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Outfit 28.08.
Outfit 26.09.2013
Die Pflaumenernte als Sturzgeburt
26.09. Ich habe herrlich in der neuen Wohnung unserer Freundin Claudia geschlafen. Die Matratze ist fest und es ist superruhig, selbst bei gekipptem Fenster. Erfrischt werde ich wach und es gibt gleich einen großen Humpen Sojamilchkaffee.
Die Taxifahrerin kommt ewig nicht. Nervosität- War ein Müllwagen vor ihr. Man hört ganz nah das Horn (?) eines Schiffes. Hafen muss ganz in der Nähe sein als würde das Schiff in einer Querstraße gerade vorbei fahren.
Sie empfiehlt My Taxi als App, obwohl es problematisch sei mit Vor- und Zuname im Internet zu stehen und da könnte auch jeder alles reinschreiben z.B. die Fahrerin hatte dreckige Fingernägel. Grds. ist sie der Auffassung, die Technik versaut die Menschheit, die Menschlichkeit gehe flöten. Durch die moderne Technik wegen die Menschen in den Niedriglohnsektor getrieben. Dann wird der Altbundeskanzler Schmidt zitiert, der gesagt haben soll, dass jeder schon mal eine Tafel Schokolade im Supermarkt geklaut habe, aber diese Hegdebonds….sie verstehe nichts davon.
Ich liebe den Himmel zwischen Hamburg und Hannover und Stephan sagt, ich stehe auf schlechte Fotos aus dem Zug heraus machen.
Die Ankunft erfolgt so, dass ich mit leichter, aber unmerklicher Verspätung im Büro ankomme. Mittags kurz nach Hause. Der Maissalat von Migros ist leider nicht mehr genießbar. Ich habe von Claudia ein Stück Pflaumenstreuselkuchen mitgenommen und gegessen, ohne jetzt schon zu ahnen, dass dies die nächsten 2 Wochen mein Hauptnahrungsmittel sein würde.
Nachmittags kommt eine Wohnbetreuerin mit einer Mandantin, die Probleme mit dem Amt hat wegen eines Umzuges. Sie hatte sich wegen zu teurer Wohnkosten zum Auszug drängen lassen und war in eine Wohnung gezogen in der sie sich nicht wohl fühlt. Hat vorher mit dem Sohn zusammen gewohnt. Jetzt nach einem Jahr wieder Umzug, lauter fachärztliche Atteste. Der Sachbearbeiter spricht wie Tamme Hanken und ich sage, wäre sie gleich zu mir gekommen, hätten wir uns wegen der ersten Wohnung auf die Hinterbeine gestellt und dann wäre uns wechselseitig viel Kosten und Mühen erspart geblieben, vor allem der Mandantin. Ich glaube, dass das Amt formal einen Fehler gemacht hat und keine Chancen hat. Der Umzug an sich wurde genehmigt, die Folgekosten sollen abgeblockt werden. Wer A sagt, muss auch B sagen….
Ich erhalte die Stellungnahme einer Bezirksrevisorin des Landgerichts Hannover im Fall einer verstorbenen Lehrerin/Betreuten von mir. Die Geschwister haben nach und nach das Erbe ausgeschlagen. Der Fall war aufwendig, die Betreute hatte Krebs und war beihilfeberechtigt – viel Papierkram. Sie war Selbstzahlerin. Beim Tod habe ich noch knapp 1.400,- € zu bekommen (unverzinst) und auf den Konten waren ca. 8.000,- €, aber Mieten gingen noch runter ca. 9 Monate lang. Die Oberfinanzdirektion wird Erbe und statt zu zahlen auf meine Titel, erzählt mir der Typ was von Aufgebotsverfahren falls das Geld nicht ausreicht und Ansprüche des Vermieters. Ich sage, der hat doch monatelang weiter kassiert und ich bin vom Staat bestellt und habe hart gearbeitet. Jetzt die neue Post, ich soll das irgendwo anmelden meine Forderung sonst verwirkt für den Fall, dass es am Ende nicht reicht (hatte hilfsweise Mittellosigkeit und Zahlung aus der Staatskasse beantragt). Habe ich doch schon gemacht, überall angemeldet, noch lauter schreien? Werde unsicher und telefoniere herum. Weder die Bezirksrevisorin noch die Nachlassrechtspflegerin haben so einen Fall je gehabt oder davon gehört (!), bei dem der Stadt das macht – Aufgebotsverfahren. Ende des Liedes ist, außer mir hat nur eine Arztpraxis eine Forderung angemeldet. Ich sage, warum Arztforderung, die hatte doch prima Krankenversicherung und Beihilfe. Hätte man doch nur dort einreichen müssen als Erbe bzw. Rechtsnachfolger. Die waren auch immer großzügig mit Verspätung, war immer alles kei Problem. Was macht dieser Typ von der Oberfinanzdirektion? Ja, das versteht das Nachlasspflegerin auch nicht und will mal schriftlich bei ihm nachfragen. Ich kenne die Arztpraxis und suche den kurzen Dienstweg. Es sind laut Nachlassgericht 2.500,- € im Topf. Die Arztpraxis hat eine Forderung i.H.v. 571,- €. Am Ende des Tages gibt es hoffentlich für alle ein Happy End.
Die von Stephan frei Haus gelieferte Gerichtspost lässt mich einen Freudenschrei ausbringen. Ein ätzender Rechtsstreit mit Beweisaufnahme (Mietsache) war zu unseren Gunsten beim Amtsgericht ausgegangen und die uneinsichtige Mieterin legte Berufung ein. Mit der Berufungsbegründung bekomme ich einen 5-seitigen Beschluss des Landgerichts. Die Kammer beabsichtigt die Berufung als offensichtlich unbegründet zurück zu weisen. Sehr ausführlich wird der Sachverhalt gewürdigt. Aus dem ganzen Schriftverkehr ginge hervor, dass keine verbindliche Vereinbarung getroffen worden sei. Außerdem wird das Ansinnen der Mieterin ohne Kostenbeteiligung einen Anspruch auf Bau eines zweiten Balkons gegen den Vermieter zu haben als lebensfremd bezeichnet. Das ist eine Genugtuung für mich, aber vor allem für die Vermieter es so deutlich bestätigt zu bekommen. Manchmal sind halt auch Mieter total frech und glauben, sie hätten sonst was für Ansprüche. Bei solchen ist es schlecht nett zu sein, weil sie sofort einen Rechtsanspruch für sich aus allem her leiten. Bestellen sich Nostalgiehaustürklingeln aus England mit anderen Anschlüssen und wenn der Vermieter aus Kulanz sagt, das könne sich ein befremdeten Elektriker vielleicht mal anschauen, schon einen Rechtsanspruch auf Installation meinen zu haben und sonst Mietminderung schreien.
Abends erfahre ich, dass wir Morgen WEG-Versammlung haben
27.09. Morgens werde ich wach und denke, scheiße der Pflaumenbaum ist leer. Haben wir die Ernte wieder verpasst. Im Treppenhaus stehen Körbe mit Pflaumen. Zum Amtsgericht, Betreuungsverlängerung, die nur 3 Minuten dauert, danach einen kurzes Frühstückspause bei Kreipe, wo ich seit Jahrzehnten nicht mehr war. Bilde mir ein, dass ein Pärchen aus unserer Jugendzeit vor der Tür sitzt, es waren damals Freunde von Freunden. Der Typ schaut auch so wie: kennen wir uns nicht von früher. Er sieht aber ca. 10 Jahre zu jung aus. Dann Hamburger Allee in einer Mandatssache, die aber eigentlich eine Betreuung sein könnte. Die Mandantin hat immer wieder Mietschulden, weil das System des Sozialamtes, Mieten doch nicht direkt zahlt und dann Stadtwerke wieder nicht, weil es aus dem System wieder rausfliegt. Die Mandantin kommt nicht und ich sage der Sachbearbeiterin, dass ich bei dem Chaos der Meinung bin, dass sie selber schuld sind, wenn Schulden i.H.v. über 4.000,- € entstehen, das sei unverantwortlich bei so einem minderbemittelten Frau. Sie hat einen Flyer ausliegen mit für mich neuen Stöbertreff im Rehhagen und das nennen sie Social Department Store. Dieses fragwürdige Direktübersetzen erinnert mich an das Plakat mit Oliver Kahn an dem ich immer vom Sport zurück vorbei fahre. Er versucht eine Emotion auszudrücken, das seht aber so falsch aus wie dritte Zähne und ist heißt in einem vermeintlichen Siegel: „Your bet in safe hands“. Das ist wohl Pigeonenglish denke ich, wie eine Freundin von früher immer sagte: this is where the rabbit runs oder die Karte von Heike aus Berlin I am so simply knitted…
Um 16 Uhr kommt eine Frau ins Zimmer und ich frage, wer sie ist und zu wem sie wolle. Sie nennt ihren Namen und will zu mir. Wir hätten miteinander telefoniert. Ich bestreite alles und will sie wegbeißen, weil ich gleich zur Versammlung muss bis sie anfängt den Sachverhalt zu schildern und ich gestehen muss, stimmt alles, wir haben telefoniert, ich habe den Termin mit mir ausgemacht und ich bin auch ich. Es geht um einen alten Mann, der ein gemeinschaftliches Testament widerrufen wollte, was nicht mehr geht, weil zwischen den Entwurf und dem Vollzug (genau 2 Monate) die Ehefrau gestorben ist. Leibliche Kinder werden enterbt und jeweils eine Pflegeperson soll Erbe werden, jetzt aber nicht bei A, sondern meine Mandantin B. Auch für den betagten Mann ist eine Betreuung angeregt. Alles schwierig, handelt es sich um Erbschleicherei? Sie Frau geht 6 mal die Woche hin, hat aber auch geldliche Interessen und wird bezahlt für die Betreuung. Ich hetze zur Versammlung, deren Mitglieder, unsere Miteigentümer schon vollständig anwesend sind außer Stephan und die neue Verwalterin. Es sind zwei Damen, die meinem Mann beim Chutneyeinkochen in der Küche zusehen. Die Wohnung sieht explodiert aus und die Koffer von mehreren Reisen sind nicht ausgepackt. Überall große Haufen Wäsche. Ich treibe sie nach oben. Die Pflaumenmasse kocht unten weiter vor sich hin. Die Versammlung läuft humorvoll ab. Zu Schluss bedanke ich mich, dass sie uns übernehmen. Wir seien wie der Problemhund aus dem Tierheim, der schon 3 mal zurück gegeben wurde. Sie lachen. Ich meine es auch nur als Spaß, weil wir tatsächlich so was von pflegeleicht sind, dass wir uns jahrelang nicht bei der Hausverwaltung melden bis sie uns kündigen, weil wir zu klein seien und damit uninteressant und nicht ihrem Profil entsprechend. Die Pflaumenmasse, die 5 Stunden kochen soll (dann ist aber die Gasflasche leer) wird ausgestellt und Stephan und ich gehen erst mal zum Sport. Ich habe dabei die gedankliche Eingabe es einmal mit einem Pflaumencrumble zu versuchen, den ich nach Rückkehr aus 1 kg mache, weil das auch als Backlegasteniker geht. Schmeckt sogar lecker. Muss ins Bett. Stephan kocht weiter ein bis 1 Uhr nachts. Morgens sind die Gläser gefüllt und stehen auf dem Kopf.
