahlen und uns verabschieden. Grob verabreden wir uns mit meinen Eltern für den nächsten Tag, weil sie auch was unternehmen wollen. Sie schlagen Baden-Baden vor, aber ich will rüber nach Frankreich. Gesüßte Kondensmilch in Tuben im Supermarkt ist mein Ziel und zwar am liebsten die von Regilait. Sie lassen mich bestimmen, wie ein Einzelkind, was ich in dem Moment auch bin und die Gastgeber schlagen uns die Rheinfähre vor.

Ich frühstücke eigentlich nicht, aber an diesem Samstag esse ich 2,5 dick belegte Brötchen und nehme ½ mit. Wir sind alleine im Wintergarten und es gibt sehr leckere Wurst, frisch und geräuchert sowie drei verschiedene selbstgemachte Marmeladen, die durchprobiert werden wollen und ein frisches Ei und viel leckere Butter, nicht so geizige kleine Stücke, sondern 3-4 100 Gramm Scheiben. Dann geht die Reise los. Die Laune ist bestens. Ich habe wahnsinnig Glück, dass ich noch so „rüstige“ Eltern habe, mit über 75. Die wollen nicht rumsitzen und sich ausruhen, sondern was erleben und es macht auch noch Spaß mit ihnen unterwegs zu sein. Der Vorteil des Landkreises Rastatt wird mir schnell klar. Es ist als würde man von Linden nach Wunstorf fahren und dann ist man an einer deutschen Außengrenze. Das ist schon sehr reizvoll. Man wird als Autofahrer direkt zur Fähre gelenkt auf die 10 Fahrzeuge passen. Das Ding pendelt im Sommer zwischen 6 Uhr und 22 Uhr ständig hin und her über den Rhein und der Spaß ist umsonst. Dann fahren wir über Dörfer mit kleinen Verkehrskreiseln und knallbunten Häusern nach Bischwiller und direkt in den Supermarkt. Neben gesüßter Kondensmilch kaufe ich allerhand Kekse und eine große Packung Creme Fraiche. Die Butter ist nur Supermarktbutter und erscheint mir nicht kaufenswert, zumal wir vor wenigen Wochen aus einem Pariser Käseladen die leckste Salzbutter (nicht zu salzig) namens Prairie importiert haben und ich jetzt noch Gänsehaut bekomme, wenn ich an die denke. Ich bewundere das Sortiment, u.a. riesige Dosen mit Froie Gras, wie Thunfischdosen, aber 5 x so groß und Schnecken und so was. Halt französisch. Leider lasse ich die runden weißen Zuckerwürfel (!) zurück, aufgrund ihres Gewichts für den Koffer und mangels einer Verwendung. Das werde ich später bereuen, weil es mir keiner glaubt, dass es so was gab. Nach dem Supermarkt fahren wir zum historischen Markt, wo gerade ein historisches Haus abgerissen wird. Irgendwie ist hier der Hund verfroren. Wir bekommen aber noch einen guten Tipp und landen in einem nette, urigen Lokal mit tollen, detailreichen Scherenschnitten statt Gardienen an den Fenstern und obwohl ich noch total satt bin, kommt kneifen nicht in Frage und ich esse einen leckeren Salade Nicoise mit warmen gebratenen Fischen und teile mir ein Glas Süßwein mit meinem Vater. Anschießend 2 Kaffee, damit es weitergehen kann. Bei den Gastgebern eingetroffen nutzen wir die Ruhe vor dem Sturm für eine Siesta. Ich teile ein Bett mit meiner Mama und mein Vater schläft als einziger sofort ein. Der alte Power-Naper und Mittagschlafkönner. Das Ruhen tut auch gut. Die andere Gäste treffen ein, u.a. mein Bruder und Familie und wieder gibt es leckeren Sekt vom Nachbarn und Kuchen und Kaffee. Draußen regnet es mittlerweile wie unter der Dusche und der herrliche Blick übers Tal nach Strasbourg bietet einen Anblick der anderen Art. Im Konvoi geht es nach Baiersbronn zum Hotel Löwen. Diese Schwarzwaldhochstraße mit den Serpentinen verursacht bei mir leichte Übelkeit und ein paar Kilometer fühlen sich an wie ein Tagesausflug. Im Ort angekommen, sind wir nun wirklich im Schwarzwald- hardcore. Das Hotel liegt an der Straße, gegenüber steht ein Haus, dessen Bewohner immer vor der Tür sitzt auf einer Bank und guckt, wie die Stadtmenschen älteren Datums z.T. mit Kissen bewappnet am Fenster hängen. Umziehen und vor der Tür treffen. Der Shuttleservice bringt die Gäste, die überwiegend in Tracht gekleidet sind, was ich vorher wusste, weil das Thema Bergfest lautet, nach und nach zur Hütte. Oben ist Heidi-Flair und es lichtet sich. Geheimnisvoll hängt der Nebel in den dichten, dunklen Wäldern gegenüber. Die Aussicht ist super, die Wippe aus dem alten Wagenrad wird gleich ausprobiert und es gibt Hugo mit leckeren Schnittchen. Schwarzwälder Schinken ist Ehrensache, aber ich stehe auf die in Streifen geschnittene Blutwurst. Es folgt ein vorsichtiges Annähern mit den anderen Gästen. Spätestens nach der herzzerreißenden Ansprache des Gastgebers und seinem Vorstellen der Gäste ist das Eis gebrochen. Die Gäste sind überwiegend so ca. im Alter des Gastgebers und fast durchweg sehr sportlich, sympathisch und aufs gut Essen und Trinken und Feiern bedacht. Die Nachbarn mit dem eigenen Sekt, ich nenne sie mal „Naaber“, werden in der Rede erwähnt mit den Worten, dass sie, die Gastgeber, manchmal in den Naab-Falle geraten würden. So nennen sie es, wenn sie Sonntagmorgen um 10 Uhr mit dem Hund Gassi gehen wollten und nachts um 1 angeschickert und gut gelaunt wieder werden nach Hause kämen. Wer will nicht solche Nachbarn, mit einer eigenen Sektmarke? Uns gegenüber sitzt ein gutaussehender, korpulenter Mann aus Peru, der begnadet gut kochen soll („der kocht Sachen, die man nicht mal in der Sternegastronomie zu essen bekommt“, so der O-Ton des Gastgebers) und seine Frau, die Direktorin einer Grundschule ist und strahlend blaue Augen hat. Auf Nachfrage: Die beiden haben sich in Italien auf einer Hochzeit kennen gelernt. Sehr romantisch, wie ich finde. Gruselig am Tisch sind die Zeckengeschichten, von kleinen Töchtern, von denen man jeden Abend 10 – 20 absammeln müssen, dafür reiche es einmal ums Haus zu gehen, das hänge mit dem Efeu zusammen und die seien hellbraun und ganz klein, so dass man sie ertasten müsse. Mich zuckt es überall. Mein Beitrag zur Konversation besteht daraus, dass ich keinen Hehl daraus mache, dass mir der Schwarzwald Angst macht und ich unter keinen Umstände bei Dunkelheit überhaupt oder auch tagsüber alleine vor die Tür treten würde. Das löst Erstaunen aus. Warum lautet die Nachfrage. Meine Antwort lautet, dunkler bedrohlicher Wald, undurchdringbar, steile Hängen mit igelförmigen Schokoladentrüffeln und Kindermissbrauch, das seien meine Assoziationen. Die Einheimische schmunzeln. Dann erkläre ich ihnen auch, was schön ist am Norden. Die Landschaft ließe zu wünschen übrig, aber zwischen Hannover und Hamburg gäbe es ganz viel Himmel. Ich werde dann aufgefordert außerhalb der überdachten Terrasse der Hütte nach oben zu sehen. Ja, schon klar, dass es hier auch einen Himmel gibt, aber eingezwängt zwischen die Berge und nicht in Froschaugenperspektive. Das einzige was nervt, ist Party-DJ Markus aus Karlsruhe, der davon ausgeht, dass die 50-jährigen die Hits ihrer Jugend hören wollen und zwischendurch Animationsdurchsagen macht um die Stimmung vermeintlich anzuheizen. Ich habe mich schon angemeldet für den Shuttelbus und dann spielt er den einzigen Hit des Abends, den ich echt hören will von der neuen Daft-Punk. Ich lasse den Bus ohne mich fahren und schlussendlich geht es erst gegen 3 Uhr wieder ins Hotel.

