Archiv des Autors: administrator
Schweizer Wurstfamilienjung
Outfit 17.08.2013
Party und Heimreise
17.08. Heute werde ich um 6 Uhr wach und denke zuerst ich höre Geräusche von anderen und kann schon mal auf einen Kaffee runtergehen. Es sind aber nur die meiner Nichte und Neffe und Katalin begegnet mir im Flur und zeigt mir ein „Psssst“ durch Finger auf die Lippen legen. Ich verstehe und gehe wieder in unser Quartier, aber schlafen kann ich nicht mehr. Ich will mir Tuschwasser holen und wieder aufs Zimmer und sie fängt mich ab und fragt, ob wir zusammen was basteln können, was ich bejahe. Sie tuscht mit mir und der ältere Bruder will ihr immer erklären, wie man was nicht macht und mir am besten auch. Bei Pinseln knicken die Borsten ab, wenn man sie im Wasser stehen lässt. Aha, passiert aber nicht und das gilt insbesondere nicht, wenn man den Pinsel gerade in Gebrauch hat, aber danke für die Tipps reagiere ich auf die kluge Verbesserungsvorschläge der jüngeren Generation. Von Frederik habe ich was ausgeschnitten aus dem Altpapier, wo er ein Foto in der Zeitung mit Kuli modifiziert hat und es durch die Kugelschreiberstiftzeichnungen auf dem Foto wirklich ausschaut, als würde er Mann sich in der Nase bohren. Genial gemacht.
Er sagt, „hey das ist von mir“, bietet dann aber an noch mehr für mich zu machen. Katalin erzählt mir auf Nachfrage, dass sie in der Schule (2. Klasse) gerade alles über Bienen lernen und einen Film geschaut haben mit Willi will’s wissen und die Drohnen, die sterben sobald sie die Königin begattet haben, das sei so traurig, erst finden sie die Frau und dann müssen sie sterben und sie glaubt ja, dass die Drohnen das vorher wissen und daher ganz traurig sind. Wir räumen dann auf, weil die Erwachsenen sagen, dass der Frühstücktisch gedeckt werden soll. Passend zum heutigen Tag erscheint am Himmel:
Die letzten Vorbereitungen laufen auf Hochtouren:
Mein Bruder hat den ganzen Tag über open house und es kommen Nachbarn und Freude z.T. mit Kindern und gehen dann auch wieder nach 2 Stunden. Ich kann nicht mit allen Gästen was anfangen und tusche noch eine Runde. 3 Schweizer Buben sind da und einer davon bleibt immer ca. 5 Meter von mir entfernt stehen und schaut sich das alles interessiert und ungläubig an als hätte er noch nie einen Menschen basteln sehen bis ich ihn frage, ob er sich die fertigen Postkarten einmal anschauen wolle. Er bejaht. Dann basteln die heimischen und die 2 Besucherjungs bei mir, während die Kinder sich von Frederik zeigen lassen, wie man die Fotos aus der Zeitung manipuliert. Er sucht eine Wettervorhersage und will das Granathagel und Tornados und so was einzeichnen. Katalin malt an einer Art Madonna herum. Weil es um die Volksabstimmung zu dem Bratwurstverkaufverbot geht, fragt sie: woran denkt die Frau? An lauter Bratwürste und was hat sie im Herzen auch lauter Bratwürste. Das Bild wird sehr schön. Ich nehme es mit für einen Bastelkalender, den die Familie Weihnachten von mir bekommt und dann wird es verwertet und quasi zurückgeschenkt. Dann bebastelt sie eine Postkarte für meine Collage Volksabstimmung, quasi als Hintergrund. Die konkurrierenden Würste schauen sich böse an.
Frederik fragt mich, ob ich Mursi-Anhänger sei und ich frage mich, wie er da nun wieder drauf kommt. Später wird es mir klar.
Ich mache noch eine Gemeinschaftsarbeit mit Frederik.
Mitten im Basteln müssen die Jungs aufbrechen. Eine Frau aus der Nachbarschaft bringt einen leckeren Rahmkuchen mit getrocknetem Birnenmus drin noch lauwarm, den ich lobe. Für Smalltalk sage ich, wie nah Zürich sei und so gut erreichbar mit dem Nahverkehr. Ich merke an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie mir nicht zustimmen will und sie erklärt es mir auch. Für die Schweizer seien die kleinsten Wege schon weit und ich treffe den Nagel auf den Kopf als ich sage, außer beim Wandern. Hier kein Weg zu weit, richtig? In der Tat war sie gerade mit ihrem Mann nach Italien gelaufen zu Fuß. Bei mir sei es genau umgekehrt, dass beim Wandern der Wald hinten dem Haus schon zu weit sei. Der Mann zu der Frau kommt ein wenig später auch und bleibt an meinem Basteltisch stehen und guckt ungläubig und leicht angewidert, was ich hier machen würde bis er die Logos der Absinth-Werbung entdeckt. Mit den Kindern hatte ich mich noch darüber lustig gemacht über die Gebrauchsanweisung, dass man das Wasser sehr langsam (tropfenweise) und zwar sehr sauberes Wasser über den Zucker laufen lassen sollte und ich frage, was ist denn für die Schweizer sehr sauberes Wasser. Er ist wie ausgewechselt und will wissen, wo ich das her habe. Aus Zürich aus dem Welschland beantworte ich sein Frage und er daraufhin: den Mann (gemeint war der Inhaber), den kennt er und den Absinthbrunnen hat er zuhause genau wie die Flasche mit der Katze.
Ich sage: Wahnsinn und dann na ja, der eine hat einen Schokoladenbrunnen und der andere einen Schnapsbrunnen. Ich will dann aber wissen, wie oft man den verwendet und mein Tipp ist nicht so oft, ein Mal im Jahr und er widerspricht mir und sagt schon öfter, wenn Freunde zu Besuch seien auf einen Apero, oder. Dann spreche ich ihn noch auf die Piktogramme der Sex-Boxen in Zürich an, quasi Gebrauchsanweisung. Über 18 erlaubt, unter 18 verboten. Im Auto grünes Häkchen, Mofa und Fahrrad rot durchgestrichen. Ich frage den Nachbar, wie sportlich die Schweizer denn seien, ob es in der Schweiz üblich sei auf dem Fahrrad Sex zu haben. Gemeint ist aber das Einfahren in den Parcours. Das Paar verabschiedet sich und will noch zum Bodensee, schwimmen. Es ist nur ein Kollege meines Bruders eingeladen. Dieser hat eine sehr nette und hübsche Frau mit riesigen Augen. Als wir erzählen, dass wir Käse mögen und Stephan vergeblich in die Stadt gefahren ist um welchen auf dem Wochenmarkt zu kaufen, weil er zugunsten eines Stadtfestes ausgefallen ist, weil überall Bierbänke aufgestellt waren, gibt sie uns ein Tipp für einen Käseladen für das nächste Mal und ihre Familie sei in der Landwirtschaft tätig und sie könnte uns auch mal einen halben Laib Käse besorgen (am besten so groß wie auf der Wiget-Werbepstkarte). Die Tochter hat die großen Augen der Mutter, ist aber weißblond und sehr schüchtern. Sie redet nicht, hält nur den Stoffhund, der angeleint ist und für den sie Trockenfutter dabei hat. Auf Nachfrage zeige ich Mutter und Tochter meine Hütchenauswahl, die ich dabei habe. Von der Mutter erfahre ich, dass sie in Hannover zur Expo waren auf dem Weg nach Dänemark und dieses Jahr waren sie in Sylt. Ich denke, lustig, wir machen wechselseitig im Heimatland Urlaub und während wir mit dem Zug durch die Schweiz fahren, fahren sie regelmäßig nach Berlin und leihen dort auch Fahrräder. Auch diese Familie hat noch weitere Programmpunkte und verabschiedet sich nach ca. 2 Stunden. Eine Nachbarin kommt mit einem jungen Appenzeller-Sennenhund. Die haben einen Ringelschwanz und einen Emmentaler-Sennenhund gibt es auch. Neue Hunderassenkunde für mich. Der Nachbarshund ist schlecht erzogen und drangsaliert die Kinder und schnappt auch. So was wird ja gerne verharmlost von den Besitzern.
Irgendwann wird es voller, weil Gäste aus der alten Heimat angereist sind, die dann auch bleiben. Die alten Volleyballfreude meines Bruders, die jetzt zum Teil Väter sind und erst die Sau rauslassen können, wenn Frau und Kind abgezogen sind, vorher sollen sie immer sich um ein Getränk für die Gattin und die Bespaßung des Nachwuchses kümmern, diese modernen Väter. In der Nacht werden die sportlichen Heldentaten der Jugend noch mal nacherzählt. Ich finde das sehr süß. Abends kommen Schweizer Freunde, ein Ehepaar, die einen Mojito-Stand machen. Das war schon groß angekündigt worden und ich hatte in Erwartung Wasser statt Wein getrunken. Als der Mojito alle ist kommt der Nachbar noch mal vorbei mit seinem Absinthbrunnen und sagt: „jetzt wird Franziska ausflippen“ und er hat Recht.