28.09. Wo bekommen wir Weckgläser her? Die Pflaumenernte ist wie eine Sturzgeburt und ich kann doch einfach welche Einmachen und dann gibt es die auf Milchreis und Grießbrei. Morgens kommt ein Dauermandant, der gerade arbeitslos geworden ist. Der lässt hier viel arbeiten von Stromanbieter bis Einbürgerung. Stephan fährt zum Zollamt und kommt mit dem Überraschungspaket wieder. „They swalloded it“ sagt er und ich verstehe zunächst nicht, dann schon. Es sind neue Mützen aus den USA und ich freue mich wahnsinnig. Eine Faschingsmütze ist dabei zum Thema Brain Eating Zombies. Ich muss an den Sohn von Heike denken und das Computerspiel bei dem die Zombies immer „brains, brains, brains“ sagen. Mein Mann hat auch die Gerichtspost dabei und es gibt erneut eine gute Nachricht vom Landgericht. Das langersehnte psychiatrische Gutachten liegt vor und meine Mandantin war geschäftsunfähig (ein klare Moment der Geschäftsfähigkeit kann sicher ausgeschlossen werden) als sie in einer manischen Phase mit einem Morgenmantel bekleidet in der Altstadt für über 8.000,- € Klamotten gekauft hat. Die Tochter hatte der Verkäuferin noch gesagt, dass ihre Mutter krank sei und sie der nichts verkaufen dürfe, aber das Geld lockte dann wohl doch. Zuerst wurde eine Umtausch auch zugesagt und dann nicht mehr. Mein Mitleid geht gegen null und ich freue mich. Ich werde der Mandantin später auf einen Anruf sagen, noch nie hat man so gerne gelesen, wie unzurechnungsfähig man war, stimmt’s. Zeitgleich scheint eine anstrengende Scheidungssache aus dem Jahr 2008 (Horrorakte) zu Ende zu gehen.
Nachmittags kommt u.a. die anstrengende Elisabeth Taylor und heute bin ich sehr schlecht drauf. Die Monatskarten der üstra, die mir geschickt werden sollten, wobei die falsche Adresse angegeben wurde, sind nicht angekommen. Ich rufe bei der üstra an, wo nur bis 16 Uhr gearbeitet wird und um 15:50 Uhr schon keiner mehr zu erreichen ist, dann doch. In der Warteschleife frage ich sie, warum bei ihr immer alles schief geht und es bei allen anderen klappt. Sie will eine Hausratversicherung um ihre Sachen zu schützen. Ich sage nein, Haftpflicht. Sie sagt, sie sei doch kein Kind mehr und die Autos der anderen würden sie nicht interessieren. Die Araber stehen auf so Frauen wie mich, mit meiner Figur und meinem Status. Sie überlegt eine Gruppenreise mit einem Sozialladen nach Paris zu machen oder Juist, weil bei mir sei es auch nicht immer so erholsam (heute muss ich ihr so was von Recht geben) und sie wolle mal irgendwo hin, wo es ein Schwimmbad gibt. Ich sage, dass klappt doch nicht mit Gruppenreise. Zum Schluss kriegen wir noch mal die Kurve.
Abends mache ich Doppelyogastunde mit meiner eigenen Matte, kommt müde nach Hause. Einmachgläser stehen in der Küche. Das Einmachen klappt nicht, ich nehme zu viel Wasser. Kann ja nicht alles klappen. Telefonat mit einer Freundin, deren Ex-Freund die Flüge storniert hatte aufgrund eines Missverständnisses und die neu buchen musste für kommenden Sonntag und weil alles schon anderweitig geplant war für den Urlaub. Auch hier wieder, kann ja nicht alles klappen. Gehe ins Bett.
29.09. Träume verrückt, aber unbefriedigend. Habe mir was eingefangen und soll operiert werden. Davor Schau mit Hunden, z.T. ausgestopft. Es sind zwei kleine Eiterabzesse in meinem Bauch zu sehen. Gruppe von 50 jungen Menschen steht bei der Untersuchung im Kreis drum herum und ich frage den Arzt, was die Schulklasse soll. Man glaubt, dass ich einen Pflegedienst betreiben würde, weil ich sagte, dass ich mit dem zweiten Pflegedienstauto komme. Stephan hat Traum, dass er auf einem Kinderstuhl in der Oper sitzt (geht nach vorne in die erste Reihe und sieht dann erst, dass es Kinderstühle sind) mit einer großen Robe bekleidet. Will gerade Ode an die Freude mitsingen, dann klingelt der Wecker und er denkt, scheiße, den findet er nicht so schnell in seiner aufwendigen, großen Robe. Lustiger der Traum. Sammele morgens selber mal eine Runde Pflaumen. In der Mittagspause Pflaumenmus auf den Weg bringen. Ich kann 3 kg Pflaumen in 15 Minuten waschen, entkernen und klein schneiden. Stephan macht den Rest. Das Ergebnis kann sich echt sehen lassen. Leckerer noch als das Chutney.
Ich rufe meine Schwiegermutter an nachdem ich über meinen Mann eine email erhalte mit der Info, dass Familienmitglieder teilweise im Krankenhaus sind und andere demnächst operiert werden. Ich liebe meine Schwiegermutter, wie sie neben den ernsten Themen den Sinn fürs praktische im Auge behält und natürlich immer an mich denkt und womit sie mir und anderen eine Freude machen kann. Ein guter Freund der Familie ist sehr krank, Lungenfibrose, aber seine Schwägerin, die jetzt schon tot ist, konnte echt gut stricken und da muss ich mir demnächst mal ein paar Strickjacken anschauen. Das Gespräch pendelt zwischen Krankheiten und einem Sack mit Blumenerde, in dem total viele Ameiseneier waren und ähnlichen Amplituden. Ich liebe sie einfach.
Nachmittags Fragebogen für movenyo, weil ich mit durchschnittlich 3 Besuchen pro Woche zu den Sportkanonen zähle. Ratschläge Ernährung mindestens 1 x zu Woche 6-Gänge Menü mit Weinbegleitung und dazwischen viel Butter. Ich meine, Leute, die in meinem Alter eine sportliche Figur aufweisen, legen andere Schwerpunkte im Leben und sind meist spaßfrei, weil das geht dann nur mit viel Disziplin und das macht unlustig. Ich sage Freitag zu meinem Kollegen, nach der abendlichen Weinprobe noch in Mitleidenschaft gezogen, ich fühle mich so was von menschlich – wabbelig, fehleranfällig und auslaufend – in Bezug auf Science Fiction und es stellt sich am Ende der Geschichte heraus, wir sind doch Avatare oder Halbmaschinen. Das kann ich bei mir ausschließen.
Abends Weinprobe Dreissigacker. Wir sehen unterwegs eine Mischung aus Dackel und französischer Bulldogge und sind beide hingerissen und als ich denke, das geht nicht zu toppen begegnen wir einem Exemplar Rottweiler-Dackel mit Stummelschwanz, gedrungen und breit und kurz. Es ist der schönste Hund der vergangenen Jahre, Stephan und ich sind uns einig. „Schöne Südstadt“, „schönes Döhren“:
Wir biegen in die Wiehbergstraße ab (Baustelle). Die anderen Gäste sehen uns und gehen rein. Ich sage beim Fahrrad abschließen zu Stephan, ob wir heute nette Leute kennen lernen und meine das ironisch. In der Vergangenheit war es immer schlimm vom Publikum her. Der Winzer stellt sich vor, man siezt sich und alles ist steif wie immer. Dann taucht ein junges Pärchen auf und alles verändert sich plötzlich. Sie haben 3 Töchter und wollen noch ein Kind, gehen gerne essen und wir haben viel Spaß miteinander. Es sind genau die hedonistischen Begleiter, die wir gebrauchen können. Der Abend fängt an mit hand shaking und siezen und endet mit Mehrfachumarmungen. Sie lockern alles auf, den Winzer duzen wir auch. Die Bedienung des Ladens trinkt mit und lässt zum Finale einen Stapel schmutzige Teller herunter fallen, überall Splitter und Essensreste. Der Abend war kurzweilig, die Fischgerichte wie gewohnt der Hammer und ich dachte nicht, dass mir so etwas noch mal passieren würde, quasi neue Leute kennen lernen in Hannover. Ich liebe das Gazpacho mit Maki sowie das Lachstartar mit schwarzem Sesam, den Zackenbarsch mit Bärlauchcrumble, Hauptgericht muss auch sein wegen Rotwein….
Wir radeln um 2:30 Uhr nach Hause und fragen uns am nächsten Morgen, ob wir gezahlt haben. Das kann wohl keiner mehr feststellen.
30.08. Heute kann das Outfit nicht dokumentiert werden, weil der Fotograf zerstört im Bett liegt. Ich hole Unterlagen bei Methadonarzt ab und werde interessiert gemustert. Dann fahre ich in ein Wohnheim. Ich bin von einem Rechtspfleger als Verfahrenspflegerin bestellt worden und soll schauen, ob die Wohnung einer Frau von ihrem Betreuer zu Recht gekündigt wurde. Ich unterhalt mich 1 Stunde mit der Frau und verstehe die Welt nicht mehr. Ihr Mann ist verstorben im Dezember 2011, 2 Tage nachdem der große Fernseher geliefert wurde. Sie war überfordert mit der Post und hat in die Betreuung eingewilligt. Sie war dann im Krankenhaus und der Schlüssel wie immer bei der Nachbarin über ihr. Der Betreuer ist dann mit deren Hilfe in die Wohnung und hat ihr Sparbuch aus ihrer Handtasche genommen und ihre Rentenunterlagen und das Sicherheitsschloss was innen mit Kette an der Tür befestigt war abgeschraubt. So was macht man doch nicht. Ich muss ihr Recht geben. Sie hat den Heimvertrag gekündigt und will sich am 15.09. von der Schwägerin mit dem Auto abholen lassen, ist aber sehr unsicher wegen der rechtlichen Lage. Ich gebe ihr wieder Recht. Ist auch schwierig, zumal das Gericht dem Betreuer mit Beschluss vom 08.08. einen Einwilligungsvorbehalt eingerichtet hat für Vermögenssorge und Wohnungsangelegenheiten, d.h. er entscheidet für sie, entmündigt. Ich sage ihr, dass ich dagegen Beschwerde einlegen werde. Sie lebt schon seit 39 Jahren in ihrer Wohnung und hängt daran und „einen alten Baum verpflanzt man doch nicht.“ Ins Büro zurückgekehrt telefoniere ich mit dem Betreuer, den das Heim schon vorgewarnt hat. Er sagt, klar, ich muss das machen. Ich sage nein, oft genug bin ich auch einverstanden mit Wohnungskündigungen. Hier könne ich es nachvollziehen. Ich frage, was ambulant probiert worden sei. Er sagt, alles und sie sei Alkoholikerin und er habe den Einwilligungsvorbehalt beantragt, als sie das Sparbuch mit 2.000,- € darauf wieder zurück haben wollte. Wenn sie angeblich Geld verschleudert und Schulden macht, passt das nicht mit den Ersparnissen zusammen. Ich sage, auch Alkoholiker habe das Recht in ihrer Wohnung zu bleiben. Er soll sie gefälligst unterstützen und ihr Wille sei Maßstab. Wenn das weit käme, würde ich meinen Vertrag mit Deutschland bald kündigen. Dann rufe ich den Pflegedienst an, der mir Auskunft gibt, dass die Frau sogar Pflegestufe II hat und genau gar nichts ambulant probiert wurde. Ich bin mal wieder entsetzt, wie andere „Kollegen“ ihren Besuch ausüben.
