Frau C. kam schon das zweite Mal zu mir ins Büro und es lief immer gleich ab. Sie beschwerte sich über die faulen und unfähigen Betreuer, Sozialarbeiter und Ärzte usw., die so viel Pfusch mit ihr gemacht hätten, bat mich um Hilfe und heulte. Beim zweiten Mal fragte ich sie, warum ich denn nun ausgerechnet ihren Fall übernehmen sollte, wo doch absehbar sei, dass ich dann auch bald auf der Liste dieser unfähigen Idioten stehen würde und ich hätte genug Arbeit, da sei die Tür. Sie hörte sofort auf zu heulen, ich übernahm den Fall und sie ist entgegen meiner Befürchtungen unproblematisch, d.h. ich sehe sie nicht oft und wir verstehen uns ausgezeichnet. Sie ist gut lenkbar und regelrecht ein Fan von mir ohne, dass ich weiß warum und ich musste mich beim letzten Mal umarmen lassen (was ich höchst ausnahmsweise, eigentlich nie geschehen lasse). Ich mache so gut wie nichts, bin aber der Held, der alles regelt. Frau C. hat eine etwas andere Art und stößt bei vielen ihrer Mitmenschen auf Unverständnis und eckt an; sie ist sehr hektisch, geht im Zimmer beim Reden auf und ab oder im Kreis und gestikuliert wild. Außerdem hat sie eine merkwürdige Sprache. Ich jedoch liebe gerade ihre Ausdrucksweise und finde eigentlich, dass sie einen Blog schreiben sollte.
Ein Thema seit geraumer Zeit ist das Dach in dem Mietshaus, in dem sie wohnt. Das sei nur provisorisch geflickt worden und nicht gedämmt, obwohl die anderen Dächer der Genossenschaft gedämmt seien (faule Handwerker, böser Vermieter, immer nur kassieren, aber nichts tun für die Mieter). Sie hat vorsorglich Eimer auf den Dachboden gestellt, falls es rein regnen sollte. Zu Beginn habe ich es geschafft, dass der Vermieter eine reparierte und alte Wohnungseingangstür gegen eine neue ausgewechselt hat (Frau C. wollte eine einbruchsichere und keine alte Tür und die anderen haben auch…). Das war einer meiner Heldentaten. Mit dem Dach ist es schwieriger, aber auch da habe ich schon bei der Dachdeckerfirma angerufen, um Frau C. wenigstens nach fachlicher Beratung beruhigen zu können. Beim letzten Mal erzählte sie mir, dass die Handwerker da gewesen seien. „Die sind eingefallen wie die Tiere“. Dazu macht sie ausladende Bewegungen. Der Lärm, alles ganz schlimm. Dann habe sie einen was fragen wollen und die seien „abgehauen, wie die Flöhe“. Ich finde für dieses Sprachbild hätte Frau C. eine Auszeichnung verdient. Später in der Unterhaltung kam noch die Redewendung in Bezug auf die Handwerker, die sie etwas habe fragen wollen, „abgehauen, wie die Frösche“, so dass ich schlussendlich gar nicht wusste, welche Redewendung ich nun anschaulicher finde.
Zu Beginn der Woche rief mich jetzt der Vermieter an, dass Frau C. einem Nachbarn einen Brief geschrieben hätte, der unter die Gürtellinie gehen würde. Heute erhielt ich das beigefügte Schreiben mit einer Kostprobe der sprachlichen Besonderheiten, die ich so liebe.