Es ist ein Glaskolben aus mundgeblasenem Glas mit einem Glasdeckel, der oben eine sehr filigrane Zwiebelturmform aufweist. Es wird mit Eiswasser gefüllt, dann muss die Nachbarin von zuhause noch mal Zuckerwürfel holen gehen, weil meine Schwägerin keine hat (wer hat das schon?). In die Gläser wird Schnaps mit 65 % aus der Katzenflasche, die ich aus dem Prospekt schon kenne gefüllt und dann die Löffel mit dem durchbrochenen Muster darauf gelegt und den Würfelzucker und dann die winzigen Hähne wie Spielzeug aufgedreht und so tropft das Eiswasser darauf. Ich trinke einen, den ich mir allerdings teile und der schmeckt extrem nach Anis und ist gewöhnungsbedürftig und macht betrunken, so dass ich denke davon einen Apero und die Gäste baden nackt im Gartenteich. Freunde aus Süddeutschland, sie betreibt einen Boutique und lässt sich Ware vom Lindener Marktplatz liefern, die Lieferantin hat sie neulich erst besucht. Er ist schmal und redet viel. Sie erzählen von dem Hotel, wo man alles aus Automaten ziehen kann gegen Geld, 7 Erdnüssen für 2,50 Franken oder ein winzige Toblerone. Ich sehe, wie er einer Teenagerin vermeintlich ein didoartiges Gerät, was er in seiner Hosentasche trägt zeigt und ihr sagt: wenn sie es noch mal brauche, solle sie Bescheid sagen. Ich frage was das war. Es sieht bei näherer Betrachtung aus wie eine elektrische Zahnbürste mit einem schmalen gebogenen Kopf. Man hält es sich auf die Haut und drückt einen Knopf, dann wird die Stelle, die so groß ist wie ein Centstück erhitzt und das soll die Struktur des Mückengiftes zerstören, so dass der Mückenstich nicht mehr juckt. Wir probieren das dann alle aus, auch ohne Stich um zu schauen, wie warm es wird und ob das weh tut oder nur unangenehm ist. Mein Bruder hat seine Boxen, die er 10 Jahre lang nicht mehr benutzt hat in den Wintergarten gestellt und tanzt irgendwann. Wir lassen ihn das nicht alleine machen und beteiligen uns am freien Ausdruckstanz. Die Kinder (2 eigenen, 2 Gastkinder) sollen im Garten zelten, weil die Kinderzimmer als Gästezimmer gebraucht werden. Die Mädchen streichen früh die Segel und gehen ins Haus. Dann um ca. 2 Uhr morgens gibt Frederik auf. Jetzt ist nur noch der eine Gastjunge im Zelt. Kann man den alleine draußen lassen, frage ich mich angetrunken, aber noch mit einem Restverantwortungsbewusstsein? Andererseits was hilft es wenn man einen betrunkenen mittelalten Volleyballspieler dazu legt. Morgens gratuliere ich dem Gastjungen zu seinem Heldentum und er hat es gar nicht gemerkt, weil Frederik morgens um 7 Uhr wach geworden war und sich dann wieder ins Zelt dazu gelegt hatte. Auch gut.
18.08. Es ist der Tag der Abreise. Morgens eine Runde mit die Spuren der vergangenen Nacht beseitigen. Die passende Schürze hatte ich schon vorher gefunden.
18.08. Frühstücken, packen, weitere Gespräche. Ich will früh zum Flughafen. Stephan bedankt sich bei den Gastgebern, dass er ihre Joggingstrecke hat nutzen dürfen. Mein Mann hat das Laufen in freier Wildbahn und außerhalb des Laufbandes entdeckt und auch ich bin ganz begeistert. Drei Tage läuft er die Strecke um den See, die auch eine Steigung beinhaltet. Beim letzten Mal berichtet er, dass er auf den letzten Metern noch mal den Berg hoch laufen muss mit letzter Kraft und oben bei den Bahngleisen mit puterrotem Kopf ankommt und ihm drei Frauen entgegen kommen und eine davon ihre große weiße Handtasche an sich presst bei seinem Anblick und er denkt, nichts läge mir ferner als noch mehr Gewicht oder so von wegen, die interessiert mich nur, wenn da Wasser drin ist. Zuvor verabschieden wir andere Gäste an der Straße vor dem Haus stehend und auch die Busfahrerin lässt sich zu einem Zurückwinken hinreißen, was ich sehr lustig finde. Mein Bruder bringt uns zum Bahnhof in St. Gallen und hier kann man zu den Gleisen vor fahren als Kurzparker erzählt er uns auf dem Weg dorthin. Ich wundere mich trotzdem, warum er vermeintlich in die Tiefgarage fährt. Dort ist man hinten an den Gleisen, so dass man Gäste sogar bei Regen trocken zum Bahnhof fahren kann. Personenverladung nennt das der Schweizer. Genial.
Wir fahren zum Flughafen begleitet von einem jungen Schweizer Satanistenpärchen, die man nicht versteht, die aber schon zwei Mal in Wacken waren, einmal 2013. Die gehen dann in den Handyladen am Flughafen etwas shoppen. Auch ein anderen Fahrgast, vermutlich ein Moslem mit gehäkelter weißer Mütze treffen bei Migros, der den Sonntag zum Einkaufen im Flughafen nutzt. Wir machen Großeinkauf dort, 6 Salate eingeschweißt, 6 Kalbsbratwürste, 3 Stücke Käse, Creme Fraiche, Gebäck, Schokolade, Schinken, Mostbröckli, eine großen Schokoladenjoghurt…. Das Nötigste für zuhause.
Wir treffen meine Schwägerin zur Übergabe des Ladegerätes bzw. Gefangenenaustausch gegen Fahrtkarten der Stadtbahn Zürich.
Davor werfe ich meine Postkarten ein. Die eine an meine Schwägerin in den Briefkasten direkt an der Stelle, wo wir sie gleich treffen werden, hihi heimlich. Auch eine für einen weiblichen Dave Gahan-Fan aus Hannover. Ein Beweisfoto, dass Dave in Wirklichkeit bei der Stadtpolizei in Zürich arbeitet.
Später wird hier allerdings die Ähnlichkeit von der Kartenempfängerin vehement bestritten. Wir trinken noch zu dritt einen Flughafenkaffee. Dazu essen wir ein letztes Birchermüsli von Sprüngli, ein weiteres Beerenmüsli wird nachgekauft vor lauter den Hals nicht voll kriegen und mit dem anderen Einkauf einfach in den Koffer gedonnert. Bei der Sicherheitskontrolle in Zürich bekomme ich Komplimente noch und nöcher, als würde man die Buskontrolle wieder ausgleichen wollen und doch um einen weiteren Besuch meinerseits werben. Der Haarschmuck, aber auch die Omatasche finden großen Gefallen.
Zuhause völlig übermüdet bekommen wir die Quittung. Das Müsli ist im Koffer explodiert und hat sich über das Innenfutter des selbigen sowie die Wäsche u.a. das weiße Leinenhemd von Stephan ergossen. Der Crevettensalat sowie der Siedfleischsalat, die zumindest eingeschweißt waren, haben den Druckunterschied auch nicht vertragen und sind aufgeplatzt, aber mit weniger Schaden. Den Crevettensalat mit Majo esse ich sofort ohne Brot. Beim Birchermüsli komme ich mir recht dämlich vor, dass ich den Becher, der einfach primitiv mit einem Deckel verschlossen ist so achtlos in den Koffer verfrachtet habe, ziemlich gedankenlos. Die Lektion sitzt allerdings.
