{"id":33265,"date":"2018-12-18T08:46:37","date_gmt":"2018-12-18T06:46:37","guid":{"rendered":"http:\/\/buttermusch.de\/?p=33265"},"modified":"2018-12-20T09:11:59","modified_gmt":"2018-12-20T07:11:59","slug":"die-raf-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/buttermusch.de\/?p=33265","title":{"rendered":"Die RAF und ich"},"content":{"rendered":"<p>Es war wieder jener Gr\u00fcnkohlgeburtstag und wir mussten uns alle beschimpfen lassen von der gro\u00dfen Frau, die Hannover hasst und alles schei\u00dfe findet, \u201edie wissen gar nicht, wie man Mode schreibt\u201c, selber aber immer in so eine Art Pyjama auftaucht. Weihnachtsmarkt, auch schei\u00dfe und die mehrfach mahnenden Worte: \u201eschaut euch an, wo sie die Gl\u00e4ser sp\u00fclen und dann k\u00f6nnt ihr euch \u00fcberlegen, ob ihr da einen Gl\u00fchwein trinken wollt\u201c. Da gilt es \u2013 wie bei einem aggressiven Tier \u2013 kein Augenkontakt und dezent ignorieren, damit man es nicht noch schlimmer macht.<\/p>\n<p>Ich bin bekennender Hannover-Fan so als Zugereiste und wollte das alle wissen lassen, als Gegengewicht quasi den G\u00e4stinnen sagen, wie toll ich ihre Stadt finde.<\/p>\n<p>In diesem Milieu habe ich meine H\u00fctchenmode entwickeln k\u00f6nnen. W\u00e4hrend man im vermeintlich coolen Norden in Hamburg z.B. Glotztourette bekommt und in Stuttgart sogar anfassen will, l\u00e4sst man mich hier einfach machen. Wie mein Kollege meinte, das h\u00e4tte schon die RAF festgestellt, dass man in Hannover jeden einfach machen l\u00e4sst. Was f\u00fcr eine Wohltat und es ist nicht nur das. Zum Beweis eine Liste der sch\u00f6nen Dinge meiner Stadt und dabei ist es nicht so, dass ich wenig Vergleichsm\u00f6glichkeiten habe. Ich bin st\u00e4ndig unterwegs und kenne die anderen St\u00e4dte, weil gut weg kommen tut man hier auch und auch das wusste die RAF schon zu sch\u00e4tzen und wir ebenso. Der Bahnhof in der Mitte, von dem aus man um 18:30 noch mit dem ICE wegfahren kann, der Flughafen, von dem mein Vater sagte, der einzige, den er kennt mit K\u00fchen neben der Landebahn, nie eine Schlange in Sicht, die von der Sicherheit kennen mich schon und immer ein dezentes High Five.<\/p>\n<p>Die szenige Szene. Caf\u00e9 Glocksee, Wohnzimmer meine Jugendzeit, geilster Indieschuppen der Republik mit so viel Tanzen. Hier arbeiteten Dada-K\u00fcnstler um die 60 im Jugendzentrum. Heute gibt es Ruby Tuesday und viel live Musik ohne Eintritt und andere haben ihren Spa\u00df. Immer noch sch\u00f6nster Disko-Innenhof mit japanischer Kirsche und Dinoskeletten und auch wenn die Korn nur noch Info-Caf\u00e9 und Reggaebastion ist, auch das und die Silke und alle Nachfolger, sch\u00f6ne Raucherkneipen mit Musik und man f\u00fchlt sich wie fr\u00fcher. Der Cuba Libre kostet 3 \u20ac. Trinken in guter Gesellschaft und billiger als zuhause. Meine Freunde sind immer zum Tanzen bereit. F\u00fcr sp\u00e4ter gibt es Tanzen im Sitzen. Ich bin bereit, wenn das mal so weit ist. Am Klagesmarkt, wo jahrelang das geilste 1. Mai Fest der Republik stattgefunden hat mit der geilsten Mischung aus Arbeitern im Anzug mit roter Nelke, kleinen Spaniern mit noch kleinerer Familie, T\u00f6chter in Flamenco, Zelte mit L\u00fcttje Lage meterweise, in denen die Arbeiter mit den Punkern T-Shirts tauschen.