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Outfit 12.08.
Frau C. in Höchstform
12.08. Ich noch leicht angeschlagen kommt mir keuchend und strahlend Frau C entgegen. Die Straßenbahn sei zu weit gefahren. So sei das immer und dann war Justiz ausgeschildert da hat sie gedacht, ohweia, hier ist sie ja ganz verkehrt und nicht, dass sie zu spät kommt und dann hat sie sich verknotet und ist hier einmal um die Pudding gelaufen und hoffentlich kein Giftdoktor. Da hat sie Angst, die haben so viel seelischen Schaden bei ihr schon angerichtet. Ich sage, es wird alles gut. Die eine Freundin in der Maßnahme hat ihr schon Angst gemacht, dass die ihr den Schwerbehindertenausweis gleich wegnehmen. Das dürfen die doch nicht, der? Sie hat den extra verlängern lassen bis Januar 2014. Die Freundin hat gesagt, sie nehmen ihr den weg, weil sie keine Psychologin mehr hat. Aber die Gute hat ja aufgehört und deswegen geht sie nicht mehr. Heute Nachmittag kommt die neue Frau vom ambulant betreuten Wohnen und fährt mit ihr einkaufen. Dann macht sie zwei Stunden. Das ist dann Notfall, Großeinkauf für den ganzen Monat. Das schafft sie nicht, die 35 Stufen hoch und dann wollen sie freizeitmäßig ins Grüne fahren, das was die andere Betreuerin ihr gezeigt hat. Da wo es nicht so gefährlich ist. Diese Scheißlastwagenfahrerarschlöcher die drängen sich auf den Radweg, obwohl sie das nicht dürfen. Das hat sie neulich gesehen, wie so einer mit einem Lastwagen und einem Anhänger so einen Kreis fährt (sie malt die Bewegung in der Luft) und sich dann mitten auf den Radweg stellt und den blockiert, wie Tier. Sie ist dann vom Rad abgestiegen und war voll enttäuscht und hat das Rad wieder nach Hause geschoben und hat den Ausflug abgebrochen. Schlimm ist das. Und die Ärztin in soundso (auf dem Land, damals), die wollte umbringen. Die gute Ärztin hat dann gesagt, das Tavor nicht nehmen, ist ganz gefährliches Zeug, lieber in der Apotheke abgehen und dann hat die ihr Zeldox verschrieben, die sie umbringen wollte und sie ist fast verhungert. Die ganzen Lebensmittel sind schlecht geworden im Kühlschank und sie immer dünner, Pappgeschmack im Mund. Das darf man den dicken Kranken verschreiben, aber nicht uns Dünnen, resümiert sie weiter. Hausärzte kann man auch vergessen, die haben alle nicht dieses wichtige Dings, mit dem man innen rein gucken kann in den Körper, was da los ist. Sie macht eine Rasierbewegung in Höhe der Schilddrüse. Ultraschall fällt ihr ein. Das ist ganz wichtig, wenn mal was ist, dann muss man reinschauen können, was da innen drin los ist, sonst kann man gar nichts machen.
Irgendwann kommt ein körperbehinderter Arzt und wir folgen ihm den Gang entlang. Es sieht aus wie zu Zeiten der Bezirksregierung. Ich sage, die reinste Gemäldegalerie als wir an den verschiedenen gerahmten Hafeneinfahrten und Blumen in der Vase vorbei laufen. Er bittet mich vor der Tür Platz zu nehmen und will mit meinem Schützling alleine reden. Da freue ich mich schon darauf und lese etwas in einer Modezeitschrift und höre nur Frau C. reden durch die geschlossene Tür ohne Punkt und Komma. Igrendwann nach ein paar Minuten geht die Tür auf, sie strahlt mich an, dass ich jetzt auch rein kommen darf. Dann geht es um ein paar Zahlen und Daten. Ich mache den Briefkram, lauter Fremdwörter, da füllt sie sonst was falsch aus. Er fragt nach Therapie und ich sage, ich mache nicht die Gesundheitssorge und habe das Gefühl, dass es mit der Tagesstruktur durch die Tagesstätte und dem ambulant betreuten Wohnen ganz gut klappt. Erst geht es um die Nachbarn. Alles Assoziale, ganz Empelde voll davon. Haben das Motoarrad angezündet um die Versicherungssumme zu kassieren und sie hat die Stichflammen gesehen und davon hat sie das Trauma, alles Alkis und das ganze Drogentheater. Sie kennt das von zuhause. Er sagt, dass der Versicherungsbetrug per se nichts mit der sozialen Schicht zu tun habe. Er verwehrt sich sehr gegen die Anschuldigungen Empelde gegenüber, so dass ich vermuten muss, dass er auch dort wohnt. Dann geht es um Hobbies, Tischtennis spielen auf einer öffentlichen Platte (das kennt der Behördenarzt auch nicht und fragt, wo) oder Tennisfußball, aber jetzt haben sie die Krökelanlage abgebaut. Leider, schade. Da hat sie mal gegen den Chef von der Beratungsstele gespielt 7 zu 10. Sie hat 7 Tore geschafft und der andere 10, war aber schwer so mit beiden Händen (sie zeigt es uns in der Bewegung) oder sie spielt mit der Betreuerin Tennis auf der Wiese mit dem Schaumstoffball. Tennisball ist viel zu gefährlich. Der Schaumstoffball ist weich und nicht so schwer. Sie zeigt ihren Schwerbehindertenausweis vor und den neuen Perso. Der ist toll. Ich bin ja so ne Glittertante und der hat ganz