Outfit 15.08.2013
Umrechnungsfaktor Espresso 14.-16.08.2013
14.08. Werde leider ca. 2 Stunden vor den anderen wach. Vertreibe mir die Zeit u.a. damit, dass ich beobachte, wie auf einem großen Parkplatz hinter dem Mietshaus meiner Schwägerin ein Auto nach dem nächsten abgeschleppt wird. Wegen des Robbie Williams Konzerts am Freitag wie sich später herausstellt. Ich liebe die lustigen Schweizer Mitteilungen der Hausverwaltung. Die stehen unseren Aushängen in nichts nach…
Dann werden meine Spielgefährte auch wach und wir planen den Tag. Heute ist Weiterfahrt nach St. Gallen angesagt, wo mein kleiner Bruder heute 40 Jahre alt wird, deswegen überhaupt die Anreise so unchristlich Mitte während der Woche. Ich will zu dem Anlass noch was besorgen zum Überreichen (neben dem großartigen Hai-Fotobuch was ich im Koffer habe) und zwar etwas für die Hausbar bzw. die Party, die Samstag ansteht. Meine Schwägerin weiß wie immer Rat und schlägt Paul Ullrich AG vor. Ein Schnaps Jahrgang 1973 ist mir zu teuer (400 Franken) und den Gag nicht wert, aber ansonsten lasse ich mich von den Werbebroschüren des Ladens, die meine Schwägerin per Post erhält ganz schön einlullen. Zuerst will ich einen guten Gin und vor allem guten Tonic besorgen für die Party. Auf einmal will ich Agavenschnaps einkaufen, weil hier in einer aufwendig gemachten Broschüre zur Tequilla-Degustation eingeladen wird. In den Prospekten wird für bestimmt alkoholische Produkte geworben mit Foto der Flasche und dahinter heißt es immer in Klammern (Achtung, billig!!!!). Das wirkt anbiedernd hat aber was mit einem Schweizer Rabattwerbeverbot für Hart-Alk zu tun, wie wir später erfahren. Auf dem Weg in den wahnsinnig gut sortieren Spirituosen und Weinladen komme ich erst mal an einem Bernina-Geschäft vorbei, an dem ich nicht vorbeigehen kann. Aufnäher oder Applikationen im Schaufenster ziehen mich magisch an. Es sind halbierte Tiere, die man auch falsch zusammen setzen kann, z.B. Katzenvorderteil und Hundehinterteil oder Zebrahinterteil und Löwenvorderteil. Ich betrete den Laden und die Verkäuferin kommt sofort auf mich zu und fragt, ob sie mir etwas zeigen kann. Man hat allgemein das Gefühl, dass die Oprah Winfrey Sache den Verkäufern ganz schön nachhängt und überall wird man superschnell gefragt und sie wollen mir alles zeigen, vielleicht auch Handtasche für 35.000 Franken, die ich aber gar nicht sehen will. Ich beantworte die Frage mit: ja, die halbierten Tiere, bitte. Ich kaufe für meinen Bruder einen Hai, den er auf seinen Ärztedienstkittel nähen soll, wenn es nach mir ginge, von wegen frisch operiert mit dem Schnitt genau in der Mitte, der den Rumpf durchtrennt. Dann gibt es in dem Laden eine unglaubliche Auswahl von Bändern und Gummis und das ist das reinste Bastel-Happy-go-lucky für mich. Die brave Bernina-Demonstrations-Maschine stickt fleißig einen Elefanten vor sich hin. Meine Schwägerin macht mich auf die bereits fertige Eule aufmerksam, die nur 5 Franken kosten soll (zum Vergleich ein Espresso bei Sprüngli kostet 5,50). Ich finde in der Schweiz muss man wirklich viel mit Schweiz-internen Preisvergleichen arbeiten, mit Euro und so kommt man da echt nicht weiter. Ich frage an der Kasse noch, wie viele Tiere kann die Maschine denn? Die Antwort: alle. Ich lege nach: kann die auch Dackel? Kann die auch alle Hunde? Stephan hat schon Bange, dass ich mich für die Maschine interessiere, dabei ist das nur Smalltalk. Ich habe am Ende des Einkaufs den Eindruck nicht mehr als in Deutschland gezahlt zu haben und das bei der Auswahl, die es bei uns schlichtweg nicht gibt, also alle Bastelfrauen, die dies lesen, es handelt sich um einen Tipp in der Schweiz ein Bernina-Fachgeschäft aufzusuchen.
Danach gibt es noch eine Flasche Tequila und zwei Flaschen Weißwein nach den Erfahrungen des Vorabends rein nach Etikett ausgesucht. Der Laden hat sogar eine Bastelecke für Kinder. Die denken an alles. Wir ziehen weiter Frühstücken zu Sprüngli. Hier gibt es oberhalb des Shops (Fruchtgelees für 18 Franken), in dem sich Touristen durchschieben ein respektables Café mit lauter gut angezogenen Schweizer Omis, die das Bircher Müsli aus dünnwandigen, weißen Porzellantassen löffeln. Sehr gediegen. Herrlich. Ich bin schon wieder bester Laune und sage, hey, die haben ihren Namen auf meinen Cappuccino geschrieben. Es gibt Kanapées und kleine Leckereien aus der Konditorei (St. Honoraire mit Kirsch ist meine Wahl). Das ist mit Schnaps werde ich überflüssigerweise gewarnt.
Nach der Stärkung und ein paar Pralinen zum Mitnehmen und einer Verkäuferin, die sich nicht ablenken und immer wieder nach der Bedeutung meines Hütchens fragt, geht es zum Bahnhof. Die Profi-Organisatorin macht alles am Automaten klar für uns, unser Zug fährt in wenigen Minuten um 13:09.
Wir müssen nach St. Gallen Bruggen. Dann wird auf dem Telefon nach der Verbindung geschaut und es geht nach Gossau mit dem Zug und dann umsteigen in den NFB (Niederflurbus) und aussteigen an einer Station, die ich mir aufgeschrieben habe. Am Ziel sind wir dann um 14:30 Uhr. Genau parallel zu meinen Eltern. Alles mehr als perfekt. Nicht ankündigen, einfach auftauchen. Alles läuft gut und ich erfreue mich an den alten Holzhäusern, die außen Holzschindeln dran haben wie Fischschuppen bis die Kontrolleure im Bus auftauchen und uns erklären wollen, dass die Fahrtkarte nur für die Bahn gültig sei. Wir hätten von Gossau weiterfahren müssen nach St. Gallen HBH und von dort S-Bahn. Ich habe leider ausgeprägtes Tourett und bin absolut nicht hilfreich. Während Stephan sich erklären lässt, welche Fahrkarte er an dem Automaten im Bus nachlösen muss, schimpfe ich vor mich hin und die Koffer rollen unkontrolliert durch die Gegend. Da trägt man schon sein ganzes, sauer verdientes Geld zu Sprüngli und Co. und sie können den Hals einfach nicht voll kriegen. Ich zahle nicht und will in einer Haftzelle enden am 40. Geburtstag meines Bruders. Ich fordere 160 Peitschenhiebe. Ich bin so auf Krawall gebürstet, dass ich von dem Kontrolleur mit dem Hörgerät noch wissen will, wie er heißt für meinen Beschwerdebrief an die Schweizer Bahn und das Schweizer Tourismusbüro, dass weitere Schweizreisen gestrichen sind von meiner Seite, wie man hier behandelt wird, so unkulant. Er hingegen hat Gefallen gefunden an meinem Geschimpfe und er und sein Kollege bleiben neben uns, steigen mit uns zusammen aus und der Hiwi hilft Stephan noch ungefragt bei seinem Koffer, fasst mit am Griff an beim Herausheben aus dem Bus. Als Stephan die beiden nach dem Weg fragt, flippe ich erneut aus und sage, sind das Deine neuen Freunde oder was? Der Aufstieg ist steil, immer wieder Treppen und ich schimpfe weiter vor mich hin über verpopperte Schweizer, die ständig was an ihrem Garten verbessern.
Bei meinem Bruder ist Familienidylle mit Seerosen im Teich und es ist erst mal Kuchen angesagt und ich versuche meine Laune wieder in den Griff zu bekommen.
Dann heißt es, Sekt gibt es erst später. Er muss noch ins Spital fahren. Wir begleiten ihn, weil das interessanter ist als zuhause herum hocken. Es gibt eine italienische Espresso-Bar und das will ich für jedes Deutsche Krankenhaus fordern, weil Koffein ist für Kranke so wichtig (ich spreche aus Erfahrung) und es macht so einen Unterschied, ob man Schrottkaffee aus dem Vollautoamten bekommt oder einen leckeren Kaffee aus einer coolen Gastro-Maschine wo von Hand aufgeschäumt wird. Außerdem ist es selbstredend auch besser um Besucher anzulocken, Alleine die Blumenbeete würden meiner Schwiegermutter, die mich am treusten im Krankenhaus besucht eine Freude machen und dem Schwiegervater auch.
Mein Bruder ist bald fertig und hat nur Geschenke abholen sollen u.a. einen Blumenstrauß bei dem er uns erklärt, dass sie dafür tief in die Tasche gegriffen hätten.
Er nennt uns einen Schätzpreis und ich schaue danach z.B. auf dem Wochenmarkt am Freitag in Zürich auf die Blumenpreise und kann Gabi nur raten mit ihrem Laden in die Schweiz umzusiedeln. Da wird man Millionär mit Floristik. Ein Wiesenstrauß mit 2 Sonnenblumen und Unkraut, der im Eimer steht, bei dem ich erst denke, geht ja bei dem Preis von 15 Franken, soll 45 kosten. Ich hatte die 1 falsch gelesen und das auf dem Wochenmarkt! Wir vertreiben uns den weiteren Tag mit Sekt, Abend essen und etwas Doppelkopf.
Meine Eltern haben mir brav See’s Candies aus Kalifornien mitgebracht, ein Mitbringsel von Verwandten und ein Dankeschön. Die profane Schokolade wird von den Schweizern verschmäht, aber ich liebe sie. Das hat schon nostalgische Gründe.