<\/p>\n<p>Geilstes Clubpersonal. Die XXL Hiphopper-T\u00fcrkin-T\u00fcrsteherin, die mit mir ein Krankenhauszimmer teilen wollte, weil ich \u201eKollegin\u201c sei, wie sie dem Personal erkl\u00e4rte und ihr Arm lastete schwer auf meiner Schulter und ich f\u00fchlte mich klein und zierlich und es riecht hier nach Haschisch feststellte angesichts der Exotenblumen, die Stephan mir t\u00e4glich brachte. Jimmi, der beim Stempeln gerne von seinen bevorzugten Sexpraktiken erz\u00e4hlt hat und wie er fr\u00fcher als Dunkelh\u00e4utiger statt S\u00fc\u00dfigkeiten eine Banane bekommen hat und jeden Wiwi-Studenten erkennen konnte vor lauter Menschenkenntnis. Mich sollte er mal mit einem Wort beschreiben und es kam prompt: \u00fcberkandidelt.<\/p>\n<p>Die tollsten Second Hand L\u00e4den, fr\u00fcher im Mimmi-Fuhlrott-Gang und beim Apollokino, aber immer noch Fairkaufhaus und Dittmars, Obi und Hornbach in Linden-S\u00fcd nicht zu vergessen.<\/p>\n<p>Die Fahrradwege, die Berlin oder Wien auch verdient h\u00e4tten. Hier werden Fahrspuren weggemacht und Radwege breiter und die Kennzeichnung st\u00e4ndig noch r\u00f6ter und die Piktogramme handgemalt und die monatliche Raddemo mit coolen jungen Fahrradkurieren, die uns Schutz bieten und nicht Wutb\u00fcrger in Schutzwesten und peinliche Polizeieskorte, wie unl\u00e4ngt in K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Eilenriede, fr\u00fcher wusste ich nicht, was das sein soll und w\u00e4re auch f\u00fcrs Zubetonieren gewesen, jetzt die reinste Eyeball-Massage, der Tunnel aus Gr\u00fcnt\u00f6nen. Sprengel, das einzige Kino mit Pudel, daneben Anzeigerhochhaus, Apollo und jetzt Lodderbast, was man mieten kann und die sollen Stullen selber machen.<\/p>\n<p>Die Gastro, die Menschen aus anderen St\u00e4dten blass werden l\u00e4sst vor Neid. Dieter Grubert, der alleine in der K\u00fcche geschmackliche Meisterwerke vollbringt, wie der reinste Sternekoch und dabei einfach liefert ohne viel Aufsehen um seine Person oder irgendwas. Lino vom Roma, genauso sch\u00f6n unaufgeregt, wie er das angeht, wenn er nach Beilagen fragt: bisschen Brokkoli oder Bohnen? Schlabaione (das beste ever, inklusive Italien und man h\u00f6rt, wie seine Schwester den Mixer anschmei\u00dft und das gibt es mit Einlage aus Erdbeeren und Vanille-Eis) und wie er seine Averna-Bl\u00f6cke sparsamst vollschreibt, wenn er die Rechnung macht und dann nur die Ecke knickt und abrei\u00dft. Ihm ist egal, welcher Promi da gerade isst und auch die einsamen Herzen k\u00f6nnen unter der Woche noch um 22 Uhr eine Seezunge bestellen. Samstag ist Ruhetag. Wie geil ist der denn!?<\/p>\n<p>Notarsgattinnen, die gerne zugeben, dass sie wie ich, angetrunken auf Parties fremde Getr\u00e4nke leeren und es ist ihnen dabei v\u00f6llig egal, wer aus dem Glas getrunken hat (so viel zum Thema, wo die Gl\u00fchweingl\u00e4ser auf dem Weihnachtsmarkt gesp\u00fclt werden).<\/p>\n<p>Absichtlich Arbeitslose auf Sportr\u00e4dern, die toll Dorade grillen und sich auskennen. Geilste Schreberg\u00e4rten mit lecker Grillfleisch, Trauben und \u00c4pfel, die ich ausnahmsweise mag, ganz ohne Spie\u00dfigkeiten. K\u00fcnstler der HBK-Braunschweig verwandeln ihren Garten in Kunst. Vereinsheime zum Feiern in einem Universum der Landesgartenschauen. Mutter Schuster, der besetzte Garten, verwildert und unwirklich, die verlassenen Kaninchenst\u00e4hle und der Brombeertsumani. Der Windnomade und Jesus meiner Mottoparties. Die Kantinen der Stadt. Gerade im Alten Rathaus. Die geile Mischung aus st\u00e4dtischen Mitarbeitern, Underdogs und Rentnern mit Tupper. Bei den Einb\u00fcrgerungsfeierlichkeiten oben gibt es Jazz-Musik, denn das hat hier Tradition. Im rot lackierte Keller am Lindener Berg, in dem sie gerne spielen und die Blumen sind mit Liebe gew\u00e4hlt und nicht wahllose Einzelstiele statt Mikro, damit man irgendwas \u00fcbergeben kann, was dann im n\u00e4chsten M\u00fclleimer landet.