toll Glitzer drauf und der schöne rote Adler und hinten das kleine Bild. Da fallen ihr die Lichterketten ein, die sie im Winter immer an die Tür klebt, weil Wohnung zu klein für Weihnachtsbaum und, dass sie die Glühbirnen bemalt gegen die Winterdepression. Da holt sie Farben, Tauchlack, 6 Stücke. Ein Kumpel hat ihr jetzt auch eine Birne vorbeigebracht zum Bemalen. Der kannte das gar nicht. Schnell nach Hause, Zeitung drunter und dann bemalen. Das ist Lichtherapie. Der Gutachter ist erstaunt, dass sie überhaupt noch Glühbirnen hat und korrigiert sie, dass es keine Lichttherapie sei. Oder wenn sie einen Panikanfall bekommt, dann T-Pumpe rausgeholt und den Ding-Ball, wie im Büro, da wo sie drauf sitzen müssen, aufpumpen und darauf hüpfen, bis es weg geht. Nein, das ist nicht laut, der ist weich. Er hat genug und will uns nun endgültig aus seinem Büro raus haben. Ich sage, jetzt wisse er ja Bescheid, dass sie Glühbirnen bemalt, auch als Auftragsarbeit, wenn da mal Bedarf sei so im tristen Büro. Vorher frage ich ihn, ob er eine Therapieidee habe, weil er es ins Spiel brachte. Die Tagesstuktur und der Sozialpychiatrische Dienst (also das was läuft), mehr würde ihm auch nicht einfallen. Wir ziehen von dannen und Frau C. schaut sich noch mal mein Fahrrad an. Da können wir mal alle zusammen (also zu dritt mit der Wohnbereuung) eine Radtour machen ins Grünzeug, da wo es nicht gefährlich ist und keine Lastwagenfahrerarschlöcher sind. Ja, klar. Machen wir mal. Sie ist glücklich, er war nett und vielleicht bekommt sie einen unbefristeten Ausweis und dann kann sie ermäßigt ins Freibad. Sie strahlt und winkt mit ausgestreckten Armen und sagt, dass ich ihr immer helfe. Ich fahre mit ganz wenig Lungenvolumen wie Oma wieder ins Büro und freue mich über so viel Euphorie.
Outfit 09.08.2013
Haie und Goldfische
Wahrscheinlich machen wir alles falsch, wenn ich mir diese Franzosen auf 3Sat so anhöre, was das Geheimnis einer langfristigen Beziehung sei und wie man dafür sorgt, dass das Feuer nicht ausgeht. Es wird geschwafelt davon die Frau täglich aufs Neue zu erobern oder zu verführen. Genau hinhören was der andere sagt und Begrüßungsrituale, sich Zeit nehmen wenn der andere von der Arbeit nach Hause kommt. Wir sitzen auf dem Sofa und schütteln beide nur den Kopf. Humor hält die Beziehung zusammen, weil den anderen zum Lachen bringen beinhaltet per se einen Überraschungseffekt (mein Argument) und macht sexy, ansonsten eher mal weghören bzw. auf die Tonlage kommt es an, wie bei Tieren, der Text ist unwichtig. Stephan stupst mich immer an und sagt dazu vorwurfsvoll: „hast Du wieder zugehört?“, wenn er mich gerade anfasst und dazu irgendwas redet und ich dann „was?“ frage. Dann muss ich lachen. Die Geschlechtsteile sollten gut harmonieren. Das hatten die Franzosen ganz vergessen, die gerade beim Thema körperliche Liebe sehr verklausuliert sprachen. Ist ja auch egal bzw. vielleicht auch sehr verschieden, wie es funktionieren kann.
09.08. Nach 6 Tagen abends um 20 – 21 Uhr ins Bett gehen, geht mir langsam die Geduld aus. Ich hatte schon eine Weile kein Fieber mehr, kenne mich aber mit krank sein zur Genüge aus. Leider ist es bei mir auch nie so, dass eine Sache, die angefangen hat, einfach so wieder verschwindet, sondern es wird das ganze Programm durchgezogen, von Halsschmerzen über Schnupfen und dann Husten und literweise Schleim an die Oberfläche transportieren. Da ist mein Körper konsequent, nenne ich es mal so. Gestern am späten Nachmittag ist ein Junkie noch unangenehm aggressiv geworden am Telefon, weil er nicht kam und ich nicht mehr im Büro war. Ich hätte ihn nicht angerufen (habe ich doch, aber wäre das nicht sein Part gewesen, weil er doch nicht zur Verabredung kam?). Da muss heute erst mal klar Text gesprochen werden. Der darf ab jetzt seinen Scheck vom Sozialamt abholen oder selber Kontoführungsgebühren zahlen. Die Tour läuft nicht bei mir. Ich muss auch an die Kollegen und Mitarbeiter denken bei so was.
Der Fleischbilderschreibunterlagenblock auf meinem Schreibtisch geht langsam zur Neige. Die verschiedenen Schinken („Ganzjahresschinken“, „Die österreichischen Schinkenklassiker mit dem AMA-Gütesiegel“), die irgendwie alle gleich aussehen. Ich kann beim Telefonieren darauf herum malen und wenn es zu kricklig ausschaut abreißen und es ist wieder neu. Ich habe das Teil aus einer Vitrine im Café Prückl in Wien (da macht die Chefin Garage Sale) und es handelt sich um ein Werbegeschenk und es war schon recht angegrabbelt, aber die wollten dafür allen Ernstes 5,- € haben. Habe ich gezahlt und das hat sich mehr als gelohnt. Ich weiß gar nicht, was ich mache, wenn ich die letzte Seite abgerissen habe. Vermutlich einen Heulkrampf bekommen.