Ich schreibe unseren neu gefundenen Freunden, dem blind date bei der Weinprobe über die Firma des Mannes, die ich im Internet finde. Mein Kollege spottet, dass sei die wechselseitige Anziehung von Jugend und Alter, so wie bei seinen Freunden, die von ihrer neuen Freundin auch sagen, die studiere bald, wenn sie noch Abitur schreibt. So viele Minderwertigkeitskomplexe habe ich nicht, ist meine Antwort. Man wird sehen, ob es nur der Alkoholrausch dieser Nacht war, aber schön war ist in jedem Fall.
Das Sportprogramm ist anstrengend und soll mich vom Restalkohol befreien. Zuhause besucht uns ein befreundeter Künstler, der mir eine Raumschifflampe baut. Ich mache nebenbei doppelten Pflaumencrumble, ein mal mit Haselnüssen, weil mir die Mandeln ausgehen. Ich bin müde und will heute früh ins Bett, damit ich wieder fit bin. Die nächste Weinprobe steht Morgen an. Der Gast hat keinen Kontakt zur leiblichen Tochter und den Enkeln und Stephan sucht erfolgreich bei Gesichtsbuch. Manche Menschen sind sozial echt behindert denke ich, weil er vorschlägt ihr einmal heimlich aufzulauern oder sie heimlich zu beobachten, aber nicht anzusprechen und ich sage, warum er will doch Kontakt, dann halte ich das nicht für so eine gute Idee und sage, vielleicht sei sie auch nicht begeistert, weil er seine Vaterschaft immer abgestritten habe und biete mich für ein Vermittlungsgespräch an. Er hat eine große Tüte Modeschmuck für mich dabei und probiert unsere Pflaumenprodukte und nimmt gottseidank auch welche mit. Ich schaue eine Folge Cesar Milan, the dog whisperer mit Stephan und falle ins Bett.
Outfit 24.08. zu Gast bei Niederegger in Travemünde, der kleinen Schwester
Butterfahrt zu Niederegger
22.08. Nicht, dass einige aufmerksame Leser denken, die sind ja dauernd unterwegs, obwohl man hier an den Tatsachen wenig rütteln kann, handelt es sich hierbei um ein von langer Hand vereinbartes Treffen mit meiner Tante und Cousine in Travemünde, welches aus Koordinationsgründe zeitlich nur gleich nach der Schweizreise ging. Es gibt Schlimmeres. Wir verbinden das noch etwas mit dem Besuch von Freunden und fahren erst mal am späten Nachmittag nach Lübeck zu Martin, der uns vom Bahnhof abholt und gleich zu einem Kaffee einlädt.
Wir steigen diesmal in Lüneburg um und man merkt direkt, dass man in einer wirtschaftlich unterentwickelten Gegend unterwegs ist, wie mein Vater sagen würde. Wo man in Baden-Baden mit Kurbepflanzung protzt, hat man hier gleich den Gärtner gespart, auch am HBH Lübeck wächst der vertrocknete Dschungel gleich an den Gleisen. Ich sehe das immer positiv, wenn der Mensch weniger tun, kommt die Natur mehr zum Zug und so ist das hier wohl auch im Norden, ganz viel Natur. Bei der Ankunft zuhause kommt uns die studiogebräunte Maklerin entgegen mit einem jungen Pärchen. Die Wohnung darunter steht zum Verkauf und gleich kapiert man die Rollenverteilung und wer Kunde ist. Stephan wollte fragen, „na, wollt ihr Kinder?“ Das finde ich nachhaltig lustig. Martin hat Röhrchen im Wagen, irgendwelche Fliegen, die Kleidermotten den Garaus machen und dann selber sterben. Die haben nämlich Maden in meine Wollsachen gelegt. Die kann man im Internet bestellen, die natürlichen Feinde. Ich komme irgendwie darüber hinweg und bestelle nicht.
Gleich am Abend am Hafen schauen wir uns die Möglichkeiten an per Fähre von Lübeck nach Travemünde zu fahren, weil das haben wir noch nie gemacht und Urlaub ist auch immer Abenteuer. Die Fähre fährt nicht einmal die Stunde, sondern nur 2 mal am Tag und die eine Fahrt geht um 9:30 Uhr von der Drehbrücke. Mal schauen, ob das hin haut. Über der Altstadt von Lübeck der schönste Vollmond vor Wolkenpanorama, aber zum Foto kommt es nicht mehr.
23.08. Ich schlafe schlecht und werde kurz nach 7 Uhr wach, weil ich denke, dass es schon viel später ist, als die Herrin des Hauses gerade die Tür zu zieht und muss mir morgens die Haare föhnen, weil sie nass geschwitzt sind und irgendwas mit der Verdauung nicht stimmte und mein Körper offenbar recht heftig reagiert hat mit dem Naßschwitzen. Das ist recht unangenehm, zumal ich in einem fremden Bett bin und das Bettzeug entsprechend beansprucht habe. Martin macht wie immer ein liebevolles Frühstück mit Ziegenkäse Tee und Kaffee und ich bewundere seine Neuzugänge. Wie immer gibt es neue Kunst oder schöne alte Möbel, die von ihm gefunden wurden und die Sammlung vervollständigen in der Altbauwohnung zu entdecken. Diesmal lerne ich auch was über persische Herrscher, größerer Bart ist auch stärker, wie man es vermutet hat. Ich habe selber Kunst im Gepäck nämlich 17 Buchcollagen, die ein neues Zuhause finden sollen. Martin hat die erste Wahl und nimmt 2.
Außerdem bestärkt er unseren Entschluss zur Hochzeitsreise im Dezember wieder nach London zu fahren. Westminster Abbey sei toll und das kennen wir noch gar nicht, obwohl wir 6 mal oder so schon da waren und Big Ben dito. Das ist doch Grund genug neben den indischen Restaurants und High Tea und Triyoga. Wir packen, d.h. haben gar nicht ausgepackt, außer die Collagen und Silke fährt uns zum Hafen.
Wir besteigen die Fähre und ich denke sofort an Butterfahrt. Es ist eine Mischung aus Rentnern und Frührentnern. Wir fallen unangenehm mit Gepäck auf. Es ist eine Speisekarte wie vor 30 Jahren, draußen nur Kännchen Kaffee und ich bin auch sonst davon genervt und bestelle nichts und trinke aus meiner Sigg-Flasche, wobei der Verzehr von mitgebrachten Speisen und Getränken untersagt ist. Mir egal. Dafür gibt es Lumunba! Das Wetter ist herrlich und ich mache viele langweilige Fotos, wie Stephan feststellte. Bitte schnell durchschauen und entschuldigen…..
Mit an Bord sind zwei Männer, denen man Alkohol- und Nikotinabhängigkeit von weitem ansieht und die offenbar gute EU-Renten bekommen. Es wird ein gezapftes Bier nach dem nächsten bestellt und eine Kippe nach der nächsten gedreht und das morgens um 9:30 Uhr und trotz des schlimmen Raucherhustens. Beide sehen deutlich nach Krebs aus und es macht keinen Spaß zuzusehen.
Der Kapitän labert fast durchgehend irgendwelche Quartettzahlen und lobt die Produkte der Firma Bruggen als würde er sich damit was dazu verdienen. Leckeres für Zwischendurch. Ne, ist klar. „Die Fa. Bruggen gehört laut eigenen Angaben zu den größten Cerealienherstellern der Welt“. Na, dann. Er erzählt Seemannsgarn bzw. redet gekünstelt wie Hein Blöd und das geht so. Backbordseite sehen wir die Finnlandia, das Schiff fährt unter finnischer Flagge, 100 Meter lang, 27 Meter breit, 19 Knoten, 35 km/h, im Jahr 1995 zu Wasser gelassen usw. Das bei jedem Schiff. Das meine ich mit Quartett.
Dazwischen geht es um die Lübecker Kaufleute, die ihr Kontor dort unten hatten und darüber die Speicher. Die Ladung wird gelöscht, irgendwas verklappt, Teer in die Ritzen geschmiert. Wir überholen noch mal das Schiff Mathilde und ich wunderte mich, warum da Eimer an Stricken mitgezogen werden. Jetzt muss die Mannschaft, es kommt mir total überbesetzt vor, Wasser mit den Eimern hochholen und alle Holzteile nass machen und ggfls. mit einem alten Wischmopp abstreichen. Was das soll? Ob es dreckig oder staubig war, glaube ich nicht mal und das Holz mag Wasser normalerweise nicht so.
Dann folgt Vogelschutzgebiet und der Captain hält mal die Klappe. Auch schön. Erst denke ich, was sind das für lustige Felsen und hey, die bewegen sich. Dann sehe ich auch die beiden Hütehunde, die sich viel schneller den Hang hoch und runter bewegen. Die Schafe werden zum Wasser getrieben und trinken aus der Trave.
Dann meldet sich vorne wieder das Mikrophon hinter der Scheibe mit dem Bärchen aus Window Colors. Weichbedachungen, Flotte, Fischereirechte, Transsonoro, Zellulose, Papierbrei, rollende Güter, Papier aus Mittelschweden, vom Schnürsenkel bis zum gefrorenem Brathähnchen alle Produkte der Fa. Lidl, Massengut umschlagen, Splitt aus Norwegen für den Straßenbau, Mindestwassertiefe 10 Meter, Grenze zur DDR, Priwall mit Campingplätzen, Bausünde in Travemünde. Jetzt sind wir gleich da, sehe ich dann auch daran.
9 Schiffsanleger, 2 mit Gleisanschluss, Doppelstockrampen zum Entladen, fahrplanmäßig, 125 Abfahrten pro Woche, nach Berlin zweitgrößter Sportboothafen, Takelage, Tiefgang 7 Meter, höchster Mast 56 Meter und schwups sind wir bei Niederegger dem vorläufigen Ziel unserer Reise angekommen. Wichtig ist erst mal, dass Stephan eine Marzipan-Sahne-Torte bekommt, sage ich der Bedienung oder sagt er es ihr selber und ich habe meinen Kaffeedurst auch aufgespart. Ich nehme die Ostseestulle mit Krabben, Ei, Schwarzbrot und Butter.