<\/p>\n<p>Meine Freundin, die \u201ePsychologie heute\u201c mit dem Willen zum Exzess \u00e1 la Iggy vereint und dabei die modischste Frau ist, die ich kenne. Total das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Mode, Stil und Textilpflege.<\/p>\n<p>Die Freundin, die ihren Vater pflegt und daneben die Fu\u00dfb\u00f6den der Schl\u00f6sser der Republik verlegt, mich Silvester mit einem spontanen Besuch und einer Flasche Champagner dem Fernseher entrei\u00dft und mit nimmt zu auf Abenteuer und noch zu entdeckende Parties. Die Partnerin legt Platten auf bis mittags; sie kochen Ottolenghi und geben mir ein Stofftiervogel mit ins Krankenhaus, der mich bei Unterleibs-OPs begleiten soll.<\/p>\n<p>Debbie Harry-artige Stilikonen, die sich aber nichts daraus machen. Von Punk bis Harz und sich \u00fcber die eigene Punkerfriese von fr\u00fcher und die kaputten Haare lustig machen und mir geile 60er und 70er 2-Teiler ins Haus liefern.<\/p>\n<p>Ein sensibler Tanzfreund, mit der allersch\u00f6nsten Schrift um Postkarten zu schicken oder Cocktailrezepte abzuschreiben und mit Zeichnungen zu versehen, der uns alle mit Mix-CD f\u00fcr zuhause versorgt und das textile Erbe seiner Mutter total ernst nimmt und mit mir teilt und ich zehre jahrelang davon und es treibt immer neue H\u00fctchen.<\/p>\n<p>Die Eltern von Freundinnen aus Wien und Nizza ziehen nach Hannover und f\u00fchle sich hier pudelwohl. Finden Anschluss und erkunden in Reisegruppen die Mosel oder k\u00f6nnen einfach mit ihren Eichh\u00f6rchenchenstreifenfrisuren in schwarz und grau ins Fitnessstudio gehen und auch hier tut Hannover seinen Dienst und l\u00e4sst sie in Ruhe.<\/p>\n<p>Perlen, das geilste Filmfest der Republik mit der Frau, die Blumen kann. 2er, das Skateboard Eldorado, mit dem man europaweit angeben kann.<\/p>\n<p>Sie tragen das Geile hinaus in die Welt durch die Energie ihrer Person. So die Exilhannoveranerin, die alles kann, von Kette rauchen \u00fcber Handarbeiten aller Art bis Fernsehen machen, auch spontan Noten lesen lernen und sich mit anderen Ausgewanderten zum Gr\u00fcnkohl kochen und Bregenwurst essen trifft. Ich kann es nach 30 Jahren endlich verstehen.<\/p>\n<p>Ramen im Ihmezentrum und zwar richtig und die Stadt liegt einem zu F\u00fc\u00dfen. Woanders gab es nur Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen und jetzt Shoppingmalls, aber wir hatte Pasarelle und Huma. Hafven, der Breakfastclub und die Frau, die end geil Fr\u00fchst\u00fcck und belgische Waffeln macht, auch herzhaft, das Appartement mit all den sch\u00f6nen Zimmerpflanzen, alles, alles.<\/p>\n<p>Danke Hannover, Du bist nicht sch\u00f6ner als ich, aber auch nicht h\u00e4sslicher. Hier duzt man sich leichter\u00a0und nat\u00fcrlich kann eine Leggings schick sein, auf jeden Fall eher als eine Stoffschlabberhose. Wir passen zusammen und Ich w\u00fcrde Dich immer wieder nehmen. Du bist mir emotionale Heimat. Deine Bewohner erfreuen mich t\u00e4glich und auch richtig sch\u00f6ne St\u00e4dte lassen mich dankbar zu Dir zur\u00fcckkehren. Irgendwas fehlte mir dann doch immer. Oft sind es die Freaks, das Radfahren oder meine Beilagen, ohne die ich auch nur ein St\u00fcck Fleisch w\u00e4re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war wieder jener Gr\u00fcnkohlgeburtstag und wir mussten uns alle beschimpfen lassen von der gro\u00dfen Frau, die Hannover hasst und alles schei\u00dfe findet, \u201edie wissen gar nicht, wie man Mode schreibt\u201c, selber aber immer in so eine Art Pyjama auftaucht. 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