Der Sturm hat was ganz fieses mit unserem Zwetschenbaum gemacht und einen großen Ast abgebrochen. Der Baum hat sich aber auch irgendwie übernommen und zu viele Früchte daran versucht auszutragen und da war er wohl zu schwer. Obstbäume müssen nachgeschnitten werden, fällt meinem Mann dazu ein, aber das hilft jetzt auch nicht weiter.
Abends habe ich ein neues Hobby, mein Draußenhaustier. Die Spinne vor dem Küchenfenster kommt raus und setzt sich in ihr Netz und meistens hängen da auch schon ein paar kleine Fruchtfliegen drin. Hinter der Scheibe bin ich mutig und schaue mir das Tierchen an, wie Hannibal Lecter. Ich freue mich vor allem darauf, dass sie jeden Abend so zuverlässig erscheint und ich sie dann sehe. Schönes Ritual und da ich keinen Hund haben darf, ist das eben die Alternative, die sich mir derzeit bietet.
Nächste Woche wird mein kleiner Bruder 40, d.h. ich war sehr lange Einzelkind. So ein Abstand von 6 Jahren fühlt sich im Erwachsenen Alter an wie ein langer Sommer, quasi 7 Hundejahre, 1 Menschenjahr oder so ähnlich. Früher lag ein ganzes Universum in dieser Zeit. Das liegt daran, wie mein Paps immer zu sagen pflegte, dass man mit 18 Jahren emotional schon die Hälfte seines Lebens hinter sich hat. Als meine Mutter entbunden hat, war ich bei der amerikanischen Verwandtschaft geparkt und dann kam der Anruf und ich wurde ans Telefon im Flur geholt: Du hast einen Bruder, sagte meine Mutter mir und weiß noch, dass ich als erstes gesagt habe: ich wollte aber lieber eine Schwester. Nach dem anfänglichen Drall ihn wieder los zu werden und auch dem immer wieder Verwundert sein darüber, warum bei ihm irgendwelche Dinge gelobt werden, die ich schon längst konnte, entwickelte sich eine innige Verbundenheit in der Kindheit und ich bin aufgegangen in der Rolle der großen Schwester, wie ich ihm immer die Welt erklärt habe. Wie die Tiere sind, wobei der große weiße Hai von allen Tieren die meiste Anziehungskraft auf ihn hatte. Die hat er auch sehr viel gemalt mit riesigen Mäulern und ganz großen, dreieckigen Zähnen. Das lag bestimmt an dem ganzen „Jaws“ Fieber der 70er Jahre in Kalifornien. Das ist als Kind auch nicht spurlos an einem vorbei gegangen. Alleine der Bucheinband mit diesem riesigen Hai 50-mal so groß wie die zierliche Frau, die an der Wasseroberfläche darüber krault. Wegen der Hai-Sache wollte ich zu seiner Feier ein Goldfisch-Hütchen tragen. Ich dachte, das passt irgendwie und mache mir nur Sorgen um nackte Arme, die Temperaturen in der Schweiz und mein Wärmeempfinden mit dieser Krankheit im Nacken. Mein Führertum hat meinen Bruder vielleicht unterdrückt, auf jeden Fall zu einer sprachlichen Hemmung bei ihm geführt. Er hat immer angefangen was zu erzählen und hat dann gesagt: erzähl Du Giga, Du kannst das besser. Lang hatten wir nicht zusammen, da ich mit 17 ausgezogen bin und da war er ja noch recht klein. Dann hatte er ein paar Jahre als Einzelkind, wenn man so will.
Heute kommt eine gute und alte Freundin aus Hamburg zu Besuch. Sie kennt mich gut und weiß, dass ich es hasse wenn man mich während der Arbeit anruft und dann noch auf dem Handy. Sie hat nur nachfragen wollen, ob sie mir was mitbringen kann. Losen Fencheltee aus dem Teegeschäft, was ich selber gar nicht kenne, aber den Tee literweise trinke. Heutzutage muss man ja bei Kräutertees mehr aufpassen als bei Rotwein, quasi gefährlicher. Ja, sie kennt mich gut und fragt auch vorsichtig, ob es mir nicht zu viel wird, ihr Besuch. Ich bin optimistisch, weil ich bei alten Freunden weniger das Höflichkeitsgesicht aufsetzen muss. Wenn Besuch kommt, den ich nicht so kenne, ist es anstrengender, weil ich mir selber mehr abverlange, d.h. aus Höflichkeit sich überfordern und dann doch mit Lungenentzündung in der Klinik landen statt einfach zu sagen, dass man keinen Bock mehr hat. Da bin ich bei diesem Besuch zuversichtlich, weil ich mir mehr Ehrlichkeit zutraue und denke, dann muss sie halt mit meinem Mann vorlieb nehmen. Ist ja auch nicht das Schlechteste. Vielleicht stellt es einen Widerspruch da, dass ich bei fast Fremden bereit bin mich zu verstellen und verbiegen und bei guten Freunden nicht, aber es ist ein Zeichen der Wertschätzung, dass die Maske auch mal fallen gelassen wird, auch wenn es vielleicht schöner gewesen wäre für denjenigen, wenn ich sie aufgelassen hätte….