Wir gehen alle früh ins Bett, d.h. halten nur bis ca. halb 1 durch und dann ist mein Bruder sich selbst überlassen. Der Egoismus der größeren Schwester schlägt voll durch und daran ändert sich auch 40 Jahre danach nichts. Ich mache mir leicht Vorwürfe am nächsten Morgen. Nachts schlafe ich nicht so gut und muss ein Schmerzmittel finde und bin völlig orientierungslos und muss ganz lange überlegen, wo ist die Tür und wie komme ich dorthin, an der Wand entlangtasten, dann beim Wiedereinstieg in das Bett, in welcher Richtung liegen wir, vorsichtig nach Stephan tasten bevor ist mich irgendwo raufsetze oder raufplumpsen lasse. Das kenne ich schon von fremden Betten. Am krassesten ist es nach einem Langstreckenflug bei unseren Verwandten in Los Gatos Kalifornien, da habe ich einmal nachts die Wände einmal rings herum abgetastet bis ich die Tür fand. Ausgerechnet die haben allerdings kleine Lichter, die den Flur säumen und die Weg zum Klo beleuchten wie im Flugzeug zum Notausgang.
15.08. Ich schlafe bis 10 Uhr mit Schlafbrille, wie ich es zuvor angesagt hatte. Ich bin leider immer noch nicht fit und überlege meinen Mann alleine zum Ausflug zu schicken, aber kann dann doch nicht davon lassen. Zu verlockend ist das Ziel und auch die Reise dorthin. Zugreisen in der Schweiz liebe ich und dann noch lecker Essen mit meiner Schwägerin beim Koch der Jahres 2012 und dann die Aussicht noch mal ins coole Zürich zu fahren und hier einen halben Tag zu verbringen lassen mit die letzten Kräfte mobilisieren. Stephan schneidet meinem Vater die Haare. Ich wasche mir meine nach ca. 4 Wochen, so dass der Kopf weniger juckt, dann kleines Gepäck packen und mit meinen Eltern in die Stadt. Mein Bruder macht einen kleinen Mittagsschlaf als wir um ca. 14 Uhr gehen. In der Stadt werden die üblichen Ziele abgeklappert. Olma-Bratwurst-Stand und das Kaffee Schwarzer Engel mit dem schönen Garten und den alten Gartenmöbeln, liebevoll zusammengestellt, eine Art autonomes Zentrum in St. Gallen, was wir von Festivalübernachtungen im Gästezimmer her kennen. Die Szene ist hier sehr klein und wir sind neben einem anderen Gast die einzigen. Ich freue mich über 2 Flyer einmal über Fuck Wirtschaftsfaktor oder Wirtschaftsfucktor Winterthur – wir tanzen drauf und eine Dark Eighties Party mit DJ Jesus 66 in Tsüri- „Aufbrezeln!! Und daran denken, wahre Schönheit kommt von unten“. Wir fragen uns, wo das sein soll, Tsüri bis irgendwann der Groschen fällt.
Daneben entdecke ich die Konditorei Gschwend, die leckerere Amaretti mit Kirschwasser machen als Sprüngli. Ich sage zu Stephan, siehst Du, Sprüngli ist Mc Donalds, aber die anderen können das auch, manche sogar besser außerdem besuche ich einen Allerweltsladen, den ich schon kenne und kaufe 2 Ringe und eine Kette aus Glasringen für meine Schwägerin. Die Verkäuferin ist zäh, weil sie mir immer Ringe und Ketten aus einer harten Naturnuss zeigen will, die ich aber ganz grauenhaft finde, Öko-Schmuck. Während ich sie konsequent ignoriere und mir einen Messingring mit Einlegearbeiten kaufe, der ausschaut wir ein Nierentisch, aber leider auch nach dem zweiten Tragen eine schlimme Allergie bei mir auslöst sowie einen rosa Glasring, hält sie die ganze Zeit einen Vortrag über die Vorzüge dieser Nuss, wie hart sie sei und wie sie sich bearbeiten liesse usw. Kurz davor ruft mich Herr PM aus der Klinik an um nach seiner Post zu fragen. Ich kriege einen Schlechtelauneanfall erster Güte und bloß schnell wieder das Handy in Flugmodus stellen.
Um kurz nach 5 fährt der Zug und meine Schwägerin holt uns ab und ist aus Zürich angereist, weil auch ihr das Zugreisen in der Schweiz Freude macht. Ich freue mich riesig als ist sie am Bahnsteig sehe. Ein junger Mann, der mit uns ein Viererabteil teilt, hört ganz schlimme elektronische Musik wahnsinnig laut über Kopfhörer und schläft dazu. Ich genieße wieder einmal die herrliche Schweizer Landschaft. Wir fahren am Zürichsee entlang und ich erkenne bald Rapperswil mit dem Steg ins Wasser. Toggenburg, Tunnel, Rapperswil. Immer wieder See und Berge.
Stephan will sich umziehen und kommt mit weißem Hemd und Lederschuhen, aber kurzer Hose zurück. Er hat vergessen seine lange Hose einzupacken und sieht aus wie Angus Young, aber irgendwie sehr süß.
Irgendwann wechseln wir vom Zug in den Bus und denken, der Busfahrer steht draußen und unterhält sich mit einer Reisegruppe, es ist aber eine toughe Busfahrerin mit schwarzer Sonnenbrille und die sitzt schon innen am Platz. Der Typ kommt anschließend und will noch mal die Fahrkarten sehen und fragt wo wir herkommen und notiert das elektronisch. Wir haben alle nicht verstanden, was das soll. Datenerhebung? Ohne Spaß, genau in dem Moment, wo ich das schreibe (22.08. 18:00 Uhr), findet in dem Zug von Lüneburg nach Lübeck eine Fahrgastbefragung statt. Wir sind die einzigen die Auskunft verweigern über wo kommen wir her und was ist Ziel der Reise sowie Zweck.
Dann ist man wieder gefangen von dem herrlichen Ausblick an den sauber geputzten Scheiben.
Wir steigen aus und Restaurant ist nur ca. 30-50 Meter entfernt. Erst mal zieht es uns zur Aussichtsplattform und wir staunen über den alpinen Anblick, lauter verschiedenen Berge, die bestimmt alle einen Namen haben und unten ein See.
Dann lockt mich eine Glocke Richtung einer abschüssigen Wiese. Hier grast eine Kuh und bimmelt vor sich hin. Ich versuche die Kuh mit: „komm mal hier her, Mäuschen“ zu mir zu locken. Das wirkt aber null.
Dann ist es auch schon fast 19 Uhr und wir treten ein.
Ich gehe zur Toilette und nehme mir 2 Binden mit, die kann man immer gebrauchen und treffe Stephan und meiner Schwägerin auf einer herrlichen Terrasse mit genau diesem spektakulären Ausblick.
Die aufmerksame Bedienung, die den Wein ausschenkt bietet uns von sich aus eine Gruppenfoto an und es ist ein tolles Andenken, was zufällig an die Dreifaltigkeit erinnert, wobei ich zufällig Gottvater bin und meine Schwägerin der heilige Geist und Stephan Jesus.
Diese Frau, die aus dem Spreewald kommt ist lustig. Ich bin dankbar für das Deutsche Personal an diesem Abend. Bei ihr darf ich bezogen auf die Fotoanfrage auch sagen: Ja, bitte vor dem Matterhorn. Ein Schweizer könnte darüber wohl weniger lachen. Meine Schwägerin klärt uns auf, dass der eine Berg ganz rechts der berühmte Rütliberg sei und wir uns in der Schwyz befinden würden, der Urschweiz. Auf diesem Berg haben die 4 Ur-Kantone geschworen zusammen zu halten und er spielt beim Schweizer Nationalfeiertag eine große Rolle. Ich sage, die Schweizer, die schwören doch bei jeder Gelegenheit einen Eid.
Das Essen ist sehr lecker. Alleine das riesige, eckige Brot mit einer feuchten schwammartigen Konsistenz ist herrlich. Das Ritual des Anschneidens mit Pantomimehandschuhen und wie die drei Stücke positioniert werden ist überkandidelt. Dazu gibt es Zweierlei Butter sowie ein zweites Brot. Später machen wir uns etwas lustig über die große Werbepostkarte des Inhaberehepaares mit Terrier, wobei das Verhältnis Käse zu Brot durchaus sympathisch ist….
Wir nehmen das Menü. Jeder Gang wird von einer absolut spaßfreien und bierernsten Schweizerin, die null Ausstrahlung hat angesagt, heruntergebetet, dass man sich freut, wenn sie fertig ist mit ihrem Text. Der Gänselebergang ist sehr gut und ich habe hier einige Vergleichsmöglichkeiten. Mit Pfeffer und Kirsche und das tollste wurde nicht fotografisch festgehalten eine fettige Gänselebersuppe in einer kleinen Tasse. Toll.
Der Wolfsbarsch mit Meeresfrüchten kann auch richtig was und der Kaisergranat oder was da oben drauf ist, ist zart und geht nicht gleich in eine Zahnlücke. Ich frage, die Spreewaldfrau und sage gleich dazu, dass es mich nicht stört, wann denn so eine Kuh Feierabend machen würde. Sie könne das beurteilen. Nie, kommt die Antwort und, dass das dort unten eine Mutterkuh mit zwei Jungtieren sei. Dann gibt es superdünne Pasta (von mir aus hätte der Teig gar nicht so dünn sein müssen) gefüllt mit Ricotta (?) und mit frisch gehobeltem Sbrinz, einem Käse. Dem Hauptgang, das Kalb mit dem Kartoffelpüree mit dem unaussprechlichen Namen, in einem Extratöpfertässchen, finde ich ziemlich langweilig, aber die Portion ist so klein, dass ich auch nichts abgeben mag.