Frühstück am nächsten Morgen in skurriler Schwarzwaldoptik. Riesige braune Lampen wie rostige Absaugrohre und an der Decke statt eines weißen Plastiktülle ein riesiger geschnitzter Holzsockel an der Decke, massiv, ca. 1 Meter Durchmesser. Ich mache mich darüber lustig und kann auch die Einheimischen auch zum Lachen bringe und mache Fotos. Gegenüber vom Parkplatz sitzt der Typ wieder vor dem Haus. Abschied. Auf dem Rückweg halten wir noch in Gernsbach, idyllisches Städtchen mit Fluss und besuchen dort die ganze Familie mit weiteren Verwandten. Dort nehme ich eine Edeka-Werbebeilage mit, die mir dazu verholfen hat die Wurstfamiliencollagen zu machen. Der aufmerksame Leser weiß, was gemeint ist. Solche herrlichen Fleisch- und Wurstbilder gibt es bei uns nicht mehr als Zeitungsbeilage. Früher ca. 2000-2002 habe ich große Serien mit Wurstfamilien gemacht, aber damals taugte dazu der Real-Prospekt. Das kann man heutzutage bei uns alles vergessen. Blasse, kleine Bilder. Nicht zu gebrauchen. Meine Eltern fahren uns in Gernsbach zum Zug. Ich mag es bei solchen Gelegenheiten, wenn es nur ein Gleis gibt. Der Abschied ist irgendwie wehmütig von meiner Seite. Das liegt bestimmt am fortgeschrittenen Alter der Beteiligten und weil es wieder mal so schön und intensiv war und die Vergänglichkeit präsent ist.