Das Wochenende fordert noch sehr viel Geduld von mir ab und so richtig viel geht nicht. Freitag mache ich kurz wieder einen Essensgehausflug und sonst: Wohnung, Wohnung, Wohnung. Sonntag klappt das Basteln ganz gut und ich mache eine hübsche Kette für meine Mama.
Beide Dosen habe ich in Berlin gekauft. Die Kleine in einem gut sortierten Trödelladen und gleich daran gedacht sie für meine Mama zu einer Kette zu verwandeln. Das ist nämlich ein Insiderwitz zwischen uns mit den Salmiakpastillen. Als Kind waren wir in Travemünde bei meiner Großmutti, ihrer Mutter zu Besuch, die dort 3 Drogerien geführt hat. Da gab es in Gläsern diese schwarzen Raute als lose Ware und sie gab mir welche und aus Höflichkeit habe ich gesagt: mhhh, lecker. Die schmecken mir gut, dabei mochte ich sie überhaupt nicht. Die Rache der Unehrlichkeit (es war ja ein Höflichkeitslügen) folgte prompt. Zu Weihnachten gab es ein großes Paket aus Travemünde mit allerlei lustigen Seifenprodukten aus der Drogerie. Rosafarbenen Schweine aus Seife an einer Kordel (das war wohl in den 70ern der letzte Schrei hier in Deutschland) und einen weißen Schwan, der eine Seifenschale war (das war dann kurz vor Teenager). Den Schwan benutzen wir heute als Aschenbecher. Für die ganze Familie gab es Niederegger Marzipan (was ich geliebt habe) und für das Franzele die Salmiak-Pastillen, die sie so mag. Meine Mutter hat mit mir getauscht und es irgendwann man ihrer Mutter gesteckt, dass ich das Zeug nicht mag. Dann habe ich in Berlin in dem Lakritzfachgeschäft noch Salmiak-Ware passend zu dem Anhänger gefunden. Ich bringe es meiner Mama mit. Auf Geburtstag warten war noch nie mein Ding. Sehe ich keinen Sinn drin. Dann bringe ich ihr ein Wollkleid von meiner Tante Käthe, der unverheirateten Schwester von Großmutti. Hier haben die Motten riesige Stücke heraus gefressen. Ich habe dann Fallen von Rossmann von Stephan besorgen lassen und die sind einigermaßen voll geworden, so dass ich wohl richtig ein Problem mit den Tierchen hatte. Das ist ärgerlich, aber meine lebenslanger Stopf- und Flickgutschein kommt mir zugute. Salmiak-Pastillen waren offenbar DDR-Ware, wie ich jetzt feststellen musste VEB Pharmazeutische Erzeugnisse Halle. Das hätte ich nicht gedacht.
Claudia erlebt mich ziemlich unfit und der Unterhaltungswert ist ausreichend bis ungenügend, aber was soll ich machen. Leide ja am meistens selber unter der Grippe und überlege langsam, ob das noch was wird mit mir und ich das hinbekomme und jemals wieder fit sein werde und ich nicht vielleicht doch ein Antibiotikum hätte einnehmen sollen. Claudia sagt, warmes Getreide frühstücken. Das macht Wärme in den Unterleib, sagt der TCM-Chinese. Nicht so Brötchen, eher Porridge. Ich esse warme Haferflocken mit frischen Beeren und Joghurt aus der Schweiz. Meine Schwägerin hat uns Freitag schon lauter Produkte von der Migros mitgebracht und uns damit verwöhnt. Ein Joghurtsortiment, Majo mit Senf und Thunfischcreme. Das ist herrlich und stimmt mich ein auf die Reise. Das ist auch Liebe. Immer leckeres Futter geben.
12.08. Ich stehe um 6 Uhr morgens auf und bin euphorisch. Ich glaube, ich bin wieder gesund. Ich habe keine Kopfschmerzen und fühle mich normal. Abends war ich doch immer noch mit 37,3 ° und so was geschlagen und es fühlte sich halt auch noch nicht gut an. Die Euphorie verfliegt etwas als ich merke, dass der Kaffee immer noch nicht schmeckt und ich noch Husten habe und nach zwei Male im Büro Altpapier runter bringen total nass geschwitzt bin. Die Tendenz stimmt aber jetzt zumindest und die Richtung ist klar erkennbar. Ich bin mal gespannt, wie die Woche und die Reise sich entwickeln. Es gibt dort einen See, aber Badesachen werde ich nicht mitnehmen. Bin eh nicht so der Freibadtyp und wenn es nicht knallheiß ist tue ich mir das nicht an. Verzichte schon aufs Haare waschen wegen der Erkältung. Außerdem Solidarität mit den Asylbewerbern, oder? Habe schon zu meiner Schwägerin gesagt, ob sie nicht mal dafür Sorgen könne, dass einer von denen mit ins Freibad darf. Jetzt wo sie Urlaub habe. Die Schweizer sind schon putzig. Das Thema Asylanten ist dort ein Dauerthema und die Umsonstzeitung 20 Minuten oder so heißt die berichtet garantiert über ein Asylantenheim, was in einem Urlaubsort gebaut werden soll und das Dorf und die Hoteliers wehren sich. Dann sind die Mister und Misswettbewerbe dort beliebt wie in den 50ern und ständig wird ein Mr. Ostschweiz oder so gewählt. Das kann man sich gar nicht vorstellen, wie sehr die sich für so etwas interessieren. Außerdem beliebt auch andere reaktionäre Themen, Mütter sollen nicht arbeiten, das schadet dem Kind, wenn „das Mama schaffen“ geht. Auf das Birchermüsli von Sprüngli freue ich mich trotzdem und teure Handtaschen will ich auch keine kaufen.
