Archiv der Kategorie: Sauerrahmbutter

Alltagsberichte – das Tagebuch

Die Reihenfolge der Juli-Kinder

B.

          23.07. Morgens weihe ich mein neues Handschellenschloss ein und merke, es ist schwer und auch echt unpraktisch für meine Zwecke, weil ich mein Rad nie irgendwo anschließe. Ich mache es dennoch dran und denke, ich habe unpraktischen Schmuck, mein Rad jetzt auch.

Fahrradschloß

Im Büro bekomme ich ziemlich bald einen Anruf von einem mir unbekannten Nachbarn eines Betreuten auf meinem Handy. Der Nachbar fragt, ob ich zuständig sei und ich halte mich zunächst bedeckt. Er erklärt mir dann, Herr PM wäre morgens bei ihnen vorbeigekommen und hätte ganz verrückte Augen gehabt. Er hat zu viel LSD genommen und würde sich jetzt alles in den Kopf hauen, waren seine Worte. Dann habe er angefangen auf dem Grundstück mit Eisenstangen auf die Erde zu schlagen. Er, der Nachbar, habe nicht gleich die Polizei rufen wollen, aber ich solle mich gefälligst schnell mal kümmern. Er wolle nicht, dass seinem Hab und Gut oder seinen Kindern etwas passiere. Ich merke bei der Gelegenheit, dass ich eine SMS bekommen habe. Da steht: Hallo (Männername)! Für den Fall dass wir uns heute nicht sehen, ich wünsche dir Alles Gute zum Geburtstag! Hoffe du kannst den sonnigen Tag genießen. Viele Grüße, H. (auch Männername).“ Ich kann damit nichts anfangen und denke, Schwachsinn, falsche Nummer. Ich habe jetzt anderes zu tun.

Ich rufe erneut bei der Beratungsstelle des Vortages an und bitte um einen Rückruf. Beim Durchgeben der Personalien merke ich, mein Schützling hat heute Geburtstag. Das kann natürlich immer Anlass für eine Krise sein. Die Ärztin meldet sich nach knapp über einer Stunde sagt, ja, sie hat Notdienst, aber wenn einer mit Eisenstangen hantiert, dann fährt sie da nicht hin. Das ginge nur über die Polizei und dann würde sie ihn ggfls. auf der Wache begutachten, wenn das vor 19 Uhr sei und sie noch Dienst hätte. Ich rufe also bei der zuständigen Polizeidienststelle an und erkläre den Sachverhalt und sage, ich habe kein Interesse, dass eine Streife dort hin fährt und meinen Betreuter mit maximaler Brutalität zu Boden gebracht und dann verhaftet wird. Die Antwort kommt prompt: so seien sie doch gar nicht. Ich dann: „Das weiß ich doch, aber nicht jeder Polizist ist psychiatrieerfahren und der Mann ist krank und nicht kriminell“ und es sei mein Schützling, da hätte ich eben mütterliche Gefühle. Ich wolle ohnehin dabei sein. Wir treffen uns 30 Minuten später vor Ort. Ich schmunzele darüber, dass ich die Handschellen am Fahrrad habe. Es passt irgendwie.