Unser Zug macht viele außerplanmäßige Halts u.a. kurz nach Mannheim. Dann die Durchsage, dass es einen Brand an den Schienen gibt und der Zug zurück fährt nach Mannheim und von dort umgeleitet wird nach Frankfurt mit Verspätung über 1 Stunde. Und tatsächlich fahren wir nach ca. 40 Minuten einfach rückwärts. Der Schaffner ist älter, dick und lustig, aber auch kurzatmig. Immer setzt er sich auf einen freien Platz, wenn er in seine Maschine gucken muss, weil die alleinerziehenden Mütter jetzt ganz viel Informationen zu ihren Anschlusszügen nach Siegen usw. brauchen. Die erste fragt nach einem Kindereis, ob es dieses Angebot der Bahn noch gehen würde. Er nein, aber im Bistro gäbe es so eine Art Happy-Meal mit einem ICE drin. Dann zu der Tochter, ob sie eine Mädchen oder eine Jungsfahrkarte haben wolle und sie dürfe jetzt was ganz besonders, was die Mama nämlich nicht dürfe, ihre Fahrkarte selber abknipsen. Als er bei uns ist frage ich ihn, wann er seiner Frau Widerworte geben würde. Das hätte ich nicht ganz mitbekommen, was er dazu erzählt hätte. Er daraufhin: „Ich bekomme ja nur 5,- € Taschengeld in der Woche und samstags soll ich immer Blumen für 5,50 € mitbringen, aber seit es diese Maschinen gibt und die Fahrgäste mit Karte zahlen, kann ich mir das da immer abbuchen, ohne dass es auffällt.“ Nachdem wir schon über 30 Minuten stehen wundere ich mich über die Boxen mit dem Fastfood und frage mich, wie die aussteigen konnten und zu Mc Donalds gehen für ihre Brut, aber dann sehe ich die kleinen dicken Plastik-ICEs. Eine Mutter ist ganz pfiffig und fordert ihn nach einer erneuten Fahrplanauskunft auf, die Verspätung auf ihrer Fahrkarte zu notieren. Er darauf: und was soll das bringen? Sie will natürlich ganz viel Geld zurück und das weiß Santa Claus auch, aber er erklärt ihr: ein Feuer, höhere Gewalt und Feuer und Strom vertragen sich nicht und Strom und Wasser noch schlechter. Die Bahn müsse im Brandfall den Betrieb einstellen, weil geröstete Feuerwehrmänner würden auch nicht so lecker aussehen.

Das Wochenende fühlte sich an wie eine knappe Woche und das lag sicher an den vielen Begegnungen, den sie machen das Leben aus, worauf der Gastgeber in seiner Ansprache zu Recht mehrfach hingewiesen hat. Als Pärchen reisen ist auch schön, aber Bekannte und Unbekannte Menschen treffen macht doch mehr Erlebnishorizont, so mein Fazit.

Nach unserer Heimkehr läuft unten im Hauptbahnhof das Fahrgastfernsehen der üstra mit Bildern über den Schützenausmarsch und da fällt mir wieder etwas ein, was mir schon zu Beginn der Reise eingefallen war. Ich sage zu Stephan: lass uns diesen Schützenausmarsch als Fristsache in den Kalender eintragen, damit auch zukünftig sicher gestellt ist, dass wir nicht da sind.

ida ahlo

28.06.2013 9:41 ICE nach Basel über FFM, Zielort Baden-Baden. Bin um 6 Uhr schon wach und fahre noch ins Büro. Wenn das Sozialamt am Donnerstag um 14:58 Uhr schon Feierabend macht, wie die Sachbearbeiterin, die ich noch am Telefon erwische mir sagt unter Hinweis auf die Öffnungszeiten auf dem Briefpapier, trotz einer von mir vorgetragenen Dringlichkeit, dann entwickele ich hier einen gewissen Ehrgeiz. Mein Betreuter, Herr I. hat 2 Nächte nicht geschlafen und kann nicht mehr gerade aus laufen. Er war der Zimmergenosse von Herrn A. und ist seit Mittwoch obdachlos. Zum Glück konnte ich die anvisierte Unterkunft überzeugen, dass ich mich um das Kostenanerkenntnis kümmere und alles bereits gefaxt ist und ich so was kann und verlässlich bin und Profi. Da will ich jetzt schön hinterher telefoniert und um vor 8 erreicht man am Freitag die Mitarbeiter, die mittags schon ins Wochenende wollen. Alles bestens. Mission erfüllt.