Juli 2013 – verspätete Bilder eines Sommermonats
Wurstfamilie – die neuen Mitglieder
Outfit 07.08.2013
Outfit 05.08.2013
Unschuldig krank
05.08. Auch wenn sich das anders liest, ich war sehr brav am Wochenende. Ich bin Samstag um 22 Uhr ins Bett gegangen und habe dem Tanz auf dem Vulkan nicht beiwohnen können (wohl eine neue Rampe/Pipe bei den Skateboardern, mit Rauch aus dem Vulkankegel über den auf Brettern gesprungen wird, sehr eindrucksvoll). Sonntag habe ich den ganzen Tag das Haus gehütet und bin abermals vor 22 Uhr ins Bett gegangen. Ich habe die Wohnung überhaupt nur Samstagabend für einen kleinen Imbiss verlassen. Ich bin also nicht schuld daran, dass die Erkältung nicht weg geht, sondern sich eher verschlechtert.
Die Augen fühlen sich an, als wären sie an Fäden aufgespannt im Schädel und die Bewegung der Augäpfel schmerzt. Ich habe jetzt einen sehr rauen Hals und klinge grauenhaft, auch etwas Husten und mir ist einfach elend zumute. Heute weiß ich, das Schwitzen ist krank und nicht Wetter.
Die von mir beantragte Unterlassungsverfügung ist Freitag um 16:04 Uhr schon ergangen und wird jetzt über die Gerichtsvollzieherverteilerstelle zugestellt.
Heute kommt eine sehr zierliche Frau, die einst bei den Stadtwerken in Istanbul gearbeitet hat und leider querulatorische Züge trägt und sich immer von ihrem minderbemittelten Sohn Begleitschutz geben lässt. Sie ist körperlich schwer krank und kann kaum zum Gartentor laufen, arbeitet aber zugleich als Außendienstmitarbeiterin im IT-Bereich. Jetzt soll sie berentet werden. Das ist die neuste Frechheit. Alles wird angegriffen, Beschwerde, Eingabe bei der Kammer, Ablehnung wegen Befangenheit, Ärzte müssen verklagt werden und das Finanzamt. Das ist entweder mutig oder einfach durchgeknallt, wenn man glaubt, es mit denen aufnehmen zu können. Das sage ich ihr und, dass ich heute etwas angegriffen sei und sie bitte meine Nerven schonen solle. Wenn sie eine Rente bekommt, verbietet ihr keiner das Arbeiten. Es ist eine Absicherung und sie kann trotzdem Karriere machen (sie arbeitet sogar für eine konservative Partei auf Lokalebene, wie ich nebenbei im Internet nachvollziehen kann. Das lässt ja tief blicken). Es gehöre zum Erwachsensein dazu, dass man weitergeht auch wenn einem einmal Unrecht widerfahren sei. Immer wieder geht es um Mobbing am Arbeitsplatz von vor über einem Jahr, der Tinnitus, den sie deswegen bekommen habe und der der Berufsgenossenschaft gemeldet werden müsse und der Nachbar aus Braunschweig, damals, der gestalkt hat, komischerweise ist das Verfahren in einer Anklage gegen sie wegen übler Nachrede geendet. Ich sage, wenn man jede Ungerechtigkeit des Lebens immer vor sich her schiebt und jeden Tag neu auffrischt und durchlebt, tut man sich selber keinen Gefallen damit. Jedem von uns seien Ungerechtigkeiten widerfahren seit damals im Kindergarten als ein anderes Kind das Spielzeug oder Pausenbrot weggenommen hat. Wir müssen darüber hinweg kommen und können uns nicht daran festklammern. Es bringe nichts. Bestimmt ist es auch mein Zustand heute, der mich extra versöhnlich macht.
Angesichts der neuen Hütchenproduktion will ich das allererste Hütchen freigeben. Ich trage es einfach nicht mehr, weil es eben zu hübsch und ordentlich, sprich langweilig und nicht selbstgemacht ist. Ich halte es in Ehren, weil so alles anfing. Es waren Pferderennen in Hannover-Langenhagen und ich habe die weinroten Lackblüten gekauft für teures Geld.