Dann kommt die junge Schweizer Gouvernante und fragt, ob wir Käse oder Dessert wollen, als müsse man sich entscheiden. Stephan entscheidet sich für beides und ich sage, auf jeden Fall esse ich hier Käse, dann eher keinen Nachtisch. Es gibt ohnehin noch einen sehr leckeren Eiskaffee-Espuma. Der Käseteller besteht aus verschiedenen Hartkäsesorten mit jeweils einer „Beilage“, getrocknete Aprikosen, Wallnüsse (hier genannt Baumnüsse) in Honig, Feigensenf sowie Oliventampenade und Früchtebrot. Der Nachtisch ist eher langweilig und wenig spektakulär. Das kann Dieter Grubert besser oder der Mann aus der Ole Deele.
Die Spreewaldfrau erinnert uns an den Bus, den wir kriegen müssen, was ich sehr aufmerksam finde und sagt, dass die manchmal etwa vor der Zeit fahren würden. Wir nehmen den letzten Bus, der fährt um 22:11 und als dann die Chefin noch was sagt von Licht am Handy anmachen, weil man sonst auch gerne übersehen wird bin ich vollends verunsichert und eile zur Station. Hier steht man im Dunkeln an einer Steinmauer aus großen Steinen, die noch Wärme abstrahlt und hört die Glocken der Kühe, die man nicht sieht, nur hört. Ich finde es leicht unheimlich und lasse die Straße nicht aus dem Auge und beim Anblick des Buses springe ich auf die Fahrbahn und mache große Jumping-Jack-Bewegungen m.a.W. ich will hier nicht zurück gelassen werden. Wir sind die einzigen Gäste und lösen die Fahrkarten bis nach Tsüri. Wir müssen 4 mal umsteigen und haben jeweils zwischen 1 bis 3 Minuten dazu. Alles klappt reibungslos, wir sind in der Schweiz. Im Nachhinein frage ich mich, warum macht man der Kuh eine Glocke um. Auf der Alm ist klar, aber auf einem kleinen umgrenzten Grundstück finde ich meine Kuh wohl auch ohne Glocke. Die ist bestimmt genervt vom eigenen Gebimmel beim Grasen. Kühe haben ein gutes Gehör. Man macht es wohl nur für die Touristen, oder? Und wenn man es schon für die Menschen macht warum dann nicht den Kühen Armbanduhren um die Fesseln machen. Das wäre doch auch noch was. In Zürich ist wieder mehr Großstadtflair in der Bahn, Junkies und große Hunde ohne Leine und unsere Fahrkarten gehen sogar durch bei der Kontrolle. Was für ein schöner Tag!
16.08. Heute habe ich herrlich geschlafen und geträumt und werde erst kurz vor 10 Uhr wach. Heute ist es meine Schwägerin, die schon seit Stunden auf die Spielgefährten wartet. Wir wollten zum Wochenmarkt, der beim Volkshaus ist und unsere Gastgeberin meint, das sei etwas spät angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit und weil der nur bis 11 Uhr geht. Wir sagen beide Quatsch, was meinst Du, wie lange wir brauchen. Eine Viertelstunde später stehen wir gepackt an der Haltestelle Letzigrund (leider habe ich das Aufladegerät für die Zahnbürste vergessen, was aber erst später und nicht einmal von uns bemerkt wird). Dafür finde ich ein Fahrrad meines Geschmacks gleich auf dem Weg zum Markt…
Der Wochenmarkt ist herrlich und es gibt das schönste Gemüse. Ich kaufe eine Schale mit riesigen Brombeeren zum Sofortverzehr. In der Schweiz war schon immer meine Rede, dass man sich auf Märkten verkommt als würde man in der DDR wohnen angesichts der Qualitätsunterschiede bei den Produkten.
Wir ziehen weiter zu einem Café, welches auch Zimmer vermietet (falls es mal eng wird bei meiner Schwägerin habe ich ihr schon angedeutet ohne Probleme in eines der lustigen Pensionen absteigen zu wollen mit den individuell eingerichteten Zimmern, die sie mal als Liste für auswärtige Besucher zusammengestellt und wir an eine Bekannte Kaffeebarinhaberin aus Hannover weitergegeben haben). Die Bedienung hier ist sehr lahmarschig und wir ziehen nach etwas Koffeineinnahme weiter, vorbei am Schweizerblindenverband und einen Retroladen Sixteen Tons, der leider erst eine halbe Stunde später aufmacht, die haben Klamotten, Platten und Möbel.
Meine Schwägerin führt uns zu einem second hand Laden an einem kleinen Platz, den ich auch schon kenne. Dann stehen wir wie zufällig vor dem Laden meines Lieblingsdesigner Ponicanova, die umgezogen sind. Ich erfreue die Inhaberin, die sich von ihrer Partnerin getrennt hat und jetzt alleine ist mit einer Modenschau mit umziehen direkt im Laden auf einer erhöhten Ebene und sie lobt meine Kombinationsgabe. Ich habe die Boxerschürze von Heike aus Berlin mit dem von Heike dazu genähten Tirolerhütchen an. Ich mag die Sachen dieser Designerin sehr gerne und kaufe seit Jahren nur noch gebrauchte Klamotten oder dann so etwas. Ich muss ihr allerdings gestehen, dass ich von den insgesamt 6 Teilen nur die 2 Röcke und einen Hosenrock viel trage und die Oberteile leider gar nicht. Sie sagt, das Geschäft sei sehr schwer und konsequenterweise kaufe ich mir einen Cordrock in dezent metallic-blau, der leicht steif fällt solange ich noch die Gelegenheit habe. In dem Laden nehme ich lustige Flyer mit u.a. vom Welschland, einem Laden, der Wurst und Käse aus der französischen Schweiz verkauft.
Der ist zum Glück gleich um die Ecke und wir statten einen Besuch ab. Es sind zwei Männer im Laden, einer davon ist korpulent und hat ein rundes Gesicht geziert mit einem Bart. Er verzieht keine Miene und ich habe den Eindruck er versteht mein schnelles Hochdeutsch nicht. Dann wiederum lacht er ganz affektiert an komischen Stellen und Stephan und ich müssen beide an Men in Black Teil 1 den Alien an der mexikanischen Grenze denken, der wirklich ein Alien ist und keine mexikanischer Einwanderer und daher die Anmachen der MIB-Ermittler wie: „Deine Mutter ist aber auch ne fette Kuh“ immer mit einem lakonischen hahaha beantwortet und so entlarvt werden kann. Der andere macht ganz tolle Wurstkunst u.a. Wurst, Schinken und Salamiplatten aus Papier, die auf Porzellanteller dekoriert die Wände zieren und gleiche Orden aus Wurst sowie eine quasi Flagge, die auch einem Stück Stoff besteht, was superrealistisch wie ein Stück Speck ausschaut mit allem Schichten und Fett. Wir teilen uns eine Baguette des Tages und Mr. Alien ist enttäuscht, dass wir uns nur eins nehmen obgleich wir zu dritt sind. Wir kompensieren das mit Eiskonsum, weil er ganz tolles, eckiges Eis am Stiel in der Tiefkühltruhe hat mit metallic Retro Verpackungen und innen ist es zweigeteilt, z.B. Himbeer und Vanille und es schmeckt köstlich. Gleich nehme ich mir das als Hütchenobjekt vor. Wie sein Freund, der die Eispackungen ausgestopft und mit dem Holzstiel versehen gerahmt hat. 5 Stück essen wir insgesamt und immer muss die Verpackung schön ordentlich ausgeleckt werden. Ich muss mir den Schaumstoff zuschneiden lassen überlege ich später.