Das 1-Familienhaus ist eine Baustelle und meiner muss zum 30.09.2013 ausziehen.  Der neue Eigentümer, der dort mit seiner Freundin einziehen will, ein junger Typ, ist auch vor Ort. Meiner hat im Keller ca. 8 Räume, die voll mit Werkzeug und Fahrradteilen und anderem Kram sind und die er belegt hat sowie eine Doppelgarage, auch voll. Ich betrete das Haus und gehe ins Dachgeschoss, wo er wohnt. Ich klopfe und sage meinen Namen. Der Vorhang bewegt sich und Herr PM sagt, er habe doch Geburtstag. Ich sage, ich weiß, ich sei da zum Gratulieren. Nein, im Ernst, ich müsse mich davon überzeugen, dass es ihm gut gehen würde. Er macht auf und sagt, er sei gefrustet gewesen, dass keiner zu seinem Geburtstag gekommen sei auf seine Rund-SMS und habe das Bier in den Container gepfeffert und er sei etwas durch, aber friedlich und würde jetzt schlafen gehen. Der eine Wachtmann fragt ihn nach dem heutigen Datum (das hat er vielleicht mal so gelernt, dass man das fragt) und meiner antwortet mit 17. August. Das finde ich schon komisch, weil er normalerweise seinen Geburtstag kennt. Die beiden Polizisten gehen wieder, weil er weder Blut überströmt ist noch rumrandaliert. Ich gehe mit dem Eigentümer in den Keller um zu gucken, wie die Räumungsarbeiten voran kommen. Herr PM steigt uns nach. In dem einen Keller stellt er fest, dass ein Fahrrad umgefallen sei. Hier müsse jemand drin gewesen sein. Nicht, dass was geklaut wurde, so seine Angst. Das ist angesichts der Berge von allem und des Chaos eine nicht nachvollziehbare Annahme. Ich und der Eigentümer gehen raus auf die Straße und stellen uns an den Container mit den zerschlagenen Wiglo-Wunderland Bieren drin. Auf einmal taucht Herr PM wieder auf. Er steht da mit nacktem Oberkörper und hat eine Gitarre umgebunden. Es kommt raus, er hat 5 Tage nicht geschlafen und kommt nicht zur Ruhe und will jetzt einen Schrebergarten anmieten. „Ständig diese Sex-Partys und ich werde gar nicht mehr richtig geil. Das ist ein Chemie-Skandal.“ Dann fängt er an zu weinen und stützt sich an den Rand des Containers und fragt: „Bin ich denn der letzte Überlebende in meiner Familie?“.  Dann sagt er, dass er Angst habe vor etwas, was er im Fernsehen gesehen habe und wir seien doch nicht etwas Roboter? Der Vermieter erzählt mir dann, dass er vor einigen Tagen was von Hühnermaden erzählt habe. Es habe einmal Hühnerställe im Garten gegeben und er war nun der Meinung, dass ein Typ seine Truhe mit Klamotten mit Hühnermaden verseucht habe. Das sei ihm schon komisch vorgekommen. Ich erkläre dem Vermieter, dass ich nicht glaube, dass das Problem sich von alleine löst und er einfach wieder schläft und es ihm dann wieder gut geht, sondern dass ich vermutlich handeln muss. Wieder im Büro angekommen faxe ich der Beratungsstelle meinen Bericht um zu sagen, es besteht noch Handlungsbedarf und beantrage beim Gericht die Unterbringung meines Schützlings nach einem Telefonat mit der Ärztin mit der ich mich für den kommenden Dienstag dort verabrede, aber in dem Glauben, dass es sich wohl vorher weiter zuspitzen wird.

Ich muss wieder los und habe eine Anhörung beim Amtsgericht wegen der Verlängerung einer Betreuung. Ich kann die zuständige Richterin nicht besonders gut leiden, sie weiß immer alles besser. Wir haben zusammen studiert. Die Betreuung wird um 2 Jahre verlängert. Dann bin ich 50, stellt Frau V fest und die Richterin erklärt ihr, das sei ein tolles Alter, sie sei schon 50 und werde 51. Woraufhin Frau V ihr ein Kompliment macht und sagt, das sehe man ihr nicht an und die sagt doch glatt: „ich weiß“. Musste das sein, frage ich mich? Der gesunde Lebenswandel und das geregelte zu Bett gehen haben sich ausgezahlt und sie sieht jünger aus als meine Betreute. Tolle Wurst. Glückwunsch. Wenn das hilft um das eigene Ego aufzumöbeln, außerdem macht der gesunde Lebenswandel, das viele Radfahren und Gesundheitslatschen tragen spaßfrei, zumindest in ihrem Fall und sie sieht vielleicht jünger aus als ihr Alter in Jahren, aber dafür wie ein Kerl und wer will das schon?