Es sah gut aus und stand mir und es war sein Geld Wert,denn es hat mich vor allem auf eine Idee gebracht. Am darauf folgenden Wochenende fing die Produktion an und ich habe meine ersten 20 Hütchen selber produziert aus Bastelmaterialen und Gesammeltem. Seit dem und 500 Hütchen später gehe ich immer noch darin auf. Wenn ich meine Schmuckproduktion chronologisch beschreiben sollte, dann war es zuerst dieser Punker in Bayreuth, der die Figuren aus den Ü-Eiern mit dem Feuerzeug anders zusammengeschweißt hat und irgendwie spielten Eisenbahnfiguren und diese kleinen Gummitiere, Schweinchen und so was eine Rolle. Das waren damals Ohrringe, die einzeln und asymmetrisch getragen wurden und im Ohrloch und nicht als Clips. Dann irgendwann fing ich an mit Rohlingen große Ohrclips zu produzieren, Riesendinger. Davon habe ich noch 2 große Schubladen, trage sie aber nicht mehr. Dinosaurier spielten eine große Rolle und Wollpudel, Baufahrzeuge, Hubschrauber und kleine Collagen als Perlen, Müll und Text. Irgendwann fing ich an mit Haarspangen und habe hier riesige Konstruktionen für den Hinterkopf gebaut (Brett vor dem Kopf wurde da gerne gesagt). Die habe ich über einem schlecht gebundenen Dutt getragen und sie waren z.T. sehr schwer und haben Kopfschmerzen verursacht, außerdem sah man vor vorne die Rückseite, auch ein Nachteil. Nach der Phase der Haarspangen, die ich gar nicht mehr trage (ca. 3 Umzugskartons wurden hergestellt mit Haarspangenrohlingen), bin ich mehr in die Kettenproduktion eingestiegen. Erst viel mit Quetschperlen und dem Seil dazwischen sichtbar, dann auch immer größer und frecher. Parallel wurden Plastikarmreife wiederentdeckt und Ringe zur Komplementierung des Outfits. Hier passt auch gar nichts mehr auf die Halterungen (altes Batterieregal, knallvoll). Ketten mache ich nur noch sehr selten. Ketten habe ich als einzigen Schmuck auch schon verschenkt an Verwandte hauptsächlich. Dann kamen die Hütchen als Renaissance der Haarspangen und viel besser, weil sie eben vorne sitzen und damit viel mehr das Outfit komplimentieren und mir auch einfach viel besser stehen. Die Ohrringe sind kleiner geworden und hier sammele ich auch alte Modeschmuckohrringe. Die Ohrringe mache ich durchgehend, aber die Taktung hat auch schwer nachgelassen, weil ich einfach genügend habe.
Heute möglichst keine Konfrontation suchen, also möglichst wenig telefonieren, weil ich einfach nicht überzeugend bin. Fristsachen machen, Klage Sozialgericht. Stephan wird sie einwerfen. Dann muss ich Stephans Studio anschreiben, hoffe das kostet ihn nicht seine Mitgliedschaft, aber die sind echt dickfällig. Mein Studio muss heute wieder ohne mich auskommen. Mir brummt der Schädel. Herr A. kommt ohne Termin vorbei und will was. Das ist schon fast zu viel für meine Nerven heute. Ich bin heute zu zart besaitet. Ich streiche um vor 15 Uhr die Segel. Ich hatte Sonntag schon über 37 ° und habe es für leicht erhöhte Temperatur gehalten.
07.08. Es ging dann von 38,8° (Montag) über 37,8 ° (Dienstag) auf 36,2 ° (Mittwochmorgen) und es war sehr anstrengend und mit viel Schwitzen verbunden. Am Dienstag habe ich nur 1 Stunde Büro geschafft und Termine abgesagt, einen Brief bringe ich zustande ein paar Telefonate und dann wieder schlafen. Auf dem Sofa erreicht mich der Hilferuf einer Frau, deren Freundin sie das neugeborene Kind weggenommen hätten seitens des Jugendamtes. Ein Auftrag, den ich sicher nicht vom Krankenbett aus annehme. Außerdem ruft mit der Vermieter von Herrn W. an, irgendeiner aus diesem Riesenladen und will einen Termin zur Wohnungsübergabe mit mir ausmachen. Ich sage, sie seien ja geil unorganisiert. Die hätte schon stattgefunden. Die Durchschläge der Protokolle seien in meiner Akte.
Meine Schwiegereltern haben Blaubeeren und grüne Bohnen und Bohnensalat mit gelben Bohnen vorbeigebracht. Meine Schwiegermutter hat es sich nicht nehmen lassen am Schlafzimmer zu klopfen und Hallo zu sagen. Ich hatte mich verschanzt, weil ich echt nicht gästetauglich war. Es ist schön, wenn man sich wohl fühlt im eigenen Krankenlager. Ein Baum vor dem Festern soll ja die Heilung beschleunigen. Ich mache Kopfkino und genieße das Farbspiel der Rot- und Pinktöne bei geschlossenen Augen. Dazu das Licht- und Schattenspiel der Sonne die immer wieder durch die Äste des Baumes durchbricht. Mein Fuß liegt in der warmen Sonne. Die Mustermixtempos aus Wien kommen zum Einsatz. Während ich Montag nix gegessen habe, wollte ich Dienstag schon eine scharfe Sucuk zum Bohnensalat, d.h. dass die Lebensgeister wieder kommen. Zum krank sein gehörte auch ein unsägliches Tagesfernsehprogramm. Eine Zoosendung aus dem Berliner Tiergarten, die das Zeug dazu hat, krank zu machen. Dass die Berliner einen Knall haben in punkto Tiere und vermeintlicher Tierliebe, davon bin ich schon länger überzeugt, dass sie Hunde vermenschlichen vor lauterGroßstadtblues und bekannt ist ja auch, dass sie Kurt zu Tode gepflegt haben. Die Sendung belegt all diese berechtigten Vorurteile. Wildkatzen gehören nicht in kleine Betonkäfige bei denen die Menschen ihnen ganz nah auf die Pelle rücken und in die Augen glotzen können. Das wird alles mit ganz viel „na Mäuschen“ usw. kommentiert, wie bei dem Sheba-Tiger zuhause. Wenn die Löwin auf den präparierten gefüllten Sack mit Stroh und Fleischstück nicht reagiert, weil sie hospitalisiert ist und sich am liebsten umbringen würde, wenn sie es könnte, dann heißt es seitens des Tierpflegers, „ditte is ne Schick-Micki-Dame, bloß nich dreckig machen, wa“. Hallo? Geht es noch. Herrn Mollath habe sie gestern rausgelassen, aber dieser Maßregelvollzug für Säugetiere mit psychiatrischer Zwangsbehandlung findet kein Ende. Die glauben wohl auch noch, dass ihre Folter irgendwas mit „Tierschutz“ zu tun hat oder die Tiere sie lieben würden. Keine Ahnung wie weltfremd man sein kann. Raubkatzen stehen nicht darauf, ein totes Stück Tier durch die Gitterstäbe geworfen und per Lichtschalter eine gute Nacht gewünscht zu bekommen von so einer Irren Katzenmutti. Hier würden die Katzen den Nachwuchs instinktiv sterben lassen aus Tierschutzgesichtspunkten, aber das wird durch Katzenmutti verhindert und das Leiden geht weiter. Ich wünsche mir einfach nur, dass einmal die Käfigtüre nicht richtig zu gemacht wird. Mehr Chancengerechtigkeit.