Die Bedienung will wissen, ob wir noch weit reisen würden, ob des umfangreichen Gepäcks und wir verneinen. Während wir das zweite Frühstück einnehmen, findet sich die Gesellschaft einer Seebestattung am Steg gegenüber ein. Das merkt man daran, dass lauter schwarz gekleidete Menschen zum Steg kommen und einsteigen und dass das dann auch irgendwo dran steht. Als das Boot schon abgelegt hat kommen 2 Männer hinterher gelaufen und winken mit den Armen und rufen. Sie schauen noch etwas nach und pfeffern dann die Blumen in Travemünder Hafenbecken und drehen um. So ist es, wenn man zu spät kommt im Leben. Der Verstorbene kannte es vermutlich nicht anders.
Wir ziehen die Koffer zum Hotel. Hier ist auch Wahlkampf, aber es werden eher Plakate der Linken abgerissen.
Ich muss daran denken, wie wir 1999 auf Usedom Gregor Gysi gesehen haben. Das war nach meiner Lähmung und ist wieder eine andere Geschichte. Das Hotel ist schön, vor allem der kleinere Barbereich gefällt mir (ganz unten, auch wieder zu viele Deko-Fotos).
Das Zimmer ist erst um 15 Uhr fertig, aber Stephan weiß, was er fragen muss, quasi Zauberwort: dürfen wir dann schon in den Spa-Bereich. Das wird bejaht. Stephan im Glück. Ich mehr in der Umkleide, ziehe mich gleich beim Spind um (ist wohl auch falsch). Ich gehe dann schon etwas ins geheizte Salzwasseraußenbecken, aber ziehe mich bald wieder an, weil ich ausversehen quer schwimme und dann denke, dass alle mich anstarren wie ein Fremdling. Ich gehöre hier nicht her und sie spüren es alle. Die reinste Psychose stellt sich ein. Aus dem Büro bekomme ich SMS, dass Beratungshilfemandanten von früher da waren völlig aufgelöst, weil das Jugendamt eine Tochter weggenommen habe. Wichtig ist jetzt: Flugmodus. Die Welt muss sich auch ohne mich weiter drehen. Was soll ich von hier aus machen? Wieder angezogen schneide ich Zeitung aus im Strandkorb bis mir die Fußrücken brennt und ich denke: genug Sonne. Dann weiß ein Mitarbeiter auch, dass das Zimmer fertig ist und ich gehe hoch. Es läuft Werbefernsehen für die Hotelkette. Das kann man aber ignorieren. Der herrliche Blick auf ein Wäldchen vor dem Balkon und das Rascheln des Laubes sind toll und Balsam für meine Seele.
Wasserkocher und Teekanne stehen bereit.
Wir machen erst mal eine Siesta und dann will ich duschen. Das wäre ja total verkehrt gewesen. Wellness. Ab in den Bademantel und wieder runter und diesmal zeigt mir Stephan das 35 ° warme Salzwasserbecken („Bewegungsbecken“) und wir erkunden die Saunalandschaft. Erst Dampfsauna, dann etwas kneipen im Freien und dann Bio-Sauna und in den herrlichen Ruheraum auf die gekachelten ergonomisch geformten Liegen, die beheizt sind und von hinten die Nieren wärmen. Das ist herrlich. Als ich mir vergegenwärtige, dass auf den Chipkarten, die in den Bademänteln in den Taschen verbleiben keine Zimmernummer drauf stehen entspanne ich auch besser, während wir auf textilfrei mit Handtuch machen. Daran zeigt sich auch meine Unerfahrenheit. Dann zeigt mir Stephan die Schwalldusche, wo einem von oben Wasser wie aus Eimern auf den Kopf fällt. Das ist noch mit am tollsten. Ich mache es immer wieder. Ja, ich hatte meinen Spaß.
Zum Abendprogramm will ich sagen, dass ich nicht bereit bin jeden Restaurantbesuch ausführlich zu schildern, wenn ich dafür kein Geld bekomme. Hier war die Aussicht spektakulär in dem Wintergarten (das Treppenhaus fand ich offenbar auch ganz putzig).
Das Besteck ist sehr glänzig und ich konnte nicht aufhören damit zu spielen, weil ich mich immer selber fotografieren wollte.
Das Geschirr sieht oft aus wie umgedrehte Vasen, buntes Glas.
Ansonsten hat der Typ entdeckt wie man gefrorene Perlen herstellt (Stickstoffbad?) und macht das jetzt ganz viel.
Das wenigste schmeckte überzeugend. Dekonstruktion vom Wiener Schnitzel und was haben Preiselbeeren da zu suchen? Hat Kevin schon mal Wiener Schnitzel gegessen? Ich verstehe das Gericht nicht und schmecken tut es auch nicht.
Die Gänseleber Strauß ist durchgefallen, bitterer Beigeschmack, unlecker. Da hilft es mir auch nichts, dass der Typ sie in ein lustiges Förmchen presst. Hallo? Kindergarten nach meinem Geschmack. Die 4 Jährigen können die Förmchen z.T. auch sehr hingebungsvoll. Der Inhalt muss stimmen, gerade bei so einem Produkt, sonst bitte Sand nehmen.
Es ist sehr gekühlt per Klimaanlage in dem Laden und Stephan sagt ausnahmsweise der Bedienung mal Bescheid, die offenbar nichts merken. Alle Frauen tragen Stickjacken oder die Sakkos der Männer und frieren ganz offensichtlich, aber es war denen nicht aufgefallen. Das was ich abgewählt hätte, Auster und Aal mit gefrorenem Wasabi gerieben, schmeckt am besten und der Nachtisch ist lecker und ganz lieb gebastelt.
Der grüne Nachtisch sieht schlimm aus, schmeckt aber, auch das Ayran-Sorbet und der japanische Kirschgarten ist auch gut gemacht, handwerklich, aber schmeckt auch.
Dafür warten wir auf die letzten beiden Gänge fast 1,5 Stunden. Ist irgendwie Zeitverschwendung, weil sooo gut gefällt es mir in ihrem Wintergarten mit den anderen Spießergästen dann auch wieder nicht und ich bin müde und unleidig, außerdem bin ich mir sicher, dass es keine Pärchen sind, sondern zwei Schwulenmuttis mit Begleitung am Nachbartisch.
Der Mond geht knallrot auf über dem Horizont, wie ich es nur von der untergehenden Sonne am Meer kenne. Das entschädigt etwas, wenn hier tatsächlich eine Entschädigung überhaupt vonnöten war.
24.08. Aufstehen und erst mal eine kleine Runde Wellness, nein vorher Fahrräder sichern, first come, first serve. In unserem neuen Hausdress gekleidet treffen wir eine Rentnerin am Fahrstuhl, die sich schon frühstücksfein gemacht hat. Sie erklärt uns, dass ihr Zimmer ganz hinten an Ende des Ganges sei und der Fluchtweg ganz vorne. Hätten wir uns das auch angeschaut, den Fluchtplan? Nee. Ich wollte schon sagen, na dann Krematorium, aber ist irgendwie Quatsch, im Flugzeug sind ja auch nicht nur am einen Ende die Notausgänge. Um was die Deutschen sich so Gedanken machen im Urlaub. Ein Saunagang genügt, dann Frühstücksbüffet (mit Kinderecke)
und mit den wirklich tollen Nostalgierädern mit saubequemen, breiten Sätteln auf zum Familientreffen. Die Fotocollagen zeige ich nachmittags. Auch Jutta, eine Freundin meiner Tante, wird wieder dabei sein. Ich mag sie sehr. Wir trennen uns kurz und Stephan nutzt jede 30-Minuten Pause für Wellness. Dann Fischereihafenfest mit Seil selber machen zwischen Köstritzer – und Fischbrötchenbuden, schnell weg. Ich darf kein Nostalgieklapprad kaufen, weil ich Fahrradmessie werde und ich darf keine Fahrräder sammeln. Fähre zum Priwall und etwas Rad fahren mit meiner Cousine und dem Sohn. Herrlicher Himmel. so weit. Die Kühe misstrauen mir wieder und ich komme wieder mit meiner Mäuschen-Locknummer nicht gut an.
Collagen aus dem Hotel holen und Kaffee trinken bei meiner Tante. Weitere 7 finden ein neues Zuhause.
Ich bin glücklich 9 weniger und nur 8 wieder zurück nehmen. Das ist ein großer Erfolg. Stephan balanciert zwar den Koffer auf dem Rad ruft mir aber zu, dass er ein Reh auf der Straße gesehen habe und was für ein süßes. Ich drehe um und berge es. Es ist mein neuer Lieblingsfotostar.
Vor dem Abendprogramm noch einen Waschgang für meinen Mann, dann noch mal mit der Familie treffen.
Mein Cousin ist auch dabei: Er findet die Speisekarte zu klein, zu wenig Auswahl. das sei doch nix. Wir hingegen sehen es als Zeichen guter Küche, wenn die Karte keine 800 Gerichte aufweist. So verschieden kann das sein. Das Thema Politik. Lübeck ist verschuldet wegen der SPD und der Flughafen funktioniert nicht und dann bauen sie solche Bespaßungs- und Trim-Dich-anlagen überall hin. Dafür haben sie Geld. Wir probieren das gleich mal aus und hat sich gelohnt. Gute Steuergeldinvestition. Bin ich dafür.
Heute geht uns der Mond nicht durch die Lappen. Ein Schiff kreuzt. Man bräuchte eine Profi-Kamera mit richtig guten Objektiv. Festgehalten werden muss es trotzdem…
Stephan will einen Absacker an der Hotelbar nehmen, aber da sitzt nur ein Gast und ein Hammondorgelspieler und in der großen Bar singt eine schlimme Sängerin, hier lief gestern live Musik von Großleinwand. Ich bin absolut abgeschreckt und will nur schnell aufs Zimmer. Eine sehr langweilige Begleitung, die schon um 21 Uhr im Bett liegt. Später ist wohl noch Feuerwerk, aber davon bekomme ich nichts mit.
25.08. Ich werde viel zu früh wach und schreibe eine Runde Tagebuch am Rechner und denke, dass Stephan schläft, aber ich nerve ihn in Wirklichkeit. Dann gehe ich in den Flur und tippe weiter und es kommt eine Frau mit bett-verwuschelten Haaren und kurzer Pyjama-Hose, die mich sieht und erst mal „Entschuldigung“ sagt. Ich sage nichts und sie dann. „War das große Schiff schon da?“ Wir haben kein einziges Mal die Dusche im Zimmer benutzt darf ich zu unserer Verteidigung sagen. Stephan macht wieder Sport und Schwimmen. Ich nicht. Ich bin sauber genug und habe auch genug davon. Es langweilt mich dann doch schnell. Außerdem ist die Stimmung zwischen uns schlecht, weil ich so unruhig bin und asozial. Martin kommt noch mal vorbei seine Jacke abholen, die in Stephans Rucksack verblieben war. Cousine will fahren bzw. der Sohn, Stephan will Wellness. Ich bin zwischen allen Stühlen, will es allen recht machen und mache es keinem Recht. Frust. Dann rufen noch meine Eltern an, dass ich bei Niederegger für die goldene Hochzeit von Freunden von ihnen eine Torte aussuchen soll. Ich bin bedient. Ich will auch mal raus zum echten Wasser und nicht alles nur geklärt und gefiltert und hinten der Hecke. Ich will mich dreckig machen und gehe zum Strand.