Ich nehme noch mehrere Flyer mit in denen für Absinth geworben wird. Es gibt Geschenksets mit Schnaps und Löffeln sowie eine Absinthzapfstation mit 4 Hähnen und ein herrliches Logo auf dem eine schwarze Katze das trübe Schnapswasser wie Milch leckt, außerdem ist offenbar den Inhaber der Fabrik zu sehen, der reichlich durchgeknallt und skurril ausschaut, wie er mit seinen riesigen Händen vor den 20er Jahre Plakaten das Getränk einschüttet. Auf der Rückseite sieht man Feldarbeiter bei der Ernte von hohen Gräsern, die dann zu Hexenbesen gebunden und in einer Höhle aufgehängt werden. Es ist das Wermuthkraut. Daneben ist wieder ein Retroladen mit Platten, der tolle alte Quartettspiele in einem Ständer in der Auslage hat. Ich muss meine Begleiter wieder aufhalten und gehe rein und kaufe Autos 1976 für 10 Franken und dann noch 2 Aufnäher, einen englischen Hund „Old English Sheep Dog“, den ich meiner Cousine in Liverpool, die Tierärztin ist schicken will und einen kleinen mit dem Jungfernjoch für mich, als der Typ dafür wieder 10 Franken haben will handele ich und sage, der mit dem Jungfernjoch ist ganz klein und ich bin wie Tina Turner, ich kann mir auch nicht alles leisten und er gibt 2 nach und ich sage, das ist wieder ein halber Espresso bei Sprüngli, den ich gespart habe. Er sagt, dass die Japaner den Berg lieben würden bezogen auf meinen kleinen altmodischen Aufnäher und ich frage: ich dachte das Matterhorn? und er: da müsse man wandern, beim Jungfernjoch sei eine Gondel. Ich bekenne mich sofort zu den Japanern und sage, dass ich Berge auch wahnsinnig anstrengend finde. Das leckere Eis von nebenan kennt er schon. Dann gibt es noch mal einen Koffeinzwischenstopp bei einem Portugiesen, den wir schon kennen. Leckeren Kaffee und tolle Zuckerverpackungen mit Schweizer Städten darauf und hinten immer Karte mit dem Standort, dem Kanton und der Flagge usw. Essen mag keiner was. Gegenüber bei der Elektrohandlung gibt es alte Kaffeetassen und Kannen als Lampen umfunktioniert mit Stoffkabel und selbstgebaute Etageren mit verschiedenen Tellern.
Da ist langsam schon deutlich nachmittags ist und meine arme Schwägerin den ganzen Tag ihre Markteinkäufe mit sich herumtragen muss und Stephan das Gepäck gehen wir wiederum zum Bahnhof und fahren erneut nach St. Gallen, diesmal Bruggen.
Im Zug macht Stephan ein Nickerchen. Gegenüber sitzt eine junge Schweizerin, die Neon liest und sich die Fingernägel lackiert, was ganz schön stinkt. Als die Fahrscheinkontrolle kommt, spricht die Frau französisch. Der Zug kommt aus Lausanne. So ist das hier. Beim Haus meines Bruders sind mittlerweile anderen Gäste angekommen, Schwiegereltern im Wohnmobil und Schwager und Freundin, sowie Freude, die aus Wien angereist sind, die Frau ist schwanger. Es gibt um 19 Uhr Spagetti Bolognese und ich werde nicht alt an diesem Abend und ziehe mich gegen 22 Uhr zurück.
13.08. Aufbruch zu den Eidgenossen
Fast den ganzen Tag „krampfen“, wie der Schweizer sagt, fast 14 Tage krank dann verdunkelt sich der Himmel und es regnet. Wir fahren S-Bahn Richtung Flughafen. Die Gepäckkontrolle in Hannover kennt mich schon. Während der Mann am Einlass mein Quark-Hütchen kritisch beäugt, mache ich es ab und lass es durch den Scanner fahren. Mein Plastikschmuck piept nicht und ich bekomme einen Daumen nach oben vom Personal für die Vorstellung. Das Hütchen hatte schon beim Türken an der Ecke für Aufsehen gesorgt (was durchaus ungewöhnlich ist, weil sich hier sonst keiner hinterm Ofen hervorlocken lässt). Was da drin sei. Ich sage Quark aus der Schweiz. „Zaziki, ne?“ kommt die Antwort. Das ist schon ganz gut, das sind schon 9 von 10 Punkten. Im Duty Free Shop gibt es nur Lächerlichkeiten in Hannover (Weißwurstset in einer Dose!!).
Wir fliegen Swiss. Eines muss man zu Protokoll geben, das leckere Essen bei den Schweizern merkt man schon im Flieger. Im Boardmagazin lese ich was Schweizer Gruyère (Werbung für Schweizer Käse) und daneben steht: Auch hier an Bord. Da freut man sich auf den Imbiss und zwar zu Recht. Bei Air Berlin gibt es Wasa-Sondermüll mit irgendwelchen „Tomaten“- Füllungen, unessbares Plastikessen. Hier gibt es kleine Baguettes mit Käse oder Vollkorn mit Schinken (auch lecker). Positiv fällt weiterhin auf, dass sie nicht in Tonnenweise Plastikmüll eingeschweißt sind, sondern einfach in einer Serviette eingewickelt und so auf die Hand serviert werden aus einem Karton. Dann gibt es Schweizer Schoggi. Die Stewardessen verteilen die restlichen Brote und bieten den Rest an, der sonst im Müll landet, auch ein sympathischer Zug. Stephan fragt nach der Schokolade. Die Antwort kommt prompt. Dazu müsse er noch ein Brot nehmen. Das ist kein Thema. Dafür soll er ruhig 2 Schokoladen nehmen. Ich sage: bettelt meiner wieder? Im Boardmagazin wird weiterhin für Chicago geworben. Drittgrößte Stadt der USA und Lake Michigan 5 größter See der Welt, größer als die Fläche der Schweiz. Werbung wirkt bei mir. Ich will da mal hinfliegen und schneide gleich Restaurantempfehlungen aus. Vietnamese Sandwichs und Deli mit Bakery. Neben uns in der Dreierreihe sitzt ein gut aussehender Schweizer Geschäftsmann mit schöner Brille, aber ich weiß, wie man sich sexy verhält als Frau z.B. 60 Kilometer vor der Landung beim Anblick eines Sees sagen: das ist der Zürich-See. Ich merke, dass er sich kaum beherrschen kann und in der Tat werden wir aufgeklärt Bodensee, Rhein, Rheinfall, Schaffhausen. Den Zürichsee zeigt er mir auch noch. Der ist hinter den Hügeln versteckt beim Landeanflug. Ich sage: „und das sind die Alpen, ne?“ und er gibt mir Recht: Ausläufer der Alpen und dann sage ich: Berge sind schön und gut, aber wahnsinnig unpraktisch zum Rad fahren. Auch diese Bemerkung verfehlt ihre Wirkung nicht. Daneben kann ich nicht widerstehen den spektakulären Himmel zu fotographieren mit dem Handy und frage mich laut, ob das ein elektronisches Gerät ist und ich das überhaupt darf von wegen: noch ein Foto und dann ist gut nicht, dass wir wegen mir abschmieren.
Als mir der Zürichsee vom Nachbarn gezeigt wird bzw. die Lage erklärt, weil sehen kann man ihn, höchstens erahnen, erklärt er mir zugleich, dass wir einen Umweg fliegen müssen, weil die Deutschen, die dort wohnen sich über den Fluglärm beklagen. Ich sage, welche Deutsche? Das ist total unbewohnt auf deutscher Seite, das Gebiet. Das würden die Schweizer auch sagen, sagt meine Schwägerin und heute (21.08.) ist es in der Taz zu lesen: „Prosteste: Alles alte Egoisten? Was ein Gießener Forscher im Auftrag der Stiftung Marktwirtschaft über Flughafengegner herausgefnden haben will.“
Nach der Landung erst mal auf die Damentoilette rennen und leckeres Schweizer Leitungswasser zapfen und die herrliche Werbung bewundern.
Meine Schwägerin steht hinter der Glastür. Neben ihr ein sympathischer Kerl, den ich gleich mitnehmen will zum Essen und meiner Schwägerin quasi als Schweizer Blinddate auf’s Auge drücken, der sein Patenkind abholt, wie sich herausstellt, die von einer Flughafenmitarbeiterin auf einem kleinen Auto gefahren wird. Wir vertreiben uns mit Geldscheinen durch die Glasscheibe schieben die Zeit bis zur Ankunft des Gepäcks. Sowohl Schweizer Franken als auch Euros passen durch und es sieht lustig aus, wie ein gläserner ATM.
Meine Schwägerin kauft uns 24 Stunden Tickets und wir steigen in die Bahn. Neben uns ein Schweizer Geschäftsmann (Bereich Fotographie, wie er auf Nachfrage angibt) der sich mit einem unterarmtätowierten stämmigen Mann unterhält, der gezeichnet ist von 3 x wöchentlich Blutwäsche (dicke Beulen am kräftigen Unterarm) und auch Gesprächsbedarf hat. Er hat als Straßenbahnfahrer gearbeitet.
Wir gehen ins Volkshaus und ich bin überglücklich. Herrlich die großen runden Fenster zum Platz. Oben kann man ein Bad mieten, wie im Haus des Tak früher, öffentliche Badeanstalt. Unten pelzige, gestreifte Tapeten und Séparées, die den Raum unterteilen und hinreißende, zierliche Bedienungen in Retro-Klamotten. Schwarze kurze Kleider mit schönen Knöpfen und weißen Schürzen. Unsere sieht aus wie eine sehr zierliche Italienerin. Wir trinken einen Aperitif, der schon halbwegs blau macht und eine Flasche Wein mit dem schönsten Nostalgieetikett. Das Essen ist super und preiswert für Züricher Verhältnisse. Die Peperoni (das sind Paprika)-Himbeer Kaltschale, die Stephan als Vorspeise wählt, ist ein Gedicht und kostet nur 10 Franken. Auch mein Lattichsalat mit Sardellendressing und Parmesan (sonst auf der Welt bekannt unter dem Namen Caesar’s Salad) mit Pouletstreifen schmeckt traumhaft. Ich denke erst an die TCM Empfehlungen von wegen warmes Getreide zum Frühstück und warme Suppe abends, aber entscheide mich dann für den bösen, kalten Salat, weil ich nicht widerstehen kann und Poulet in der Schweiz einfach viel leckerer schmeckt als die Fabrikgeflügel, die wir hier vorgesetzt bekommen und es lohnt sich. Auch Kathrins Vorspeise, der geräucherte Saibling mit Rahm-Gurkensalat sowie mein Lachstatar mit Toast und Schweizer Butter, alles lecker. Ich bin glücklich.