Wir haben uns leider bis Baden-Baden 12 Minuten Verspätung eingefangen und der Anschlusszug nach Bühl konnte nicht warten (fährt auch 2 mal die Stunde, schon o.k.). In der Bahnhofsunterführung denke ich, mich laust der Affe. Immer noch hängt dort das Plakat auf dem eine Frieda Kahlo Ausstellung in Baden-Baden in einem mir unbekannten Museum beworben wird. Das hing das schon vor 2 oder 3 Jahren! Das kann gar nicht wahr sein. Wir sehen es als Zeichen, zumal Stephan und ich beide große Fans sind. Gepäck ins Schließfach an Gleis 1 (4,- € für 72 Stunden). Das können wir da jetzt drin lassen bis zum Heimfahrt, wie Stephan zu Recht feststellt, weil es ist doch eine Erleichterung so ohne die Gewichte bei der Wärme und ein verlockender Gedanke. Am Bahnhofsausgang beginnt die Schnitzeljagd. Das erste Plakat verspricht: Frieda Kahlo nur 7 Minuten zu Fuß und dann muss man den schwarzen Schildern mit weißer Schrift (Frieda Kahlo und manchmal ein Pfeil) einfach folgen, vorbei an einem staubigen Parkplatz und durch ein kleines Industriegebiet. Vorbei auch an der Bahnhofszene hinter dem Bahnhof. Einer der Alkis trägt die Aufschrift Security auf seinem T-Shirt und wir überlegen kurz, ihm unseren Schließfachschüssel anzuvertrauen, lassen es aber. Auf dem Weg durch die Einöde an den Gleisen entlang kommen uns vereinzelt Passanten, aber noch mehr Radfahrer entgegen. Hier sollen die Bilder der Meisterin hängen, die wir in Wien im Forum Austria verpasst haben? Wir treten ein in die Baracke in einen sehr umfangreichen Gift-Shop mit Frieda Kahlo Hausschuhe und Ringen und allem nur erdenklichen Gedönse, mexikanische Blechskelette für 20,- €, die im Einkauf 50 Cent gekostet haben. Ich verstehe 10,- €, aber das ist der ermäßigte Preis. Ich drücke 30 ab für 2 und wir passieren die Kasse. Vorher bekommen wir noch die Erklärungsbücher in die Hand gedrückt. Kopierte Heftchen, die es umsonst dazu gibt, wie die Hausfrau an der Kasse uns die Sache schmackhaft machen will. Man solle sie aber wieder abgeben, sonst stehe auch Herr Soundso für Fragen zur Verfügung. Es scheint der Chef des Hauses zu sein, der sich durch eine Geste zu erkennen gibt. Es gibt einen Innenhof mit einem Brunnen und Kakteen und vielen Fotos von Frieda und der Familie und alles ist liebevoll-hausfraulich dekoriert. Es dauert nicht lang bis ich erkenne, dass hier kein einziges Bild meines Idols hängt, dafür lauter „lizensierte Reprographien“ oder wie sie das nennen. Es war auch klar und ich naiv, wie sollten hier jahrelang Originale von Frieda Kahlo hängen??? Zahlen wir jetzt 30 Euro für ein paar Kalenderblätter? Nicht ärgern. Es lustig finden. Dafür kostet auch der Kaffee aus dem kleinen Krankenhausautomaten 2,- €. Das sind hier halt die Preise. Als wir gehen fragt die Hausfrau, ob es uns gefallen hat. Hier ist jetzt noch mal Zähne zusammen beißen und Lügen angesagt. Auf dem Rückweg nehme ich das kaputte Schild aus der Gosse mit und stecke es ein. Darauf steht ido ahlo. Das passt und ich finde es lustig. Im Frieder Burda Museum gibt es Nolde, aber die haben den Bahnhof hier außerdem der Stadt gebaut. Das wäre auch doof gewesen. Wir nehmen den Vorortzug um 14:05 Uhr, der nur auf Verlangen hält, wie die Durchsage vor jeder Station ankündigt. Mein Erinnerungsschild wird später im Hotelzimmer als erstes unter fließend Wasser mit Seife gesäubert.