Dann diese Torte zur goldenen Hochzeit für Dritte auswählen. Irgendwas mit Rosen. Ja, das nehmen wir. Ach ja, welche Größe. Scheiße, was darf ich noch alles im Kurzurlaub hier machen. Ich bin genervt von der spießigen, ausländerfreien Ostsee und den Typen hier mit ihren rosa Polohemden á la Sylt. Ich kotze im Strahl. Wir fahren noch mal zu meiner Tante, Stephan kommt mit und sitzen etwas auf dem Balkon. Der Hund ist alt.
Sie erzählt von früher. Kinderkrankheiten und Isolation von den Eltern. Wie sie ihren Mann kennengelernt hat. Schaffner haben Pakete mitgenommen für die Geschäfte und der eine nimmt kein Trinkgeld, hat ihre Mutter lobend erwähnt und das war dann ihr späterer Mann. Erst mal nach dem Krieg mit insgesamt 5 Geschwistern, einer Tante und einer Oma auf 2 Haushalte verteilt, eine Gärtnerei. Die Lehre im Arzneimittelgroßhandel, flüssige Stoffe, Drogen waren Tees. Sie hat eine Abschlussarbeit darüber gemacht in einen Schaukasten aus Holz. Der Abschied ist harmonisch. Stephan macht noch mal…. drei Mal dürft ihr Raten…. Wellness. Etwas Sport und Salzwasserbecken. Ich denke, wenn wir den Zug verpassen, dann müssen wir Claudia in Hamburg halt absagen, bin aber natürlich trotzdem total angespannt und lauere vor dem Eingang. Zuerst hatte mein Mann mich gesucht. Innerhalb der ersten 10 Minuten musste ich nicht dabei rechnen und ich hatte mich in einem Strandkorb „versteckt“ und das Hotelpersonal suchte mich schon um mir zu sagen: „Ihr Mann sucht sie“.
Travemünde Strandbahnhof. Ein Mann mit Plastiktüte und Jogginghose spricht uns am Automaten an, wo wir hin wollten. Hamburg-Altona. Er könne eine Person mitnehmen für 10,- €. Kostet sonst 13,20 €, aber mich lockt das Abenteuer. Er hat einen Schwerbehindertenausweis mit Merkzeichen „B“. Vielen sagt das nichts, erklärt er uns. Mir schon. Ich finde es ist nicht die feine Art das so zu vermarkten und wusste es auch nicht bei Abschluss des Gesprächs, dachte an eine gute Tat, Niedersachsen Ticket. Er fährt viel rum. Mittwoch will er nach Westerland. In Hamburg hat er ein Haus mit 500 qm. Er muss aber wieder in die Tagesklinik. Sonst wäre er immer 2-3 Monate nach Thailand geflogen, aber die ganzen Anzüge, die er sich dort schneidern lässt, trägt er doch nicht und die Depression nimmt man ja mit. Warum die Menschen nach Thailand fliegen, „das weiß ihr Mann“, stellt er fest und ich sage: Sex. Er hat Arzneimittelgroßhandelskaufmann gelernt (ich frage) und war dann bei einer Bank oder Versicherung. Das weiß ich nicht mehr. Helmut Schmidt war früher sein Kunde. Er hört schlecht, das Rauschen, er muss zum Arzt. Er versteht Bundesgartenschau und sagt, die wäre schlecht, da habe er schönere Blumen in Sierksdorf im Stadtpark gesehen. Ich frage nach seinem Garten von dem Haus in Hamburg, den macht er nicht selber, er habe einen Verrückten, der das mache würde. Verrückt, weil er kein Geld dafür nimmt und darauf besteht nackt zu gärtnern. Ihm sei das ja egal. Es wäre einmal ein schwarzes Auto mit vier jungen Männern langsam vorgefahren. Die wollten wissen, ob er einen Nudistenklub betreibe und er sagte, „ja, aber wenn Du seinen Schwanz anfassen willst, musst Du mir 100,- € dafür zahlen“. Dann hätten die gelacht, weil das sonst ihr Job wäre, Leuten dafür Geld abzunehmen und seien weitergefahren.
Unser Begleiter ist Insider und weiß, welches Gleis, welche S-Bahn, vorne oder hinten einsteigen. Bei der Station St. Pauli flüstert er zu mir: „die sündige Meile“. Ah-haa, denke ich mir. Originell oder echt?? Zum Schluss wird er anhänglich und will wissen, ob unsere Freundin schon da ist und ich denke, ist er jetzt mein Begleiter und ich schwerbehindert oder was. Er will zu Lidl, die haben hier sonntags geöffnet im Bahnhof und dann zurück fahren nach Blankenese. Claudia holt uns vom Gleis. Neuer Stadtteil, neues Gefühl. Vor der Tür des Bahnhofs ist afrikanisches Straßenfest mit Zuckerrohr, gegrillten Maiskolben, Hähnchenspießen, Haare flechten, Trommeln und wir mit dem Megagepäck dazwischen. Das macht kein Spaß und Stephans Laune mit den beiden Koffern ist unten. Ansonsten ist ihre neue Wohnung und die zu besichtigen war da letzte Etappenziel sehr schön und ganz hell. Dort gibt es erst mal Rosé und Mineralwasser und ein Stück Zwetschenstreusel für den Mann um ihn wieder her zu stellen. Mir gefällt das steile Treppenhaus und der Fußboden dort mit dem interessanten Muster und es sind nur 6 Parteien im Haus. Mittendrin, aber ruhig. Unten ist ein Grieche, der Kultstatus haben soll, aber gerade Sommerpause hat. Hier gibt an jeder Ecke einen Grieche, aber auch sonst viele schöne Cafés, Eisdielen, Schuhläden, Treibgut und Feinkost. Sieht alles sehr positiv aus für den gelungenen Neuanfang unserer Freundin.
Ich schlafe so gut, dass ich morgens aufwache und nicht weiß, wo ich bin. Das Ende einer Kurzreise.
Beim Aussuchen der Fotos ist was Merkwürdiges, nie Dagewesenes passiert. Es gibt ein Foto auf unserer Kamera, jetzt Rechner, was weder ich noch Stephan gemacht haben und es datiert vom 14.06.2014. Ein schöner Abschluss dieser Reise, so dass ich es nicht vorenthalten möchte.
Reisetagebuch Zwitter 23.08.2013
Dieses mal umgekehrt, erst die Postkarten, dann der Bericht dazu.
Das Raten ist nicht schwer, es war ein Kurztrip an die Ostsee zu meiner Tante, ein Wochenende nach der Schweiz. Da einige Zeitungsausschnitte noch von der vergangenen Reise übrig geblieben waren, wurden sie mit verbastelt und so entstand das Reisetagebuch „Zwitter“. An der langweiligen Ostsee war viel Zeit zum Tuschen…
Outfit 22.08.2013
Outfit 19.08.
die kurze Woche mit Gartengemüse
19.08. Überraschungen nach dem Urlaub. Der Perso von Stephan ist nicht in der Post, dafür 7 entwertete Titel der Telekom, auf die ich gewartet habe in einem außergerichtlichen Schuldenbereinigungsverfahren (insgesamt ca. 12 Gläubiger). Das war cool, dass das geklappt hat und für mich auch ein Novum, zumal eine bestimmte Vergleichssumme zur Verfügung stand und das Gericht die fehlende Zustimmung einer Minderheit der Gläubiger einfach ersetzt hat und dann konnte man sich das ganze jahrelange Insolvenzverfahren sparen und hat die Quote ausgezahlt und die Titel wieder zurück gefordert.
In einer anderen Betreuungssache hatte ich vor der Reise nach einem Widerspruch im Mahnverfahren und angesichts der Terminierung um 9 Uhr morgens beim Amtsgericht Stadthagen angekündigt, die Hauptforderung anzuerkennen. Hier wurde die Klage zurück genommen, so dass ich zum Termin nicht erscheinen muss. Auch gut.
Was manchmal als Beratungshilfesache daher kommt, entwickelt sich dann ganz anders. Mein Mandant kommt in Begleitung eines Sozialarbeiters der Wohnassistenz, der mich als Anwältin empfohlen hat. Seine Eltern sind nacheinander verstorben. Der Vater am 10.07. und die Mutter dann am 20.07. Der Bruder war Betreuer der Eltern und mein Mandant ist Alleinerbe geworden. Die Erbschaft beträgt ca. 60.000,- €. Ich soll ihm behilflich sein. Beratungshilfe können wir vergessen, es wird nach RVG abgerechnet.
Eine junge, intellegente Frau bewirbt sich als Betreute und will mich kennen lernen. Das Gespräch verläuft gut. Ich bin ihr von einem Schützling von mir empfohlen worden. Ich denke, es waren wechselseitige Sympathien vorhanden.
Mittags gehe ich nach Hause um all die leckeren Schweizer Lebensmittel zu essen. Das ist toll. Wir müssen bestimmt 2 Wochen außer Milch und Brot und frisches Gemüse und Obst nichts einkaufen. Quark, Mandelblättchen, andere Leckereien aus Konditoreien und Bäckereien, 7 Kalbsbratwürste, Speck und Käse und andere Dinge sind im Kühlschrank und ich freue mich ohne Ende darüber.
Abends gehe ich nach Wochen mal wieder zum Sport und turne ausversehen auf einer Kindermatte, was ich aber nicht merke, bis die Studioleiterin mich darauf aufmerksam macht. Danach gibt es Käsenudeln. Der Schweizer Käse zieht feine Fäden, wie ein Spinnennest sieht es im Topf aus. Dazu Tomatensalat. Sehr leckere macaroni and cheese.
20.08. Endlich mal wieder ein toller Traum, den ich den ganzen Tag noch weiß und erst abends niederschreibe. Es handelt sich um eine juristische Prüfung, aber irgendwie sind die Fragestellungen weniger juristisch. Es sind insgesamt 4 Fragestellungen. Man soll aus zwei Buchstaben zwei Abkürzungen bilden. Ich nehme SB für Selbstbedienung und Suchtberatung und die anderen rätseln noch. Es gibt eine Aufsicht, wie bei den juristischen Klausuren und Examina. Dann soll man irgendwie Punkte verbinden und daraus ein Gebäude darstellen. Ich will aus Pelztaschen, die ich aus einem Magazin ausschneide Häuser malen mit dem Kuli und dann aus Alu-Folie Fenster ausschneiden wie Hundertwasser. Dann bin ich in einem Klamottenladen und sage der Inhaberin, dass sie schöne Sachen hat, aber schlecht präsentiert. Sie beauftragt mich mit der Gestaltung des Schaufensters und Ladens und das kann ich dann irgendwie als Prüfungsaufgabe machen. Ich sage viel weniger hinlegen und das dann beleuchten und irgendeinen roten Faden bei der Deko. Vielleicht irgendwas Buntes aus dem Supermarkt. Dann tut es mir leid, dass ich nicht so gut in so etwas bin wie meine Freundin Andrea, die ständig hier das Schaufenster des Hutladens umgestaltet und ich versuche mich daran zu erinnern, wie sie das macht. Dann bin ich wieder an meinem Platz und gebe die Arbeit ab. Ich habe lauter Fanpost bekommen, die ich durchlese von rothaarigen Männern, die mir Fotos schicken und Briefe und meine Sachen bewundern. Dann sehe ich mich selber von hinten. Der leichte Buckel stimmt bei der Figur, aber ich habe einen total großen und breiten Hintern. Erstens ungewöhnlich sich so von hinten zu sehen und dann weiß ich jetzt, auch wenn ich mir mehr Hintern wünsche, es passt nicht zu mir. Ich war mir ganz fremd von Hinten.