Heute am Mittwoch bin ich stolz auf meine Temperatur und nehme mir jedes Mal vor, meine Körpertemperatur zu messen, wenn ich mich mal absolut gut fühle, weil ich sicher bin, dass ich Untertemperatur habe, fühle mich aber leider noch so was unfit. Ich schwitze an den Beinen, das ist schon unnormal (dafür fühlen sich meine Hautporen richtig sauber an vor lauter Schweißdurchlauf) und dann habe ich Kopfweh, leichten Druck auf den Ohren als wären die mit Watte ausgestopft, die Mundhöhle fühlt sich an, als hätte sie jemand gefüttert und bin sehr geräuschempfindlich und kälteempfindlich. Lüften ist unangenehm. Schön warm anziehen. Ich nehme heute mal eine Aspirin, weiß aber, dass ich mich schonen muss. Ich muss das weiter beobachten. Nächste Woche habe ich eine Reise vor und familiäre Verpflichtungen. Sport macht noch gar keinen Sinn. Die Wadenbeschwerde, die ich vermeintlich für Muskelkater gehalten habe, wollen einfach nicht weggehen und hängen irgendwie mit diesem Infekt zusammen. Hat mich Herr PM doch mit Ebola angesteckt?
Verballere meine gesamten Briefmarken für die ganzen Regio-S Karten und Hannover Pässe und die bekomme ich auch noch für bereits Verstorben sowie ehemalige Betreute zugeschickt und wenn man da versucht den Fehler aus dem System zu bekommen, ist die Kraft für den ganzen Tag fast schon verbraucht. Bei meiner einen Betreuten ist die Adresse der Werkstatt für Behinderte statt der eigenen angegeben. Keiner kann helfen. Die Stelle, die verschickt, kann die Daten nicht einsehen, die anderen sagen, alles Paletti. Ich sage, ist es nicht und das kann ich schon sehen, weil bei einem Vordruck vom Amt auch diese Adresse als Anschrift auftaucht. Irgendwo muss doch der Fehler drin sein und dann wird er immer perpetuiert. Warum bekomme ich diese Dinger überhaupt zugeschickt? So betreut kann kein Mensch sein, dass sein Betreuer die Ermäßigungskarten bekommt statt der Berechtigte selber. Wer hat sich das ausgedacht? Jahr für Jahr. Ich ergebe mich schließlich und frankiere eine Runde um und führe eine Liste wo ich was reklamiert habe. Für wen eigentlich?
Ich bin schwächer, fahre an die Seite auf den Marktplatz und biege nicht aus dem fahrenden Verkehr ab. Ist mir zu viel mit Straßenlärm, Kopf drehen zu anstrengend. Mein Sattel löst sich und dreht sich mit. Schon damit bin ich überfordert. Im Büro wird mein Kopfputz kommentiert. Sitzkissen, haha. Mit fällt nichts Schlagfertiges ein und ich ignoriere es einfach. Dann fragt mich der Kollegen, wem das Birchermüsli gehören würde, weil 3 große Packungen da seien und es nur noch 4 Monate haltbar sei. Ich frage ihn, ob er sich langweilt und ob es schon mal was von Mindesthaltbarkeit gehört habe. Außerdem isst das der andere Kollege in rauen Mengen, gerade wenn die Hitze vorüber geht, wird er täglich einen Napf wie für einen großen Hund davon verzehren.
Ich bekomme Post in einer alten Betreuungssache. Die Frau ist mit über 90 Jahren verstorben. Sie kam ursprünglich aus Berlin und war mit einem Mann verheiratet, der Kriegsverletzungen hatte und im Landwirtschaftsministerium gearbeitet hat. Sie hat große Renten bekommen, hatte eine Eigentumswohnung im 50er Jahre Stil und war dement. Ihr Sohn war Alkoholiker und wohnte auswärts, kam aber regelmäßig zu Besuch, wenn er Geld brauchte. Danach hatte der Pflegedienst doppelt so viel Arbeit. Er hat sie ausgenommen und war von der fiesen Sorte, daher war eine Berufsbetreuung vorgeschlagen worden. Die anderen hatten sich abschrecken lassen, weil er drohte, außerdem hatte er einen großen Hund. Sie war so was von süß, hatte Vertrauen zu mir und hat mir gleich das Du angeboten. Sie hat so niedliche Sachen zu mir gesagt wie: wenn Du mal Probleme hast und jemanden zum Reden brauchst, kannst Du ruhig zu mir kommen. Das war für mich ein ernst zu nehmendes Angebot.