Auch der Nachtisch, speziell die Cantuccini zu der Ricottacreme sind superlecker. Die hat einer selbstgemacht, wenn nicht das Volkshaus, dann doch eine Konditorei und es löst die reinsten Cantuccini-Fixiertheit bei mir aus und selbst in St- Gallen kaufe ist noch welche bei Gschwend (einer Konditorei am Markt).
Meine Schwägerin insistiert darauf, dass es für mich, dann für mein Tagebuch, wo ich mich ständig daran erfreue, abgemacht wird von unserer Bedienung, was sie dann auch erledigt.
Auch die Toiletten sind ein Traum, die Fliesen sind superschön und die Waschbecken sowie der Weg dorthin, eine Gummizelle aus kariertem Wollstoff. Ich finde es herrlich und irgendwie sehr stillvoll, fast schottisch anmutend. ich mag auch das herrliche Logo des Volkshauses mit dem trotzigen Mädchen mit den geflochtenen Zöpfen und die hölzerne Kinderstühle, leicht Adams Family. Alles ist stimmig.
Gegenüber ist ein Schulhof, in dem Openair Kino gezeigt wird am Wochenende und der sonst als Biergarten fungiert mit Bäumen und Kies. Samstag ist hier Flohmarkt. Wir nehmen einen Absacker. Es sind lustige alte Hunde im Schulhof ohne Leine unterwegs und lässige Betreiber, die Getränkekarte kann sich sehen lassen. Ein Typ setzt sich neben mich auf die Bank und meint, Ausländer? und ich sage Touristen mit Fingerzeig auf die beiden riesigen Koffer, die vor mir stehen. Ich frage ihn, ob die stören. Er verneint und fragt: Hotel? Nein, wir sind schon versorgt. Dann schaltet er sein Handy auf laut und beschallt uns alle mit „She’s gonna like, she’s gonna like, she’s gonna like…cocaine.“ Bald fahren wir zu unserer Gästeunterkunft, wo die Betten schon gemacht sind. Ich lege mich schlafen und freue mich hier zu sein.
Outfit 13.08.2013
13.08. Vor der Abreise
13 Uhr. Der ganz schwierige wöchentliche Besuch ist am Telefon. Eine Mischung aus Elisabeth Taylor, aber in alt und Dieter Degowksi. Sie ist heute um 15 Uhr bei mir angemeldet. Es ist 13 Uhr. Das Telefon klingelt und sie sagt: „Frau Arnhold ich bin hier gerade bei der Spritze, der I N J E K T I O N und da sagt man mir, dass ich eine halbe oder Dreiviertelstunde warten muss. Dann heißt es eine Stunde. Was soll ich tun?“ Meine Antwort: warten. Sie: „O.k. dann bis nachher um 3“. Boah, das war knapp, aber Furchtlosigkeit ist das einzige was hilft.
Sie sieht den Mitarbeiter und will schon abdrehen im Treppenhaus und schaut ganz grimmig. Dann komme ich an die Tür und sie strahlt und läuft auf mich zu. Ich frage nach der Spritze und sie zeigt mir ihr Pflaster am Oberarm. Sie ist jetzt bei der Bethlehemkirche in Herrenhausen. Die sind alle voll nett. Sie war heute ihre geschenkte Tasse abholen aus dem Spint und hat den Schlüssel zurück gegeben und sich das Pfand geben lassen, weil sie da nicht mehr hin gehen will, weil da sind lauter „iranische Powerfrauen, die kochen lernen wollen“ (gemeint war einer der Sozialläden für Frauen). Der Bruder hat neue Freundin mit dünnen Beinen, der macht zu viel Bodybuilding und sieht ganz aufgebläht aus. Das gefällt ihr nicht. Außerdem hat er ihre Kette, die 300,- € gekostet hat und will sie nicht wieder rausgeben. Sie schaut jetzt immer schon, ob „sie“ die Kette umhat und fragt sich, was sie Weihnachten machen wird, geht sie dort hin d.h. zu ihrer Familie, wird sie vielleicht die Freundin anmachen, die wird heulen und ihr „leiblicher Vater wird ihr eine knallen oder sie rausschmeißen“. Er will sie an die Volksmudschaheddin geben. Die Freundin vom Bruder hat ein Fahrrad mit dem gleichen roten Rahmen wie ihres, an die gleiche Laterne gestellt, sie will sie nachmachen. Sie will die Mutter Weihnachten nicht allein lassen oder die Katze nicht. Der könnte sie einen Fisch kaufen. Sie will zur Massage und sich die Beine locken lassen. Sie war jetzt bei der Kopfmassage für 6,- € bei den Trionauten hat sie das machen lassen. Erst war das Wasser ganz heiß, das war nicht so schön. Sie will heute den 50,- € Schein, der hält länger, da muss sie nicht zu ihrer Mutter und nach Geld fragen und die Farbe gefällt ihr besser. Vor blau hat sie eher Angst. Sie bekommt mit, wie ich mit einer Kollegin telefoniere und der sage, dass wir keine Rechtsstreitigkeiten vor dem Amtsgericht Braunschweig führen bei einem Streitwert von 50,- € wegen Mitgliedsbeiträge für den Mieterschutzbund und meine ist nicht prozessfähig und wenn sie da jetzt eine utopische Widerklage einreicht mit einem Wahnsinnstreitwert und ihr Geld nicht bekommt, dann habe ich kein Mitleid, weil die Betreuung war bekannt bei ihr im Hause und da muss man überlegen, was für Mandate man annimmt. Apropos Mieterschutzbund meine hat ein Werbeprospekt in DIN-A4 von genau denen dabei und zeigt mir den im Anschluss an mein Gespräch und will wissen, ob sie da Mitglied werden soll. Ich sage, bloß nicht, haben sie doch gerade gehört. Sie haben doch mich. Ja, das hätten die vom Mieterschutzbund ihr auch gesagt. Bevor sie geht drückt sie mir eine Plastiktüte in die Hand. Das sei ein Geschenk, was ich hinstellen kann. Ich sage, ich will es nicht, der Mutter schenken, wieder mitnehmen. Keine Chance. Es ist ein kleines Plastikgebäude, wie für ein Aquarium oder Spielzeugeisenbahndeko, schlecht gearbeitet ohne Ende. Man soll es aber offenkundig nicht im Aquarium versunken, sondern tatsächlich aufstellen, weil es einen Untergrund aus grünem Filz hat. Sie fragt mich: haben Sie es nicht erkannt? Es ist das Opernhaus, aber in hässlich, aber wie. Hannover steht davor auf den Sockel geschrieben.
Bevor ich mein Büro schließe darf ich noch einen sehr wütenden Türken am Telefon besänftigen, dem ich ein Fax geschickt habe auf meinem Briefpapier, weil der Ausweis von Stephan nicht an Land kommt und der Typ telefonisch nicht mehr zu erreichen war und auch nicht – wie zugesagt – zurück gerufen hat und ich sagte: der verarscht Dich. Der aufgebrachte Türke: Mein Mandant (Stephan) wäre ein 46-jähriges Kind, was seinen Ausweis unter der Werbung auf dem Tresen liegen gelassen habe (Anm.: das schließe ich aus und ich kenn das Kind seit über 25 Jahren) und sage, eher im Kopierer oder und jetzt wäre er so nett gewesen, den zu schicken und jetzt hat das nicht geklappt und er hat die Post zurück bekommen, aber Fehler hat er auch keinen gemacht und jetzt ist er sauer, weil er ein Drohfax bekommt und Kundschaft hat und bringt den Ausweis zur Polizeidienststelle, welche weiß er noch nicht. Ständig werden Ausweise dort liegen gelassen (!!??) und die kommen sogar in Korea an und man bedankt sich und jetzt der anwaltliche Drohbrief. Eine Frechheit. So nett hat man sich über das Abnehmen unterhalten. Er erinnert sich noch. Ich sage, das klingt nun auch nicht sonderlich erwachsen, seine Reaktion und was haben deutschen Ordnungsbehörden damit zu tun, wenn er seinen Bürokram nicht auf die Reihe kriegt und nicht zusieht, dass er Ausweise wieder zurück gibt nach dem Kopieren, wenn das ständig passiert würde ich mir da an seiner Stelle Gedanken drüber machen. Ich einige mich darauf, dass ich ihm jetzt einen frankierten Rückumschlag schicke und er ihn nur noch rein machen muss. Uuh, da können wir die Fahrradleihe wohl vergessen wenn wir mal wieder in der Hauptstadt sind. Zum Glück gibt es noch mehr Spätkäufe von denen man Drahtesel leihen kann. Stephan hat ohnehin Knieschmerzen, weil der Sattel falsch eingestellt war.