Beim Gericht sind mal wieder Einlasskontrollen. Im Trakt der Staatsanwaltschaft steht ein Typ im Flur, der mir von weitem auffällt wegen seines abartigen Hemdes bzw. des Musters. Es ist kurzärmelig und hat braune Flecken als Muster. Das sieht aus als hätte ihn jemand mit Scheiße beworfen. Dazu trägt er eine schlecht sitzende Jeans und ein Schild, was senkrecht an der Knopfleiste seines Hemdes hängt und auf dem steht: „Besucher“. Ein Bild für Götter.
Regionalexpress-Fahrt zu Herrn PM. Er ist auf der dritten Station mittlerweile. Er kam alkoholisiert aus dem Ausgang und ist wieder auf der geschlossenen. Ich warte mit einem sportlichen, grauhaarigen Mann, der auch mit seinem Rad in der Bahn hergefahren ist und den ich auf dem Klinikgelände wieder begegne. Er hat das Haus schneller gefunden und wartet schon vor der Tür zur Station als ich eintreffe. Es ist Gruppenvisite, d.h., dass die Patienten alle im Kreis sitzen und was erzählen, sich gegenseitig, ihre Befindlichkeiten. Ich höre nur meinen reden. Er ist erstaunt mich zu sehen und will mit mir in sein Zimmer. Dort liegen 6 Hüte auf einer Ablage und zwei Gitarren auf dem Bett. Ich frage nach dem erneuten Stationswechsel und er sagt, das sei eine Station für Depressive gewesen und die seien nicht so mit ihm zu Recht gekommen. Ich frage ihn, ob Alkohol im Ausgang was damit zu tun haben könnte. Er dementiert. Die zwei kleinen Biere, die er hatte, die wären längst wieder abgebaut gewesen. Ich gebe ihm seine Post. Teilweise habe ich die Briefe aufgemacht (von der Bank z.B.). Das regt ihn auf, die anderen öffnen wir dann zusammen bzw. ich soll es tun, weil er Werkzeug dafür braucht, aber bei mir der Finger reicht. Ich soll die Post auch beantworten und bearbeiten, sofern es sich nicht um Werbung handelt, was überwiegend der Fall ist. Als es um die Wohnungssuche geht, bei der ich Skepsis äußere, fängt er an rumzuschreien, dass ich ihm diesen Beschluss reingedrückt hätte. Irgendwann kommt jemand vom Personal und fragt, ob alles in Ordnung sei und sagt, dass ich nicht alleine mit ihm im Zimmer bleiben soll, lieber in den öffentlichen Tagesraum. Ich will gehen, weil ich mich nicht anschreien lassen will. Er sagt, dass er mir nichts tut. Ich enttäusche ihn vielleicht indem ich ihm auch sage, dass ich keine Angst vor ihm habe. Er will mir erzählen, wie es wirklich war. Eine Bande, die chemische Drogen herstellt und er hätte ein paar Mal Amphis genommen. Die hätten ihm aber LSD und Cristal Meth untergejubelt und sich amüsiert, wie er abgegangen sei. Deswegen sei er zum Soko und hätte die auffliegen lassen und die seien nun hinter ihm her. Wir kommen überein, dass ich ihn mal beim Wohnungsamt anmelden soll. Er sabbert vor lauter Erzähldrang auf meine Tasche und wischt es ab und entschuldigt sich, sei nur Speichel gewesen. Er sei aufgeregt. Als ich gehe, bestätigt er, dass ich ganz schön in Ordnung sei und entschuldigt sich. „Nichts für ungut, vertragen wir uns wieder, sind Sie mir nicht böse, ne?“ Ich sage, natürlich nicht, alles gut.
Abends gibt es Kalbsbratwurst als Currywurst mit Paprikagemüse. Was wir alles aus diesen Schweizer Lebensmitteln machen. Das dürfen die Schweizer gar nicht wissen.
21.09. Anhörung zur Verlängerung einer Betreuung dauert 2 Minuten. Ich fahre dann zu einem Betreuten, den ich selten sehe und der sehr krank ist. Vorbei an herrlicher Streetart in Kleefeld.
Er hat einmal studiert und jetzt kann er kaum noch was. Wohnt in der Wohnung der Eltern, die in einem anderen Bundesland sind und nur teilweise zu Besuch da. Er bettelt die Nachbarn und Taxifahrer am Taxistand an. Ich hatte über den Vater einen Brief von einer Nachbarin bekommen, die sich Sorgen macht und helfen will. Ich klingele und er macht nicht auf, kommt dann aber um die Ecke. Wir gehen rein. Er ist total aufgeregt und kann auf keine Frage adäquat antworten. Er sucht seinen Ersatzschlüssel. Überall sind Kippen und leere H-Milch-Packungen. Er will Geld, den ambulanten Wohnbetreuer, der ihm das bringt, vor mir hat er Angst. Kann ich ihm einen Kaffee ausgeben. Ich denke, warum nicht, dann halte ich ihn noch etwas bei der Stange. Wir betreten den Kiosk, der voll ich mit Kunden, die Fachzeitschriften und Tabak kaufen wollen, sowie Lottoschein ausfüllen oder abgeben. Als der Inhaber meinen Betreuten sieht schreit er: raus hier. Sie haben hier nichts zu suchen und ich sage daraufhin. Ich wollte Herrn W. einen Kaffee ausgeben. Das ginge nicht, er dürfe auch nicht Leute anbetteln, sagen die Eltern. Ich sage, ich bin die gesetzliche Betreuerin und sei zu Besuch. Dann sei das wohl ein wenig anders. Ja dann wolle er sich entschuldigen bei mir und bei meinem Betreuten und den Kaffee wie immer mit Milch und Zucker. Meiner rennt sofort wieder los und verschüttet seinen 80 Cent Kaffee. Für mich ist es eindrucksvoll hautnah zu erleben, wie er vertrieben wird wie ein räudiger Straßenköter. Als ich gehen will spricht mich ein Mann an der Ecke an mit Kruzifix an einer Halskette und fragt, ob ich die Betreuerin sei. Das sei schlimm mit ihm, er würde alle anbetteln und die Eltern, die hätten doch Geld und warum sie ihn nicht zu sich nehmen würden. Er sei ja auch psychisch krank, aber nicht so doll, aber er bekomme auch Ergotherapie und demnächst Wohnbetreuung, 2 mal die Woche. Während meiner draußen herumtigert kommt er noch mal rüber und nutzt die Gelegenheit meinen Gesprächspartner nach einer Zigarette zu fragen, die er nach einem Augenaufschlag und einem kurze Protest des Angeschnorrten, ich habe auch nicht viel Kohle und habe Dir gestern schon eine gegeben, auch bekommt. Ich fahre im Anschluss noch zur MHH und besuche eine sehbehinderte, die sehr auf mich fixiert ist. Die ist über den Spontanbesuch ganz aus dem Häuschen. Unsere Frau A. ist da. Wie hübsch sie wieder aussieht. Unsere Betreuerin schwärmt sie allen auf Station vor.
Abends nach dem Sport kommen junge Verwandten meines Mannes, die uns Bücherregale, die einmal handgefertigt wurden und die man als Bilderrahmen nutzen kann abnehmen. Es gibt Suppe aus einer gelben Giftschlangenzucchini. Die sieht aus wie ein großer gebogener Buchstabe oder eine Kobra und passt nicht in das Waschbecken. Ich wollte sie eigentlich fotografieren, war dann aber zu schnell mit dem Schneiden, Kopf ab. Sie kommt aus einem Schrebergarten von Freunden und angeblich hätten wir die Samen gespendet. Ich bin skeptisch, weil es sehr gesund daher kommt, aber mit Schweizer Creme Fraiche verfeinert und Maggi-Kraut lecker und noch mehr Zucchini grün aus dem Garten gebraten mit Knoblauch und Majo aus der Schweiz und frische Brombeeren aus dem Garten in Joghurt gibt es auch. Alles muss weg, weil wir schon wieder eine Kurzreise vor uns haben. Ich mag die jungen Verwandten, die so schön unproblematisch sind und mit allem zufrieden und ich freue mich, dass sie die Maßmöbel mitnehmen.
Noch mehr Gartengemüse, die Peniskarotten:
22.09. Arbeiten, Akte kopieren bei der Ausländerstelle. Wieder deprimierendes Kapitel in Sachen Ausländerrecht. Lustige Karikatur über dem Kopierer mit: Das ist Akteneinsicht, was meinen Sie warum die sonst da hinten ein Loch drin haben. Beim Kopieren vergeht einem die Lust.
Der Akteninhalt ist langwierig, aber ich will, dass er gelesen wird. Mein Betreuter ist ein supernetter junger Mann, der immer ganz leise sagt, das sind schöne Farben, Frau A. oder die Bluse gefällt mir. Einmal haben wir ihn am Samstag mit der Familie auf der Limmerstraße getroffen. Er hat eine Frau und 3 Kinder und grüßt mich auch immer von seiner Frau. Ich war mit dabei als er seine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekommen hat und habe ihm noch das Geld dafür geliehen. Die Vorgeschichte sehe ich heute anhand der Ausländerakte der Landeshauptstadt Hannover und finde den Inhalt skandalös:
geb. 12.09.1980
13.11.89 Einreise des Vaters (aus der Türkei)
24.11.89 Asylantrag des Vaters
21.03.90 Einreise der Mutter und den vier Geschwistern
28.03.90 Asylantrag der Restfamilie
09.05.90 Asylantrag abgelehnt
Begründung Anhänger der PKK 2 Strafverfahren, weil er (der Vater wohl) Freiheitskämpfern zur Flucht über Syrien verholfen haben soll, Ausweise gefälscht, Behörden bestochen. Hat sich 1985 gestellt nachdem seine Frau abgeholt worden sei. 14 Tage lang in Cizre festgehalten und anschließend 2 Monate und 20 Tage gefoltert. 4-jährigen Sohn wurde von türkischen Soldaten das Bein gebrochen, der Mutter die Zähne ausgeschlagen, weil ihr Mann auf der Flucht und sie ihn verraten sollte.