Den Hund habe ich nie kennen gelernt, weil ich da war mit dem Pflegedienstleiter und er nicht und dann erhielt ich eines Tages einen Anruf von ihr, dass der tote weiße Schäferhund von ihm auf ihrem Balkon liegen würde und Gerhard sei gegangen und sie wisse, ob er wieder kommen würde. Sie hätte schon versucht, das Tier an den Beinen in die Wohnung zu ziehen. Es war Hochsommer. Ich sagte ihr, dass ich mich kümmere. Das war dann Tierarzt über Google Maps ausfindig machen. Der gab mir die Info, dass der Sohn sturztrunken in der Eckkneipe gegenüber sei, dann schließlich Tierbestatter und den weißen Schäfer abholen lassen. Der Tierarzt hatte nur Kapazitäten für Kleintiere zum einlagern.
Ich habe ihn dann auch kennen gelernt und er saß auf der Couch und trank Schnaps mit Cola und musste sich an der Wand festhalten bzw. konnte nicht frei stehen oder gehen. Daneben erzählte er Märchen über Fliegereinsätze und andere berufliche Abenteuer, die so was von weltfremd waren, wenn man ihn sah in seinem desolaten Zustand wie ein Penner mit Plastiktüten und eingepisst und stinkend. Außerdem drohte er mit der Kanzlei Willig. Das tun nach meinen Erfahrungen gerne Menschen von diesem Schlag. Sie hat das immer in Schutz genommen, dass er krank sei, auf den Kopf gefallen, ein Unfall und nichts dafür könne. Er müsse starke Medikamente nehmen wegen der Schmerzen. Es war eine Gradwanderung aus ihn wegbeißen, aber nicht so sehr, dass er gar nicht mehr kam, weil einziger Sohn und leiblicher Verwandter. Vor wem soll man das Geld schützen? Er würde es eh bekommen. Außerdem hätte er auch Hilfe benötigt, aber ich war nicht für ihn bestellt und er wohnte auch nicht in Hannover. Alles sehr schwierig.
Sie ging dann 4 oder 5 mal die Woche in die Tagespflege und war so etwas aus der Schusslinie. Eine Vorsorgevollmacht haben wir noch gemacht für sie. Das war gut, weil auch klar, dass Gerhard sich um nix kümmern wird. Sie hat mich behandelt, als wären wir alte Jugendfreundinnen. Sie hat viel von ihrer Jugend erzählt und von ihrem Bruder, mit dem sie ein sehr inniges Verhältnis hatte. Da ging es um Wandern, Zelten am See, Lieder singen, Kameradschaft, dass er immer ein Wörtchen mitzureden hatte wenn sie einen Freund hatte und den mitbeurteilt hat, ob er der richtig für sie sei. Eigentlich klang es mehr so, als hätte sie gerne den Bruder zu Mann genommen. Sie hat über die Tagespflege neue Klamotten bei Karstadt gekauft, für die wohlhabende Kundschaft wird da mal ein Taxi spendiert um sie aus der Pflegeanstalt abzuholen. Als sie dann ins Krankenhaus kam und ich kam zeitgleich mit dem Krankenwagen mit dem Fahrrad an, hat sie geweint und war ganz glücklich mich zu sehen. Sie sagte mehrfach: „Du bist doch meine beste Freundin“. Wie will man bei so etwas emotional nicht betroffen sein, frage ich mich. Geht das? Ich glaube nicht.
Sie wurde operiert und das ging gut. Dann wenige Wochen danach kam sie wieder ins Krankenhaus und ist verstorben. Das passierte an einem Wochenende und ich war im Atelier und habe mehrfach mit der Klinik gesprochen, Schlagader im Bauch geplatzt, der ganze Darm und alles löste sich auf, auch mit Intensivmedizin war hier nichts mehr möglich. Dann fingen die Probleme an, weil ich noch Geld für meine Arbeit zu bekommen hatte. Titel musste umgeschrieben werden auf ihren Rechtsnachfolger, den lieben Sohnemann. Ich musste für diesen einen Erbschein beantragen! Hat mich auch gewundert, war aber so. Die Konten, die zum Todestag über 35.000,- betragen hatten, waren mittlerweile schon leer. Das alles dauert alles fast 1,5 Jahre und meine Gebühren sind nicht verzinst und ein alter Studienkommilitone ist der Rechtspfleger und ich habe schon ganz schlechte Laune bei dem Thema, weil Gerhard die Konten leer geräumt hat und ich nicht schnell genug an mein Geld komme. Ich bekomme mein Geld von einer Versicherung. Erfolgreich habe ich vollstreckt. Parallel kommt die Meldung, dass auch der Sohn verstorben ist, knapp 1 Jahr nach der Mutter. Er hat damals schon ca. 20 Jahre älter ausgeschaut als seine Mutter obwohl er über 30 Jahre jünger war. Jetzt bekomme ich Post einer Hamburger Großkanzlei, dass es ein Nachlassinsolvenzverfahren für ihn gibt, d.h. seine Kinder haben das Erbe ausgeschlagen und er hatte Gläubiger und dafür wird nun die Wohnung verwendet. Es gibt schon Kaufinteressenten. Die werden dann befriedigt und dann ist endgültig Ruhe. Von mir wollen sie eine Aufstellung der Konten, damit sie nichts übersehen. So denke ich heute noch mal an meine alte Freundin und das ungleiche Paar von Mutter und Sohn. Schade, dass ich damals noch nicht Tagebuch geführt habe, weil die Erinnerungen verblassen etwas.
Abends auf dem Sofa wieder 37,2 °. Eine bunte Tüte für 2,- muss herhalten. Nur gesunde Ernährung kann mir hier wieder raushelfen.

















