Wieder im Büro sehe ich eine SMS. Es ist der Vermieter der sich meldet mit: „Hoppla! Diese SMS war natürlich nicht für Sie bestimmt. Sorry! War eine Verwechslung. Gruß, HW“. Ich muss lachen, weil ich jetzt die erste SMS zuordnen kann.

Ich habe am 20.07. Geburtstag, dann ist ein Tag Pause, dann der Nachwuchs aus dem englischen Königshaus und dann Herr PM. Das passt irgendwie.

Die Woche in A, B, C, D und F

Ich hatte immer schon ein Faible für Gliederungen. In vielerlei Hinsicht ist meine Logik stark beeinträchtigt bis behindert, z.B. bei der Orientierung, aber für wissenschaftliche Arbeiten eine Gliederung zu machen von I. bis 1. a, aa, aaa oder 800 Fußnoten in einen Text hinein zu arbeiten, das hat mir immer viel Spaß gemacht.

Die Buchstaben oben hingegen sind meine neue Art die Arbeitswoche einzuteilen, A ist Montag, B ist Dienstag und F. ist Freitag. E gibt es nicht.

A.

      22.07. Ich bin morgens gerädert und habe gleich einen Termin mit Herrn T. in der sozialpsychiatrischen Beratungsstelle in Linden zur Hilfeplanung. Vorher muss ich jedoch meine Kette in Ordnung bringen, die in Berlin gebrochen war. Da konnte ich nicht die eigentlich passende zum Outfit anziehen, sondern 2. Wahl. Die Lindt & Sprüngli und die gehäkelte mit den Bambusperlen aus Plastik.

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Jetzt ist die Welt wieder outfittechnisch in Ordnung. Herr T. hat Architektur studiert und auch mal in Berlin gelebt. Ich nehme ihm übel, dass er mir das „Du“ aufgezwungen hat, was ich geradezu wiederwillig mit ihm praktiziere. Das ist auch das erste und letzte Mal, dass mir das beruflich passiert ist. Er ist auf eine gewisse Art und Weise sehr schlau, aber lebensuntüchtig. Er berechnet ganz komplizierte Dinge, aber mit dem Ergebnis kann keiner was anfangen. Immer wenn wir in der Vergangenheit z.B. beim Jobcenter zu einem Termin verabredet waren, kam er völlig verschwitzt an. Er ist leicht zwängig und Hypochonder und hat immer alle möglichen Erbkrankheiten, Muskelschwund usw. Er sagt selber, dass er ein Problem damit habe, einzuschätzen, was seine Mitmenschen denken, fühlen und von ihm erwarten. Er sei im Job immer angeeckt und es habe im mitmenschlichen Bereich Probleme gegeben. 2010 gab es einen stationären Aufenthalt. Da hat er den anderen Patienten beigebracht, wie man ordentlich die Tische wischt und eindeckt, die Aschenbecher ausleert usw. und es gab auch dort – wen wundert’s? –  Konflikte.

Letzten Sommer hat es sich zugespitzt, dass er nach einem Umzug nach über einem Jahr immer noch keinen Telefonanschluss hatte und sich immer mehr zurück gezogen hat. Wenn ich dann auf Spontanbesuch vorbeigeschaut habe, machte er mit tiefen, dunklen Rändern unter den Augen die Tür auf und fragte wie spät es sei und erschrak dann, was schon wieder 16 Uhr? Er wollte sich dann um ganz viel kümmern und am Ende blieb alles liegen, Schlafstörungen, Kaffee trinken, schon wieder war ein Tag rum. Es musste sich was tun. Ich holte ärztliche Hilfe ins Haus durch o.g. Beratungsstelle und das endete dann Anfang des Jahres in einer Hilfeplanung. Da eine sog. fachärztliche Stellungnahme, die hierfür erforderlich ist nicht vorlag, weil nur Hausarzt vorhanden, musste das vor Ort gemacht werden und ich war anwesend, was recht aufschlussreich für mich war.  Wie Fliege an der Wand bei einem Therapiegespräch. Er berichtete als Kind ständig umgezogen zu sein mit seinen Eltern. Der Vater war beim Militär. Die Mutter hat ihn und seinen kleinen Bruder ständig und grundlos verprügelt. Sie hätte ihnen gesagt, dass fremde Erwachsenen Kinder nicht schlagen dürften, Eltern hingegen schon bzw. hier sei es sogar Pflicht und erforderlich, damit die Eltern sich abreagiere könnten. Wenn Muttern einkaufen war, hätten sein kleiner Bruder und er sich viele Schichten Klamotten übereinander gezogen und Bücher unter die Pullover gestopft, damit sie etwas gepolstert waren gegen die Schläge, die es dann setzen würde, wenn sie wieder kam. Da war die Ärztin nun der Meinung, dass sich so etwas schon auf die Empathiefähigkeit auswirken könne. 