„Aus dem Vorbringen der Antragsteller ergeben sich unter Berücksichtigung der Lage in der Türkei keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür, daß sie sich aus begründeter Furcht vor Verfolgung außerhalb ihres Heimatstaates aufhalten oder bei einer Rückkehr mit Verfolgungsmaßnahmen im Sinne der genannten Vorschrift rechnen müssen.“
Aus dem Urteil des Gerichts für schwere Strafen in Midyat geht hervor, dass der Antragsteller vom Vorwurf der Bestechung freigesprochen wurde. (Anm.: na, dann). „Der vom Antragsteller vorgelegte Beleg – Verhörprotokoll vom 08.07.1989 des Friedensgerichts Nusaybin wegen Unterstützung der PKK – ist ebenfalls nicht geeignet eine politisch motivierte Verfolgung des Antragstellers annehmen zu können.“….“Dieser Einschätzung wird durch die während des Strafverfahrens ca. 1985 erlittenen Folterungen nicht beeinträchtigt, die ohne Zweifel eine menschenunwürdige Behandlung darstellen, jedoch im Rahmen eines kriminellen Strafverfahrens standen und mit der im März 1989 erfolgten Ausreise nicht mehr im Zusammenhang gesehen werden können und bei einer Rückkehr erneute Folterungen aus diesem Grund auch nicht zu erwarten sind.“ (!!!!)
„Der Vortrag der Antragstellerin zu 2), ihr seien die Zähne ausgeschlagen worden, weil ihr Mann auf der Flucht gewesen sei, ist asylrechtlich irrelevant. Sollte es tatsächlich dazu gekommen sein, ist der Antragsteller davon überzeugt, daß diese ihr widerfahrenen unmenschliche Behandlung im Rahmen der Strafverfolgung ihres Ehemannes 1985 passiert ist und weder politisch motoviert war, noch in einem kausalen Zusammenhang mit der jetzigen Ausreise steht.“ (!!!!)
26.06.90 Abschiebungsandrohung
26.07.90 Klage
21.01.91 Geburt der Schwester
13.01.92 Klage bzgl. des Vaters nach Rücknahme eingestellt
12.03.92 Asylfolgeantrag des Vaters
07.10.93 Verwaltungsgericht Oldenburg stellt fest dass bzgl. der Mutter und des ältesten Bruders die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG vorliegen, im Übrigen wird Klage abgewiesen.
Anwältin hat 08.09.2000 den Antrag für meinen Betreuten, damals 20 auf Feststellung der Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG, zurückgenommen.
„Am 06.09.1994 wurde Ihnen als minderjährigem Kind nach §… erstmals eine bis zum 05.09.1996 befristete Aufenthaltsbefugnis zur Wahrung der familiären Lebensgemeinschaft erteilt, die in der Folge, zuletzt befristet bis zum 09.12.2000 verlängert wurde. Vom Landkreis Cloppenburg wurde Ihnen am 25.02.1997 irrtümlich ein Internationaler Reiseausweis ausgestellt, in den eingetragen wurde, dass die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG vorliegen.“
Am 26.10.1999 beantragte Sie die Erteilung einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis.
Erstmals am 06.09.1994 eine Aufenthaltsbefugnis erteilt, die fortlaufend bis 26.09.2002 verlängert wurde.
2002 wird die Ausweisung angeordnet.
Anwalt 2002: Mandant befindet sich seit 12 Jahren in der BRD und besitzt seit dem 06.09.1994 eine Aufenthaltsbefugnis.
13.01.2003 Antrag beim Verwaltungsgericht Hannover. Wird abgelehnt. Antrag beim Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht wird am 14.03.2003 abgelehnt.
Schreiben Stadt Hannover vom 05.05.2003, dass Abschiebung soll bis zum 15.05.2013 erfolgen soll. „Dabei bitten wir zu beachten, daß Sie höchstens 20 kg Gepäck mitführen dürfen“.
12.05.2003 Petition an den Niedersächsischen Landtag durch meinen Betreuten. In Oldenburg zur Grundschule gegangen. „Vor ca. 2 Jahren wurde ich von meinen Eltern mit meiner Cousine …zwangsverheiratet. Aus dieser Zwangsehe ging ein Kind hervor. Ich habe mich inzwischen scheiden lassen. Für den Unterhalt des Kindes komme ich auf. Wegen dieser Problematik habe ich die Beziehungen zu meinen Eltern und anderen Verwandte abgebrochen. In der Türkei könnte ich deshalb in der Heimatregion meiner Eltern nicht leben. Neben Deutsch spreche ich auch meine Muttersprache kurdisch. Die türkische Sprache ist für mich eine Fremdsprache. Ich fühle mich inzwischen ein Teil der deutschen Gesellschaft und habe in der Türkei keinerlei Lebensmöglichkeiten. Meine ganze Verwandtschaft (Brüder, Onkel) leben als anerkannte Flüchtlinge in Deutschland. Mir ist ursprünglich kein Asyl gewährt worden, weil die Meinung vertreten wurde, dass mir als Kind nichts drohe. Nur Erwachsene Mitglieder unserer Familie hätten mit politischer Verfolgung zu rechnen.“ Beigefügt war Kopie des Arbeitsvertrages. Handschriftlich an den Oberbürgermeister: “Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Bitte helfen Sie mir.“
14.05.2003 ärztliche Bescheinigung über Reiseunfähigkeit wegen blutigem Urin und Fieber.
10.04.2003 Attest der Firma, dass mein Betreuter 35 % des Umsatzes der Firma generiert.
20.06.2003 Petition vom Landtag abgelehnt.
24.07.2003 Asylfolgeantrag durch Anwältin. Begründung diverse öffentliche Auftritte als Musiker mit PKK-nahen Gruppen und Musikern. 2002 Newroz-Fest in Hannover, 6 weitere Auftritte in Köln und im gesamten Bundesgebiet.
Abgelehnt, weil zu spät gestellt. Antrag scheitert bereits an den Zulässigkeitsvoraussetzungen.
23.07.2003 Klage auf Erteilung eines Aufenthaltserlaubnis, hilfsweise Aufenthaltsbefugnis.
16.02.2004 Anwaltsschreiben einer anderen Kanzlei an Landeshauptstadt, „unseren Mandanten weiterhin im Bundesgebiet zu dulden“.
17.11.2003 Verwaltungsgericht Hannover lehnt Antrag auf Aufenthaltserlaubnis ab.
09.12.2004 Festnahme zur Abschiebung.
Duldung wegen Asylverfahren. 22.11.2005 Antrag auf Durchführung eines weiteren Asylverfahrens wird abgelehnt. Zum Thema Musiker O-Ton des Gerichts: „Der Antragsteller hat in diesem Zusammenhang lediglich vorgetragen, dass er eine kurdische Musikgruppe seines Onkels bei einem kurdischen Festival begleitet und als Musiker im Fernsehen aufgetreten sei. Dass er hierbei an exponierter Stelle als ernst zu nehmender Kritiker an den Verhältnissen in der Türkei wahrgenommen werden konnten und daher bei einer Rückkehr in die Türkei Verfolgungsmaßnahmen i.S.d. Art 16 a Abs. 1 GG bzw. § 60 Abs. 1 AufenthaltG ausgesetzt sein könnte, ist seinem Sachvortrag nicht zu entnehmen.“….“Dies gilt auch unter Berücksichtigung der Behauptung des Antragstellers, wegen der Vorfälle, die sich nach seiner Rückkehr in die Türkei ereignet haben sollen, psychische Probleme zu haben. Unter Berücksichtigung der Angaben des Antragstellers ist nicht erkennbar, dass er an einer schwer wiegenden psychischen Erkrankung leidet…hat lediglich erwähnt, dass er Schlaftabletten einnehmen würde, weil er ansonsten nicht einschlafen könne“…
24.11.2005 Duldung erloschen, zur Ausreise verpflichtet. „Wir weisen ausdrücklich noch einmal darauf hin, dass eine Abschiebung zu einem unbefristeten Einreiseverbot führt“.
Niederschrift über eine Anhörung beim Flüchtlingsamt 02.11.2005 in Nürnberg.
F: Wie genau sind Sie eigentlich im August 2004 in die Türkei zurück gekehrt?
A: Es war so, dass mir gesagt wurde, dass ich freiwillig in die Türkei zurückkehren müsste. Man sagte mir, dass man mich ansonsten abschieben würde. Ich musste dann zum Generalkonsulat gehen. Dort bekam ist einen Zettel. Mit diesem Zettel konnte ich dann in die Türkei einreisen…
F: Auf welchem Weg sind Sie am 27.08.2004 in die Türkei zurückgekehrt?
A: Ich flog mit einer Maschine der Turkish Airlines von Hannover nach Istanbul.
Als ich in die Türkei zurückkehrte, wurde ich von Polizisten in Gewahrsam genommen, Ich wurde dort drei Tage in einem Gefängnis festgehalten. Man fragte mich warum ich in die Türkei zurückgekehrt sei. Man fragte mich nach dem, was ich hier gemacht hätte. Man fragte mich auch nach dem, was meine Eltern hier tun würden. Man fragte mich, warum ich in die Türkei zurückgekehrt sei, obwohl ich dort überhaupt keine Verwandten oder Bekannten hätte“…“Nach drei Tagen wurde ich zusammen mit anderen Gefangenen in einem Transport nach Cizre geschickt. Dort wurde ich zur Antiterrorabteilung gebracht. Sie stellten mir Fragen zu meiner Betätigung als Musiker. Es ist so, dass wir hier viel aufgetreten sind. Man hat uns oft im Fernsehen gesehen. Ich war oft mit bekannten Sängern, beispielsweise mit …., aufgetreten. …Der Beamte der Anti-Terrorabteilung, der mich befragte, fragte dann danach, ob ich Kurier der PKK sei. Als ich das verneinte, änderte sich sein Tonfall sofort. Er sagte, dass ich nie wieder die Freiheit erlangen würde. Er hielt mir eine Pistole an den Kopf. Ich war sehr eingeschüchtert. Ich hatte bis dahin nie etwas mit der Polizei zu tun….Er gab mir Bedenkzeit. Er ließ mich mit dem Dolmetscher allein. Ich weinte. Der Dolmetscher riet mir, die Fragen so zu beantworten, wie der Beamte es wollte. Er sagte mir, dass ist dann ein gutes Leben haben würde. Andernfalls würde es nur Probleme geben. Es war so, dass man bei meiner Festnahme mein Handy mit beschlagnahmt hatte. Die Sicherheitskräfte sichteten dann das Telefonbuch in dem Handy. In dem Telefonbuch befanden sich Telefonnummern verschiedener Unterstützer der HADEP. Unter anderem befand sich der Name des Bürgermeisters von Cizre darin. Dieser ist ein Patenkind meines Vaters. Mein Vater hatte mir die Telefonnummer dieser Leute gegeben, damit ich mich bei ihnen melden könnte… Ich musste meine Aussagen jeweils unterschreiben. Irgendwann kam dann die Frage nach der Kuriertätigkeit für die PKK. Als ich die Frage verneinte, änderte sich die Atmosphäre sofort. Sie schüchterten mich so sehr ein, dass ich schließlich die Frage nach der Kuriertätigkeit bejahte. Ich wurde dann freigelassen. Es war so, dass man mir vorwarf, dass ich jetzt kämpfen gehen solle. Man forderte mich daher auf, mich täglich bei ihnen zu melden.