Mal sehen, ob nach der Reise der Ausweis wieder in unserer Obhut ist. Zum Glück hat das Kind noch einen Pass.
Die Kriegserlebnisse
Ein Freund, der gerade gesundheitliche Probleme hat und mich nach dem Arzt gefragt hat, der mir damals geholfen hat, löst ein Déjà-Vu bei mir aus. Ich hatte die Tage schon daran denken müssen, weil damals auch mein Geruchssinn abhanden gekommen war und auch ca. 2 Jahre weg blieb bis er zum Glück wieder kam. Die jetzige Erkältung hat bei mir alles so verstopft, dass ich panisch die Seife direkt unter meine Nase halte um zu prüfen, ob ich was feststellen kann und ja, ganz schwach merke ich was, also nicht ganz weg. Nicht wie damals, da habe ich Stuhlgang und Parfum nicht riechen können und zwar null und habe dann gemerkt, dass dieser Sinn sich wohl verabschiedet hat. Als Stephan mich mit Transpulmin einreibt und ich das irgendwie nicht richtig rieche, denke ich an damals.
Damals war ich in der Probezeit in einer Hamburger Großkanzlei. Ich fühlte mich wahnsinnig unfit und musste immer so schnell ich konnte laufen um mit den Kollegen mitzuhalten auf dem Weg in die Gruner und Jahr Kantine nebenan und hatte Wadenschmerzen. Ich dachte, Bürojob und jetzt bist Du so unfit…. Ich hatte eine Grippe und Fieber und habe nur an den Wochenenden krank gemacht und bin sonst zur Arbeit. Jede Nacht geschwitzt, immer abends um 8 Uhr ins Bett. Ich konnte dann die Strumpfhose morgens nicht mehr im Stehen anziehen, sonst musste mich auf die Bettkante setzen und musste an der Ampelschaltung Schlump z.B. warten, wenn die Ampelphase schon auf grün war, weil ich wusste, dass ich das nicht schaffen würde (das war deprimierend) und Treppen steigen konnte ich auch nicht mehr und habe mich an den Armen am Geländer hochzuzogen. Ganz schön traurig, aber viel Verdrängung war im Spiel. Ich war am Wochenende des 1. Mai in Hannover und konnte nicht mehr. Montag bin ich zum Hausarzt und der meinte gleich, es sei was Neurologisches. Es war eine Lähmung der großen Beinmuskeln, deswegen hatte ich auch Muskelkater in den Waden, weil die das mit übernehmen mussten beim Gehen. Es folgte Krankenhausaufenthalt und viel Diagnostik. Die Lumbalpunktion lief so ab, dass der erste Arzt es nicht hinbekommen hat und es sich anfühlte als würde einen jemand in den Rücken stechen (was ja auch passiert), aber eher so mit einem Dolch, wie im Krimi. Der setzte noch mal an ohne Ergebnis. Der jungen Frau ist es dann gleich gelungen. Es folgten Tage der Hölle, weil einem leider keiner sagt, was das für Kopfschmerzen macht. Man liegt flach auf der Matratze und beobachtet die eigenen Haare, wie sie auf dem Kopfkissen liegen. Ich habe anschließend Bilder gemalt, die aussehen sollten wie Komikbakterien mit Haaren unter der Abdeckplatte unter dem Mikroskop, wenn die so platt gedrückt werden, weil so fühlte sich das an. Sie sahen vielleicht ein bisschen so aus wie Babamama und Babapapa. Ich habe viel getuscht als die Kopfschmerzphase vorbei war und das haben die auch in meine Akte reingeschrieben. „Patientin geht es gut, sie bastelt“. Die Lähmung ging weg, weil ich an einen begnadeten Arzt geraten bin, der nach einer halben Stunde mit Infusionen begonnen hat, wo ich zuvor 2 Wochen im Nordstadtkrankenhaus gequält wurde. Ich sage nur Nervenleitgeschwindigkeit messen mit Nadeln in den Beinen, an denen gerührt wird während sie im Fleisch stecken. Die Räume sind im Keller, damit man die Schreie nicht hört. Ich bin gegangen, als man im Nordstadtkrankenhaus meine Blase spiegeln wollte (das Sammeln meines Urins und Untersuchung war ohne Befund), weil ich bemerkt hatte, dass ich immer aufs Klo muss, wenn ich mich hinlege, auch nur kurze Zeit z.B. beim Mittagschlaf. Mein Bruder studierte damals noch Medizin und sagte, wenn die Beine gelähmt sind, wird die Flüssigkeit nicht richtig abtransportiert und wenn man liegt, fließt sie in den Körper und dann in die Blase und man muss aufs Klo. Das leuchtete ein und ich dachte, wenn die geballte Krankenhauskompetenz da nicht drauf kommt, dann können die mich mal. Der niedergelassene Arzt hatte modernere Geräte als das Krankenhaus (was mir sehr zu denken gab) und musste lachen als ich beim Wort Nervenleitgeschwindigkeit messen panisch guckte, weil das hier schmerzfrei mit Elektroden von statten ging. Jede Infusion hat so viel gekostet wie ein Kleinwagen und es war eine durchsichtige, klebrige Flüssigkeit, die aus Blutspenden, ich meine dem Plasma gewonnen wird. Man hat sich total fit gefühlt danach und brauchte nur 3 Stunden Schlaf. Die allerbeste Droge, die ich je genommen habe. Ich konnte auch bald wieder alles, z.B. den Fuß heben und auch wieder gehen und Radfahren und nicht nur auf dem Rad geschoben werden (cooler als Rollstuhl).
Ohne Geruch war das auch ganz schön doof, weil ich nicht feststellen konnte, dass ich die Heißklebepistole noch eingesteckt war (das riecht man sonst). Ich hätte immer ganz schön viel vorgetäuscht beim Essen gehen, wie meine Freundin Claudia meinte, weil die Aromen sind ja alle weg, d.h. ob Zimteis oder Vanille, das schmeckt man nicht, nur süß. Ich habe gesagt, war nicht vorgetäuscht, ich bin halt so schlicht gestrickt, dass mir das Essen trotz der Einschränkungen so gefällt und das ist auch heute noch so, d.h. ich kann mich in Essen reinsteigern und es macht mir Spaß, ohne dass ich nun dieser begnadete Schmecker wäre, der alles raus schmecken und riechen kann. Darauf kommt es offenbar beim Vergnügen nur zum Teil an. Dass die Aromen zurück gekommen sind, zumindest so wie das bei mir halt ist, dafür bin ich unendlich dankbar, weil ich mag Vanillegeschmack viel mehr als nur süß. Ich hatte Glück, weil die Prognose eher negativ war, dass es meistens dann ganz weg bleibt.
So Kinder und nächstes Mal erzählt die Mutti eine andere Kriegsgeschichte vom perforierten Blinddarm und den Komplikationen und dem echten Krankenhaushorror, der sich über einen Monat hinzog. Hier hätten sie mich fast um die Ecke gebracht. Immer wieder aus der Notaufnahme weggeschickt und dann Not-OP. Das hat auch Schmerzensgeld gebracht und ich weiß seitdem, dass ich ganz schön hart im Nehmen bin. Nach der zweiten Notfalloperation sagte der Chefarzt, „ein Normaler wäre auf der Intensivstation gelandet“ und ich habe mir noch vorgeworfen, dass mir leicht übel war nachts nach der Narkose. Wie ein Stück Vieh wurde man von einem Metallbett aufs andere verladen, schemenhafte Wahrnehmung, weil noch halb in der Narkose. Da haben sie damals den Herzkatheter überprüft durch Röntgen, ob der richtig sitzt. Dass der so lang ist und wirklich bis zum Vorhof des Herzens geschoben wird, wusste ich erst, als ich beim Ziehen sagte, dass ich den gerne mitnehmen würde und die Schwester meinte, dass sie nicht wisse, ob sie so eine große Tüte da hätte!!?? Panik, aber dann war es ja auch schon vorbei, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich fühle mich auf jeden Fall schon besser, wenn ich mir vor Augen führe, was alles schon war und was ich überstanden habe, dann ist so eine kleine Sommergrippe, doch nur lästig, wie ein Mückenstich.




























































































































































