Fazit war, das es nicht nur ambulant betreutes Wohnen gab, sondern ambulante psychiatrische Pflege, was über die Krankenkasse läuft (andere Kostenstelle) und viel intensiver ist, da die täglich kommen. Nach einer Woche war Telefon vorhanden und er hatte Glück, wie er sagte, weil sein Pfleger auch gelernter Tischler war und ihm so mit dem Möbelaufbau und dem Einrichten der Wohnung behilflich sein konnte.  Alles sehr gut, aber diese Maßnahme läuft Anfang August ab und dann greift das abW mit 1-2 besuchskontakten und dafür war das erneute Treffen am 22. erforderlich. Als die Ärztin ihm Ergotherapie vorgeschlagen hat um die Konzentration zu steigern, weil er wieder ins Berufsleben einsteigen möchte und das als Ziel angibt, guckte er so was von angewidert. Das kenne er aus der stationären Therapie. Das sei nur basteln, Tonarbeiten, Papier falten und Buch binden. Schwachsinn für den Papierkorb. Man höre es ja immer wieder, dass Rentner, die zeitlebens Kunstmaler waren nun im Altersheim in irgendwelchen Malgruppen sitzen und für den Papierkorb zeichnen und 3 Wochen später tot sind. Das war sein Resümee, also liebe Heike, anders als bei uns gibt es auch die Einschätzung, dass Basteln sehr gefährlich ist und man damit die Gesundheit aufs Spiel setzt. Ich habe das natürlich verteidigt und ihm meine Meinung dazu gesagt, dass es bis hin zum Arbeitsleben ein weiter Weg sei. Er meinte jedoch, das Ziel nicht mit diesen Mitteln erreichen zu können. Im Wartezimmer hat er mir gesagt, dass er seinen Vermieter mal ansprechen wollte und die Regenrinne flicken. Sich quasi einen kleinen Auftrag an Land ziehen.

Den restlichen Tag verbringe ich mit Post, meinem Eilantrag vor dem Sozialgericht und anderen Dingen. Etwas länger beschäftigt mich ist ein 17-seitiges ärztliches Gutachten, was mir Stephan aus dem Gerichtsfach holt. Da geht es um die dauerhafte Unterbringung einer Betreuten und der externe Gutachter schlägt vor, entweder alle paar Wochen, Wohnung aufbrechen und einweisen und mit einer Spritze zwangsbehandeln oder geschlossenes Wohnheim, aber nur ein geeignetes, da gäbe es viel Pflegemissstand und das gewählte Behandlungsmodell hänge vom Gusto der Betreuerin ab.  Da habe ich aber noch ein paar Nachfragen und versuche den Gutachter zu erreichen. Er antwortet auf meine mail, dass dies am bestens abends ab 18 Uhr möglich sein.  Ich merke abends, um ca. 18 Uhr wie viel Extrazeit ich diese Woche habe, da mein Sportstudio zu hat. Nicht jeden Abend dort hinhetzen, sondern ich kann in Ruhe arbeiten und dann etwas schreiben.