F: Wurden Sie anlässlich Ihrer Festnahme misshandelt?
A: Ja.
F: Wurden Sie in Istanbul oder in Cizre misshandelt?
A: Das war in Cizre.
F: Wie sage das konkret aus?
A: Ich möchte da nicht so gerne drüber reden.
F: Können Sie mir wenigstens ungefähr sagen, was dort geschah?
A: Das Ganze fing an, nachdem ich die Frage nach der Kuriertätigkeit verneint hatte und man mir Bedenkzeit gegeben hatte. Danach kam der Beamte wieder. Ich musste mich bis auf die Unterhose ausziehen. Der Beamte hatte einen Gummiknüppel, mit dem er mich schlug. Außerdem verbrannte er mir die Haut am rechten Handgelenk.
F: Gab es während Ihrer Haftzeit noch weitere ähnlich schwer wiegende Vorfälle?
A: Nachdem ich die Frage nach der Kuriertätigkeit beantwortet hatte, wurde ich ja freigelassen. Ich tauchte dann sofort unter.
F: Wissen Sie, ob, nachdem Sie sich nicht mehr bei der Anti-Terrorabteilung gemeldet hatte, nach Ihnen gesucht wird?
A: Ja, mir wurde berichtet, dass man nach mir sucht.
F: Wer hat Ihnen das berichtet?
A: Es war so, dass die Bekannten, deren Namen ich eben schon erwähnt habe, meinem Vater mitteilten, dass nach mir gesucht wird. Sie sagten ihm, dass er schleunigste dafür sorgen solle, dass ich das Land wieder verlasse.
F. Wie lange wurden Sie in Cizre insgesamt festgehalten?
A: Es war dort vielleicht ein oder zwei Tage. Ich kann dies nicht genauer sagen, weil ich zwischendurch auch eingeschlafen bin. Ich möchte noch sagen, dass es jetzt so ist, dass ich kaum allein in einem Zimmer sitzen kann. Ich muss dann unbedingt raus.
23.11.2005 Bestätigung Arbeitgeber, dass mein Betreuter voraussichtlich zum 15.12.2005 seine alte Stelle als Teamleiter wieder antreten wird.
14.12.2005 Fachärztliches Attest, dass er immer wieder auf das Ihmezentrum wollte um sich herab zu stürzen. Der Facharzt schreibt: Er gab an, 17 jg. in die BRD gelangt zu sein und sie vor einem Jahr wieder verlassen gemußt zu haben. Ein Jahr in der Türkei sei er als junger Einzelrückkehrer der Tätigkeit der PKK verdächtigt worden und hätte an sich in den für Kurden besonders unangenehmen Militärdienst gemußt. Auch hätte er sich mit Tuberkulose infiziert, die derzeit nicht infektiöse wäre, und hätte zur Ruhigstellung eines Lungenlappens operiert werden müssen.
In den Jahren in Deutschland wäre er 18 jg. zwangsverheiratet worden. Die Eltern seiner von ihm nicht akzeptierten Frau trachteten ihm nach dem Leben und hätten schon Rächer in die BRD geschickt, die aber gottseidank rechtzeitig wieder abgeschoben worden wären.
In Deutschland wieder mit einer Cousine verheiratet hätte diese ihn verlassen, als sie von seinem z.T. erzwungermaßen unruhigen und bzgl. des Hierbleibens ungesicherten Leben erfahren hätte.
Zurück in der Türkei würde er als Wehrdienstflüchtiger und noch dazu Kurde die schlimmsten Behandlungen befürchten müssen. Der Vergeltung seiner Schwiegereltern wäre er unentrinnbar ausgesetzt, da diese ihrerseits ihre Ehre wieder herstellen müßten.
In dieser Ausweglosigkeit drängten sich Selbsttötungsgedanken für ihn unabweisbar auf und drängten ihn, sein Leben zu beenden. Eigenartigerweise zöge es ihn oben auf das Ihmezentrum mit dem Wunsch, durch einen Sprung sein Leben zu beenden.
Diagnosen: Depression mit Suizidgedanken.
Erneute Eingabe beim Landtag. Landeshauptstadt in einem Schreiben vom 10.01.2006: „Es besteht kein Anspruch auf Erteilung eines Aufenthaltstitels und wir beabsichtigen, den Aufenthalt des Ausländers vorbehaltlich der noch in Klärung befindlichen Transport- und Reisefähigkeit zu beenden.
Auch Landtag lehnt ab, weil eine Integration nicht zu erwarten ist. Hat 8. Klasse ohne Abschluss verlassen. Seit 2003 in ungekündigter Stellung, Arbeitsverhältnis scheint zwischenzeitlich beendet zu sein, bezieht Leistungen vom Staat. Erschwerend kommt hinzu, dass er wegen Körperverletzung zu 6 Monate auf Bewährung verurteilt wurde (Anm.: Jugendstrafe 26.04.2000). Fazit: Alle Angaben widersprüchlich. Tut offensichtlich alles um einen Aufenthaltstitel zu erlangen.
Ab 26.12.2005 in der psychiatrischen Klinik in stationärer Behandlung. Schwere depressive Episode mit Suizidalität. 21.03.2006 folgt weitere Diagnose posttraumatische Belastungsstörung. Keine Reise – und Transportfähigkeit.
Am 22.09.2006 Begutachtungstermin. Langes psychiatrischen Gutachten. Mein Betreuter berichtet immer wieder zusammen brechend unter Tränen, in welcher Weise genau er gefoltert wurde. Die Techniken sind so krass und demütigend, dass er dem Gutachter sagt, dass das niemand erfahren dürfe, sonst würde er sich umbringen. Der Gutachter bescheinigt ihm alle psychischen Störungen und noch mehr. (Anm.: Dieses 44-seitige Gutachten erhalte ich mit anderen Unterlagen über die Rentenversicherung am 07.09.2000).
25.04.2007 Stadt Hannover an RAe Klage hat keine aufschiebende Wirkung, vollziehbare Ausreispflicht besteht.
16.08.2007 zwei neue Diagnosen aus der Klinik: Dissoziative Störung und Depersonalisationssyndrom; beginnend andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung. Suizidalität bei Rückführung in das Herkunftsland.
10.01.2008 gemeinsame Sorgerechtserklärung für Kind, was voraussichtlich am 09.06.2008 geboren wird.
02.06.2010 meine Bestellung. Unbefristete EU-Rente seit dem 15.12.2009.
10.11.2011. Das kannte ich schon. Prüfung der familiären Bindung. Die Ehefrau und mittlerweile 3 Kinder haben die Deutschen Staatsbürgerschaft. Wie ist das Verhältnis zu seinen beiden Kindern. Könnte nicht besser geben. Enge Kontakte? Sehr sogar. Welcher Art sind die Kontakte? Alles was ein Vater und Kind haben. Die Kindesmutter schreibt: „Mein Mann ist der beste Mann der Welt. Jeder kann sich ein Beispiel von ihm nehmen er ist immer für uns da auf Religion sind wir schon verheiratet. Wir warten auf türkische Papiere, dann machen wir das amtlich ich bin wieder schwanger in 11. Woche u. am besten geben sie ihm gleich denn deutschen Pass weil er ein Teil Deutsch ist.
Jetzt geht es um die Einbürgerung. Die soll er nicht bekommen, da er erst seit dem 12.12.2008 eine Aufenthaltserlaubnis hat und davor nur eine Duldung hatte und der rechtmäßige Aufenthalt sei erst nach 8 Jahren am 12.12.2016 erfüllt.
Nach Einsicht in diese Akte koche ich vor Wut und will eigentlich den Staat auf Schadensersatz verklagen. Hatten sie ihm nicht gesagt, dass ihm keine Gefahr droht bei einer Rückkehr und keiner sein Musizieren zur Kenntnis genommen hätte und das auch gar nichts mit politischer Kritik oder Betätigung zu tun hätte. Er ist jetzt lebenslang arbeitsunfähig durch Folter (Erwerbsunfähigkeitsrente bis zum Erreichen der Altersrente am 15.02.2050), weil hier entschieden wurde, der gehört hier nicht her und wird schon nichts Schlimmes passieren. Der Onkel ist behindert durch Folter. Das betrifft die ganze Familie und diese Leute leben unter uns und betreiben hier Imbisse und Kioske und wollen hier leben, obwohl man so hart versucht sie wegzubeißen.
Wir fahren um ca. 16 Uhr Richtung Lübeck. An der Station vor unserem Haus spricht uns ein älterer russischer Typ an mit Bart und Expo-Pin. Ob er uns was fragen dürfe. Er wolle herausfinden, was die Hannoveraner über Leibniz wüssten. Was hätte der denn gemacht. Ich sage, der war Philosoph und Stephan sagt: Universalgenie und Mathe und dann die nächste Frage, was er denn erfunden hätte, wofür er berühmt war und Stephan antwortet: eine Rechenmaschine und der Typ dann: Haben Sie studiert? und Stephan: Ja, aber nicht Leibniz und ich bin auch etwas ungeduldig und erkläre ihm, dass die Uni damals noch nicht so hieß und er solle doch mal zu der Leibniz-Uni hinfahren. Vielleicht hätten die mehr Ahnung. Nein, sie wollten ja gerade wissen, was der durchschnittliche Bürger über Leibniz wisse. Er klärt uns dann auf. Das binäre System wäre die korrekte Antwort gewesen und dass er den Computer praktisch schon vorgedacht hat, deswegen nennen man ihn auch Vordenker des 21. Jahrhunderts. Ich drehe dann den Spieß um und frage ihn ob er wisse, dass es eine Leibniz-Apotheke in Hannover gibt. Ja, es gäbe alles Mögliche mit dem Namen (klar auch Backware). Ich hake nach, ob er die kennen würde. Er verneint. Da zieren ganz herrliche Zitate von Leibniz die Wände, dass er leider in keiner Weltstadt wie Paris oder London leben würde, sondern in Hannover, wo es kaum jemanden gäbe, mit dem er sich unterhalten könne. Jetzt fährt die Bahn ein und er will abschließend wissen, ob wir dafür seien, dass ein Kinofilm über Leibniz gedreht wird, wo dem Zuschauer in ca. 2 Stunden alles beigebracht wird und wir sagen selbstverständlich: ja, wir sind dafür.






































































































































































































































